Orlan - Changing body / Changing Identity


Hausarbeit, 2009
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 ORLAN und Medialität
2.1 Künstlerische Medien – Materialfrage
2.1.1 Der Körpe
2.1.2 weitere Medien
2.2 Inszenierung als Medium

3 ORLAN und Freiheit/Identität

4 Fazit:

5 Quellen:

1 Einleitung

ORLAN ist eine französische Künstlerin, deren vielfältiges künstlerisches Schaffen sich zwischen Performance und Medienkunst bewegt. Bekannt ist sie vor allem dadurch, dass sie sich vor laufender Kamera Operationen unterziehen lassen hat, mit denen sie ihr äußeres Erscheinungsbild ändern wollte. Diese Operationsreihe nennt sie „La Réincarnation de Sainte ORLAN“.

Wichtig ist dabei, dass es ihr hierbei nicht um Schönheit geht, obwohl sie bei den einzelnen Partien ihres Gesichts auf prominente, schöne Frauendarstellungen in der Kunstgeschichte zurückgreift. Vielmehr möchte sie mit der radikalen Show Stellung zu Themen des sozialen Lebens nehmen. Das kritische Potenzial ihres Schaffens umfasst hier viele verschiedene Schichten des Lebens. „(ORLAN) challenges social, cultural, aesthetic, ideological, and religious values in a critcal and analytic manner”[1]. ORLAN selbst sagt über ihre Arbeitsweise, sie habe beschlossen eine radikale Performance zu machen, in der sie die Zutaten der 70er Jahre verwende, dabei aber auf ganz aktuelle Fragen der Spitzentechnologie verweise.[2] Das bedeutet, dass sie der body art ähnliche Verfahren nutzt. Allen voran ist hierbei der Körper im Kunstkontext zu nennen. Aber die Aussage, die ihre Performances dabei machen, behandelt beispielsweise die Problematik der Gentechnik oder andere Themen, die über die Motive anderer weiblicher Künstlerin (etwa Maria Abramovic oder Gina Pane) hinausreichen.

Diese Durchdringung verschiedener Bereiche des Lebens und der Kultur führt dazu, dass die Arbeiten und Performances in keine kunsthistorische Schublade passen. Es ist auch nicht die Absicht dieser Hausarbeit das komplexe Werk in Kategorien zu unterteilen. Dennoch ist es wichtig die Aussagen in ORLANs Kunst herauszuarbeiten und diese einander gegenüber zustellen, um so ein klares Bild der von ihnen ausgehenden Wirkungskraft zu bekommen.

Hierbei spielen die verschiedenen Medien, die ORLAN nutzt, die Inszenierung und die Bedeutung des Körpers in seiner sozialen Kompetenz eine entscheidende Rolle.

Im Folgenden sollen die eben genannten Aspekte herausgearbeitet werden.

2 ORLAN und Medialität

In vielen kunstwissenschaftlichen Texten über ORLAN wird das Wort „Medium“ genutzt. Der Kontext ist dabei aber zumeist verschieden. Oft ist mit dem Medium der eigene Körper der Künstlerin gemeint, den diese als Kunstwerk versteht. Bezeichnungen wie „Körperskulpturen“ lassen deutlich werden, dass es zu einer Vermischung von Kunst und Körper kommt. Diese geht soweit, dass der Körper zum eigentlichen Objekt des künstlerischen Schaffens wird. Und dabei handelt es sich nicht um einen temporären Zustand wie in Performances der body art, sondern der Körper wird zum permanenten Kunstwerk. Bei dieser Betrachtungsweise wird der Körper traditionellen Materialien (Farbe und Leinwand, Stein etc.) gegenübergestellt und offenbart damit sein modernes Potenzial. Wiederum meinen andere Autoren mit dem Mediumsbegriff jedoch öffentliche Medien wie Fernsehen oder Internet. Diese nutzt die Künstlerin, um ihren Körper, also ihre Kunst, einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Sie will damit provozieren, um so einen öffentlichen Diskurs anzuregen. Neben den Körpern und den öffentlichen Medien gibt es aber auch andere, zum Teil „klassische“ Medien, wie literarische Texte, Leinwände oder Fotos oder auch die Performance.

Was aber bedeuten die Medien und wie kann man zwischen diesen diffus definierten Begriffen unterscheiden? Jedes der „Medien“ kann für sich betrachtet werden, aber erst in ihrem Zusammenwirken, lassen sie die Spannweite und volle Aussagekraft der Kunst ORLANs deutlich werden.

2.1 Künstlerische Medien – Materialfrage

2.1.1 Der Körpe

Das Hauptmedium der Künstlerin ORLAN ist die Künstlerin ORLAN. Bereits in ihren frühen Arbeiten konzentriert sich die Künstlerin auf den eigenen Körper. Sie möchte ihn befragen und auf seine gesellschaftlichen Möglichkeiten hin prüfen. Andererseits geht es aber auch um Identität. Nach eigenen Angaben hat sie sich den Namen ORLAN bereits mit fünfzehn Jahren gegeben. Dies wäre ein Beweis dafür, wie früh sie sich mit der Wirklichkeit von Identitäten beschäftigt hat. Es versteht sich von selbst, dass Identität und die Bedeutung des Körpers in einem öffentlichen Umfeld keineswegs einfach voneinander zu trennen sind.

Eine Unterscheidung in ORLANS frühem Schaffen dahingehend zu treffen, wann es ihr um die Bedeutung des Körpers, wann um die Gesellschaft, und wann um Identität geht und wann und wie diese Aspekte wiederum in Wechselwirkung zueinander stehen, ist wichtig. Denn sie alle sind Bestandteile ihres Oeuvres und ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Da die Aspekte aber oft miteinander verwoben sind, fällt es schwierig die Werke zu analysieren.

Die Frage, wie der Körper als Medium genutzt wird, muss hierbei dementsprechend oberste Priorität haben, um nicht, wie es in der Literatur oft passiert, alles wahllos miteinander zu vermischen.

1975 fand eine ihrer ersten Strip-Performances in der Galerie Delaroa in Lyon statt. Hier hatte sich ORLAN in einem Kostüm, welches an Darstellungen Marias oder anderer heiliger Frauengestalten erinnert, in die Mitte der Galerie gestellt, und sich ihrer Verkleidung nach und nach entledigt. Das Medium, also die benutzten Materialien, sind Kleidung und Körper. Da sie sich aber der stofflichen Hülle entledigt, bleibt nur noch der Körper als Materie übrig. Der Körper ist also ihr Material.[3] Dennoch ist der Körper nur ein Mittel, denn er ist nicht die Aussage der Performance. Diese geht nämlich über die Präsentation von Nacktheit hinaus. ORLAN präsentiert den Körper zum einen als ästhetisches Objekt im Galerieraum, sucht aber auch diskursive Elemente, in dem die anfängliche Drapierung auf religiöse Vorbilder zurückgreift. Dass der nackte Körper aber nicht alleine für sich im Raum steht, sondern in einem öffentlichen Raum fügt der Präsentation weitere mögliche Auslegungen hinzu. Die Beschränkung auf den speziell den weiblichen, menschlichen Körper impliziert feministische Ansätze und knüpft damit an die feministische body art der 60er Jahre an. Hinzukommt, dass ORLAN für viele ihrer Perfomances keine sterilen Kostüme nutzt, sondern ihre bekannten Laken aus der „Trousseau-Aktion“. Hierbei handelt es sich um Laken, mit denen sie Sperma ihrer Liebhaber aufgewischt hat. Die vermeintlich harmlose Verkleidung entpuppt sich damit als symbolisch aufgeladenes Medium. Ist dem Hauptmedium des Werks, nämlich dem Körper, aber untergeordnet.

Dieses Beispiel beweist, dass der Körper als künstlerisches Medium eine Vielzahl an Möglichkeiten bietet, die keinesfalls homogen voneinander funktionieren.

In seinem Aufsatz: The narrative[4] versucht Eugenio Viola den Körper ORLANs mit unterschiedlichen Attributen zu beschreiben. Er kategorisiert ihn als Mystic Body, Political Body, Aesthetic Body, Diffuse Body oder Obsolete Body.

Anhand des oben analysierten Beispiels wird aber schnell deutlich, dass solche begrifflichen Einordnungen im Falle ORLANs nicht funktionieren. Die Strip-Performances sind sowohl politisch deutbar, präsentieren den Körper des Weiteren aber nicht unästhetisch und durch die Anspielungen auf religiöse Ikonografien à la Bernini erscheint der Körper durchaus als „Mystic Body“.

In ihren performativen Operationen: The Reincarnation of Saint ORLAN, die zum Inbegriff ihrer Carnal Art geworden sind, wird die Bedeutung des Körpers als künstlerisches Medium maximal ausgereizt. Obwohl sie in den chirurgischen Prozess auch literarische Texte, Kostüme bekannter Designer und andere Accessoires (wie Totenschädel oder Fotos) mit einbezieht (Abb. 2), ist und bleibt das Hauptkunstwerk ihr eigener Körper. Er wird zum „Ort einer Auseinandersetzung“[5]. Nicht umsonst nennt sie die Ergebnis der Operationen „Körperskulpturen“[6]. Auch hier steht der Körper nicht für sich, sondern dient vielmehr als „Transformationsmaterial“.[7] Ausgangsmaterial für die Operationen sind fünf berühmte Darstellungen in der Kunstgeschichte. Diese Bilder werden digital in einer Art Biodesign mit dem Ausgangsgesicht überblendet (Abb. 3). Das daraus entstandene neue Ideal soll Vorlage für den ausführenden Chirurgen sein. Konkret handelt es sich bei den Gesichtteilen um die Nase der Diana aus der Schule von Fontainbleau, den Mund von Bouchers Europa, die Stirn von Michelangelos Mona Lisa, die Haut von Botticellis Venus und die Augen von Gérômes Psyche. Diese weiblichen Vorlagen ergeben in der Analyse zweierlei. Zum einen wird klar, dass es sich hierbei um eine Utopie handelt. Es ist natürlich nicht möglich, die Schönheit all der Frauen in eine Gestalt zu bringen. Es ähnelt einer gewissen Willkür, wenn sich ORLAN in der Ikonografie der Kunstgeschichte wie in einem Ersatzteillager Körperteile aussucht. Dadurch, dass die Tatsache alleine sehr utopisch ist, zeigt, dass es ORLAN nicht in erster Linie um ein optimales Schönheitsideal geht, sondern um den Aspekt der Freiheit. Dass es bei ORLAN aber eine durchdachte Auswahl handelt, erkennt man, wenn man die Charaktere der Frauen betrachtet. Die Europa ist eine passive Frau und bildet damit das Gegenstück zur aktiven Diana. Genauso stehen sich die Psyche als Symbol der Seele und die Venus als Symbol der Leiblichkeit und Fruchtbarkeit gegenüber. Die Mona Lisa wird für sich genommen bereits häufig als Kontrast betrachtet, wenn man den Stimmen, die das Gemälde für ein Selbstbildnis Da Vincis als Frau halten, Glauben schenken will.

[...]


[1] Lórand Hegyi : Une Oeuvre entre le démiurge d’aujourd’hui et la référence postmoderne, S.10

[2] vgl. Erzeugte Realitäten II - Stelarc, Orlan Louis Bec - Der Körper und der Computer; Realismusstudio 94; Neue Gesellschaft für bildende Kunst 1994, S.12

[3] Ines Lindner: Orlan oder die Bilder des Begehrens in: Erzeugte Realitäten II - Stelarc, Orlan Louis Bec - Der Körper und der Computer; Realismusstudio 94; Neue Gesellschaft für bildende Kunst 1994; S.3

[4] Eugenio Viola: The narrative, Musée d'Art Modene de Saint-Éteinne Métropole, Milano : Edizioni Charta, 2007

[5] vgl. Ines Lindner, 1994; S.3

[6] ebd.

[7] Susanne Düchting: Konzeptuelle Selbstbildnisse, Klartext-Verlag, 2001, S.56

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Orlan - Changing body / Changing Identity
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V162713
ISBN (eBook)
9783640781850
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orlan, Changing, Identity
Arbeit zitieren
Marco Hompes (Autor), 2009, Orlan - Changing body / Changing Identity, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162713

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