Mirabai - Stereotypisierung und Idealisierung einer Heiligen aus dem indischen Mittelalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
22 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Das Leben Mira Bais (ca. 1498-1546)

3. Mira Bai und die Bhakti Bewegung
3.1 Begriffsklärung
3.2 Historische Entwicklung
3.3 Die nirguni/saguni-Spaltung in Nordindien
3.4 Miras Rolle in der Bhakti Bewegung

4. Bhakti als subversive religiöse Praxis von Frauen?
4.1 Mira und die Rolle der Frau zu ihrer Zeit
4.2 Bhakti versus dharma?
4.3 Mira in den Augen von Rajputinnen heute

5. SchluSS

Literatur

1. Einleitung

Die Lebensgeschichte Mira Bais, eine hinduistische Heilige aus dem 16. Jahrhundert, erfreut sich in der Hindugesellschaft auch heute noch großer Beliebtheit, wie eine Vielzahl weitverbreiteter populärer Nacherzählungen ihres Lebens zeigt. In der folgenden Arbeit möchte ich mich deshalb nicht nur mit der historischen Mira beschäftigen, sondern auch nach ihrer Bedeutung für die Religionsausübung und die Geschlechterverhältnisse in der Hindugesellschaft heute fragen.

Zunächst werde ich das Leben Mira Bais nacherzählen und anschließend auf ihre Rolle in der mittelalterlichen bhakti Bewegung eingehen. Da es nur wenige gesicherte Kenntnisse über Miras Leben gibt, muß das meiste als Legende betrachtet werden. Ob Miras Leben sich aber nun tatsächlich so oder anders zugetragen hat, spielt meines Erachtens eine untergeordnete Rolle bei der Frage nach ihrer Bedeutung für die Hindugesellschaft heute. Hierbei ist es vielmehr interessant zu beleuchten, welche Version von Miras Leben aus welchen Gründen von wem bevorzugt wird. Insbesondere was die Einstellung zu den Geschlechterverhältnissen heute anbelangt, ist dies meiner Ansicht nach sehr aussagekräftig.

Bevor ich die Bedeutung Miras für die Geschlechterverhältnisse in der Hindugesellschaft heute betrachte, werde ich kurz die Rolle der Frau in Nordindien zur Zeit Miras darstellen. Anschließend werde ich das Dilemma von dharma und bhakti beschreiben, das in Miras Leben zum Ausdruck kommt und auch heute insbesondere für Frauen einen Konflikt darstellt. In diesem Zusammenhang werde ich zwei Positionen in Bezug auf Miras Umgang mit dharma und bhakti gegenüberstellen.

Um den Bogen zur heutigen Zeit zu spannen, werde ich abschließend Ergebnisse eine Feldstudie über Rajputinnen wiedergeben, die eine sehr ambivalente Einstellung zu Mira Bai ausdrücken. Insgesamt möchte ich mit der Arbeit die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit verdeutlichen, die insbesondere in Bezug auf Fragen geschlechtsspezifischer religiöser Praxis in der Lebensgeschichte Miras angelegt ist und in ihrer vielfältigen Rezeption heute zum Ausdruck kommt.

2. Das Leben Mira Bais (ca. 1498-1546)

„She is a wife ... , an ascetic, a singing-dancing dasi, a virgin, a widow, an adulteress, a bhakta, and in some sense a sati.“[2][1]

Mira war eine Rajputen Prinzessin aus dem Mertiya Zweig des Hauses Rathor. Sie wurde 1498 als das einzige Kind des adligen Rajputen Ratna Singh, Herrscher eines kleinen Fürstentums in Rajasthan, in der Nähe von Merta bei Ajmeer geboren. Ihre Mutter, Kusuma Kunwar, starb als sie noch sehr klein war. So wuchs Mira zusammen mit ihrem Vetter Jaymal, einem späteren Helden der Rajputen, im Hause ihres Großvaters Rau Duda ji im Palast von Merta auf.

Bereits als Kind betete Mira Krishna an. Noch vor dem Tod ihrer Mutter soll ein heiliger Mann zu Besuch gewesen sein, der ein Bild Krishnas bei sich trug. Mira war bezaubert von dem Bild und bettelte darum, es behalten zu dürfen, aber der sadhu wollte es ihr nicht überlassen. Nachdem er gegangen war, war Mira so enttäuscht und von Trauer erfüllt, daß sie immer schwächer wurde. In der Zwischenzeit hatte der sadhu eine Vision, in der er Krishna sagen hörte: „Geh und gib Mira dieses Bild!“ Überrascht von dieser Vision beeilte sich er sich, Mira das Bild zu bringen, die sich daraufhin bald erholte und ihre Gesundheit wiedererlangte.

Als sie eines Tages eine Hochzeitsprozession beobachtete, fragte Mira ihre Mutter: „Wer wird mein Bräutigam sein?“ Überrascht von der Frage und unsicher, was sie sagen sollte, antwortete die Mutter: „Krishna, dessen Bild du ständig in Händen hältst.“ Während ihrer Kindheit im Hause ihres Großvaters wurde ihre Verehrung Krishnas wahrscheinlich sehr gefördert. Rau Duda ji, sein ältester Sohn, Miras Onkel, Viram ji und Viram jis Sohn Jaymal werden alle als devotees erwähnt. Mira wurde vermutlich in den Veden, Puranas und Upnishaden unterrichtet. Möglich ist auch, daß sie als Rajputen Prinzessin Unterricht in Sanskrit sowie Musik und Tanz bekam.

1516 starb Rau Duda ji und sein ältester Sohn Viram ji trat die Thronfolge an. Im selben Jahr beschloß Rana Sanga, einer der zu dieser Zeit mächtigsten Führer der Rajputen aus dem Hause Sisodiya, seine Position durch Heiratsallianzen zu festigen. So arrangierte er mit Viram Dev die Verheiratung Miras mit seinem Thronfolger Prinz Bhoja Raj und Mira zog in die königliche Festung nach Chitor, der damaligen Hauptstadt von Mewar. Schon bald nach ihrer Ankunft bedrängte die Familie ihres Ehemannes sie, ihre Liebe zu Krishna aufzugeben und Ekling ji (eine Inkarnation Shivas, die mit dem königlichen Haus verbunden war) sowie die königliche kuldevi anzubeten.[3] Doch Mira interessierte sich nur für Krishna und weigerte sich, die Götter der Familie ihres Ehemannes zu verehren, obwohl sie als Schwiegertochter dazu verpflichtet gewesen wäre. Mira verbrachte ihre Tage damit, Liebeslieder für Krishna zu komponieren, sadhus zu empfangen und in einem Tempel, den ihr Ehemann auf ihre Bitte hin errichtet hatte, für Krishna zu tanzen.

Die Familie von Miras Ehemann sah ihre Ehre durch Miras Lebenswandel bedroht. Dies wurde noch dadurch verstärkt, daß Mira ihre irdische Ehe entwertete, indem sie von Krishna als ihrem einzig wahren Ehemann sprach und jeglichen sexuellen Kontakt zu ihrem menschlichen Ehemann verweigerte. Sie betrachtete ihn als ihren Bruder. Bhoja Raj starb um das Jahr 1521 herum an den Folgen von Kriegsverletzungen. Er hatte keine Nachkommen. Da ihr wahrer Ehemann Krishna aber noch lebte, betrachtete Mira sich nicht als Witwe und verhielt sich demzufolge auch nicht, wie es von einer Witwe erwartet wurde.

1527 kam es zu einer Niederlage der unter Rana Sanga vereinten Rajputen gegen die muslimischen Invasoren unter dem Moghul Babur. Miras Vater kam dabei ums Leben. Bald darauf, 1528, wurde ihr Schwiegervater Rana Sanga von einigen seiner Minister vergiftet und Ratna Singh trat die Thronfolge an. Seine Mutter war ein Mitglied des Jodhpur Zweiges des Hauses Rathor. Dieser war allerdings mit dem Merta Zweig verfeindet und man nimmt an, daß die Isolation Miras in dieser Periode begann. Offenbar wurde es ihr untersagt, wie bisher sadhus zu empfangen, so daß Mira sich gezwungen sah, den Tempel in der Stadt aufzusuchen, um mit heiligen Männern zusammenzutreffen und vor dem Bild Krishnas zu tanzen.

Nachdem Ratna Singh 1531 ermordet wurde und der vierzehn- oder fünfzehnjährige Vikramajita, ein jüngerer Bruder (devar) von Miras Ehemann, die Thronfolge antrat, verschlimmerte sich die Lage für Mira. Beeinflußt von seiner Mutter, war Vikramajita sehr erbost über Miras Verhalten, über ihren Umgang mit sadhus, ihr öffentliches Tanzen usw., was nicht dem standesgemäßen Benehmen einer adligen Witwe entsprach. Deswegen soll er sie zunächst unter Bewachung eingesperrt haben. Nachdem seine Bemühungen, Mira zu angemessenem Verhalten zu bewegen, jedoch scheiterten, versuchte er auf verschiedene Weise, sie zu ermorden. Zuerst ließ er ihr einen Becher Gift bringen. Mira trank den Becher aus, blieb aber unversehrt, denn Krishna hatte das Gift unwirksam gemacht. Es wird gesagt, das Bild Krishnas sei blau angelaufen, nachdem Mira den Becher geleert habe. Bei einem weiteren Mordversuch ließ Vikramajita ihr einen Weidenkorb mit einer giftigen Schlange darin bringen. Als Mira den Korb öffnete, fand sich jedoch anstelle der Schlange ein Bild Krishnas oder wie es anderswo heißt, eine Blumengirlande, darin.

Miras Schwägerin, die Schwester ihres verstorbenen Ehemannes, setzte alles daran, Miras Ruf zu schädigen. Sie wußte, daß Mira oft lange wach blieb und verzückt mit dem Bild Krishnas sprach. So erzählte sie Vikramajita, Mira empfinge nachts Liebhaber in ihrem Zimmer. Wutentbrannt stürzte Virkramajita daraufhin mit seinem Schwert in Miras Zimmer, um sie und ihren Liebhaber zu töten. Auf seine Frage, wo der Mann sei, zeigte Mira auf das Bild Krishnas und antwortete kühl, sie habe mit ihrem göttlichen Liebhaber gesprochen. Da Vikramajita auch tatsächlich niemanden in Miras Zimmer oder woanders finden konnte, mußte er unverrichteter Dinge wieder gehen.

[...]


[1] Die Lebensgeschichte Mira Bais wird aus verschiedenen in der Literaturliste aufgeführten und sich zum Teil widersprechenden Quellen nacherzählt. Meines Erachtens signifikante Abweichungen werden in Fußnoten gesondert kenntlich gemacht.

[2] Harlan 1995, 221

[3] Alston behauptet demgegenüber, daß die Sisodiyas ebenso wie die Rathors Vaishnavas waren, also Verehrer Vishnus, hauptsächlich in Form seines avatara Krishna. (vgl. Alston 1980, 3)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Mirabai - Stereotypisierung und Idealisierung einer Heiligen aus dem indischen Mittelalter
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Vergleichende Religionswissenschaft und Religionsgeschichte)
Veranstaltung
Die Kraft der Frauen in den Hindu-Religionen
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V16272
ISBN (eBook)
9783638211680
ISBN (Buch)
9783640325221
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mirabai, Stereotypisierung, Idealisierung, Heiligen, Mittelalter, Kraft, Frauen, Hindu-Religionen
Arbeit zitieren
Ramona Lenz (Autor), 2001, Mirabai - Stereotypisierung und Idealisierung einer Heiligen aus dem indischen Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16272

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mirabai - Stereotypisierung und Idealisierung einer Heiligen aus dem indischen Mittelalter


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden