Deutschland im Nationalsozialismus - Eine Disziplinargesellschaft im Sinne des Foucaultschen Disziplinbegriffs?


Bachelorarbeit, 2010

39 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung

II) Disziplinbegriff bei Foucault
1. Geschichte und Einordnung bei Foucault
1.1 Geschichtliche Hintergründe und Änderungen im Strafvollzug
1.2 Nicht mehr strafen, sondern bessern und heilen
2. Die Technologie der Disziplin als Macht-und Herrschaftsform
2.1 Der „gelehrige“ Körper
2.2 Funktionsweisen der Disziplin
2.2. 1 Die Verteilung der Individuen im Raum
2.2.2 Die Kontrolle der Tätigkeit
2.2.3 Die Organisation von Entwicklungen
2.2.4 Die Zusammensetzung der Kräfte zu einem Apparat
2.3 Die „disziplinierte“Individualität
3. Der Panoptismus und die Entstehung des modernen Gefängnisses
3.1 Weiterführende Disziplinarmaßnahmen: „Die Mittel der guten Abrichtung“
3.2 Panoptikum und Panoptismus
3.3 Das panoptische Prinzip in der Gesellschaft
3.4 Das Gefängnis als Disziplinaranstalt
3.5 Die Entstehung einer modernen Disziplinargesellschaft
4. Kritische Rezeption des Foucaultschen Disziplinbegriffs
4. 1 Foucaults Methode
4.2 Kritik der Disziplinarmacht Foucaults
5. Foucaults „Disziplinarmacht“ und Adornos „instrumentelle Vernunft“

III) Disziplinarmacht im Nationalsozialismus
1. Erziehung und Disziplin im Nationalsozialismus
1.1 Schule
1.2 Hitlerjugend
2. Die Wehrmacht als Disziplinarinstitution
3.Das Konzentrationslager in der Disziplinargesellschaft
3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Foucaultschen Gefängnis
3.2 Jenseits von Disziplin: Ein „pervertierter“ Disziplinbegriff
3.3 Funktionsweise des Konzentrationslagers in der NS-Gesellschaft

IV) Die deutsche Gesellschaft in der NS-Zeit als Disziplinargesellschaft im Sinne Foucaults

V) Fazit

VI) Schluss

I) Einleitung

Bei Diskursen über Disziplin in Deutschland wird immer wieder auf die Zeit des Nationalsozialismus verwiesen, während dessen Disziplin in vielen gesellschaftlichen Räumen bis zur Perversion gesteigert wurde. Wer heute gar von eiserner Disziplin spricht, steht im Verdacht, mit jener bedingungslosen Unterordnung zu liebäugeln, die von den Nationalsozialisten als Disziplin und typisch deutsche Tugend propagiert wurde. Der Nationalsozialismus als geschichtliches Phänomen soll im Folgenden unter den Begriffen von Disziplin und Disziplinargesellschaft nach Foucault erörtert werden. Unter der „Zeit des Nationalsozialismus“ soll die historische Periode zwischen 1933 und 1945 verstanden werden, wobei sicher auch noch Unterschiede in der Thematik innerhalb des Zeitraums zu verzeichnen sind.

Der wahrscheinlich größte Widerspruch des Nationalsozialismus ist die Diskrepanz zwischen Rationalität und der irrationalen, exzessiven Gewalt andererseits.[1] Daraus ergibt sich die Frage, wie Irrationalität und Funktionalität zusammenwirken. Um dieser Frage nachzugehen,ist es notwendig, vorherrschende Machtstrukturen zu untersuchen und sie als Dynamik von Gewaltexzessen sowie den allgemeinen Hang zur Gewaltbereitschaft zu analysieren. Als Motivation kommt nicht nur eine rein Politische in Frage, es müssen dabei auch persönliche Interessen im Spiel gewesen sein. In der Forschung ist klar, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur aus einer bestimmten politischen Elite heraus erklärbar sind, die durch geschickte Propaganda und Manipulation das Volk gewinnen konnte. Allein durch Propaganda wäre es eher unwahrscheinlich gewesen, das eine Ideologie in so vehementer Weise in ein soziales Feld eindringen und eine so starke Wirkung auslösen kann. Hinter den Verbrechen des Nationalsozialismus steht kein Sinn oder Logik, sondern eine Dynamik, wie Hannah Arendt es formuliert, die „Banalität des Bösen“.[2] Laut Hannah Arendt ist das Böse nicht erklärbar und in jedem Menschen latent vorhanden. Auch dem Phänomen der Disziplin und der Disziplinargesellschaft liegt keine Logik im allgemeinen Sinne zugrunde, sondern eine tiefer liegenden Dynamik eines Machtgefüges, der Disziplinarmacht.

Die Philosophie Foucaults ist noch überraschende wenig zur Analyse der Phänomene des Nationalsozialismus herangezogen worden. Untersucht man den Nationalsozialismus mit dem gesamten Foucaultschen Instrumentarium, wäre er jedoch als Kombination von Disziplinarmacht, Bio-Macht und Souveränitätsmacht zu begreifen. Foucault selbst sagte über den nazistischen Staat: „Der Nazismus ist ein absolut rassistischer Staat, ein absolut möderischer Staat und selbstmöderischer Staat.“[3] Die Souveränitätsmacht tritt im Recht zu töten des nationalsozialistischen Staates auf, die Macht der Disziplin bei Disziplinierung und Selbstdisziplinierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie zum Beispiel der Erziehung, die Bio-Macht im Zuge von Bevölkerungspolitik und Eugenik. Die Souveränitätsmacht wurde im Nationalsozialismus auch auf andere Personen im Sinne einer Machtstaffelung auf Untergebene ausgeweitet.

Im Folgenden soll die NS-Gesellschaft nur aufgrund des Foucaultschen Disziplinbegriffs bzw. als Disziplinargesellschaft nach Foucault analysiert werden, weil dieser Begriff ein großes Potenzial zur Analyse

von Zusammenhängen der einzelnen Disziplinarinstitutionen und ihrem Macht-und Zerstörungspotenzial bieten kann.

Denn, die Aufgabe einer Wissenschaft wie der Soziologie ist es laut Foucault, die tiefere Wahrheit über Psyche und Kultur aufzuspüren. Dabei soll zuerst der Foucaultsche Disziplinbegriff erläutert und dann die deutsche Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus als Disziplinargesellschaft analysiert werden. Dabei sollen einige Beispiele zur Verdeutlichung der Machtordnung aufbauend auf Disziplinierung gegeben werden, darunter die Erziehung im Nationalsozialismus, die Wehrmacht und das Konzentrationslager. Der Zugang zur Thematik soll mit Foucault ein Philosophischer sein, der sich auf die theoretische Ressource, den foucaultschen Disziplinbegriff seines Werks „Überwachen und Strafen“ bezieht. Foucaults Philosophie war von Anfang an mit historischen Arbeiten verbunden.

II) Der Disziplinbegriff bei Foucault

Foucault betrachtet den Begriff der Disziplin als Machtform in seiner Art der kritischen Reflexion.Bei Überwachen und Strafen tritt Foucault bereits in seine dritte Schaffensphase und -thematik ein. Die Disziplinarmacht ist das Hauptthema von Foucault Anfang der 70ger Jahre, es geht dabei um konkretere Ordnungen wie in „Die Ordnung der Dinge“ oder „Die Archäologie des Wissens.“.[4] „Überwachen und Strafen“ entstand aus einer praktischen Perspektive: Foucault setzte sich persönlich gegen die damals in Frankreich noch gültige Todesstrafe ein und besuchte Gefängnisse.

Der Foucaultsche Disziplinbegriff ist ein sehr differenziert ausgearbeiteter Begriff von Disziplin, mit dem Foucault eine sogenannte Repressionshypothese ausarbeitet und die These aufstellt, dass die Machtform Disziplin die Individuen, auf die sie einwirkt, erst erschafft. Das Besondere dieser Machtform ist ihr produktiver Charakter. Er analysiert diese Disziplinarmacht unter vielen Aspekten analysiert, unter anderem in ihrer Erscheinungsweise als Gesellschaftsform, der Disziplinargesellschaft. Deshalb möchte ich im Folgenden den Begriff der „Disziplin“ als Machtform von Foucault und dabei die Frage, in wie fern der Nationalsozialismus als Phänomen oder Abart einer modernen Disziplinargesellschaft bezeichnet werden kann, erörtern.

1. Geschichte und Einordnung in Foucaults Werk

Foucault erläutert seinen Begriff der Disziplin im Zusammenhang mit einer Änderung im Strafvollzug Ende des 17. Jahrhunderts in seinem Werk „Überwachen und Strafen“. Den Ausschlag für die Änderung im Strafvollzug gab laut Foucault die Entstehung einer neuen Machtform, der Disziplin, die immer mehr in den Mittelpunkt rückte. Während vorher grausame Marterstrafen die Herrschaft des Souveräns wieder herstellen sollten, betont Foucault die Veränderung des Strafvollzugs, an dessen Ende das moderne Gefängnis als Disziplinarmaßnahme steht. Das Werk „Überwachen und Strafen“ hat jedoch viele Dimensionen: „In

Überwachen und Strafen wird die Genealogie des modernen Individuums als eines fügsamen und stummen Körpers und einer normativen Sozialwissenschaft aufgezeigt.“[5]

Bei „Überwachen und Strafen“ dass zusammen mit „Der Wille vom Wissen“, die dritte Phase der foucaultschen Schaffensperiode darstellt, erläutert Foucault detailliert den Begriff einer neuen Machtform, der Disziplinarmacht. Dabei bezeichnet Foucault selbst „Überwachen und Strafen“ als den Höhepunkt seiner Laufbahn. Das Besondere in Foucaults Gesamtwerk ist die Transformation seines eigenen Wissens und Denkansätze im Laufe seiner Werke. Nacheinander kann man die foucaultschen Schaffensperioden als Wissen, Denken, Macht und Moral bezeichnen, wobei die Phase, in der „Überwachen und Strafen“ entstand, der Macht zugeordnet wird.

„Überwachen und Strafen“ beginnt mit der Schilderung einer grausamen Todesmarter, der öffentlichen Hinrichtung von Francios Damien, der verurteilt wurde, weil er ein (erfolgloses) Attentat auf Ludwig XV. verübt hatte.[6] Er wurde brutal gefoltert und vor einer Menschenmenge gevierteilt. Im Mittelalter und bis Anfang des 18.Jahrhunderts fand die Bestrafung von Gesetzesübertretern öffentlich, vor aller Augen statt. Foucault beschreibt ausgehend von diesen „peinlichen“ Marterstrafen die Veränderungen im Strafvollzug. Die Marterstrafen verschwanden immer mehr von der Bildfläche und wurden als brutale Gewalt gering geschätzt. Die Marterstrafe war ein politisches Ritual, dass eine bestimmte Menge an körperlichen Schmerzen erzeugte und bewusst nicht sofort töten sollte, sie setzte das Strafausmaß mit der Schwere der Tat in Relation. Durch gesetzwidriges Verhalten hatte der Kriminelle die Person des Herrschers und seine absolute Machtposition beleidigt und seine unumschränkte Autorität in Frage gestellt. Durch die Marter-strafe sollte diese beleidigte, absolute Macht des Souveräns wieder hergestellt werden. Die Art der Bestrafung sollte das Verbrechen am Körper des Straftäters wiederholen: "wer die öffentliche Freiheit missbraucht, wird seiner Freiheit beraubt; (..) Erpressung und Wucher werden mit Geldbuße bestraft, Diebstahl mit Einziehung des Vermögens; auf Mord Tod und auf Brandstiftung steht Scheiterhaufen."[7] Im klassischen Zeitalter wurde das Urteil im verborgenen verhängt, während der Strafvollzug vor aller Angesicht durchgeführt wurde. Genau umgekehrt verhält es sich heute: das Urteil wird in der Öffentlichkeit verhängt, während der Vollzug der Strafe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Die öffentliche Marter von damals sollte der Abschreckung dienen.

Foucaults Werk "Überwachen und Strafen" beschreibt nicht nur die Entstehung des Gefängnisses, sondern das Gefängnis steht bei Foucault sinnbildlich für eine komplexe gesellschaftliche Funktion. Laut Foucault entstand das Gefängnis als Bestrafungsform und Ausdruck der Disziplinargesellschaft der Moderne und Postmoderne. Foucault beschreibt detailliert, was unter Disziplin zu verstehen ist: eine Strategie und Technologie der Macht, die die Basis der bürgerlichen Gesellschaft bildet. Das Gefängnis ist die ausführende Kraft der gesellschaftlich erwünschten Disziplin.

Das Gefängnis operiert weiterhin auf der Basis von wissenschaftlichen Grundlagen im Zuge einer Humanisierung des Strafvollzugs, Psychiater, Psychologen und Pädagogen haben den Gefangenen als ihren Wirtschaftszweig entdeckt, der Häftling wird pathologisiert. Das Buch knüpft so an "Wahnsinn und Gesellschaft" mit an, in dem Foucault mittelalterliche Verfahrensweisen mit Leprakranken beschreibt.

"Es gehört zu den provokantesten Thesen Foucaults, dass das Gefängnis die Delinquenz, die es zu beseitigen vorgibt, zugleich mit erzeugt. "[8] Laut Foucault ist es das Gefängnis selbst, das zur Schaffung eines kriminellen Milieus beiträgt oder es zumindest keineswegs beseitigt. Die Machtform der Disziplin breitet sich laut Foucault, immer weiter in den Institutionen der Gesellschaft aus, bis sie schließlich die ganze Gesellschaft durchzogen hat. Deshalb ist eine solche Gesellschaft als die Disziplinargesellschaft zu bezeichnen, in der wir heute leben. Foucault untersucht die gesellschaftlichen Machtpraktiken der Disziplinargesellschaft am Beispiel des Gefängnisses. Noch einen weiteren Aspekt beschreibt Foucault in „Überwachen und Strafen“: Das Gefängnis wird zu einer Förderung von Wissen vom Individuum, von seiner Leistungsfähigkeit, die es in der Moderne braucht. Laut Foucault fördert das Gefängnis „klinisches Wissen“, das bedeutet das Wissen um Abweichung, das universalistischen Charakter besitzt.

Bei dem Foucaultschen Machtbegriff der Disziplin ist Macht immer mit Wissen verbunden, oder wie Gilles Deleuze es nennt: „Wissen entstehe, laut Foucault, nur da wo die Macht hinleuchte“[9] und umgekehrt, Macht hat immer Wissen als Folge. Die Isolierung eines Gefangenen, Arbeiters oder Zöglings führt über den Umweg seiner Beobachtung zu mehr Wissen über ihn im Sinne einer Verhaltensstudie. Wissen kann daraufhin wieder Machteffekte, wie zum Beispiel bessere Interventionen, führen und die Produktivität immer weiter steigern.

1.1 Geschichtliche Hintergründe

Anfang des 18. Jahrhunderts kam es zu tiefgreifenden Änderungen im Strafvollzug. Philosophen, Juristen und Humanisten protestierten gegen die unmenschliche Gewalt der grausamen Folter-und Marterstrafen und die Zurschaustellung der gemarterten Körper. Reformer im Zuge der humanistischen Bewegung und Aufklärung verdammten diese Art der Bestrafung, die im Dienste der Menschlichkeit einem gemäßigteren Strafvollzug weichen sollte. Die Grundlagen der Reformbewegungen lagen unter anderem auch im Gesellschaftsvertrag begründet, laut dem die Individuen die Grundlage der Gesellschaft durch einen Vertrag mit dem Souverän bilden. Die Bestrafung wurde zur Angelegenheit der ganzen Gesellschaft, nicht nur des Herrschers. Als Konsequenz hatte die Gesellschaft das Recht, über Strafmaßnahmen ihrer Mitglieder mitzubestimmen. Seit der Moderne richtet sich der Strafvollzug von der ganzen Gesellschaft gegen das gesetztes-übertretende Individuum - der Rechtsbrecher wird zum gemeinsamen Feind und missgebillgten Verräter der Gesellschaft.

Der vormoderne Verbrecher im Mittelalter konnte dagegen durchaus zu beachtlichem Ruhm kommen.Die öffentlichen Hinrichtungen des Mittelalters wurden zusehends von Protesten des Volkes begleitet und erzielten nicht mehr die beabsichtigte, abschreckende Wirkung. Auf den ersten Blick mag die Abschaffung der unvergleichlich grausamen Marter im Strafvollzug als eine Vermenschlichung des Strafvollzugs wirken. Der Wunsch nach menschlicheren Strafen und die Abneigung gegenüber der grausamen Gewaltspektakel bilden nur einen Teil der Gründe für den Wandel im Strafvollzug. Die Veränderungen in der Manier der Bestrafung sind als Effekt tiefgreifender gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozesse zu verstehen.

1.2 Nicht mehr Strafen, sondern Bessern und Heilen

Die Forderung der humanistischen Reformer lautete, nicht mehr zu rächen, sondern zu strafen. Der grundlegende Reformgedanke bestand daraus, nicht mehr das Verbrechen an sich zu bestrafen, sondern gegen die Ursache des Verbrechens im Inneren des kriminellen Subjekts vorzugehen. Objektiv der Bestrafung sollte die Wiedereingliederung des Kriminellen in die Gesellschaft darstellen, die Funktion der Sühne und Buße des Verbrechens wurde verdrängt, die Strafe wandeltet sich in eine Umerziehungsmaßnahme. Laut humanistischen Reformgedanken, sollte die Strafe im modernen Strafvollzug so wenig tyrannisch wie möglich sein. Die Strafe richtet sich nun auf die Folgen des Verbrechens."Um nützlich zu sein, muss die Bestrafung auf die Folgen des Verbrechens zielen, d.h. auf die Gesamtheit der möglicherweise nachfolgenden Störungen."[10] Ein Gedanke der Prävention herrscht vor. Die Strafe soll für den, der sie erleidet, minimal sein, und für den, der sie sich vorstellt, maximal. Ein Beispiel dafür wäre eine lebenslange Sklaverei oder Zwangsarbeit, die zudem absolut das Problem der Rückfälligkeit ausschliesst. Zu Beginn der Reformen zeigte sich noch der Gedanke, einen höchstmöglichen Nutzen zum Beispiel durch unbezahlte Zwangsarbeit aus den kriminellen Subjekten zu ziehen. Zusätzlich sollte die Bestrafung den Kriminellen wieder an ein geregeltes Leben und Arbeit gewöhnen. "Gegen eine schlechte Leidenschaft setzt man eine gute Gewohnheit; gegen eine Gewalt eine andere Gewalt; aber hier handelt es sich nicht um die Gewalt der Waffen, sondern um Leidenschaft und Empfindsamkeit."[11] Um auf psychische Vorgänge des Inhaftierten einzuwirken, wird ein medizinischer Bereich mit Fachleuten aus Psychologie, Psychiatrie und Pädagogik angeschlossen. Das Hauptobjektiv der Bestrafung liegt nun darin, eine Verhaltensänderung des Straftäters an Körper und Geist durch die Applikation einer Technologie von Wissen und Macht zu erarbeiten. Die Bestrafung zielt nicht mehr wie bei den Marterstrafen, auf die Verstümmelung des Körpers, sondern auf die Seele des Individuums. "Der Sühne, die dem Körper rasende Schmerzen zufügt, muss eine Strafe folgen, die in der Tiefe auf das Herz, das Denken, den Willen, die Anlagen wirkt."[12] Den Hintergründen der Tat wird immer mehr Relevanz eingeräumt. Bei jeder Gesetzesübertretung wird ein psychischer Defekt, eine Pathologie angenommen. So wird im Strafvollzug vor allem über fehlende Konformität geurteilt. Auf diese Weise verändert sich der Strafvollzug von einer Bestrafung zu einer Einrichtung der Kontrolle und Überwachung der Individuen, mit Intention der Heilung ihres hypothetischen, psychischen Defekts. Des weiteren sollte ein langes Wegsperren der Individuen in Gefängnissen und eine hohe Wahrscheinlichkeit der Verbrechensaufklärung durchaus abschreckend wirken. Aufgrund von stabiler Gesetzgebung und Strafvollzug soll die Öffentlichkeit Gewissheit haben, dass es wenig Hoffnung auf Straflosigkeit gibt. Das Gefängnis erzeugt das Wissen, über den Häftling, dass ihn zum Straftäter macht,

selbst und sorgt dafür die Notwendigkeit dieser Besserungsmaßnahme. Die Besserung ist eine Idee, die jedoch erst im Kontext des Gefängnisses hervortritt.

2. Die Technologie der Disziplin als Macht-und Herrschaftsform

Zur treibenden Kraft diesen neuen Typs des Strafvollzugs wurde die Disziplin. Die neue Machtform der Disziplin entstand Anfang des 18. Jahrhunderts aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Faktoren und breitete sich immer weiter in der Gesellschaft aus. Ihre Besonderheit ist eine Einflussnahme auf das Individuum, die aus einer Kombination von Macht und Wissen, wie Foucault es nennt, besteht. Diese neue, moderne Machtform kolonialisierte auch den Strafvollzug und löste die Marterstrafen ab. Diese vordergründige Vermenschlichung des Strafvollzugs verbirgt jedoch andere, tückische Aspekte im Hintergrund. "In dem, was historisch als Humanisierung der Strafpraktiken gilt, sieht Foucault weniger eine Milderung der Strafstrenge, als eine Transformation von Machtprozeduren, die ihr Ziel geändert haben."[13]

Im 18.Jahrhundert wurde die Disziplin zu einer allgemeinen Macht-und Herrschaftsform, die sich von jeder anderen unterscheidet. Sie unterscheidet sich von anderen Formen der Macht wie der Sklaverei oder dem Domestikentum dadurch, dass sie sehr produktiv wirkt. Die Disziplin verfügt über ein großes, nicht nur negatives, produktives Potenzial der Selbstunterwerfung unter ein Machtregime. Ihre Macht wirkt vor allem auf Körperfunktionen ein und übt Zwang aus. Disziplin wird deshalb von Foucault als eine Mikrophysik der Macht bezeichnet. Früh findet man Disziplin in Kollegs, Klöstern, Schulen oder beim Militär als allgemeingültiges Grund-und Verhaltensprinzip. Von diesen Einrichtungen ausgehend breitete sie sich in der Gesellschaft immer weiter aus und erreichte schnell das Bildungssystem, wirtschaftliche Betriebe und viele andere Gesellschaftsbereiche, ihr perfekter Umsetzungsbereich ist das Militär. Das Besondere des Machtbegriffs der Disziplin bei Foucault ist, dass sie niemand „inne hat“, wie die Macht des Souveräns, sondern sie besteht aus Manövern, Strategien und Taktiken, sowie resultierend daraus aus einem Netz ständiger Beziehungen.

2.1 Der „gelehrige“ Körper

Disziplin nennt man die Methoden der peinlichen Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte, um sie gelehrig und nützlich machen.[14] Die Disziplin bewirkt eine gleichzeitige Unterwerfung und Produktivitätssteigerung des Individuums und ist vor allem auf dessen Körper ausgerichtet. Die Disziplin erwirkt die Entstehung von Zwängen, die Verhaltensweisen determinieren. Sie erschafft trainierte und unterwürfige Körper mit äußerst hoher, ökonomischer Effizienz.

Dies erfolgt durch das, ihr eigene Herrschaftsverhältnis, dass sehr stark auf Körperfunktionen abzielt, und den Körper zu einer Produktivitätssteigerung antreibt. Das „neue“ an der Wirkungsweise der Disziplin ist der Blick auf das Detail, der Körper soll nicht als Einheit bearbeitet werden, ihre Wirkung entfaltet sich auf Bewegungen, Handlungen und Schnelligkeit separat. Einzelne Körperteile werden getrennt voneinander einem präzisen und kalkulierten Training unterzogen. Die Disziplin verwandelt die Kraft des Körpers in Unterwerfung und erzeugt absolute, trainierte, körperliche Tüchtigkeit auf der anderen Seite. Das Detail wirkt auf den ersten Blick unwichtig und nichtig, trotzdem oder gerade deshalb üben Disziplinen einen nicht zu unterschätzenden Effekt auf die Gesellschaft aus, die sie geschickt unterwandern. Gerade da sie den Blick den „kleinen Dinge“zuwenden, wurden sie von vielen Menschen freudig aufgenommen, und sie wurden zur einer Tugend „des kleinen Mannes.“ Ein Beispiel für die Aufnahme des Disziplinbegriffs als Programm bildet die christliche Erziehung, die den detailgetreuen Blick fördert, der gleichzeitig zu einer immensen Kontrolle führt. Wichtiges Mittel zum Ziel einer Disziplinierung ist die Übung. Bei der Disziplin ist der Ablauf der Tätigkeit wichtiger als das Ergebnis oder der Weg das Ziel.

Die Disziplin ist eine Machtform die, wie die mittelalterliche Marter auf den Körper einwirkt, ihn aber nicht zerstört, sondern trainiert und ihn einer extremen Kontrolle aussetzt. Durch einen "Beobachtungs-, Registrier- und Dressurapparat"[15] und ein perfides System von Überwachungstechniken führt die Disziplin schließlich zur Selbstüberwachung des Individuums als Endziel. Durch Internalisierung der von außen einwirkenden Überwachung erfüllt das Individuum schließlich aus eigenem Antrieb die gewünschten Normen. Foucault versteht den Prozess der Körperdisziplinierung als bedeutenden Prozess der Modernisierung Europas, als Vorgang einer immer perfekteren Kontrolle von Körperfunktionen.

2.2 Funktionsweisen der Disziplin

Die Disziplin zeichnet sich durch einige, für sie typische Funktionsweisen aus. Diese sind die Verteilung der Individuen im Raum bis hin zu absoluter Übersichtlichkeit und Möglichkeit der Kontrolle, die Kontrolle der Tätigkeiten durch minutiöse Planung von Abläufen, die Organisation von Entwicklungen mit einhergehender Unterteilung und Standardisierung und schließlich die Zusammensetzung der Kräfte zu einem Apparat, einer Maschine aus der perfekten Kombination von sich effizient verhaltenden Individuen. Diese Maschine als Endform kann symbolisch für den Idealtyp einer Disziplinargesellschaft bezeichnet werden. Disziplinen haben auch die Funktion, das Recht, außer Gefecht zu setzen, zumindest teilweise „vollziehen die Disziplinen jedenfalls eine Suspension des Rechts, die zwar niemals total ist, aber auch niemals ganz eingestellt wird.“[16]

2.2.1 Die Verteilung der Individuen im Raum

Disziplin beeinflusst die Verteilung der Individuen im Raum. Die Disziplin wird häufig in Klausur, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, räumlich abgetrennt, ausgeübt, wie es bei Kasernen, Klöstern und Gefängnissen der Fall ist. So setzte sich das Modell des Klosters, das im 18. Jahrhundert schon vorhanden war, durch. Dies kann man als sogenanntes Einschlussprinzip von Foucault verstehen, die, zu disziplinierenden Subjekte werden eingeschlossen und vom Rest der Gesellschaft getrennt. Häufig sind die Einrichtungen der Disziplinarmaßnahmen von einer hohen Mauer oder anderen unüberwindlichen Hindernissen umgeben. Auch wirtschaftliche Betriebe übernahmen im Anschluss gerne das Prinzip der disziplinären Raumaufteilung zur besseren Kontrolle ihrer Arbeiter.

In einer solchen Einrichtung ist das Prinzip der Klausur alleine noch nicht wirksam genug: der Raum wird, laut Foucault, weiter in einzellige Einheiten unterteilt, „parzelliert“, Gruppenbildungen sollen vermieden werden, „jedem Individuum seinen Platz und auf jeden Platz ein Individuum.“[17] Die Kontrolle nimmt zu, An-und Abwesenheiten sowie alle anderen Unregelmäßigkeiten springen sofort ins Auge; das Verhalten jedes Individuums kann mit minimalem Aufwand optimal überwacht werden. Die Einsamkeit in der Zelle wird als notwendig zur Reflexion erachtet. Durch die Parzellierung kann das effektivste Ausmaß an Kontrolle erreicht werden. Jedem Individuum wird eine Funktionsstelle, ein bestimmter Raum, zugewiesen. Die Elemente oder Individuen sind austauschbar und werden nur durch ihren Abstand voneinander bestimmt. Der Rang gibt Auskunft über Position und Ansehen in Disziplinareinrichtungen. Auch die Schule funktioniert nach dem Prinzip dieser seriellen Raumorganisation. Indem der Lehrer individuelle Plätze zuweist,wird die Kontrolle jeden Schülers und die gleichzeitige Arbeit aller erst möglich. Disziplin errichtet aus den so angeordneten Individuen „lebende Tableaus“, die aus einem Durcheinander von Menschen geordnete Einheiten entstehen lassen. Das Tableau bietet eine perfekte Organisation verschiedener Individuen oder Gegenständen, die überblickt und geordnet werden müssen. Eine besondere Bedeutung fand das Tableau beim Militär oder als „ökonomisches Tableau“ zur Anordnung von Wirtschaftseinheiten. Das Tableau bildet nach Foucault die Basis für eine „zellenförmig“ angeordnete Mikrophysik der Macht.[18]

2.2.2 Die Kontrolle der Tätigkeit

Eine minutiöse Zeitplanung findet man in den meisten Disziplinareinrichtungen wie Klöstern, Spitälern, aber auch Schulen und anderen Disziplinareinrichtungen. Bis ins Detail wird der Tagesablauf der Insassen vorgeschrieben und duldet keine Abweichung. Verzögerungen oder Zeitverschwendung kommen einem Verbrechen gleich, auch die Qualität der Zeitnutzung muss optimiert werden. Jeder Tätigkeit wird ein zeitlich festgelegter Rahmen zugewiesen. Ein Akt, eine Handlung, wird in Einzelteile zerlegt und wieder neu zusammengefügt. Eine “Zusammenschaltung von Körper und Geste”[19] garantiert laut Foucault, dass keine Handlung nutzlos und ineffizient bleibt. Genauso bei der Zusammenschaltung von Körper und Objekt[20]: Jede Tätigkeit, muss in ihrem Ablauf perfekt und effizient vor sich gehen. Die Folge einer solchen Disziplinarmaßnahme ist eine Ausnutzung des Individuums bis zur Erschöpfung. So erzielt die Disziplin eine positive Ökonomie einer endlos wachsenden Ausschöpfung der Zeit und des Individuums, in der offensichtlich ein ungeheures, wirtschaftliches Ausbeutungspotenzial steckt. Bei einem, von der Disziplin manipulierten Körper handelt es sich “mehr um einen Körper der Übung als um einen Körper der

spekulativen Physik; eher um einen von der Autorität manipulierten Körper als um einen von Lebensgeistern bevölkerten Körper..”[21]

2.2.3 Die Organisation von Entwicklungen

Jegliche Entwicklungsvorgänge werden durch Disziplin laut Foucault in „Abläufe kurzer Dauer“[22] eingeteilt. Zur bestmöglichen Ausschöpfung von Zeitabläufen werden Tätigkeiten in kleinteilige Zeitabschnitte eingeteilt. Diese sind alle linear aufgereiht und auf ein Endziel im Sinne einer Evolution, einer Entwicklung zur Verbesserung, ausgerichtet. Die einzelnen Abschnitte werden nach einem, als sinnvoll angesehenen, standardisierten Schema angeordnet. Zumeist enden die Abschnitte mit einer Prüfung, die den Wissensstand überprüft und nur bei positiver Beurteilung den Eintritt in den nächsten Abschnitt ermöglicht. Rang und Position des Individuums werden durch seine Stellung im disziplinären Evolutionsprozess bestimmt. Die „Organisation von Entwicklungen“ wurde als Disziplinarmaßnahme schnell und bereitwillig in die pädagogische Praxis übernommen. Sie bietet die Möglichkeit einer erhöhten Kontrolle und Intervention. Dieses Schema fortgeschrittener Disziplinierung findet auch heute häufig Anwendung bei schulischen und beruflichen Ausbildungen sowie im Alltag vieler Berufslaufbahnen. Da die Individuen nach Rang und Status klassifiziert werden, entsteht ein Klassifikationssystem, das auf Normen basiert. Die Individuen werden bei diesem System automatisch dazu verleitet, sich den Normen des Klassifikationssystems anzupassen.

2.2.4 Die Zusammensetzung der Kräfte zu einem Apparat

Die Disziplin ist nach Foucault die Kunst der Zusammensetzung der Kräfte zu einem leistungsfähigen Apparat.[23] Die Individuen werden mit einem „Rad“ einer Maschine verglichen, das nur in „richtiger“ Zusammenfügung zu einem sinnvollen Ganzen seine Bestimmung findet. Das Zusammenwirken der Individuen in „passender“ Manier ist effizienter wie die Summe jedes Einzelnen nach dem Prinzip „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Ein Beispiel ist die Armee, ein Bataillon oder Zug, bestehend aus einer Vielheit von Individuen und die Kraft ihres Zusammenspiels. Die Basiseinheit ist der Soldat mit seinem Gewehr. Zur Schaffung dieses Apparats bedarf es einer abgestimmten, klugen Kombination der Kräfte und einem ausgeklügelten Befehlssystem, sowie effizient arbeitenden, disziplinierten Individuen. Bei richtiger Kombination mit bestmöglicher Verwendung des Potentials jedes einzelnen wirken die Individuen als höchst effiziente Maschine zusammen.

Voraussetzung dafür ist jedoch die Bereitschaft jedes einzelnen Individuums zu einem blinden Gehorsam, ohne Verständnis für die Funktionsweise des Apparats. Der Gehorsam wird erreicht durch ein Befehlssystem, das sofortige und bedingungslose Befolgung erfordert. „es geht nicht um das Verstehen des Befehls, sondern um die Wahrnehmung des Signals und die alsbaldige Reaktion darauf entsprechend einem vorgegebenen Code.“[24] In militärischer Tradition, soll das Individuum einer Führungsperson ohne Zögern gehorchen, unabhängig davon, was diese von ihr verlangt. Jedes Zögern oder Unwilligkeit bei der Ausführung der Befehle käme einem Verbrechen gleich. Auch in der Schule sollte diese Art der Disziplinierung oder „Dressur“ Anwendung finden.Ohne Erklärung sollen Schüler zur Einübung des Gehorsams prompt Befehle ausführen.

2.3 Die „disziplinierte“ Individualität

Laut Foucault produziert die Disziplin eine Individualität mit vier Merkmalen:

Die Individualität ist zellenförmig aufgrund der räumlichen Parzellierung, sie ist organisch durch die Codierung der Tätigkeiten, sie ist weiterhin evolutiv und kombinatorisch.[25] Individuelle Unterschiede zwischen den Individuen werden durch Prüfungen sichtbar. Individualität wird des weiteren durch Überwachung und Beobachtung entwickelt. Position und Rang werden in der foucaultschen Disziplinarordnung durch Abstände, nicht durch besondere Taten ermittelt. Das disziplinierte Individuum ist ein, fremdbestimmtes, normenkonformes Individuum, das bereitwillig einem Führer oder Vorgesetzten folgt, und im Zuge der Mechanismen der modernen Gesellschaft jegliches Potenzial seiner Selbstbehauptung verloren hat. Das Individuum bei Foucault bedeutet nicht ein selbstbewusstes, sondern ein „eingezwängtes und durch die Disziplinarmaßnahmen bestimmbares Glied der modernen Gesellschaft, das mit und durch den Gefängnisapparat erst sichtbar wird.“[26]

3. Der Panoptismus und die Entstehung des modernen Gefängnisses

Die Techniken der Disziplin werden ergänzt durch weitere Funktionen der Disziplinierung, die zu einer vertieften “Abrichtung” des Individuums führen. Die “Abrichtung” basiert auf absoluter Folgsamkeit der Individuen. Zur Kontrolle und Gewährleistung der Disziplin, wird ein”überwachender Blick” erforderlich, der bei ständiger Einwirkung internalisiert wird.

3.1 Weiterführende Disziplinarmaßnahmen: „Die Mittel der guten Abrichtung“

In einer idealen Disziplinareinrichtung besteht die Form der Machtausübung laut Foucault aus penibler Überwachung. Durch geometrische, räumliche Anordnung wird absolute Übersichtlichkeit erzielt, die totale Überwachung möglich macht. Alles zu sehen bedeutet, eine sehr große Macht inne zu haben, da sich der Beobachtete ständig kontrolliert fühlt. Die von der Disziplin ausgeübte Macht erscheint unscheinbar, ist aber sehr mächtig.[27]

Durch permanente Einwirkung der kontrollierenden Macht und Überwachung internalisiert der Beobachtete, in diesem Fall der Gefangene diese Disziplinarmacht und richtet sie schließlich gegen sich selbst. Indem er die Selbstüberwachung gelernt hat, verändert sich der Insasse und wird zum disziplinierten Subjekt, das an den Produktionsprozess und damit an das moderne und postmoderne Leben angepasst ist.

Innerhalb von Disziplinareinrichtungen, die meist totale Institutionen sind, wird häufig sanktioniert, es werden “eigene” Gesetze aufgestellt, die sanktionieren. Auch Belohnungen gehören zum Repertoire der Disziplinarmaßnahmen. Dieses Regelsystem erzeugt eine anstaltseigene, künstliche Ordnung, die nichts mit dem Gesetz-und Normensystem der Mehrheitsgesellschaft zu tun haben muss. Im Strafsystem der Disziplin ist der Konformitätsdruck sehr hoch, es wird alles sanktioniert, was nicht absolut konform ist. Aus einer Anzahl von Menschen mit eigener Individualität entsteht über die Zeit eine homogene Masse.

Die Methoden der Sanktionierung zielen weniger auf Reue oder Verständnis, sondern haben mechanischen Charakter. Auch die Bildung einer Rangordnung trägt zum Disziplinarapparat bei. Zur Gewährleistung der disziplinären Ordnung trägt die Prüfung als Kombination von Überwachung und Sanktion bei. Die Prüfung in Disziplinarmaßnahmen ist äußerst stark ritualisiert. Sie übt Macht durch angebliche “Wahrheitsfindung” aus und objektiviert Tatbestände. Durch Dokumentation der Prüfung entsteht um jedes Individuum ein bürokratischer Fall, der bearbeitet werden kann.

[...]


[1] Vgl. Dürr, Ch. (2004) S. 34

[2] Arendt, H., In: Dürr, Ch. (2004)

[3] Foucault, M. 1975 In: Schneider, S. 137

[4] Vgl. Schneider, U. J. (2004) S. 119

[5] Vgl Dreyfus, H.L. (1994) S. 173

[6] vgl. Fink-Eitel, H. (1989) S.71

[7] Foucault, M. (1976) S. 134f.

[8] Fink-Eitel, H. (1989) S. 77

[9] Vgl. Deleuze, G. (1988), eigene Übersetzung

[10] Foucault, M. (1976) S. 118

[11] Foucault, M. (1976) S. 136

[12] Foucault, M. (1976) S. 25

[13] Kleiner, M. (1976) S. 95

[14] vgl. Foucault, M. (1976) S. 175

[15] Foucault, M. (1976) S. 224

[16] Foucault, M. (1976) S. 286

[17] Foucault, M. (1976) S. 183

[18] Vgl. Foucault, M. (1976) S. 192

[19] Foucault, M. (1976) S. 195

[20] Foucault, M. (1976) S. 196

[21] Foucault, M. (1976) S. 199

[22] Foucault, M. (1976) S. 196

[23] Vgl. Foucault, M. (1976) S. 212

[24] Foucault, M. (1976) S. 214

[25] vgl. Foucault, M. (1976) S. 216

[26] Schneider, U.J. (2004) S. 127

[27] Foucault, M. (1976) S. 218

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Details

Titel
Deutschland im Nationalsozialismus - Eine Disziplinargesellschaft im Sinne des Foucaultschen Disziplinbegriffs?
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Soziologie )
Veranstaltung
Seminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
39
Katalognummer
V162780
ISBN (eBook)
9783640776283
ISBN (Buch)
9783640776085
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschland, Nationalsozialismus, Eine, Disziplinargesellschaft, Sinne, Foucaultschen, Disziplinbegriffs
Arbeit zitieren
Sonja Uhl (Autor), 2010, Deutschland im Nationalsozialismus - Eine Disziplinargesellschaft im Sinne des Foucaultschen Disziplinbegriffs?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162780

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