Hans Erich Nossack. Analyse und Vergleich der Erzählungen "Am Ufer" und "Das Mal"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

29 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Teil I: Analyse: ‚Am Ufer’ und ‚Das Mal’
I. 1. Darstellung der Erzählung
I. 1.1. Zeit
I. 1.1.1. Ordnung
I. 1.1.2. Dauer
I. 1.2. Modus
I. 1.2.1. Distanz
I. 1.2.2. Fokalisierung
I. 1.3. Stimme
I. 2. Darstellung der Handlung
I. 2.1. Ereignis -Geschehen - Geschichte
I. 2.2. Motivierung
I. 2.3. Erzählte Welt

Teil II: Interpretation ‚Am Ufer’
II. 1. Inhalt
II. 2. Sprechen und Schweigen
II. 3. Familienkonstellation
II. 4. Die Grenze

Teil III: Interpretation ‚Das Mal’
III. 1. Inhalt
III. 2. Sprechen und Schweigen
III. 3. Das Nichts
III. 4. Die Grenze

Teil IV: Vergleich der Erzählungen
IV. 1. Personen/Erzähler
IV. 2. Offenheit
IV. 3. Monologische Struktur
IV. 4. Grenzsituation
IV. 5. Das Scheitern

Fazit

Literatur

Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit den Erzählungen ‚Am Ufer’ und ‚Das Mal’ aus dem Roman ‚Spirale. Roman einer schlaflosen Nacht’ von Hans Erich Nossack. In der 1956 veröffentlichten ‚Spirale’ sind die Erzählungen jedoch nicht in der Reihenfolge enthalten, in welcher sie entstanden sind. Da diese in anderer Abfolge im Zeitraum von 1950 - 1952 entstanden1 sind und auch als einzelne Erzählungen veröffentlich wurden, können sie losgelöst voneinander betrachtet werden.

Untersucht werden sollen in dieser Hausarbeit die Merkmale und Besonderheiten sowie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Erzählungen ‚Am Ufer’ und ‚Das Mal’. Ausgewählt habe ich diese beiden Erzählungen, da sie am Anfang und am Ende der ‚Spirale’ stehen und somit als Ausgangs- und Endpunkt gesehen werden können.

Teil I der Hausarbeit beschäftigt sich mit der formalen Analyse der Erzählungen. Grundlage für die Analyse ist dabei das Werk „Einführung in die Erzähltextanalyse“ von Matias Martinez und Michael Scheffel, an welchem ich mich für die Untersuchung der Texte orientiert habe.2

Dabei habe ich es als sinnvoll empfunden, beide Erzählungen parallel zu untersuchen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten direkt gegenüber stellen zu können. In Teil II folgt die Interpretation von ‚Am Ufer’ einer kurzen Darstellung des Inhalts. Genauso bin ich in Teil III mit der Erzählung ‚Das Mal’ verfahren.

Diese Trennung erscheint mir notwendig, um die Eigenständigkeit der Erzählungen zu würdigen und deren Besonderheiten gerecht zu werden.

Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Erzählungen werden in Teil IV behandelt. Dabei kommt es teilweise zu Wiederholungen und Überscheidungen, die aufgrund der Komplexität der Werke jedoch schlecht zu vermeiden gewesen wären und teilweise sogar erwünscht sind, um einzelne Phänomene deutlich zu machen.

Da ich in dieser Ausarbeitung viele Zitate verwende, gebe ich zur Vereinfachung nach jedem Zitat die Seitenzahl aus ‚Spirale. Roman einer schlaflosen Nacht’ in Klammern an.

Teil I: Analyse: ‚Am Ufer’ und ‚Das Mal’

I. 1. Darstellung der Erzählung

Die Analyse der Texte ‚Am Ufer’ und ‚Das Mal’ wird sich an der ‚Einführung in die Erzähltextanalyse’ von Martinez und Scheffel orientieren. Dabei greife ich einige Kriterien heraus, welche für diese Analyse sinnvoll erscheinen. Im ersten Teil geht es darum, wie das Geschehen vermittelt wird, da die Art und Weise der Darstellung eines Geschehens die Erzählung entscheidend prägt.

I. 1.1. Zeit

I. 1.1.1. Ordnung

Wesentlich für eine Erzählung ist die Reihenfolge, in der erzählt wird. Es wird untersucht, ob chronologisch erzählt wird oder ob die chronologische Ordnung einer Ereignisfolge umgestellt wird und Anachronie vorherrscht. Dabei werden beide Formen der Anachronie, die Analepse (Rückwendung) und die Prolepse (Vorausdeutung), mit einbezogen.3 In ‚Am Ufer’ wird im ersten Teil chronologische erzählt. Bei Nellie berichtet der Junge von Zuhause, wobei die chronologische Ordnung umgestellt wird. Diese Anachronie tritt in Form von Analepsen auf, da der Junge nachträglich aus seiner Kindheit berichtet. Da die Haupthandlung der Erzählung sich auf den Zeitabschnitt beschränkt, welcher zwischen dem Besuch bei der Schwester und vor der Rückfahrt des Jungen liegt, sind diese Analepsen sowohl extern, da sie von keinen Geschehnissen im Zeitabschnitt der Haupthandlung handeln, als auch partiell, da sie nicht an die Gegenwart der erzählten Geschichte heranreichen oder von dieser ausgehen. Die Reichweite, also der zeitliche Abstand zwischen dem hier wiedergegebenen Ereignis und dem Hauptgeschehen ist groß. Es müssen ca. 12 Jahre sein, da der Junge Nellie berichtet, gerade 18 geworden zu sein (Vgl. S. 20), und die Analepse von der Zeit handelt, als er sechs (Vgl. S. 26) war. Der Umfang der Analepsen ist nicht besonders groß, da es Berichte von einzelnen Ereignissen sind.

In ‚Das Mal’ tritt die Anachronie in beiden Formen auf.

„ Man hatte uns erzählt, da ß vor uns bereits andere den Versuch gemacht hätten, und da ß sie niemals zurückgekommen wären. “ ( S. 282)

Auch hier handelt es sich um eine partielle und externe Analepse, deren Umfang gering ist. Auch die Reichweite ist nicht groß, da es hier um einen Zeitraum von ca. sieben Wochen geht. Genauer ist das jedoch nicht zu bestimmen, da lediglich davon die Rede ist, dass die Expedition das Mal „ ungefähr in der siebenten Woche nach unserem Aufbruch “ (S. 282) sah.

Eine Prolepse findet sich in einem anderen Abschnitt, wo sie von zwei Analepsen eingebunden ist. Diese sind wieder extern und partiell. Dabei geht es um die Messungen, die Blaise vornimmt.

„ Und selbst wenn wir annehmen, da ß dies Heft einem zu Gesicht kommt, was doch keineswegs unsere Absicht ist was passiert dann? [Analepse] Die Leute werden die Zahlen in ihr Lexikon eintragen […] . [Prolepse] […] Doch Blaise lie ß sich nicht dadurch beirren. […].“ [Analepse] (S. 286)

Eine andere Analepse ist wieder extern, aber im Gegensatz zu den vorigen komplett, da der Einschub direkt an die Gegenwart des erzählten Geschehens heranführt. In der Rückblende hat es die ganze Zeit gestürmt, doch plötzlich ist es in der Gegenwart ruhig geworden.

„ Wir hatten sieben Wochen lang ununterbrochen gegen den Sturm ankämpfen müssen; [ … ] Um soüberraschender war diese Stille “ (S. 289)

Damit einhergehend ist auch die Reichweite eher gering, da es sich lediglich um ein paar Stunden handeln dürfte.

Die Anachronien in ‚Das Mal’ sind sowohl Pro- als auch Analepsen, dabei sind sie stets extern und von geringem Umfang. Im Gegensatz dazu sind Umfang und Reichweite der Anachronien in ‚Am Ufer’ größer.

I.1.1.2. Dauer

Die Darstellung des Geschehens braucht eine gewisse Zeitspanne, was in verschiedenen Grundformen der Erzählgeschwindigkeit geschieht. In Anlehnung an Martinez/Scheffel sind hier folgende Formen von Bedeutung: zeitdeckendes Erzählen (Szene), zeitdehnendes Erzählen (Dehnung), zeitraffendes bzw. summarisches Erzählen (Raffung) und der Zeitsprung (Ellipse).4

In ‚Am Ufer’ finden sich verschiedene Erzählgeschwindigkeiten. Szenen sind dort zu finden, wo sich die Gäste im Wirtshaus unterhalten, und in dem langen Dialog zwischen dem Jungen und Nellie. (Vgl. S. 20) Hier stimmt die Dauer der Erzählten Zeit mit der Erzählzeit überein. Eine Dehnung in der Erzählzeit findet sich dort, wo die Vorgänge im Inneren des Jungen dargestellt werden. „ [ … ] Aber es war mir angenehmer, nur einfach mit ihr dazustehen und nichts zu tun. Ich hätte noch lange so dastehen m ö gen. “ (S. 15)

Summarisches Erzählen findet sich in den Analepsen, wo in einer Rückblende das Geschehen zusammengefasst wird. Der Wechsel von Raffung und Szene bildet einen narrativen Grundrhythmus, welcher sich in den meisten Erzählungen findet.

Die extremste Form der Raffung ist der Zeitsprung. Bei dieser impliziten Ellipse wird die Zeitspanne der Aussparung nicht benannt.

„ Ja, vielleicht kommt es noch so, dass ich mich in dich verliebe. “ - // Später lagen wir einige Zeit still. “ (S. 24) Aussparungen betreffen in der Regel eher ein für die Geschichte unwichtiges Geschehen. Hier bleibt zunächst offen, was in dieser ausgesparten Zeit geschehen ist. Darauf wird später noch einmal eingegangen.

Im Gegensatz zur Ellipse in ‚Am Ufer’ kann bei der expliziten Ellipse in ‚Das Mal’, in welcher die ausgelassene Zeitspanne angegeben ist, davon ausgegangen werden, dass in der ausgesparten Zeit nichts Gravierendes geschehen ist.

„ [ … ] die Schlittenhunde legten sich ins Geschirr. // Wir brauchten eine gute Stunde, bis wir hinkamen. “ (S. 283) Eine Möglichkeit, die Erzählgeschwindigkeit zu verlangsamen, ist das zeitdehnende Erzählen. Dabei ist die Erzählzeit, welche für die Darstellung des Ereignisses verwendet wird, erheblich länger als die Zeit, welche das Ereignis selbst in Anspruch nimmt.

Während der Expeditionsteilnehmer neben dem lächelnden Erfrorenen steht, wird die Zeit gedehnt, indem die Vorgänge in der erlebenden Figur dargestellt werden. (Vgl. S. 284) Auch in ‚Das Mal’ findet sich der narrative Grundrhythmus, welcher eine Beschleunigung des Erzähltempos bewirkt und gleichzeitig eine gewisse Distanz zum erzählten Geschehen aufbaut.5

Eine szenische Darstellung findet sich bei der Unterhaltung der Männer im Zelt. (Vgl. 287)

Diese Szene endet mit einer Raffung und einem abschließenden Absatz, welcher den Zeitsprung ankündigt, der durch eine explizite Ellipse deutlich gemacht wird.

„ [ … ] es wurde still im Zelt. [ … ] Ich wartete wohl mehrere Stunden, bis ich dachte, da ß es Nacht wäre. “ (S. 289) Die Zeit, in der sich der Ich-Erzähler alleine draußen bei dem Erfrorenen befindet, wird als summarisches Erzählen „ Vorsichtig kroch ich aus dem Schlafsack, [ … ] “ (S. 289) bzw. als zeitdehnendes Erzählen „ Ich stellte mir vor, ich stände da hinten [ … ]. “ (S. 290) wiedergegeben. Am Ende der Erzählung findet sich eine kurze Raffung, welche in einem Zeitsprung zum letzten Satz der Geschichte führt. Dabei baut der letzte Satz durch eine implizite Ellipse eine Distanz zum erzählten Geschehen auf.

„ Wozu sollten wir noch sprechen? / Dies habe ich sehr viel später aufgeschrieben, So gut ich konnte. “ (S.293)

Die Beschleunigung des Erzähltempos durch den Wechsel von Szene und Raffung und die damit zunehmende Distanz zum erzählten Geschehen finden in der impliziten Ellipse am Schluss der Erzählung ihren Höhepunkt.

I. 1.2. Modus

I.1.2.1. Distanz

Um zu untersuchen, wie mittelbar das Erzählte präsentiert wird, wird zwischen der Erzählung von Ereignissen, Worten und Gedanken, welche im narrativen Modus (d.h. mit Distanz) oder im dramatischen Modus (d.h. ohne Distanz) dargestellt werden können, unterschieden.6

Bei der Erzählung von Ereignissen wird der Eindruck einer unmittelbaren Präsenz durch den Realitätseffekt erzeugt. Die detailreiche Beschreibung der Gegenstände und das Fehlen von Erzählerkommentaren suggerieren eine scheinbare Abwesenheit der narrativen Instanz.7

In ‚Am Ufer’ erzeugt die detailreiche Beschreibung der Nachtfalter (S. 19) diesen Realitätseffekt. Hier steht die Wahrnehmungsperspektive des Jungens, welcher am erzählten Geschehen unmittelbar beteiligt ist, im Vordergrund, wodurch der Eindruck der Nähe zum Geschehen verstärkt wird.

Auch die Ereignisse in ‚Das Mal’ werden im dramatischen Modus erzählt. Dabei wird durch das Fehlen jeglicher Erzähler-Kommentare eine scheinbare Abwesenheit der narrativen Instanz erzeugt. Im Vordergrund steht die Wahrnehmungsperspektive der Hauptfigur. Den Eindruck der Gegenwart des Erzählten erzeugt in vielen Passagen die detailreiche Beschreibung des Geschehens, was den Realitätseffekt verstärkt.

Auch bei der Präsentation von gesprochener Rede lässt sich die Distanz des Erzählten untersuchen. Hierbei geht es um die Darstellung der Figurenrede, also um das, was eine Figur sagt oder denkt und die damit einhergehende Distanz zum Erzählten.

Die Erzählung ‚Am Ufer’ setzt unvermittelt mit direkter Figurenrede ein. (S. 9) Diese findet sich auch in den Dialogen zwischen Nellie und dem Jungen sowie in den Dialogen im Wirtshaus. Die Figuren scheinen ungefiltert zu Wort zu kommen. In diesem dramatischen Modus wird ohne Distanz erzählt, was den Eindruck einer unmittelbaren Präsenz hervorruft. An anderen Stellen finden sich Gesprächsberichte und Erwähnungen des sprachlichen Aktes. Beim Gesprächsbericht: „ Deshalb bestellte ich ihr den Gru ß von meiner Schwester. “ (S. 16) tritt eine größere Distanz zum Erzählten auf. Wird der Inhalt des Gesagten nicht wiedergegeben, sondern lediglich der sprachliche Akt erwähnt, vergrößert sich die Distanz. „ Ich bedankte mich bei ihm, und dann ging er. “ (S. 14) In ‚Am Ufer’ überwiegt allerdings die direkte Figurenrede, was den Realitätseffekt verstärkt.

[...]


1 Vgl. Buhr 1994, S. 16

2 Martinez, Matias und Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltextanalyse. München 1999

3 Vgl. Martinez/Scheffel S. 33f.

4 Vgl. Martinez/Scheffel, S. 40

5 Vgl. Martinez/Scheffel, S. 42

6 Vgl. Martinez/Scheffel, S. 49f.

7 Vgl. Martinez/Scheffel, S. 50

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Hans Erich Nossack. Analyse und Vergleich der Erzählungen "Am Ufer" und "Das Mal"
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar (Seminar II)
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V162958
ISBN (eBook)
9783640771578
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans Erich Nossack, Am Ufer, Das Mal, Spirale
Arbeit zitieren
Juliane Loll (Autor), 2006, Hans Erich Nossack. Analyse und Vergleich der Erzählungen "Am Ufer" und "Das Mal", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162958

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