Hartmann von Aue "Der arme Heinrich" - Krankheit und Heilung


Seminararbeit, 2004

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Bedeutung des Begriffs Krankheit

2. Die Erkrankung Heinrichs
2.1 Verlust der „ ere “
2.2 Die Krankheit als Strafe Gottes

3. Heinrichs Umgang mit seinem Schicksal
3.1 Suche nach Heilung
3.1.1 Besuch der Ärzte
3.2 Hoffnung auf Gott
3.3 Das Mädchen als Mittel zum Zweck

4. Die Heilung
4.1 Heinrich rettet das Mädchen
4.2 Heilung durch Gottes Gnade

5. Materielle und metaphorische Aspekte von Krankheit und Heilung im Armen Heinrich
5.1 Materielle Aspekte
5.2 Metaphorische Aspekte
5.3 Gegenüberstellung materieller und metaphorischer Aspekte in der Opferungsszene

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Der Arme Heinrich ist eines der letzten Werke Hartmanns von Aue und ist von seinem Inhalt her in die Reihe der Aussatzgeschichten des Mittelalters – wie etwa die Sylvesterlegende und die Freundschaftssage – einzuordnen. Ein Kranker oder

Aussätziger kann nur durch das Blut eines Kindes gerettet und rein gewaschen werden. Dieses magische Rezept, der Aussatz und die Heilung Heinrichs, sind die Basis für Hartmanns Erzählung. Die Handlung beschränkt sich dabei auf den Werdegang Heinrichs, seinem Umgang mit dem von Gott gegebenen Schicksal und der Opferbereitschaft des Mädchens, die durch seine Rettung selbst profitieren möchte. Am Anfang des Werkes spricht Hartmann von sich selbst, seiner sozialen Stellung und seinen Beweggründen Werke zu schreiben. Er spricht dabei von sich in der 3. Person. Seiner Selbstdarstellung folgt die Beschreibung Heinrichs und seines Falles vom edlen, tugendhaften Ritter zum Ausgestoßenen.

Im Mittelteil bestimmt hauptsächlich das Mädchen die Handlung, indem sie sich zum Opfer für Heinrichs Errettung bereit erklärt. Nachdem beide bei dem Besuch des Arztes in Salerno als Einheit erscheinen, tritt am Ende der Geschichte die Handlung des Mädchens in den Hintergrund und Heinrich wird wieder in die Gesellschaft integriert.

In meiner Arbeit möchte ich verschiedene Aspekte der Krankheit und der Heilung des Armen Heinrich beleuchten. Des weiteren werde ich Grund seines Leids, seine Suche nach Heilung und die Rolle, die das Mädchen dabei spielt betrachten. Besonders die Beweggründe der Hauptpersonen und ihre Folgen stehen im Vordergrund, aber auch das Verhalten des Heinrich und dessen Umgang mit seinem Schicksaal. An Hand der Schlüsselszene von Hartmanns Armen Heinrich, der geplanten Opferung des Mädchens, werde ich eine Gegenüberstellung von materiellen und metaphorischen Aspekten der Erzählung behandeln. Am Ende der Arbeit möchte ich einen Bezug des mittelalterlichen Werkes zur Gegenwart herstellen und mir eine Theorie erlauben, was Hartmann von Aue mit seinem Werk bezwecken wollte.

1. Bedeutung des Begriffs „Krankheit“

Viele Begriffe haben im Laufe der Zeit, in ihrer Entwicklung vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche, einen Bedeutungswandel vollzogen, d.h., mit der Bedeutung eines uns heute geläufigen Begriffs assoziierten die Menschen im Mittelalter oft ganz andere Dinge. Mit dem Wandel der Gesellschaft erfuhren somit auch einige Begriffe eine Steigerung oder eine Schwächung ihrer Bedeutung aus heutiger Sicht. Manche starben sogar ganz aus oder sind nur noch in einigen Mundarten zu finden.

Das Wort Krankheit, so wie wir es heute verstehen, hat ein sehr weit gefächertes Spektrum an Bedeutungsmöglichkeiten. Wir verwenden es für körperliche und psychische Leiden, sowohl für eine leichte Erkältung als auch für schwere, tödliche Krankheiten. Im Mittelalter war das hingegen nicht so. Das Wort kranc bedeutete zunächst nicht mehr als schlecht, gering, schwach oder wurde sogar neutral verwendet mit der Bedeutung schlank. Auch gab es den Kontrast von

kranc als Synonym für böse und gesunt mit der Bedeutung gut. Erst im 14. Jhdt.

bekam krank in Anfängen den Sinn unseres heutigen Wortes Krankheit und verdrängt das bis dato benutzte Wort siech. Die krancheit stand dabei aber immer in einem direkten Bezug zu Gott. Sie galt als das von Gott geschickte Übel.

Im Armen Heinrich bezeichnet Hartmann die Krankheit als siechtum (V. 143), siechheit (V. 166) und suht (V. 232). Mit diesen Begriffen verband man eine von Gott geschickte, schwere Krankheit wie z.B. die Pest, den Aussatz oder starkes Fieber. Auch ein psychisch Kranker leidet an suht, in diesem Fall mit der Bedeutung Wahnsinn. Im Neuhochdeutschen assoziiert man mit Sucht nur noch eine in erster Linie psychische Abhängigkeit wie z.B. der Nikotinsucht. Das Wort siech hingegen ist aus unserem heutigen Sprachgebrauch gänzlich verschwunden und findet sich nur noch im bairischen Dialekt mit dem Bezug zu einer schweren, meist zum Tod führenden Krankheit bei Tieren.[1]

2. Heinrichs Erkrankung

Hartmann stellt uns die Figur des Armen Heinrich als einen vorbildhaften Ritter vor, der von edler Abstammung und frei von jedem Makel ist. Er besitzt eine vollkommene Erziehung und genießt hohes Ansehen innerhalb seiner Gesellschaft. Mit dem Ausbruch seiner Krankheit setzt jedoch schlagartig ein Wandel in Heinrichs leben ein, der ihn von der bisherigen Höhe seines Daseins in die Tiefe reißt.

2.1 Verlust der „ ere “

Nach dem Ausbruch der Krankheit folgt die Reaktion der Mitmenschen auf Heinrichs Schicksaal. Der Aussätzige wird von der Gesellschaft - nicht nur von der höfischen sondern auch von der bäuerlichen – als widerwärtig empfunden

wart er dô widerzæme (v. 123). Der Ritter stürzt herab von der Höhe größten Ansehens in ein Unglück, das ihm Schande einbringt. Es fehlt eine äußerliche Beschreibung der Symptome des Aussatzes. Stattdessen rückt Hartmann die Verachtung der Gesellschaft als Folge in den Vordergrund. Hartmann beschreibt dadurch ein mit der Krankheit des Aussatzes verbundenes psychisches Leid. Heinrich verliert durch die Krankheit die Anrede herre und wird nun als der Arme Heinrich bezeichnet (V. 133). Gerade für ein Mitglied der höfischen Gesellschaft des Mittelalters ist dieser Verlust der ere ein besonders herber Schlag, der vielleicht sogar schwerer wiegt als der Verlust des eigenen Lebens. Denn zu dieser Zeit ist jegliches Streben und Handeln auf die Erlangung von ere fixiert. Dieser Schlüssel der Gesellschaft ermöglicht einen Aufstieg, oder wie bei Heinrich, bei Verlust, einen nicht zu verhindernden Abstieg. Heinrich empfindet bitteres leit (V. 137). Er ist dazu bereit, sein gesamtes Hab und Gut zu verschenken und zieht sich aus der Gesellschaft zurück. Der psychische Schmerz, der Verlust seines bisherigen Status und seiner Art zu leben, ist für Heinrich die mit der Krankheit verbundene Katastrophe und nicht, wie wir heute etwa vermuten würden, die mit dem Aussatz einhergehenden körperlichen Schmerzen.

2.2 Die Krankheit als Strafe Gottes

In seinem bisherigen Leben war Heinrich ein vom Glück verwöhnter Mensch,

der dieses Glück durch seine vorbildlichen Qualitäten und seinen Charakter offensichtlich auch verdient hatte. Mit dem Zitat „ mêdîa vîtâ in morte sûmus

(v. 92,93) beruft sich Hartmann auf eine Weisheit der Bibel. Der Mensch ist dann dem Tod am nächsten, wenn er glaubt, mitten im Leben zu stehen. Er spielt damit auf die metaphorische Symbolik der Fortuna als ein sich drehendes Rad an, das besagt, dass derjenige der vom Glück begleitet, der oben steht, auch wieder nach unten fällt und sich das Glück somit von ihm abwenden wird.

Dem vollkommenen Ritterdasein des Heinrich folgt also konsequenter Weise der tiefe Fall.

Dennoch stellt sich dem Leser und auch Heinrich selbst die Frage, warum gerade ihn, der sich ja nichts Schlechtes zu schulden kommen lässt, die von Gott geschickte Krankheit trifft. Weswegen trifft ihn die gotes zuht (V. 120)?

Diese Frage, die man auch als die Theodizeefrage[2] bezeichnen kann, wird von Hartmann beantwortet. Auf die Frage des Meiers nach einer möglichen Heilung antwortet Heinrich mit der Erkenntnis, dass er in seinem früheren Leben keinen Platz für Gott gelassen hat. Er sagt: „ dô nam ich sîn vil kleine war, der mir daz selbe wunschleben von sînen gnâden hete gegeben “ (V. 391-393).

Barbara Schmidt-Krayer vertritt die Meinung, dass Heinrich nicht die nötige Gottesfürchtigkeit und Demut vor Gott besitzt, obwohl diese als christliche Haupttugenden angesehen wurden.[3]

Auch ist die Art der Krankheit bezeichnend für Heinrichs Schuld, denn im Mittelalter hat, nach der damaligen Ansicht, die Krankheit Lepra, von der Heinrich scheinbar betroffen ist, immer einen Bezug zur eigenen Schuldhaftigkeit,

d.h., Gott schickt die Krankheit als Strafe für ein menschliches Versagen oder Fehlverhalten.

Diese Sichtweise geht davon aus, dass Gott Heinrich für seinen früheres, gottloses Leben bestraft. Zudem aber besteht die Möglichkeit, den von Gott geschickten

Aussatz nicht als Strafe, sondern als Prüfung zu sehen. Für diese These würde nicht nur sprechen, dass es Gott gefällt die Menschen zu prüfen, um zu erkennen ob sie seine bisherige Gnade auch verdient haben, sondern auch die Tatsache, dass Heinrich bis auf seine mangelnde Gottesfürchtigkeit ein tugendhaftes Leben führt, in dem es nichts gab, das bestraft werden müsste.

Beide Möglichkeiten sind theoretisch denkbar, wobei die Theorie der Prüfung als die logischere und verbreiterte Lösung erscheint.

3. Heinrichs Umgang mit seinem Schicksaal

Nach dem Ausschluss aus der Gesellschaft ist Heinrich nicht bereit sich mit seinem Schicksaal abzufinden. Er ist aus dem Glück in die Krankheit gestürzt und sucht nach einem schuldhaften Versagen seinerseits, das diese Strafe Gottes rechtfertigt. Er findet jedoch keine schwere Schuld, wohl aber eine gefährliche Blindheit gegenüber Gott.[4]

3.1 Suche nach Heilung

Heinrich ist trûric und unvrô (V. 148) und versinkt im Selbstmitleid sein schönes, bisheriges Leben verloren zu haben. Im Gegensatz zu Hiob der mit Geduld seine Krankheit und Erniedrigung auf sich nimmt und an Gott glaubte,

kommt Heinrich gar nicht auf die Idee sein Schicksaal in die Hände Gottes zu legen.

3.1.1 Besuch der Ärzte

In ganz pragmatischer und uns heute als nur zu verständlich erscheinender Weise sucht Heinrich, um seine Heilung zu erlangen, den Rat der Ärzte. Zunächst in Montpellier, dann in Salerno. Als ihm die Ärzte von der Unheilbarkeit seiner Krankheit berichten, bricht für Heinrich, der ja immer noch fest im Glauben an das Können der Ärzte seinem Schicksaal zu entrinnen glaubte, seine bisherige Welt zusammen. Das ihm vom Arzt vorgeschlagene Heilmittel scheint ihm so absurd und unmöglich zu sein, dass er es zunächst gar nicht als mögliche Rettung in Betracht zieht, sondern sich nun seiner unvermeidbaren Zukunft, gebrochen und willenlos zuwendet.

In anbetracht der Theorie Heinrichs Leiden sei eine Prüfung und keine Strafe Gottes, so besteht Heinrich, durch seine Reise zu den Ärzten, die Prüfung nicht. b Nach Rainer

Malkowski ist gerade der Gang zu den Ärzten ein Verstoß gegen die göttliche Absicht.[5] Denn zum einen zeigt diese Stelle, dass Heinrich mehr Vertrauen in die Kunst der Ärzte hat als in die Gnade Gottes und zum anderen, dass somit der Arzt, indem er ihm den Opfertod des Mädchens als mögliches Rezept für seine Heilung anrät, als Versucher an ihn herantreten kann.

Wie in der Sylvesterlegende wird der Analogiezauber des Arztes, in dem das Blut unschuldiger und reiner Kinder das Übel und Leid abwaschen soll, als heidnisches Ritual dargestellt. Nur Christus allein ist es vorbehalten die Schmerzen anderer durch Wunder zu heilen und zu sterben um ihr Leiden zu beenden. Demnach muss also der Rat des Arztes als Gotteslästerung angesehen werden, weil er dem Mädchen jene Aufgabe überträgt, welche ausschließlich Christus allein zusteht und existenzielle Grundlage des christlichen Glaubens ist.

Heinrich erkennt die Grenzen des menschlich Möglichen und seine Hoffnung wandelt sich in Verzweiflung.

[...]


[1] Alle Angaben zur Wortbedeutung beziehen sich auf: Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch.

[2] Das Problem der Theodizee behandelt eine der Grundfragen der christlichen Theologie, der Gerechtigkeit Gottes. Wie kann ein allmächtiger Gott das Übel, Krieg und Krankheit zulassen. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus theos (Gott) und diké (Gerechtigkeit) zusammen.

[3] Barbara Schmidt-Krayer: Kontinuum der Reflexion, S. 53-55.

[4] Christoph Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“, S. 15.

[5] Norbert Miller: Nachwort zu Rainer Malkowskis Der Arme Heinrich, S. 131.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Hartmann von Aue "Der arme Heinrich" - Krankheit und Heilung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V162979
ISBN (eBook)
9783640771486
ISBN (Buch)
9783640771677
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armer Heinrich, Krankheit, Mediävistik
Arbeit zitieren
Markus Wagner (Autor), 2004, Hartmann von Aue "Der arme Heinrich" - Krankheit und Heilung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162979

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