FISCHER und RIEDESSER unterscheiden in ihrem "Lehrbuch der Psychotraumatologie" (1998)
zwischen postexpositorischer Traumatherapie und Therapie traumatischer Prozesse. Unter
postexpositorischer Traumatherapie verstehen sie eine Trauma-Akuttherapie, die möglichst
bald nach der Einwirkungsphase des Traumas stattfinden sollte, also dann, wenn die
Betroffenen sich von der direkten Einwirkung der traumatischen Situation zu erholen
beginnen. Sinn dieser Art von Therapie ist es, streßreduzierend zu wirken, verzögert
auftretende posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) oder Chronifizierungen zu mindern
und die Fixierung pathologischer Reaktionen zu vermeiden. Bei den traumatischen Prozessen
hingegen hat sich die Persönlichkeit an die traumatische Erfahrung angepaßt und hat gelernt
mit ihr zu leben. Die traumatischen Ereignisse liegen längere Zeit zurück und unterliegen oft
einer Erinnerungsverzerrung. Manchmal sind sie verdrängt oder zwar erinnerbar, jedoch ohne
die zugehörige emotionale Bedeutung, also abgespalten. Dies hat meist dazu geführt, daß sich
Persönlichkeitsstrukturen wie ein Schutzwall um die "Wunde" herum organisiert haben. Die
Psychotherapie traumatischer Prozesse besteht hier in der Bearbeitung der verzerrten
Abwehrstrukturen in Verbindung mit einer Stärkung der gesunden Strukturen und zielt auf
Wiedererleben, Durcharbeiten und die Integration der traumatischen Erfahrung ab. In der
Praxis lassen sich diese beiden Arten der Therapie jedoch kaum trennen, meist befinden sich
die Therapien wohl irgendwo zwischen diesen beiden Polen. In den folgenden Betrachtungen
werden hauptsächlich Verfahren vorgestellt, die man eher der akuten Traumatherapie
zuordnen würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeines zur Traumatherapie
2.1 Widerstände und Abwehrprozesse bei der Therapie traumatisierter Patienten
2.2 Regeln der Traumatherapie
3. Psychodynamische Therapien
3.1 Beschreibung allgemeiner Therapieansätze
3.2 Indikation
3.3 Forschungsergebnisse
3.4 Psychoanalytische Fokaltherapie der PTBS nach LINDY
3.5 Psychodynamische Therapie nach HOROWITZ
4. Kognitive Verhaltenstherapien
4.1 Theoretischer Rahmen
4.2 Kognitiv-behaviorale Behandlungstechniken
4.3 Forschungsbelege für die verschiedenen Behandlungstechniken
4.4 Breitspektrum-Therapie nach SCRIGNAR
4.5 Die dialektisch-behaviorale Therapie bei Borderline-Patienten
5. Gruppentherapie
5.1 Definition
5.2 Gruppenpsychotherapie traumatisierter Patienten in homogenen Gruppen
5.3 Supportive Gruppentherapien
5.4 Psychodynamische Gruppentherapien
5.5 Kognitiv-behaviorale Gruppentherapien
5.6 Ergebnisse empirischer Studien
5.7 Das Göttinger Modell
6. Ehe- und Familientherapie
6.1 Theoretischer Rahmen
6.2 Systemische Therapieansätze
6.3 Supportive Therapieansätze
6.4 Indikation
6.5 Forschungsergebnisse
7. Kreative Therapien
7.1 Definition
7.2 Klinische Bedingungen für den Einsatz kreativer Verfahren zur Traumatherapie
7.3 Behandlungskonzepte
7.4 Indikation
7.5 Techniken
7.6 Empirische und klinische Befunde
8. Zusammenfassende Bewertung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen umfassenden Überblick über verschiedene psychotherapeutische Ansätze zur Behandlung von Traumafolgestörungen. Ziel ist es, die Vielfalt der therapeutischen Möglichkeiten, ihre theoretischen Hintergründe und ihre jeweilige Wirksamkeit kritisch zu beleuchten.
- Psychodynamische Verfahren und deren spezifische Fokus-Ansätze
- Kognitive Verhaltenstherapien inkl. Exposition und Stresstraining
- Gruppentherapeutische Ansätze und deren Indikationsstellung
- Ehe- und Familientherapeutische Interventionen bei Traumatisierung
- Kreative Therapien als nonverbale Ausdrucksmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
4.5 Die dialektisch-behaviorale Therapie bei Borderline-Patienten
Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) von LINEHAN (1993) gilt als das empirisch am besten gesicherte Konzept zu Behandlung von Borderline-Störungen. Sie wurde zunächst spezifisch zur ambulanten Therapie von Patienten mit Borderline-Störungen entwickelt und wird derzeit für die Therapie schwerwiegender dissoziativer Störungen erweitert. Da ca. 75% aller Patienten mit einer Borderline-Störung schwere traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit erlitten haben, zudem ein Großteil der Betroffenen ausgeprägte dissoziative Phänomene erlebt, kann die Traumatherapie im Rahmen der DBT als Modell für kognitiv-behaviorale Behandlung früher traumatischer Erfahrungen gesehen werden und soll deshalb auch hier dargestellt werden.
Dazu ist zunächst eine kurze Erläuterung des Störungsbildes nötig. Aus kognitiv-behavioraler Sichtweise zeichnen sich Borderline-Patienten vor allem darin aus, daß sie häufig inkompatible, das heißt widersprüchliche, kognitiv-emotionale Schemata aktivieren. Widersprüchliche Schemata erlauben aber keine lösungsorientierten Verhaltensweisen. Vielmehr geraten die Betroffenen in extreme Spannungszustände, deren Ursachen schlecht auszumachen sind. Ein Beispiel für ein solchen dysfunktionales Schema ist in nachfolgender Abbildung dargestellt und läßt sich beispielsweise darauf zurückführen, daß Borderline-Patienten als Kinder häufig damit konfrontiert waren, daß Täter und wichtige primäre Bezugsperson identisch sind. Der Täter wurde daher nicht ausschließlich als Angreifer erlebt, sondern zugleich als liebendes, schutzgebendes Objekt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert die Grundlagen der Psychotraumatologie und unterscheidet zwischen akuter Trauma-Therapie und der Bearbeitung chronifizierter Prozesse.
2. Allgemeines zur Traumatherapie: Erläutert die notwendige Selbstreflexion von Therapeuten, typische Abwehrstrategien bei Opfern und grundlegende Verhaltensregeln für den therapeutischen Alltag.
3. Psychodynamische Therapien: Detailliert die Anwendung von Übertragung und Gegenübertragung sowie spezifische fokal-analytische Ansätze wie die von Lindy und Horowitz.
4. Kognitive Verhaltenstherapien: Analysiert lerntheoretische und sozial-kognitive Modelle sowie diverse Techniken wie Exposition und das Stress-Impfungs-Training.
5. Gruppentherapie: Untersucht die Besonderheiten bei der Behandlung in homogenen und heterogenen Gruppen, inklusive spezieller Modelle wie dem Göttinger Modell.
6. Ehe- und Familientherapie: Behandelt die systemische Perspektive auf Traumafolgen und Möglichkeiten der Einbeziehung von Angehörigen zur Förderung des sozialen Unterstützungssystems.
7. Kreative Therapien: Diskutiert nonverbale Methoden wie Kunst- oder Musiktherapie als Zugangsweg zu impliziten traumatischen Gedächtnisinhalten.
8. Zusammenfassende Bewertung: Fasst die Wirksamkeit der verschiedenen Ansätze zusammen und betont die Sinnhaftigkeit kombinierter therapeutischer Strategien.
Schlüsselwörter
Traumatherapie, Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, Psychodynamik, Verhaltenstherapie, Exposition, Borderline-Störung, Familientherapie, Gruppentherapie, Kreative Therapie, Traumatisierung, Psychotraumatologie, Stressbewältigung, Dissoziation, therapeutische Intervention
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den vielfältigen psychotherapeutischen Methoden, die bei der Behandlung von traumatisierten Patienten und Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen zum Einsatz kommen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Das Spektrum reicht von klassischen psychodynamischen Therapien und kognitiven Verhaltenstherapien über Gruppen- und Familientherapien bis hin zu kreativen, nonverbalen Therapieformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine wissenschaftliche Übersicht der verschiedenen Behandlungsansätze, ihrer theoretischen Fundierung und ihrer Wirksamkeit bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden beschrieben?
Die Arbeit beschreibt eine Vielzahl klinischer Methoden, darunter systematische Desensibilisierung, Expositionstherapie, dialektisch-behaviorale Konzepte (DBT) und psychoanalytische Fokaltherapien.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Hauptteil ist methodisch strukturiert und analysiert die spezifischen Ansätze für Einzel-, Gruppen-, Familien- und kreative Therapien samt ihrer jeweiligen Indikationen und empirischen Befundlage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Traumatherapie, PTBS, psychodynamische Verfahren, kognitive Verhaltenstherapie, Exposition, Dissoziation und der therapeutische Umgang mit Traumaschemata.
Welche Rolle spielt die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) für Traumapatienten?
Die DBT dient insbesondere bei Borderline-Patienten als Modell, um durch den Aufbau von Fertigkeiten (Skills) eine Stabilisierung zu erreichen, die wiederum die Voraussetzung für eine tiefere Traumaarbeit bildet.
Warum ist die Arbeit in verschiedene Therapierichtungen unterteilt?
Diese Unterteilung reflektiert die unterschiedliche theoretische Herangehensweise an Trauma-Symptome, sei es die Aufdeckung unbewusster Konflikte oder die direkte Modifikation von Vermeidungsverhalten und maladaptiven Kognitionen.
- Arbeit zitieren
- Nicola Ferdinand (Autor:in), Gernot Quinten (Autor:in), 2002, Traumatherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16302