Verantwortung und Beteiligung der Wehrmacht an der Ermordung der Juden im Russland-Feldzug


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.1 Vorwort
1.2 Forschungsstand

II. Die Wehrmacht im Vorfeld des Unternehmens Barbarossa
11.1 Formale Regelung der Kompetenzen zwischen Wehrmacht, SS und Polizei
11.2 Volkerrechtswidrige Befehle
11.3 Rassistisches Feindbild

III. Die Beteiligung der Wehrmacht am Judenmord
111.1 In den Militarverwaltungsgebieten
111.2 In den Zivilverwaltungsgebieten

IV. Handlungsspielraume der Wehrmacht beim Judenmord

V. Zusammenfassung

VI. Literatur

I. Einleitung

I.1 Vorwort

Nachdem am 22. Juni 1941 die deutsche Wehrmacht die Demarkationslinie zur Sowjetunion, uberschritten hatte, begann der Zweite Weltkrieg nach dem Polenfeldzug endgultig in Osteuropa. Damit setzte bis zur bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches im Mai 1945 das dusterste Kapitel in der deutschen Geschichte ein. Bei dem Angriff auf die Sowjetunion handelte es sich um einen geplanten Angriffskrieg, der das Volkerrecht missachtete und verletzte. Von einem deutschen Praventivschlag gegen die Sowjetunion kann hier nicht gesprochen werden.[1] Dieser Krieg im Osten - in der Sowjetunion als Grofier Vaterlandischer Krieg bezeichnet, in Deutschland als Russland-Feldzug oder Unternehmen Barbarossa bekannt - hat im Gegensatz zu den westlichen Feldzugen Hitlers einen ganz eigenen und einmaligen Charakter. Er kann mit keiner militarischen Auseinandersetzung, die die Geschichte der Menschheit von Anfang an begleitet, verglichen werden. Wahrend bei den militarischen Feldzugen im Westen das Ziel war, den Gegner militarisch zu unterwerfen, verfolgte man im Russland-Feldzug zwei unterschiedliche Ziele, die aber eng miteinander verknupft waren. Zum einen sind hier strategische Uberlegungen zu nennen. Nachdem man Grofibritannien in der Luftschlacht im Jahr 1940 nicht zu Friedensverhandlungen bewegen konnte, versuchte man nun, die Sowjetunion als potenziellen Verbundeten Grofibritanniens zu entziehen.[2] Das andere, weit bedeutsamere Ziel war, die ideologischen Vorstellungen Hitlers von der Eroberung von Lebensraum im Osten, der Vernichtung des Bolschewismus, der systematische Vernichtung der Juden und der Zuruckdrangung der Slawen, die von den Nationalsozialisten als Untermenschen betrachtet wurden, in die Realitat umzusetzen.[3] Damit kann man beim Russland-Feldzug nicht von einem alleinigen militarischen Konflikt sprechen, sondern von einem ideologisch gepragten Vernichtungskrieg. Es stellt sich hier die Frage, wer die Rolle der Exekutive in diesem Vernichtungskrieg im Osten einnehmen sollte, um die ideologische NS-Ziele vor Ort durchzusetzen. Als Tater im Vernichtungskrieg wurden immer die SS- und Polizeiverbande in den Vordergrund geruckt, die unter dem Befehl des Reichsfuhrer-SS Heinrich Himmler an und hinter der Front bzw. in Konzentrations- und Vernichtungslager die NS-Ideologie durchsetzten. Von der Wehrmacht wurde nur selten gesprochen. Es wurde immer versucht das Bild einer sauberen Streitmacht aufrechtzuerhalten, die stets nur ihre militarische Funktion in der Eroberung von feindlichem Territorium und der militarischen Niederwerfung des Gegners erfullte. Damit wurde aber ein einseitige Bild von der Wehrmacht im Russland-Feldzug dargestellt. Denn die Wehrmacht ist, wie die SS- und Polizeiverbande, verantwortlich fur die Massenverbrechen, die im Osten begangen wurden.

Diese Arbeit soll sich auf die Darstellung der Verantwortung und der Beteiligung der Wehrmacht am Judenmord beschranken. Zunachst soll der momentane Forschungsstand uber die allgemeine Beteiligung der Wehrmacht an Massenverbrechen im Osten dargestellt werden. Anschliefiend soll gezeigt werden, wie die Wehrmacht bereits im Vorfeld des Unternehmens Barbarossa das Fundament fur den Volkermord legte. Im folgenden Teil soll dann naher auf die Formen der Beteiligung der Wehrmacht am Judenmord wahrend des Feldzuges eingegangen werden und damit gezeigt werden, wie Wehrmachtssoldaten zum Tater im Vernichtungskrieg wurden. Zuletzt wird noch der Handlungsspielraum angesprochen, der Wehrmachtssoldaten im Vernichtungskrieg zur Verfugung gestanden hatte.

I.2 Forschungsstand

Mythos „saubere“ Wehrmacht. Was ist damit gemeint? Es soil hier zum Ausdruck gebracht werden, dass die Wehrmacht im Russland-Feldzug nur ihrer vorgesehenen militarischen Aufgabe nachgekommen ist. Der „schmutzige“ Teil des Russland-Feldzuges, die systematische Ermordung des „judischen Bolschewismus“ und des damit begangenen Genozids, lagen in alleiniger Verantwortung bei den SS- und Polizeiverbanden.[4] Mit den zwei Wehrmachtausstellungen des Hamburger Instituts fur Sozialforschung uber die Verbrechen der Wehrmacht ruckten die von der Wehrmacht begangenen Verbrechen wieder vermehrt in den Mittelpunkt der Forschung. Die beiden Ausstellungen losten eine politische Debatte aus. Nicht nur in der Offentlichkeit wurde uber den Anteil der Wehrmacht an den Verbrechen diskutiert, sondern auch in der Fachdisziplin, die dadurch neue Forschungsimpulse erhielt.[5] Dadurch konnte ein viel klareres Bild von der Wehrmacht im Russland-Feldzug gewonnen werden und aufgezeigt werden, wie tief die Wehrmacht in den Vernichtungskrieg involviert war. Der Mythos „saubere“ Wehrmacht konnte entzaubert werden. Denn ohne die Wehrmacht waren die Massenverbrechen im Osten in dem zur Zeit bekannten Ausmafi nicht moglich gewesen.[6]

a) Bereits bei der Planung zum Unternehmen Barbarossa teilte die Wehrmachtsfuhrung die Auffassung Hitlers, dass im Osten ein Weltanschauungskrieg gefuhrt werden muss. Sie ging daruber hinaus noch wesentlich weiter. Durch die Herausgabe von Weisungen und Befehle u.a. der Kriegsgerichtsbarkeitserlass und der Kommissarbefehl im Mai und Juni 1941 an die Streitkrafte ebnete die Wehrmachtsfuhrung den Weg zu Hitlers Rassenkrieg im Osten. Sie verletzte damit die Haager Landkriegsordnung, wie auch die Genfer Konvention. Des Weiteren erlaubte die Wehrmachtsfuhrung, dass Himmlers Einsatzgruppen in eigener Regie Exekutionsmafinahmen gegenuber der Zivilbevolkerung durchfuhren konnten.[7]

b) Unbestreitbar ist die Tatsache, dass die Wehrmacht im Russland-Feldzug nicht nur verbrecherische Befehle und Weisungen an die deutschen Truppen gab, sondern auch direkt Verbrechen beging. Die alleinige Verantwortung fur die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen trug die Wehrmacht und auch das damit verbundene Massensterben der Kriegsgefangenen. Von 5,7 Millionen sowjetischen Soldaten starben schatzungsweise 3,3 Millionen an Hunger und Durst, an Folgen von Nasse und Frost und an Entkraftung und Seuchen.[8] Die Wehrmacht hielt es nicht fur angemessen humanitar zu intervenieren.

c) Die Wehrmacht war strukturell am Genozid beteiligt. Der Vernichtungskrieg war ein deutsches Projekt, in welchem eine arbeitsteilige Struktur bei den Massentotungen herrschte. Kompetenzen und Zustandigkeitsbereiche der Wehrmacht, der SS und der Polizei uberschnitten sich im alltaglichen Leben in den besetzen Gebieten und waren nicht scharf voneinander getrennt. Die Wehrmacht arbeitete mit der SS und der Polizei alltaglich auf allen Eben zusammen.[9] Beim Genozid unterstutzten sie die Einsatzgruppen mit Munition und mit Lkws fur den Transport der Opfer. Des Weiteren stellten sie selbst Personal fur die Durchfuhrung von ErschieBungen zur Verfugung, sowie Pioniere fur die Sprengung der Rander der Massengraber.[10]

Obwohl in den letzten Jahren ein viel klarer Bild von der Wehrmacht im Vernichtungskrieg gewonnen werden konnte, gibt es dennoch noch einige Forschungsfelder, die noch intensiver zu erkundigen sind, wie Horst Moller schreibt. Zum einen ist noch immer nicht im vollen AusmaB bekannt, wie stark die Wehrmacht an den Massenverbrechen beteiligt war. Zum anderen ist noch die Frage zu klaren, inwieweit die Befehlshaber der einzelnen militarischen Einheiten und die einzelnen Soldaten Verantwortung fur den Genozid tragen. Ein weiteres wichtiges Forschungsfeld ist die Stellung der Wehrmacht im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Zum Schluss muss noch die Rolle der politischen Ideologie und Mentalitat naher untersucht werden, die zum Genozid im Osten fuhrten.[11]

II. Die Wehrmacht im Vorfeld des Unternehmens Barbarossa

II. 1 Formale Regelung der Kompetenzen zwischen Wehrmacht, SS und Polizei

Diese Aufgaben sind so schwierig, daB man sich nicht dem Heer zumuten kann. [...]“ Dies gab Hitler am 3. Marz 1941 gegenuber dem Chef des Wehrmachtsfuhrungsstabes, Alfred Jodl, bekannt und teilte ihm mit, dass es sich beim Unternehmen Barbarossa um eine „Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen“ handelt, in welchem ,, [...] die ,,judisch- bolschewistische Intelligenz, als bisheriger „Unterdrucker“ des Volkes“ beseitigt werden muss. [...]“[12] Die Oberbefehlshaber haben bereits befurchtete, dass ihre Truppen in diesem auBergewohnlichen Feldzug stark mit politischen Aufgaben belastet werden wurden[13] und sie daher ihrer militarischen Tatigkeit nicht angemessen nachkommen konnten. Die Wehrmachtsfuhrung teilten zwar die Ziele von Hitlers Weltanschauungskrieg, doch die „politischen Sauberungen“ wollten sie selbst nicht ubemehmen.[14] Es kam daher den Oberbefehlshaber sehr gelegen, dass Hitler eine Aufgabenteilung im Russland-Feldzug zwischen Wehrmacht, SS und Polizei vorsah. Am 13. Marz 1941 unterzeichnete Wilhelm Keitel Hitlers Weisung Nr. 21, in welcher der Reichsfuhrer-SS Heinrich Himmler Sonderaufgaben im Auftrag des Fuhrers im Operationsgebiet durchfuhren darf. Im Operationsgebiet des Heeres erhalt der Reichsfuhrer SS zur Vorbereitung der politischen Verwaltung Sonderaufgaben im Auftrage des Fuhrers, die sich aus dem endgultigen auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben. [...]“[15] Die OKW-Richtlinien zum Sonderauftrag des Fuhrers ubernahm das OKH ohne Widerspruch.[16] Nach den Verhandlungen zwischen Generalquartiermeister Eduard Wagner und Reinhard Heydrich, die schnell und konfliktfrei gefuhrt worden sind [17] und die Gleichgultigkeit des OKH zeigen, erschien am 28. April 1941 vom OHK „Die Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande des Heeres“[18]. Darin unterschrieb der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch: Die Durchfuhrung besonderer sicherheitspolizeilicher Aufgaben ausserhalb der Truppe macht den Einsatz von Sonderkommandos der Sicherheitspolizei (SD) im Operationsgebiet erforderlich. [...]“ Zu den Aufgaben, die die Sonderkommandos zu erfullen haben, gehort im ruckwartigen Armeegebiet die Sicherstellung von festgelegten Objekten (u.a. Material, Archive, Karteien von reichs- und staatsfeindlichen Organisationen, Verbanden, Gruppen, usw.) und im ruckwartigen Heeresgebiet die Erforschung und Bekampfung der staats- und reichsfeindlichen Bestrebungen. Der Kern der Regelung bezieht sich aber auf die Berechtigung von Exekutivmafinahmen: Die Sonderkommandos sind berechtigt, im Rahmen ihres Auftrags in eigener Verantwortung gegenuber der Zivilbevolkerung Exekutivmafinahmen zu treffen. [...] Die Sonderkommandos der Sicherheitspolizei (SD) fuhren ihre Aufgaben in eigener Verantwortlichkeit durch. Sie sind den Armeen hinsichtlich Marsch, Versorgung und Unterbringung unterstellt. [...]“ Mit der Regelung vom 28. April 1941 leistete die Wehrmachtsfuhrung einen ersten Beitrag zum Volkermord, indem sie den SS- und Polizei Sonderkommandos die Tore zum Vernichtungskrieg offneten. Das OKW und das OKH gewahrleisteten, dass die Sonderkommandos im Verband des Heeres operieren durften aber gleichzeitig den militarischen Befehlshaber[19] entzogen waren: Sie erhalten ihre fachlichen Weisungen vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD und sind bezuglich ihrer Tatigkeit gegebenenfalls einschrankenden Anordnungen der Armeen (s. Ziff. 1. A) unterworfen. [...]“[20] Der Oberbefehlshaber der Armee hatte allerdings die Moglichkeit, den Einsatz der Sonderkommandos in Teilen des Armeegebietes auszuschliefien, in denen durch den Einsatz Storungen der Operationen eintreten konnen. [...]“ Auch im ruckwartigen konnten Einschrankungen angeordnet werden: Bei Gefahr im Verzuge ist der

Befehlshaber im ruckw. Heeresgebiet berechtigt, einschrankende Weisungen zu erteilen, die alien ubrigen Weisungen vorgehen. [...]“ Dies geht auch nochmals aus dem Schreiben des Reichsfuhrers-SS Heinrich Himmler vom 21. Mai 1941 hervor. Der Befehlshaber des ruckwartigen Heeresgebiets ist berechtigt, dem Hoheren SS und Polizeifuhrer Weisungen zu geben, die zur Vermeidung von Storungen der Operationen und Aufgaben des Heeres erforderlich sind. [...]“[21] Mit dieser Regelung waren das OKW und das OKH zufrieden und gaben sich mit Hitlers verbrecherischen Planen ab. Johannes Hurter fasst zusammen: “Diese Ankundigung einer Aufgabenteilung wird die anwesenden Truppenfuhrer beruhigt und dazu beigetragen haben, sich mit den radikalen Aufierungen Hitlers drei Tage spater abzufinden. Vermutlich glaubten und hofften sie, mit den vom Diktator angesprochenen politischen und „kolonialen“ MaBnahmen nicht viel zu tun zu haben.“[22]

II. 2 Volkerrechtwidrige Befehle

Wahrend bei „der Regelung uber den Einsatz der Sicherheitspolizei und des SD im Verband des Heeres“ das OKW und das OKH das Tor fur die SS- und Polizei Sonderkommandos offneten und sie sich selbst nicht „die Finger schmutzig machen wollten“, begaben sich das OKW und das OKH mit dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass und dem Kommissarbefehl auf offensichtlich verbrecherisches Terrain und schufen damit eine wichtige Voraussetzung fur die Beteiligung der Wehrmacht am systematischen Volkermord. Nach der Rede Hitlers vom 30. Marz 1941, in welcher er nochmals vor 250 Generalen seine politischen und ideologischen Plane fur das Unternehmen Barbarossa offenlegte und Harte in diesem Feldzug verlangte ,,Im Osten ist Harte mild fur die Zukunft“[23], gaben das OKW und OHK zwei Befehle heraus, um Hitlers Vorstellungen einer radikalen Kriegsfuhrung in die Tat umzusetzen. Diese beiden Befehle zeigen endgultig, dass die militarische Fuhrungsspitze bereits bei der Planung zum Unternehmen Barbarossa die nationalsozialistische Ideologie mittrug und den Krieg schon im Vorfeld radikalisierte.

Eine wichtige Bedeutung kommt dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass zu, der spater im Feldzug weitreichende Auswirkungen hatte und die Verantwortung des OKW und des OKH im Vernichtungskrieg deutlich zum Ausdruck bringt. Das OKW und das OKH ubernahmen nach Hitlers Rede am 30. Marz 1941 dessen Forderung, wonach in diesem Feldzug die „Vemichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz“ vorangehen und man mit vorbeugender Brutalitat gegen die „deutschfeindlichen Elemente“ vorgehen musse.[24] Das OKW und das OKH erarbeiteten daraufhin, ohne das nochmals AnstoBe von Hitler[25] notwendig waren, entsprechende Befehle. Bereits vor der Herausgabe des Kriegsgerichtsbarkeitserlasses herrschte bei den militarischen Stellen in der Zentrale und an der Front bereits Ubereinstimmung, dass von der sowjetischen Bevolkerung eine Gefahr ausgeht und diese bolschewistisch „verhetzt“ sei. Der Widerstand, der von ihnen durchgefuhrt werden konnte, wurde die dunnen deutschen Nachschublinien und die geringen Sicherungskrafte bedrohen.[26] Am 13. Mai 1941 unterzeichnete Wilhelm Keitel den Kriegsgerichtsbarkeitserlass und setzte damit das geltende Volker- und Kriegsrecht fur das Unternehmen Barbarossa auBer Kraft. Ab dem Zeitpunkt des Uberfalls auf die Sowjetunion wurde die Zivilbevolkerung entrechtet und zu „Freiwild“ erklart. Auch alle anderen Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht, ihre Angehorige und das Gefolge sind von der Truppe auf der Stelle mit den auBersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers niederzukampfen. [...] Gegen Ortschaften, aus denen die Wehrmacht hinterlistig oder heimtuckisch angegriffen wurde, werden unverzuglich auf Anordnung eines Offiziers in der Dienststellung mindestens eines Bataillonskommandeurs kollektive GewaltmaBnahmen durchgefuhrt, wenn die Umstande eine rasche Feststellung einzelner Tater nicht gestatten. [...][27] “ Es wurde vorgeschlagen, dass bei einem Angriff gegen die Truppen 30 Personen aus der jeweiligen Ortschaft zu liquidieren seien. In Serbien wurde sogar angedroht 100 Personen fur einen Anschlag zu erschieBen.[28] Es wird ausdrucklich verboten, verdachtige Tater zu verwahren, um sie bei Wiedereinfuhrung der Gerichtsbarkeit uber Landeseinwohner an die Gerichte abzugeben. [...]“ Deutsche Soldaten, die sich an ExekutivmaBnahmen beteiligen oder andere Gewalttaten an der Zivilbevolkerung begehen, mussten nicht mehr mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen. Fur Handlungen, die Angehorige der Wehrmacht und das Gefolge gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militarisches Verbrechen oder Vergehen ist. [...]“[29] Auf groBe Kritik stieB der Kriegsgerichtsbarkeitserlass allerdings nicht. Er wurde ohne groBen Widerstand an die Truppen weitergeleitet.[30] Vereinzelt gab es Einspruche, wie das Anschreiben zum Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom Oberbefehlshaber des Heeres, von Brauchitsch, vom 24. Mai 1941 erkennen lasst. Von Brauchitsch schreibt darin: Bewegung und Kampf mit der feindlichen Wehrmacht sind eigentliche Aufgaben der Truppe. [...] Besondere Such- und Sauberungsaktionen scheiden daher im allgemeinen fur die kampfenden Truppe aus. [...] Unter alien Umstanden bleibt es Aufgabe aller Vorgesetzten, willkurliche Ausschreitungen einzelner Heeresangehoriger zu verhindern und einer Verwilderung der Truppe rechtzeitig vorzubeugen. [...]“ [31] Anscheinend befurchtet von Brauchitsch, dass Hitler mit dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass das Heer fur seine ethnischen Sauberungsaktionen verwenden konnte und darunter die Disziplin der Soldaten leiden konnte. Im Vordergrund von Brauchitschs Kritik stand aber weniger die Rechte der Zivilbevolkerung als vielmehr die Wahrung der Disziplin in der eigenen Truppe und die damit verbundene Kampfkraft.[32]

Der Kommissarbefehl hingegen, der am 6. Juni 1941 herausgegeben wurde, ist der zweite volkerrechtwidrige Befehl. Darin heiBt es: Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsatzen der Menschlichkeit oder des Volkerrechts nicht zu rechnen. [...] Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsatzlich sofort mit der Waffe zu erledigen. [...]“[33] Im Gegensatz zum Kriegsgerichtsbarkeitserlass galt der Kommissarbefehl ausschlieBlich fur die Kommissare der Roten Armee und betraf nicht die Zivilbevolkerung. Dennoch zeigt er, welchen Charakter der beginnende Krieg haben wird. Fur den spateren Judenmord kommt dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass eine weitaus wichtiger Bedeutung zu als dem Kommissarbefehl.

[...]


[1] Wette, Wolfram: Der Krieg gegen die Sowjetunion - ein rassenideologischer begrundeter Vernichtungskrieg, in: Kaiser, Wolf (hrsg.): Tater im Vernichtungskrieg, Berlin; Munchen 2002, S.17.

[2] Diss.: Arnold, Klaus Jochen: Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzen Gebieten der Sowjetunion, Berlin 2005, S. 36.

[3] Ebd., S.35; Hurter, Johannes: Hitlers Heerfuhrer: Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, Munchen 2006, S.205.

[4] Wette: Der Krieg gegen die Sowjetunion, S.19.

[5] Kaiser, Wolf: Einleitung, in: Kaiser, Wolf (hrsg.): Tater im Vernichtungskrieg. Der Uberfall auf die Sowjetunion und der Volkermord an den Juden, Berlin; Munchen 2002, S.7; Hartmann, Christian; Hurter, Johannes; Jureit, Ulrike: Verbrechen der Wehrmacht. Ergebnisse und Kontroversen der Forschung, in: Hartmann, Christian; Hurter, Johannes; Jureit, Ulrike (hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, Munchen 2005, S.21.

[6] Kaiser, S.9.

[7] Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimension des Vernichtungskrieges 1941­1944, Hamburg 2002, S.37; S.43.

[8] Heer, Hannes: Bittere Pflicht. Der Rassenkrieg der Wehrmacht und seine Voraussetzungen, in: Manoschek, Walter (hrsg.): Die Wehrmacht im Rassenkrieg, Wien 1996, S.122.

[9] Wette: Der Krieg gegen die Sowjetunion, S.19; Pohl, Dieter: Wehrmacht -SS - Polizei. Die Kooperation zwischen Heer, SS und Polizei in den besetzten Gebieten, in: Hartmann, Christian; Hurter, Johannes; Jureit, Ulrike (hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, Munchen 2005, S.111-116.

[10] Pohl: Wehrmacht-SS-Polizei, S.115.

[11] Moller, Horst: Vorwort, in: Hartmann, Christian; Hurter, Johannes; Jureit, Ulrike (hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, Munchen 2005, S.12f.

[12] Schramm, Percy Ernst; Greiner, Helmuth (hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1940-1945, Bd. 1, Frankfurt am Main 1965, S. 341.

[13] Hurter: Hitlers Heerfuhrer, S.238.

[14] Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.), S.56; Wette: Der Krieg gegen die Sowjetunion, S.32.

[15] Hubatsch, Walther: Hitlers Weisungen fur die Kriegsfuhrung 1939-1945, Frankfurt am Main 1962, S.89.

[16] Hurter: Hitlers Heerfuhrer, S.238.

[17] Ebd., S.241.

[18] Ueberschar, Gerd R.: Ausgewahlte Dokumente, in: Ueberschar, Gerd; Wette, Wolfram (hrsg.): „Unternehmen Barbarossa". Der deutsche Uberfall aufdie Sowjetunion 1941, Paderborn 1984, S.303f.

[19] Hurter: Hitlers Heerfuhrer, S.240.

[20] Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande des Heeres, in: Ueberschar: Ausgewahlte Dokumente, S.303f.

[21] Der Reichsfuhrer-SS Heinrich Himmler zum Sonderauftrag des Fuhrers vom 21.5.1941, in: Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.), S.62.

[22] Hurter: Hitlers Heerfuhrer, S.238.

[23] Auszug aus Hitlers Ausfuhrungen am 30.3.1941, in: Ueberschar: Ausgewahlte Dokumente, S.303.

[24] Hurter: Hitlers Heerfuhrer, S.248.

[25] Streit, Christian: Die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen und volkerrechtliche Probleme des Krieges gegen die Sowjetunion, in: Ueberschar, Gerd; Wette, Wolfram (hrsg.): „Unternehmen Barbarossa". Der deutsche Uberfall auf die Sowjetunion 1941, Paderborn 1984, S.200.

[26] Hurter: Hitlers Heerfuhrer, S.248f.

[27] Erlass uber die Ausubung der Kriegsgerichtsbarkeit, in: Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.), S.47.

[28] Pohl, Dieter: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militarbesatzung und einheimische Bevolkerung in der Sowjetunion 1941-1944, Munchen 2008, S.71.

[29] Erlass uber die Ausubung der Kriegsgerichtsbarkeit, in: Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.), S.47.

[30] Hurter: Hitler Heerfuhrer, S.257.

[31] Anschreiben zum kriegsgerichtsbarkeitserlass" vom Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch vom 24.5.1941, in: Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.), S.50.

[32] Arnold, S.139f.

[33] Richtlinien fur die Behandlung politischer Kommissare vom 6.6.1941, in: Hamburger Institut fur Sozialforschung (hrsg.), S.52.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Verantwortung und Beteiligung der Wehrmacht an der Ermordung der Juden im Russland-Feldzug
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V163049
ISBN (eBook)
9783640770724
ISBN (Buch)
9783640771172
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verantwortung, Beteiligung, Wehrmacht, Ermordung, Juden, Russland-Feldzug, Verbrecherische Befehle, Handlungsspielraum
Arbeit zitieren
Bastian Keller (Autor), 2010, Verantwortung und Beteiligung der Wehrmacht an der Ermordung der Juden im Russland-Feldzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163049

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