Der Stellenwert afrikanischer Konflikte für die internationale Gemeinschaft


Seminararbeit, 2005
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Der Stellenwert afrikanischer Konflikte für die Internationale Gemeinschaft
I. Afrika – ein verlorener Kontinent
1. „failing and failed states“
2. Interessen der internationalen Gemeinschaft in Afrika
II. Problematiken bei der Organisation und den Prinzipien der Vereinten Nationen
1. Definitionsproblematik „Genozid“
2. Interventionsproblematik
III. Sudan – ein zweites Ruanda?
1. Somalia-Trauma
2. Verhalten der Vereinten Nationen bei Genozid in Ruanda
3. Lehren und Folgen
4. Verhalten der Vereinten Nationen bei dem Darfur-Konflikt im Sudan
IV. Möglichkeiten und Grenzen der Vereinten Nationen
1. Aktuelle Entwicklungen und Reformdiskussion
2. Was kann und will die internationale Gemeinschaft überhaupt bei Konflikten in Afrika ausrichten?

C) Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Ist Afrika sich selbst überlassen?

Der Stellenwert afrikanischer Konflikte

für die Internationalen Gemeinschaft

A) Einleitung

„In einer Welt eng miteinander verknüpfter Bedrohungen und Herausforderungen liegt es im Eigeninteresse eines jeden Landes, sich mit ihnen allen wirksam auseinander zu setzen. Das Ideal der größeren Freiheit kann daher nur durch eine breit angelegte, tiefgreifende und nachhaltige globale Zusammenarbeit zwischen den Staaten gefördert werden.“[1]

Die von Kofi Annan in seinem Bericht „In größerer Freiheit“ formulierte Forderung nach einem effektiven Multilateralismus, bei dem alle Bedrohungen und Herausforderungen gleichermaßen berücksichtigt werden, verlangt einige grundlegende Reformen des Systems der Vereinten Nationen. Bislang ist festzustellen, dass die Internationale Gemeinschaft nicht allen Regionen der Welt die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lässt und insbesondere Afrika vernachlässigt. Dies hängt sowohl mit einem weitverbreiteten Afrika-Pessimismus als auch mit der Marginalisierung des drittgrößten Kontinents zusammen.

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert Afrika und insbesondere afrikanische Konflikte für die Internationale Gemeinschaft haben und auf welche Weise mit ihnen verfahren wird.

Zu diesem Zweck wird nach einer Auseinandersetzung mit der Frage, ob Afrika unter anderem angesichts der „failing and failed states“ wirklich ein verlorener Kontinent ist, die Organisation der Vereinten Nationen und hierbei insbesondere die Definitionsproblematik von Völkermord und das Interventionsdilemma näher beleuchtet. Anhand des im Schatten Somalias stehenden UN-Friedenseinsatzes in Ruanda 1994 und den Konsequenzen des sich vor den Augen der Blauhelme vollziehenden Völkermords für die Internationale Gemeinschaft, werden die Grenzen und Probleme der Vereinten Nationen bei deren Verhalten beim Darfur-Konflikt im Sudan erschreckend deutlich. Inwieweit diesen Problemen begegnet wird, welche Reformen eingeleitet werden und welche Konsequenzen diese Entwicklungen schließlich konkret für Afrika haben, soll im letzten Kapitel analysiert werden, um dann zu einer Einschätzung der Aussichten für die Zukunft des Kontinents zu kommen.

B) Der Stellenwert afrikanischer Konflikte für die Internationale Gemeinschaft

I. Afrika – ein verlorener Kontinent?

1.1 „failing and failed states“

Afrika gilt im Verständnis der meisten Menschen als der Krisenkontinent und das Sorgenkind der internationalen Staatengemeinschaft schlechthin, dem eigentlich nicht mehr geholfen werden kann. Zu diesem Bild leisten die Medien einen nicht unbedeutenden Beitrag durch die Fokussierung auf Negativberichte wie Bürgerkriege, Massenflucht oder Hungersnöte und die Ausblendung positiver Nachrichten. Dass der schwarze Kontinent mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hat, liegt auf der Hand, doch sollten auch die positiven Entwicklungen Eingang in unser Denken finden und zu einer differenzierteren Sichtweise führen.[2]

Sicherlich mit eines der gravierendsten Probleme Afrikas ist der Ver- und Zerfall von Staaten bis hin zu deren völligem Kollaps. Dieses Phänomen der „failing and failed states“ ist allerdings nicht auf den Kontinent beschränkt, sondern taucht in unterschiedlichen Stadien weltweit auf. Dennoch gibt es nirgendwo mehr Beispiele als in Afrika mit der Hälfte seiner Staaten in ernster oder maximaler Gefahr eines Zusammenbruchs, was verschiedenen Umständen zuzuschreiben ist. Hierbei spielt die Kolonialvergangenheit eine große Rolle, da der afrikanische Staat von vorneherein mit Zweifeln an seiner Souveränität und seiner Lebensfähigkeit zu kämpfen hatte. Zwei Jahrzehnte nach der Erlangung der Unabhängigkeit kam es zu einer ersten Welle des Staatsverfalls in Afrika, wobei oft die uneffektive und nicht legitimierte Ausübung der Staatsmacht durch Militärregime, die sich an die Spitze geputscht hatten, der Auslöser war.[3] Eine zweite Welle fällt mit dem Ende des Ost-West-Konflikts zusammen, da der Rückzug der Interventionsmächte die extern garantierte zwischenstaatliche Ordnung durch Überwachung der Grenzen kollabieren ließ und somit auch den Schein von Staatlichkeit erlöschen ließ. Das Ende der Blockkonfrontation hatte zudem die Einstellung der bedingungslosen Unterstützung in Form von Militär- und Entwicklungshilfe für loyale Regime zur Folge, wodurch die inneren Widersprüche in diesen Staaten deutlicher zutage traten. Dies manifestierte sich wiederum in einer Verschiebung von Staatsverfall hin zu Staatszerfall.[4] Weitere Ursachen für die weite Verbreitung des Phänomens in Afrika ist auf der einen Seite die Ressourcenknappheit durch wirtschaftliches Missmanagement, die sich in einem Rückgang der staatlichen Leistungen und gesellschaftlichen Verteilungskonflikten niederschlug und auf der anderen Seite der soziale Wandel ausgelöst durch eine Existenzkrise des Klientelismus. Aufgrund nicht erfüllter Hoffnungen über eine schnell wachsende Wirtschaft kam es zu einem wachsenden Loyalitätsentzug der Bevölkerung gegenüber dem Staat und zu immer weniger Bereitschaft den Staat als primäre Regelungsinstanz für gesellschaftliche Angelegenheiten anzuerkennen.[5]

Hieraus lassen sich grundsätzlich zwei sich gegenseitig verstärkende Dimensionen von Staatsverfall ableiten: Die abnehmende Fähigkeit des Staates, seine essentiellen Funktionen zu erfüllen und der Loyalitätsentzug seitens der Bürger.[6] Mit Hilfe verschiedener Kriterien, die sich auf diese beiden Dimensionen beziehen, kann zwischen funktionsfähigen Staaten, Staatsversagen, Staatsverfall und dem partiellen bzw. völligen Staatszerfall unterschieden werden. Bei Staatsversagen liegen strukturelle Handlungs- und Leistungsdefizite vor, die das Gewaltmonopol oder die Souveränität aber nicht einschränken, wohingegen das Gewaltmonopol im Stadium des Staatsverfalls einer zunehmenden Einschränkung unterliegt und staatliche Leistungen informalisiert werden. Im Falle eines Staatszerfalls schließlich bricht die staatliche Autorität völlig zusammen, selbst der Anspruch, staatliche Funktionen erfüllen zu können, wird aufgegeben, wobei hier entweder ein partieller, territorial begrenzter, Hoheitsverlust vorliegt, wie beispielsweise in Bürgerkriegsgebieten, oder ein völliger Staatszerfall ohne jegliche Zentralinstanz mehr.[7]

In der einen oder anderen Form kommt Staatsverfall in jedem afrikanischen Staat vor. Er beginnt an dessen geographischen und gesellschaftlichen Rändern, wo Sicherheit und Ordnung nicht mehr aufrechtzuerhalten sind und staatliche Leistungen nicht mehr angeboten werden können und führt zu einem Rückzug in die Privatsphäre und zu der Entstehung von Guerillabewegungen. Das Fehlen von staatlichen Strukturen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem politischen Vakuum, ein Staatsaufbau von unten, eine Sezession oder auch ein Aufstieg von Warlords ist denkbar.[8]

Zerfallende Staaten können zu einer indirekten sicherheitspolitischen Bedrohung der Industrieländer werden, weshalb Afrika trotz seiner geringen wirtschaftlichen, politischen und strategischen Bedeutung nicht als verlorener Kontinent, der keines weiteren Engagements wert ist, betrachtet werden sollte. Kriminellen Netzen können die kollabierten Staaten als Rückzugs- und Operationsbasen dienen, wodurch sich der Beitrag einiger afrikanischer Länder zum Problem des internationalen Terrorismus erhöhen könnte. Des Weiteren bedeutet der Kollaps eines Staatssystems oft sowohl den Ausbruch gewaltsamer Konflikte und die Ausweitung von Bürgerkriegen als auch die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung, was Flüchtlingsströme nach sich ziehen kann.[9] Die „failing and failed states“ in Afrika stellen die Vereinten Nationen vor eine humanitäre und sicherheitspolitische Herausforderung.

1.2 Interessen der Internationalen Gemeinschaft in Afrika

Der Stellenwert Afrikas auf der internationalen Agenda hat sich mit den weltpolitischen Umbrüchen nach Ende des Kalten Krieges maßgeblich verändert.

Während des Ost-West-Konflikts war Afrika die Region der Dritten Welt, die als Austragungsort zahlreicher Stellvertreterkriege von den damaligen Weltmächten am stärksten in den Kalten Krieg miteinbezogen wurde.[10] Eine durchgängige Unterstützung in Form von Waffenlieferungen, Wirtschafts- und Militärhilfe, Ausbildungsprogrammen und sogar direkter und indirekter Militärinterventionen durch die Blockmächte führte zu einer Polarisierung zwischen west- und ostorientierten Regimen und zu einer Internationalisierung von Bürgerkriegen. Die USA legten hierbei ihren Schwerpunkt auf die den Status Quo bewahrenden Regierungen, wohingegen die UDSSR sich auf die sozialistischen Regime und auf die afrikanischen Befreiungskämpfe gegen Kolonialismus und Rassismus konzentrierten.[11] In der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland spielte Afrika in dieser Zeit keine zentrale Rolle, einziger Bestandteil deutscher Afrika-Politik bildete die Entwicklungszusammenarbeit, die sich dabei eher an strategischen als an entwicklungs- und menschenrechtsorientierten Kriterien ausrichtete.[12]

Die Einbeziehung Afrikas in den Kalten Krieg blieb nicht folgenlos für die weitere Entwicklung des Kontinents und implizierte eine Reihe von innenpolitischen Umwälzungen: Die mit dem Ost-West-Konflikt verbundene Aufrüstung und die Involvierung in Stellvertreterkriege hatte eine Militarisierung der afrikanischen Gesellschaften zur Folge. Gesellschaftliche Verteilungskonflikte und die Destabilisierung alter Regime waren das Resultat des abrupten Verlusts von Ressourcentransfers nach Ende der Blockkonfrontation.[13] In zahlreichen Ländern war die „Demokratisierungswelle“ die Ursache für eine Destabilisierung bestehender Ordnungsstrukturen und begünstigte somit oft den Ausbruch von Konflikten und die Erosion von Staatlichkeit.[14]

Das Ende des Kalten Krieges bedeutete jedoch nicht nur einen Einschnitt in die Innenpolitik vieler afrikanischer Staaten, sondern auch einen massiven weltpolitischen, ökonomischen und strategischen Bedeutungsverlust des Kontinents. Afrika kann als der von den Industrieländern am meisten vernachlässigte und marginalisierte Kontinent der Dritten Welt bezeichnet werden[15], was jedoch auch die Chance auf mehr Autonomie und weniger Abhängigkeit von fremden Mächten birgt. Dies erfordert ein verstärktes Eigenengagement der afrikanischen Führungsgruppen bei der Bewältigung von Krisen und Konflikten und eine Entwicklung von afrikanischen Lösungen im Rahmen von regionalen und subregionalen Organisationen. Bislang ist eine „Pax Africana“ aber noch in weiter Ferne, obwohl die westlichen Industrieländer ihre Verantwortung in Partnerschaft mit Afrika wahrnehmen wollen und in diesem Zusammenhang versuchen, die Konfliktbearbeitungskapazitäten der afrikanischen Akteure weiter zu stärken.[16] Die Anzahl an humanitären Interventionen und Peacekeeping-Einsätzen ist nach Ende des Ost-West-Konflikts deutlich gestiegen, wobei auch der Gedanke der „Wiedergutmachung“ eine Rolle spielt.[17] Afrika gilt heute als der Hauptschauplatz von UN-Missionen, deren Spannweite von reinen Beobachtertruppen über Blauhelmeinsätze bis hin zu Militärinterventionen reicht.

Die Vereinten Nationen sind der wichtigste außerafrikanische Akteur und tragen in hohem Maße zu Gedeih und Verderb weiter Teile Afrikas bei. Ihre Funktionsweise und ihre Prinzipien können Ausschlag darüber geben, ob Afrika ein verlorener Kontinent ist oder ob die Chance auf eine positive Entwicklung besteht.

II. Problematiken bei der Organisation und den Prinzipien der Vereinten Nationen

1. Definitionsproblematik „Genozid“

Nach der Erfahrung des Holocaust wurde am 9.12.1948 die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes verabschiedet, die am 12.01.1951 in Kraft trat. Die Unterzeichnerstaaten sind dazu verpflichtet, das Verbrechen des Genozids zu verhindern und zu bestrafen und eine Gerichtsbarkeit gegen Völkermord zu schaffen. Die Bundesrepublik Deutschland ratifizierte die Konvention im Februar 1955. Völkermord ist ein Verbrechen gemäß internationalem Recht und dasjenige mit der schärfsten und anerkanntesten Definition.[18]

Die Definition nach Artikel II der Völkermordkonvention lautet folgendermaßen:

Völkermord bedeutet „eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche oder teilweise zu zerstören:

(a) Tötung von Mitgliedern einer Gruppe;
(b) Verursachung von schwerem körperlichen oder seelischen Schaden an Mitgliedern einer Gruppe;
(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;
(d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;
(e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“[19]

Dieser Genoziddefinition sind einige problematische Aspekte inhärent, die dazu führen, dass oft umstritten ist, ob der Straftatbestand des Völkermords erfüllt ist und somit eine internationale Verpflichtung zu handeln und das Töten zu stoppen vorliegt.

Die „ Absicht “ zur Zerstörung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe und nicht auch ihre effektive Vernichtung reicht aus, um eine Verwendung des Begriffs „Genozid“ zu rechtfertigen. Die Handlungen (a) bis (e) müssen aber tatsächlich begangen werden. Des Völkermords schuldig macht sich demnach derjenige, der es versucht ein Volk zu ermorden.[20] Der Nachweis einer Absicht zur Vernichtung der Gruppe erweist sich jedoch oft als schwierig und gibt Tätern Raum für Ablenkungstaktiken, was zu einem von der internationalen Gemeinschaft weitestgehend unbehelligten Morden führen kann wie Beispiele in der Geschichte eindrücklich zeigen. Ähnlich problematisch verhält es sich mit dem Begriff „ teilweise “, da eine klare Grenzziehung beispielsweise zu Massakern oder zu Kriegsfolgen nicht immer eindeutig zu machen ist.[21] Ein weiterer häufig hervorgebrachter Kritikpunkt an der Genoziddefinition von 1948 ist die Beschränkung auf nationale, ethnische, rassische und religiöse Gruppen, wodurch sowohl beispielsweise sich durch geographische oder soziale Eigenschaften auszeichnende Gruppen als auch politischer Massenmord oder zielloses Morden vom Tatbestand „Genozid“ ausgeklammert werden. Dies führte zu einer Reihe von differenzierteren Definitionen, die politische und kulturelle Kriterien miteinbeziehen.[22]

Nichtsdestotrotz stellt die Definition der Völkermordkonvention nach wie vor den gängigen Interpretationsmaßstab dar, nach dem ein Verbrechen bewertet wird und wonach über das weitere Vorgehen der internationalen Gemeinschaft entschieden wird. Die Konvention eröffnet den vertragsschließenden Parteien die Möglichkeit, eine entsprechende Situation vor den Weltsicherheitsrat zu bringen, woraus sich eine besondere Verpflichtung der Mitglieder des Sicherheitsrates zur Verhütung von Völkermord ergibt.[23]

Diese Verpflichtung wurde jedoch während des Kalten Krieges nur unzureichend wahrgenommen, da zum einen der Sicherheitsrat aufgrund der Vetomächte fast permanent blockiert war und zum anderen die geostrategischen Interessen der Blockmächte von höherer Bedeutung waren als die Duldung einer Intervention des Konkurrenten im Falle eines Völkermords. Die Lehren aus dem Holocaust und die Genozidkonvention der Vereinten Nationen bedeuteten folglich nur wenig für vom Völkermord bedrohte Gruppen.[24] Nach Ende des Ost-West-Konflikts eröffneten sich in diesem Zusammenhang neue Handlungsmöglichkeiten für die UN. Letztlich bleibt aber der politische Wille bestimmter Staaten der Faktor, der darüber entscheidet, ob ein Völkermord verhindert wird oder nicht.

2. Interventionsproblematik

Ein weiteres der Organisation der UNO inhärentes Problem ist das Interventionsdilemma. Dieses leitet sich aus dem Prinzip eines generellen zwischenstaatlichen Gewaltverbots ab, auf dem die Vereinten Nationen gründen. Die einzigen zwei Ausnahmen hiervon sind auf der einen Seite das Recht eines Staates zur Selbstverteidigung im Angriffsfall und auf der anderen Seite die vom UN-Sicherheitsrat zu mandatierende Intervention zur Wahrung und Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit.[25] Das Gebot der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates kann demnach nicht leichtfertig verletzt werden, eine militärische Intervention bedarf immer einer plausiblen Begründung im Rahmen des Völkerrechts.

Zur Zeit des Kalten Krieges stand die staatliche Souveränität im Zentrum, weshalb der Schutz und die Beachtung von Menschenrechten als innere Angelegenheiten eines Staates betrachtet wurden und eine Intervention bei deren Verletzung nicht toleriert wurde. Erst nach Ende des Ost-West-Konflikts kann hier eine Umorientierung festgemacht werden in dem Sinne, dass der Menschenrechtsschutz nun immer häufiger als internationale Gelegenheit wahrgenommen wird und die Souveränität eines Staates hintangestellt werden kann. Dies eröffnete den Vereinten Nationen neue Möglichkeiten auf dem Feld der humanitären Interventionen.[26] Da militärische Interventionen zum Schutz fundamentaler Menschenrechte in der UN-Charta nicht explizit vorgesehen sind, entscheidet die vorherrschende Interpretationsweise darüber, in welchem Maße sie zum Einsatz kommen. In der Praxis des Sicherheitsrates wurden nach Ende des Kalten Krieges die innere Lage eines Landes und die Missachtung von Menschenrechten in mehreren Fällen als eine Bedrohung der internationalen Sicherheit und des Weltfriedens gewertet, was ein internationales Einschreiten ermöglichte.[27]

Als erstes Beispiel einer humanitären Intervention gilt das Eingreifen Vietnams in Kambodscha im Jahr 1978, bei welcher jedoch das Recht auf Selbstverteidigung als Begründung vorgebracht wurde. Humanitäre Gründe wurden erst nach dem Ost-West-Konflikt verstärkt geltend gemacht, wobei der Einsatz in Somalia 1993 als Meilenstein in der Geschichte der humanitären Interventionen gilt.

[...]


[1] Annan: In größerer Freiheit, 2005.

[2] Vgl. Ferdowsi: Afrika gibt es nicht!, 2004, S. 11, 27.

[3] Vgl. Zartman: Introduction: Posing the Problem of State Collapse, 1995, S. 1 ff.

[4] Mair: Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols und Staatszerfall, 2004, S. 105.

[5] Ebd., S. 119.

[6] Ebd., S. 104.

[7] Mehler: Staatszerfall, 2004, S. 274.

[8] Mair, 2004, S. 120 f.

[9] Mair, 2004, S. 101.

[10] Nuscheler: Politische Geschichte Afrikas, 1998, S. 42.

[11] Matthies: Kriegerische Konflikte und friedliche Konfliktbeilegung in Afrika, 1998, S. 57.

[12] Eid: Geschichtliche Verpflichtung in Afrika, 2004, S.21 f.

[13] Matthies: Friedenspolitische Bearbeitung kriegerischer Konflikte, 2004, S. 227.

[14] Höhne: Somalia zwischen Krieg und Frieden, 2002, S. 58.

[15] Hofmeier/Matthies: Einführung: Vergessene Kriege und ihre Opfer - Kriegszeiten und Nachkriegszeiten, 1992, S. 13.

[16] Matthies: Kriegerische Konflikte und friedliche Konfliktbeilegung in Afrika, 1998, S. 75.

[17] Ebd., S. 60.

[18] Vgl. Freie Enzyklopädie Wikipedia: Völkermord [http://de.wikipedia.org/wiki/Genozid].

[19] Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948.

[20] Freie Enzyklopädie Wikipedia: Völkermord [http://de.wikipedia.org/wiki/Genozid].

[21] Schone>http://www.netzwerk-afrika-deutschland.de/dokumente/dokumente-2004/2004-08-sudan-voelkermord.htm].

[22] Vgl. Trummer: Genozid: Lehren aus dem 20. Jahrhundert und Herausforderungen für das 21. Jahrhundert, 2004, S. 217 f.

[23] Vgl. Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948, Art. VIII.

[24] Trummer, 2004, S.219.

[25] Vgl. Charta der Vereinten Nationen von 1946, Kap. VII.

[26] Höhne: Somalia zwischen Krieg und Frieden, 2002, S. 64 f.

[27] Vgl. Bigler: Humanitäre Interventionen: Unrecht gegen Unrecht?, 2005, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Stellenwert afrikanischer Konflikte für die internationale Gemeinschaft
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Lösungsmöglichkeiten ethnischer Konflikte
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V163073
ISBN (eBook)
9783640770601
ISBN (Buch)
9783640771028
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Afrika, Vereinte Nationen, Ruanda, Somalia, Sudan, Darfur, Darfur-Konflikt, Genozid, Völkermord, Humanitäre Intervention, UNO
Arbeit zitieren
Silvia Brugger (Autor), 2005, Der Stellenwert afrikanischer Konflikte für die internationale Gemeinschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163073

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