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Die Instrumentalisierung mittelalterlicher Dichtung

Walther von der Vogelweide im Dienst der nationalsozialistischen Ideologie

Titel: Die Instrumentalisierung mittelalterlicher Dichtung

Bachelorarbeit , 2025 , 60 Seiten , Note: 1,7

Autor:in: Sabrina Stark (Autor:in)

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begann eine umfassende Umstrukturierung des deutschen Bildungswesens. Der Unterricht wurde im Sinne der sogenannten Deutschkunde-Bewegung reformiert, deren Hauptziel nicht mehr in der intellektuellen Bildung, sondern in der ideologischen Erziehung der Jugend bestand.
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, inwieweit und welcher Weise Walther von der Vogelweide im nationalsozialistischen Bildungssystem rezipiert und umgedeutet wurde. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die ideologische Vereinnahmung seiner Texte sowie deren Verwendung im schulischen Kontext gelegt. Ziel ist es, durch eine differenzierte Analyse die Mechanismen und Folgen dieser ideologischen Aneignung sichtbar zu machen und so einen Beitrag zur Literatur- und Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts zu leisten.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

  • 1. Einleitung
  • 2. Walther von der Vogelweide - Biografie, Werküberblick und Rezeption
  • 3. Literatur- und Bildungspolitik im Nationalsozialismus
    • 3.1 Grundzüge der nationalsozialistischen Ideologie
    • 3.2 Literatur, Lesebücher und Lyrik
  • 4. Walther von der Vogelweide im NS-Bildungssystem
    • 4.1 Analyse von Lesebüchern / Lesewerken / Schulbüchern aus der NS-Zeit
      • 4.1.1 Volksschule: Deutsches Lesebuch für Volksschulen (1935)
      • 4.1.2 Mittelschule: Dich ruft dein Volk (1941) und Deutsches Lesewerk für Mittelschulen - Gedichtband (1943)
      • 4.1.3 Oberschule: Hirt's Deutsches Lesebuch - Teil 6A (1940)
    • 4.2 Literarische Anpassungen und ideologische Uminterpretationen
      • 4.2.1 Auswahlkriterien in NS-Schulbüchern: Patriotisch, antiklerikal, moralpädagogisch
      • 4.2.2 Tilgung und Umdeutung unbequemer Passagen
      • 4.2.3 Vergleich von Original und NS-Version
      • 4.2.4 Ideologische Verschiebungen und ihre Wirkung
  • 5. Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit widmet sich der Frage, inwieweit und auf welche Weise Walther von der Vogelweide im nationalsozialistischen Bildungssystem rezipiert und umgedeutet wurde. Das primäre Ziel ist es, durch eine differenzierte Analyse die Mechanismen und Folgen dieser ideologischen Vereinnahmung sichtbar zu machen und so einen Beitrag zur Literatur- und Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts zu leisten.

  • Analyse der Literatur- und Bildungspolitik im Nationalsozialismus.
  • Untersuchung der gezielten Instrumentalisierung mittelalterlicher Autoren, insbesondere Walther von der Vogelweide.
  • Vergleich von Walthers Originaltexten mit deren adaptierten Versionen in NS-Schulbüchern.
  • Herausarbeitung ideologischer Anpassungen, Tilgungen und Uminterpretationen von Textpassagen.
  • Beleuchtung der Rolle von Lesebüchern als zentrale Träger nationalsozialistischer Ideologie.

Auszug aus dem Buch

4.1.1 Volksschule: Deutsches Lesebuch für Volksschulen (1935)

Bereits in der Volksschule, also für 10- bis 12-Jährige, wurde Walther von der Vogelweide im Sinne der NS-Ideologie präsentiert. Das Deutsche Lesebuch für Volksschulen (5. und 6. Schuljahr, 1935) stammte direkt aus dem Reichsbildungsministerium und war entsprechend geprägt. Schon das Vorwort dieses Lesebuchs macht die damalige Ausrichtung deutlich: „Wir wollen festhalten an der deutschen Heimat und eins sein mit unserem deutschen Volke.“59 Literatur, ob alt oder neu, wurde hier strikt danach ausgewählt, inwiefern sie zur Verherrlichung von Heimat, Volk, deutscher Arbeit und soldatischer Gesinnung beitragen konnte. Das Buch gibt keine Verweise darauf, an welche Bundesländer es gerichtet ist.

In diesem Rahmen wird auch Walther von der Vogelweide thematisiert. Das Gedicht Walthers Ir sult sprechen willekomen ist im Volksschullesebuch abgedruckt und mit dem aussagekräftigen Titel Deutsche Zucht versehen.º Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich die Miniatur Walthers, wie sie im Codex Manesse zu finden ist. Diese ist besonders qualitativ hochwertig abgedruckt worden, in Farbe und auf verstärktem Papier. Die Platzierung des Textes und der Miniatur könnten kaum programmatischer und aussagekräftiger sein. Im Text selbst, so die implizite Botschaft, werde deutsche Zucht, im Sinne von Tugendhaftigkeit und Disziplin, als allen anderen überlegen dargestellt. Tatsächlich handelt es sich um einen Spruch Walthers, in dem er die Vorbildlichkeit deutscher Sitten betont - „tiuschiu zuht gât vor in allen“61, in neuhochdeutscher Übersetzung etwa - Deutsche Zucht geht über alle anderen. Diese Zeilen, die Walther ursprünglich im Kontext eines Reichsgedichts verfasste, werden von den Schulbuchautoren als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes umgedeutet.

Kommentar oder Kontext zum mittelalterlichen Original fehlen (zum Beispiel die politischen Gegebenheiten) dabei weitgehend, das Gedicht steht fast für sich, doch eingebettet in ein Kapitel über das deutsche Wesen entfaltet es die gewünschte Wirkung. Die Schüler:innen sollten verinnerlichen, dass schon im Mittelalter ein großer Dichter die Sonderstellung der Deutschen betonte. Aufgabe der Lehrkraft war es vermutlich, diese Pointe herauszuarbeiten. Explizite Arbeitsaufträge stehen im Buch selbst nicht, doch die Platzierung und der hervorgehobene Titel Deutsche Zucht lenken die Interpretation eindeutig in Richtung völkischer Stolz. Walther wird so frühzeitig als Gewährsmann für deutsche Tugend und nationalen Überlegenheitsanspruch etabliert. Editionstechnisch lässt sich nur schwer sagen, woher dieser Text entnommen wurde, da nur auf Walther von der Vogelweide verwiesen wird. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich hier um eine neuhochdeutsche Übersetzung von Karl Simrock handelt, was der Abgleich mit dem Lesewerk (1943) ergeben hat.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Beschreibt die Umstrukturierung des Bildungswesens im Nationalsozialismus und die gezielte Instrumentalisierung mittelalterlicher Literatur, insbesondere Walthers von der Vogelweide, zur ideologischen Erziehung.

2. Walther von der Vogelweide - Biografie, Werküberblick und Rezeption: Bietet einen Überblick über Walthers Leben, sein vielseitiges Werk (Minnesang, Spruchdichtung, moralisch-religiöse Lyrik) und seine Rezeption bis zum 20. Jahrhundert, die ihn als deutschen Nationaldichter stilisierte.

3. Literatur- und Bildungspolitik im Nationalsozialismus: Beleuchtet die ideologischen Grundlagen der NS-Kultur- und Bildungspolitik, die Rolle der Schulen als Erziehungsanstalten und die Funktionalisierung von Literatur zur Vermittlung völkischer Werte.

4. Walther von der Vogelweide im NS-Bildungssystem: Analysiert, wie Walthers Texte in NS-Schulbüchern selektiv ausgewählt, kontextuell umgedeutet und didaktisch aufbereitet wurden, um ihn als Gewährsmann nationalsozialistischer Ideale zu präsentieren.

5. Fazit: Fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und reflektiert die umfassende ideologische Instrumentalisierung Walthers von der Vogelweide im NS-Bildungssystem und deren Auswirkungen auf das literarische und historische Bewusstsein.

Schlüsselwörter

Nationalsozialismus, Walther von der Vogelweide, Dichtung, Instrumentalisierung, Bildungssystem, Schulbücher, Lesebücher, Ideologie, Rezeption, Mittelalter, Völkisch, Germanistik, Deutschkunde, Propaganda, Literaturpädagogik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Diese Arbeit untersucht, wie die Dichtung Walthers von der Vogelweide im nationalsozialistischen Bildungssystem ideologisch instrumentalisiert und umgedeutet wurde.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themenfelder sind die Literatur- und Bildungspolitik im Nationalsozialismus, die Rezeption mittelalterlicher Autoren, insbesondere Walthers, und die Analyse von NS-Schulbüchern im Hinblick auf textliche Anpassungen und ideologische Uminterpretationen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, durch eine differenzierte Analyse die Mechanismen und Folgen der ideologischen Vereinnahmung von Walthers Texten sichtbar zu machen und so einen Beitrag zur Literatur- und Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts zu leisten. Die Forschungsfrage lautet: Inwieweit und auf welche Weise wurde Walther von der Vogelweide im nationalsozialistischen Bildungssystem rezipiert und umgedeutet?

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit basiert auf einem Vergleich von Originaltexten Walthers mit deren Versionen in ausgewählten NS-Schulbüchern sowie der Auswertung zeitgenössischer Lehrpläne und Sekundärliteratur zur NS-Bildung. Es ist eine differenzierte Textanalyse und Rezeptionsgeschichte.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt die Biografie und Rezeption Walthers, die Literatur- und Bildungspolitik im Nationalsozialismus (Ideologie, Lesebücher, Lyrik) und detailliert, wie Walthers Texte in NS-Schulbüchern (Volksschule, Mittelschule, Oberschule) selektiv ausgewählt, angepasst und ideologisch uminterpretiert wurden.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselwörter sind: Nationalsozialismus, Walther von der Vogelweide, Dichtung, Instrumentalisierung, Bildungssystem, Schulbücher, Lesebücher, Ideologie, Rezeption, Mittelalter, Völkisch, Germanistik, Deutschkunde, Propaganda, Literaturpädagogik.

Wie wurde Walthers Gedicht "Ir sult sprechen willekomen" in NS-Schulbüchern umgedeutet?

Es wurde unter dem Titel "Deutsche Zucht" abgedruckt und als Beleg für die Überlegenheit deutscher Sitten und Tugenden interpretiert, wobei ursprünglich selbstkritische oder ambivalente Passagen weggelassen wurden, um eine eindeutige völkische Botschaft zu vermitteln.

Welche Rolle spielte Karl Simrock bei der NS-Rezeption Walthers?

Karl Simrocks Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert, die bereits von nationalromantischem Geist geprägt waren, eigneten sich durch ihre "emphatische Deutschtümlichkeit" besonders gut für die ideologische Ausschlachtung durch die Nationalsozialisten, ohne dass große Änderungen vorgenommen werden mussten.

Inwiefern unterschied sich die Behandlung von Walthers Minnesang und Spruchdichtung in den NS-Schulbüchern?

Während die politisch-didaktische Spruchdichtung Walthers aufgrund ihrer patriotischen, antiklerikalen oder moralpädagogischen Verwertbarkeit stark bevorzugt wurde, fand seine höfische Liebeslyrik (Minnesang) kaum Berücksichtigung, da sie nicht mit den ideologischen Prinzipien des NS übereinstimmte.

Was war der primäre Zweck des Deutschunterrichts im Nationalsozialismus hinsichtlich der Literatur?

Literatur im Deutschunterricht hatte nicht primär ästhetische oder kulturelle Funktionen, sondern diente der Charakterbildung im Sinne nationalsozialistischer Werte, indem sie Heldenmut, Pflichterfüllung und Opferbereitschaft thematisierte und völkische Ordnung verinnerlichen sollte.

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Details

Titel
Die Instrumentalisierung mittelalterlicher Dichtung
Untertitel
Walther von der Vogelweide im Dienst der nationalsozialistischen Ideologie
Hochschule
Universität Konstanz  (Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Sabrina Stark (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2025
Seiten
60
Katalognummer
V1631487
ISBN (PDF)
9783389158661
ISBN (Buch)
9783389158678
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walther von der Vogelweide Mittelalter Nationalsozialismus Schulbücher mittelalterliche Dichtung Bildungssystem Ideologie
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Sabrina Stark (Autor:in), 2025, Die Instrumentalisierung mittelalterlicher Dichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1631487
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Leseprobe aus  60  Seiten
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