Projektarbeit mit Freiwilligen im Open Source Umfeld


Diplomarbeit, 2010

75 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1. Vorwort
1.2. Schlüsselwörter
1.3. Motivation
1.4. Problemstellung
1.5. Zielsetzung
1.6. Aufbau der Arbeit
1.7. Abgrenzung

2. EINBLICK INS THEMA OPEN SOURCE
2.1. Open Source Software
2.2. Die Kathedrale und der Basar
2.3. FOSS
2.4. GNU-Proiekt
2.5. Linux
2.6. Debian

3. MOTIVATION VON FREIWILLIGEN
3.1. Übersicht Motivation heute
3.2. Erkenntnisse aus Umfragen
3.3. Theoretische Modelle
3.4. Essenz mit Drive
3.5. Folgerung
3.6. Blick in die Praxis
3.7. Drei wichtige Bedürfnisse von Freiwilligen

4. VORAUSSETZUNGEN AN DIE PROIEKTINSTITUTION
4.1. Überblick von Debian
4.2. Selbstorganisation durch Stigmergie
4.3. Vergleiche mit anderen FOSS Proiekten
4.4. Impulse für ein PM-Handbuch

5. NUTZEN UND RISIKEN
5.1. Kein Verzicht auf Qualität
5.2. Kooperation vor Konkurrenz
5.3. Verantwortungsdiffusion als Herausforderung

6. SCHLUSSFOLGERUNG
6.1. Empfehlungen
6.2. Reflexion
6.3. Persönlicher Rückblick
6.4. Offene Fragen
6.5. Ausblick

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS

ANHANG

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Vorwort

Eingangs möchte ich mit Ihnen ein kleines Gedankenspiel durchführen, um Sie auf das Thema dieser DA „Projektarbeit mit Freiwilligen im Open-Source Umfeld“ einzustimmen.

Bitte stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 1995. Das war vor fünfzehn Jahren als z.B. Jacques Chirac zum französischen Staatspräsident gewählt wurde, das Nachrichtenmagazin Facts das Licht der Medienlandschaft erblickte oder die fantastischen Vier im Radio gespielt wurden. Sie sollten sich nun also geistig im Jahr 1995 befinden.

Ich werden ihnen nun zwei neue Enzyklopädien vorstellen. Eine ist eben erschienen, die ande­re wird erst in ein paar Jahren gestartet. Sie haben zu prognostizieren, welche der beiden im Jahr 2010 mehr erfolgreich sein wird. Sie können ihre Antwort vorgängig mit einer angese­henen Ökonomin vom Lehrstuhl für Wirtschaft an der Universität in St. Gallen besprechen.

Die erste Enzyklopädie A) wird von Microsoft realisiert. Sie wissen, dass Microsoft eine grosse und profitable Firma ist. In diesem Jahr wurde Windows 95 veröffentlicht, was das Unter­nehmen weiter wachsen lässt. Microsoft will die Enzyklopädie finanziell unterstützen. Sie wird professionelle Schriftsteller und Journalisten bezahlen, um tausende Artikel zu schreiben. Gut vergütete Manager werden das Projekt auf die Einhaltung von Terminen, Kosten und Ressourcen hin überwachen. Microsoft wird die Enzyklopädie auf CD verkaufen und später on­line zugänglich machen.

Die zweite Enzyklopädie B) wird nicht von einer Firma hergestellt. Sie entsteht aus zehn­tausenden Menschen, die aus purer Freude Artikel schreiben und editieren. Diese Freiwilligen benötigen keine speziellen Qualifikationen, um daran zu partizipieren. Niemand wird einen Franken, einen Dollar oder einen Yen für das Schreiben und Editieren der Artikel bezahlen. Die Mitwirkenden steuern ihre Anstrengungen manchmal bis zu zwanzig Stunden pro Woche gratis bei. Diese Enzyklopädie wird online existieren und wird gratis sein. Niemand muss für die Nutzung etwas zahlen.

Denken Sie fünfzehn Jahre in die Zukunft. Gemäss meiner Kristallkugel wird im 2010 eine der beiden Enzyklopädien die grösste und populärste auf der ganzen Welt sein und die andere wird nicht mehr bestehen. Welche ist welche?

Im 1995 wird wohl kein einziger nüchterner Ökonom auf diesem Planeten daran gezweifelt haben, dass das erste Modell A) erfolgreich sein wird. Jede andere Aussage wäre lächerlich und würde das an die Studenten vermittelte Wirtschaftsprinzip in Frage stellen. Es wäre, als würde man einem Zoologen fragen, ob ein Gepard oder Tante Marta von vis-a-vis ein 200-Me- ter-Rennen für sich entscheiden würde.

Die Ökonomin an Ihrer Seite hätte wohl folgendermassen argumentiert. Sicher kann eine bunt gemischte Gruppe von Freiwilligen etwas gemeinsam produzieren. Aber dieses Produkt wird nicht annähernd vergleichbar mit der Lösung von einer kraftvollen, profitorientierten Firma sein. Microsoft ist vom Erfolg ihres Produkts überzeugt. Die Mitarbeiter von Microsoft werden für ih­ren Einsatz honoriert. Alle im Projekt B) wissen von Beginn an, dass sie nie etwas daran verdienen werden. Es ist klar, dass die freiwillige Mitarbeit kein lukratives Unterfangen sein wird. Diese Frage ist so einfach zu beantworten, dass sie nicht einmal in einer Prüfung zum Zuge käme, da sie zu einfach ist.

Aber wir wissen heute, dass sich die Dinge verändert haben! Am 31. Oktober 2009 hat Mi­crosoft entschieden das Projekt A) MSN Encarta, welches über etliche Jahre in Form von CD und online auf dem Markt verfügbar war, zu stoppen.[1] In der Zwischenzeit mutierte das zweite Modell B) Wikipedia zur weltgrössten und populärsten Enzyklopädie. Acht Jahre nach dessen Entstehung hat Wikipedia mehr als 13 Millionen Artikel in 260 Sprachen und davon über eine Million in deutscher Sprache online jeder und jedem verfügbar gemacht.[2]

Diese DA befasst sich mit diesem Phänomen. Warum wirken Menschen in einem Projekt frei­willig mit? Es gibt sehr erfolgreiche Projekte, welche praktisch ausschliesslich auf die Mitarbeit von Freiwilligen setzen. Gibt es dazu Rezepte?

1.2. Schlüsselwörter

Freiwillig, Debian, Open Source, Projekt, Motivation, Selbstorganisation, Qualität, Kooperati­on, Selbstbestimmung, Perfektionierung, Sinnerfüllung, offene Kommunikation, Entschei­dungsfindung, fachliche Gremien, FOSS, Linux, Projektinstitution

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Wordcloud Projektarbeit mit Freiwilligen

1.3. Motivation

Das Thema „Projektarbeit mit Freiwilligen im Open Source Umfeld“ habe ich aus den folgenden Gründen gewählt.

A) Seit einigen Jahren arbeite ich beruflich wie auch privat mit Open Source Produkten. Mich bewegt und fasziniert diese Community und die dahinter stehende Philosophie. Ich möchte aus persönlichem Interesse, die zugrunde liegenden Mechanismen und Antriebe genauer verstehen.
B) Die aktuelle Wirtschaftskrise wirft Diskussionen über eine mögliche neue Wirtschafts- ordung auf. Allgemeingüter / Commons / Allmenden sind Stichworte aus dieser Strö­mung. Open Source Produkte mit entsprechender Lizenz (GPL) stehen der ganzen Menschheit zur Verfügung - sind also Commons. Projekte aus dieser Szene haben Vorzeigecharakter, wenn es darum geht, funktionierende Lösungen aufzuzeigen, die keinen kapitalistischen Ursprung haben.
C) Durch eigene Erfahrungen in Projekten mit Freiwilligen z.B. Workcamp South Africa, linuxola.org, SoGa Allmende Mittelhäusern und OpenExpo, konnte ich beobachten, dass Freiwillige PMA hoch motiviert sind und dadurch einen entscheidenden Beitrag zur Erreichung der Ziele in einem Projekt leisten. Die Selbstbestimmtheit und Freiheit dieser Teammitglieder setzt jedoch veränderte Formen der Zusammenarbeit voraus, welche ich analysieren will.

1.4. Problemstellung

Im Vorwort 1.1. sollte die Problemstellung zum Ausdruck gebracht werden. Diese DA wird sich mit folgenden zentralen Fragestellungen auseinandersetzen:

1. Was sind die Voraussetzungen, um motivierte Freiwillige für ein Projekt zu gewinnen und wie wird dies im Projekt Debian realisiert?

Was motiviert Freiwillige an diesem Projekt mitzuwirken? Wie kommt man dazu sich für ein Projekt freiwillig zu engagieren? Warum sind freiwillige Projekt-Mitarbeiter stär­ker motiviert? Wie ist die Sicht der Einzelperson? Welche Auswirkungen hat dies auf das Team? Wie findet ein Projekt diese freiwilligen Personen?

2. Wie ist die Projektinstitution von Debian aufgebaut und welche generellen Aussagen , um produktiv und nachhaltig mit Freiwilligen arbeiten zu können, lassen sich daraus ableiten?

Was zeichnet die Projektinstitution eines OSP aus? Wie ist die Projektorganisation aufgebaut? Wer trägt welche Verantwortung? Welche Strukturen sind vorhanden? Wie ist die Zusammenarbeit über geographische Trennung organisiert? Wie werden Rollen und Positionen in Projekten mit Freiwilligen vergeben?

3. Wie wirkt sich die Ausrichtung auf Freiwillige im Projekt Debian aus?

Was bedeutet es, wenn der Faktor „Kosten“ aus dem magischen Dreieck entfällt? Was bleibt bei der Kosten/Nutzen Gegenüberstellung erhalten? Was passiert, wenn keine Löhne an PMA gezahlt werden müssen? Wie funktioniert die Ökonomie in einem OSP?

1.5. Zielsetzung

Aus den drei oben aufgeführten Kernfragen lassen sich die folgenden Ziele und Absichten für die DA ableiten.

1. Drei wichtige Bedürfnisse von freiwilligen PMA identifizieren.
2. Drei Kapitel eines PM-Handbuchs für Projekte mit Freiwilligen erarbeiten.
3. Mindestens zwei relevante Nutzen oder Risiken mit Fakten aus dem Projekt Debian belegen.

1.6. Aufbau der Arbeit

Es wurden Änderungen gegenüber der geplanten Basis aus der Diplomvorstudie in den folgenden Bereichen angewendet. Die Reihenfolge der zu behandelten Fragestellungen wurde aus rein analytischen Gründen geändert. Die Kernfrage drei wird nun an zweiter Stelle und umgekehrt behandelt. Die geplante Umfrage zur Unterstreichung der Erkenntnisse der erste Problematik, wurde unterlassen, da genügend Studien mit umfassenden Umfrage­ergebnissen zur Motivation von Freiwilligen in FOSS Projekten vorhanden sind. Die Frage­stellung im Punkt drei wurde angepasst, da die erste Formulierung zu offen war und dem „rote Faden“ mit dieser Ergänzung besser gefolgt werden kann.

Im ersten Teil wird ein kurzer Einblick in die FOSS Geschichte gewährt. Danach werden Sie die Hintergründe zur freiwilligen Mitarbeit aus individueller Sicht an einem Projekt kennen ler­nen. Theoretische Modelle werden mit Erkenntnissen aus Umfragen gestützt. Darauf folgt eine Analyse der Anforderungen an die Projektinstitution, welche eine produktive Arbeit mit Freiwilligen erfordert. Einige Schlüsse aus dieser Zusammenstellung fliessen in einen allge­mein gültigen Leitfaden ein. Am Ende wird auf den Nutzen und die Risiken in der Projekt­arbeit mit Freiwilligen eingegangen. Das Projekt Debian wird in allen Kapiteln als Praxisbei­spiel eingebunden.

Im gesamten Dokument wird, wenn nicht anders vermerkt, der Einfachheit halber aus­schliesslich die männliche Schreibform verwendet. Diese hat selbstverständlich für beide Ge­schlechter Gültigkeit.

Diese Arbeit wird unter den Bedingungen der „Creative Commons Attribution-Noncommerci­al-Share Alike 2.0 Germany License” veröffentlicht. Der Inhalt und die Bilder dieser Arbeit dürfen unter Namensnennung des Autors zu nicht-kommerziellen Zwecken beliebig verviel­fältigt und verbreitet werden. Bearbeitungen dürfen unter der Bedingung angefertigt werden, dass sie ebenfalls unter den genannten Lizenzbestimmungen verbreitet werden. Der aus­führliche Lizenztext ist einzusehen unter der URL[3]. Über Feedback, Fragen oder Anre­gungen würde ich mich sehr freuen.

1.7. Abgrenzung

Es wird in dieser Arbeit nicht erklärt, woher und wie sich die Freiwilligen ihren Lebensun­terhalt verdienen. Es gibt PMA bei Debian, die von externen Firmen beauftragt wurden, als Freiwillige am Projekt mitzuwirken. Diese PMA erhalten Lohnzahlungen von den Auftragge­bern und müssen sich zu einem gewissen Grad nach dessen Interessen richten. Andere Mit­arbeiter beschäftigen sich Teilzeit und verwenden ihre Freizeit, um am Projekt mitzuwirken. Wieder andere sind Studenten und vertiefen ihr Wissen in der Praxis bei Debian.

Die Erkenntnisse, welche aus der vertieften Auseinandersetzung mit dem Projekt Debian ge­wonnen werden konnten, beziehen sich ausschliesslich auf eine reine Freiwilligen-Organisa- tionen. Das Bild kann sich extrem ändern oder ist unvollständig, wenn eine Mischform von bezahlten und unbezahlten PMA eingesetzt wird. Es folgen zusätzliche Anforderungen an die Projektinstitution, auf die hier nicht eingegangen wird.

2. Einblick ins Thema Open Source

Die theoretischen Darlegungen in dieser Arbeit werden mit Beispielen aus dem Projekt Debi- an aus dem Open Source Umfeld belegt. Es ist daher elementar, einen Überblick in dieses Thema zu gewähren. Die Informationen aus diesem Kapitel stützen sich auf entsprechende Wikipedia Artikel ab und könne auch Teile daraus enthalten.

2.1. Open Source Software

Als OSS kann Quelltext von Computer Programmen bezeichnet werden, welcher die folgenden drei charakteristischen Merkmale erfüllt und diese auch in den entsprechenden Lizenzverträgen so festgehalten werden. Sie ergeben sich aus den Kriterien der Open Source Definition[4] und stehen unter einer von der Open Source Initiative (OSI) anerkannten Lizenz.

- Die SW (d.h. der Quelltext) liegt in einer für den Menschen lesbaren und verständli­chen Form vor: In der Regel handelt es sich bei dieser Form um die Quelltexte in einer höheren Programmiersprache. Vor dem eigentlichen Programmablauf ist es normalerweise notwendig, diesen Text durch einen so genannten Compiler in eine bi­näre Form zu bringen, damit das Computerprogramm vom Rechner ausgeführt werden kann. Binärprogramme sind für den Menschen im semantischen Sinne prak­tisch nicht lesbar.
- Die SW darf beliebig kopiert, verbreitet und genutzt werden: Für OSS gibt es keine Nutzungsbeschränkungen. Weder bezüglich der Anzahl der Benutzer, noch bezüglich der Anzahl der Installationen. Mit der Vervielfältigung und der Verbreitung von OSS sind auch keine Zahlungsverpflichtungen gegenüber einen Lizenzgeber verbunden.
- Die SW darf verändert und in der veränderten Form weitergegeben werden: Durch den offengelegten Quelltext ist Verändern ohne weiteren Aufwand für jeden möglich. Weitergabe der SW soll ohne Lizenzgebühren möglich sein. OSS ist auf die aktive Beteiligung der Anwender an der Entwicklung geradezu angewiesen. So bietet sich OSS zum Lernen, Mitmachen und Verbessern an.

Historisch gesehen geht die Entstehung des Begriffs OSS auf das Essay „Die Kathedrale und der Basar“ (Raymond, 1999), welches weiter unten folgend noch detaillierter be­schrieben wird, zurück. Dieser Text hatte entscheidende Auswirkungen auf die Firma Netscape. Sie entschied 1998 angesichts der wachsenden Dominanz von Microsoft am Browser-Markt, den Quelltext des wirtschaftlich nicht mehr verwertbaren Netscape Naviga­tors freizugeben. Aus dieser Freigabe entstand später der heute weit verbreitete Internet­browser Firefox. Dieser Schritt von Netscape bewegte Raymond, Bruce Perens (Debian-PL von 1996 bis 1998) und Tim O’Reilly (Gründer und Vorstand des O’Reilly-Verlags) zu der Meinung, dass die Freie-SW-Gemeinde ein besseres Marketing benötigt. Der Begriff Open Source wurde von ihnen eingeführt und von da an flächendeckend im Marketing genutzt. Er war auch der Namensgeber für die von Raymond, Perens und O'Reilly gegründete OSI, wel­che unter anderem die Open Source Definition hütet.

2.2. Die Kathedrale und der Basar

„The Cathedral and the Bazaar“ lautet der Titel eines bekannten Essays über quelloffene SW. Verfasst wurde es von Eric S. Raymond, der es erstmals auf dem vierten Internationa­len Linux-Kongress am 22. Mai 1997 in Würzburg öffentlich vortrug. Er beschreibt darin die Vor- und Nachteile der im Open-Source-Bereich inzwischen weit verbreiteten Entwicklungs­methode des Basars gegenüber der zuvor gebräuchlichen Methode, die er Kathedrale nennt.

Beim Kathedralen-Modell wird der Quellcode eines Programmierers nur mit jeder neuen SW- Veröffentlichung für die Öffentlichkeit verfügbar gemacht. In den Entwicklungszeiträumen zwischen den Veröffentlichungen kann neuer Quellcode ausschliesslich von einer einzigen Entwicklergruppe oder einem einzelnen Entwickler programmiert werden, die/der typischer­weise bei einem SW-Hersteller angestellt ist. In diesem Fall wird der Quellcode oft als Be­triebsgeheimnis behandelt und gar nicht veröffentlicht. Die Kathedrale symbolisiert die her­kömmliche Entwicklungsweise: Ein Chef überwacht ein Team, welches stufenweise wie eine Pyramide aufgebaut ist. Es gibt einen Bauplan, und wenn dieser erfüllt ist, ist das Gebäude fertig.

Beim Basar-Modell ist der Quellcode dagegen in jedem Stadium über das Internet einsehbar. Die Entwicklung vieler Open Source Programme folgt diesem Schema. Dieses Modell hat sich als erfolgreicher als das Kathedralen-Modell erwiesen: Auf einem Basar bieten viele Menschen ihre Waren feil, ohne dass einer mächtiger als der andere wäre. So werden auch grosse Projekte koordiniert; das beste Beispiel ist der Linux-Kernel, dessen Maintainer Linus Torvalds ist. Es gibt meistens eine Person, die darauf achtet, dass das Marktrecht eingehal­ten wird. Zudem ist der Basar aus vielen kleinen Teilen aufgebaut - ist einer der Stände ein­mal nicht auf dem Basar vertreten, so ist dieser trotzdem vollständig.

2.3. FOSS

Die Begriffe Freie SW und OSS werden zwar synonym verwendet, allerdings bestehen Un­terschiede in der Interpretation. Die meisten Menschen und Organisationen, die von freier SW sprechen, sehen Lizenzen als unfrei an, wenn sie Einschränkungen enthalten wie eine Begrenzung des Verkaufspreises, die Pflicht zur Veröffentlichung eigener Modifikationen oder die Bestimmung, dass jede Modifikation der SW an den ursprünglichen Autor gesandt werden muss. Die OSI dagegen akzeptiert solche Lizenzen als Open Source. Dies ist unter anderem deshalb problematisch, weil SW unter diesen Lizenzen nicht oder nur unter starken Einschränkungen in andere freie SW-Projekte integriert werden kann, was dem Autor bei der Auswahl der Lizenz womöglich gar nicht bewusst war.

Der Begriff Open Source assoziiert also die Verfügbarkeit des Quelltextes, sagt aber nichts über die Freiheit, ihn zu verwenden, zu verändern und weiterzugeben, aus. Kritisiert wird da­her von der Free Software Foundation vor allem die Tatsache, dass der Begriff Open Source die Einsicht in den Quellcode einer SW hervorhebt, nicht aber die Freiheit, diesen Quellcode auch beliebig weiterzugeben oder zu verändern. Daher werden in jüngerer Zeit auch häufig die Begriffe FOSS und FLOSS (Free(/Libre) and Open Source Software) verwendet. FOSS ist somit einen Teilsumme aus OSS. In der Tat empfahl Richard Stallman, der Begründer des Begriffes der Freien SW, den Begriff vor allem für Forschungsprojekte, die in dieser Sa­che neutral erscheinen wollen, zu verwenden.[5] Aus diesem Grund wird im weiteren Verlauf der Arbeit, wenn es die Situation erlaubt, von FOSS die Rede sein.

Einige FOSS Lizenzen nehmen die sozialethischen Aspekte der FSF nebst den technischen und wirtschaftlichen Überlegungen der OSI auf. Allen voran muss hier die GNU General Pu­blic License (GPL), die aus dem GNU-Projekt entstanden ist, genannt werden.

2.4. GNU-Projekt

Die Entstehung des GNU-Projekts geht auf Richard Stallman zurück, der von 1971 bis 1983 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete. In der Anfangszeit seiner Arbeit erfuhr er den Umgang mit SW als einen regen und offenen Austausch zwischen Entwicklern und Nutzern. Damals war es üblich, Programme, auch in Form des Quelltextes, zu tauschen und bei Bedarf anzupassen. Die Situation änderte sich Ende der 1970er und Anfang der 1980er, als Unternehmen damit begannen, SW unter stark beschränkenden Lizenzen zu ver­öffentlichen und den Quelltext geheim zu halten. Stallman stand daraufhin am Scheideweg, sich entweder dem Modell der proprietären SW anzupassen oder aber einen anderen Weg zu gehen. Er entschied für sich, ein Modell von freier SW zu entwickeln, welches die Offen­heit der SW und die Möglichkeit des Tauschens gewährleisten sollte. Der erste Schritt sollte ein freies OS in der Art von Unix sein. Da es in der Zeit am MIT üblich war, für Programme, die anderen Programmen ähneln, rekursive Akronyme zu nutzen, wählte Stallman GNU, was für „GNU is not Unix“ steht. Das Projekt rund um das System wurde GNU-Projekt genannt. Bekannt geworden ist das Projekt vor allen Dingen auch durch die von ihm eingeführte GNU General Public License (GPL)[6], unter der viele bekannte SW-Projekte veröffentlicht werden.

Das GNU-Projekt wurde am 27. September 1983 in den Newsgroups net.unix-wizards und net.usoft bekannt gegeben. Die Arbeit an dem Projekt begann am 5. Januar 1984, als Stall­man seine Stelle am MIT kündigte. Er tat dies, um sich ganz dem GNU-Projekt widmen zu können und um zu verhindern, dass das MIT als Arbeitgeber die Rechte an dem von ihm ge­schriebenen Code besitzt. Stallman erklärte wenig später im „GNU-Manifest“[7] und in anderen Essays[8] seine Motive: ein Hauptzweck des Projekts sei, „den Geist der Kooperation, der in den frühen Jahren der Computergemeinschaft vorgeherrscht hatte, wiederzubeleben“. Damit wurde das GNU-Projekt, obwohl die meisten Ergebnisse eher technischer Natur sind, auch eine soziale und politische Initiative. Das GNU-Projekt hat seit seiner Gründung nicht nur SW hervorgebracht, sondern auch eigene Lizenzen und eine grosse Zahl theoretischer Schriften, die meist von Stallman verfasst wurden.

Um dem GNU-Projekt einen logistischen, juristischen und finanziellen Rahmen zu geben, gründete Stallman 1985 die gemeinnützige Free Software Foundation (FSF)[9]. Die FSF beschäftigt auch Programmierer, um an GNU zu arbeiten, obwohl der wesentliche Teil der Arbeit von Freiwilligen geleistet wird. Als GNU bekannter wurde, begannen Unternehmen daran mitzuarbeiten. Sie entwickelten Programme, die sie unter der GPL veröffentlichten, be­gannen CDs mit SW zu verkaufen und Dienstleistungen rund um das System anzubieten. Eines der bekanntesten Unternehmen der früheren Zeit des Projekts war Cygnus Solutions. Viele dieser Unternehmen unterstützen die FSF mit Geld oder anderen Spenden. Dazu ge­hören unter anderem IBM, Google und HP.

Das GNU-Projekt steht im engen Zusammenhang mit der Entwicklung von Linux.

2.5. Linux

Das wohl bekannteste Produkt aus der OSS Community ist Linux[10]. Als Linux werden in der Regel freie, portable, Unix-ähnliche Mehrbenutzer-OS bezeichnet, die auf dem Linux-Kernel und wesentlich auf GNU-SW basieren.

Das modular aufgebaute OS wird von SW-Entwicklern auf der ganzen Welt weiterentwickelt, die an den verschiedenen Projekten mitarbeiten. Es sind sowohl Unternehmen als auch Non­Profit-Organisationen und Einzelpersonen beteiligt, die dies als Hobby betreiben. Im prak­tischen Einsatz werden meist sogenannte Linux-Distributionen genutzt, in denen verschie­dene SW zu einem fertigen Paket zusammengestellt ist. Jede Distribution enthält somit Li­nux, beziehungsweise den Linux-Kernel.

Die Einsatzbereiche von Linux sind vielfältig und umfassen unter anderem die Nutzung auf Desktop-Rechnern, Servern, Mobiltelefonen, Routern, Netbooks, Multimedia-Endgeräten und Supercomputern. Dabei variiert die Verbreitung von Linux in den einzelnen Bereichen dras­tisch.

1991 begann Linus Torvalds in Helsinki (Finnland) mit der Entwicklung einer Terminal-Emu­lation, um unter anderem seinen eigenen Computer besser zu verstehen. Mit der Zeit merkte er, dass sich das System immer mehr zu einem OS entwickelte und kündigte es daraufhin in der Usenet-Themengruppe für das OS Minix an:

„Hello everybody out there using minix -

I'm doing a (free) operating system (just a hobby, won't be big and professional like gnu) for 386(486) AT clones. This has been brewing since april, and is starting to get ready. I'd like any feedback on

things people like/dislike in minix, as my OS resembles it somewhat (same physical layout of the file­system (due to practical reasons) among other things).

I've currently ported bash(1.08) and gcc(1.40), and things seem to work. This implies that I'll get something practical within a few months, and I'd like to know what features most people would want. Any suggestions are welcome, but I won't promise I'll implement them :-)

Linus (torva...@kruuna.helsinki. fi)“

Im September desselben Jahres sollte das System dann auf einem Server den Interessierten zur Verfügung gestellt werden. Da der damalige FTP-Server-Administrator Ari Lemmke mit den von Torvalds vorgesehenen Namen Freax oder Buggix nicht einverstanden war, stellte jener es stattdessen in einem Verzeichnis mit dem Namen Linux zur Verfügung. Torvalds widersetzte sich anfangs dieser Namensgebung, gab seinen Widerstand aber schnell auf, da er nach eigener Aussage eingestehen musste, dass Linux einfach ein besserer Name war.

Linux wurde zu dieser Zeit noch unter einer eigenen Lizenz veröffentlicht, welche die kom­merzielle Nutzung verbot. Schnell merkte Torvalds aber, dass diese hinderlich war, und ent­schied sich dazu, allen Entwicklern deutlich mehr Freiraum zu geben. Er und seine Mitauto­ren stellten daraufhin im Januar 1992 Linux unter die GNU GPL. Somit konnte man Linux in GNU integrieren und dies als das erste freie OS vertreiben. Dieser Schritt machte das Sys­tem für eine noch grössere Zahl von Entwicklern interessanter, da es für diese die Modifizierung und Verbreitung vereinfachte. 1996 kündigte Torvalds an, dass er einen Pinguin als Maskottchen für Linux haben wolle, und schrieb einen Wettbewerb aus, aus dem schliesslich der po­puläre Tux hervorging.

Es wird eine grosse Anzahl an Distributionen angeboten, die dem Benutzer eine sehr feine Abstimmung der Auswahlkriterien auf die eigenen Bedürfnisse ermöglicht. Auf der folgenden Grafik ist der Stammbaum der wichtigsten oder populärsten Distributionen in chronologischer Entstehungsfolge ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.6. Debian

Debian[11] ist auch eine Linux-Distribution, wie Sie vielleicht aus der Grafik oben entnehmen konnten. Die Debian Distribution legt besonderen Wert darauf, dass die in ihr enthaltene SW die Anforderungen des GNU-Projekts erfüllt. Debian enthält eine grosse Auswahl an Anwendungsprogrammen und Werkzeugen. Derzeit sind es über 25.100 Programmpakete. Debian selber bezeichnet sich daher nicht ohne Grund auch als das universelle OS - „The universal operating System“.

Das Debian-Projekt wurde durch Ian Murdock am 16. August 1993 ins Leben gerufen. Der Name leitet sich aus seinem Vornamen und seiner Ex-Frau Debra ab. Heute arbeiten über 1.000 Personen mit, die das System zusammenstellen. Debian-Entwickler kann jeder werden, der das sogenannte New-Maintainer-Verfahren erfolgreich durchläuft, das die Be­werber unter anderem darauf testet, ob sie die Ideologie des Projekts teilen. Die PMA sind über den ganzen Erdball verteilt und bilden zusammen eines der erfolgreichsten virtuellen Teams. In der Schweiz gibt es offiziell[12] 20 aktive Debian-Entwickler. Die Schweiz steht damit auf Platz zwei (zusammen mit Schweden) der Weltrangliste[13] mit 2.59 aktiven Debian- Entwicklern pro 1 Million Einwohner.

Im Verlauf dieser Arbeit werden Sie viele weitere Details zu Debian erhalten. Aus diesem Grund ist diese letzte Zusammenfassung aus der Open Source Übersicht absichtlich kurz gefasst. Sie verfügen nun über den nötigen Hintergrund, um die weiteren Darlegungen in einem Zusammenhang zu stellen. Im folgenden Kapitel wird auf die erste Zielsetzung, drei wichtige Bedürfnisse von freiwilligen PMA identifizieren, eingegangen.

3. Motivation von Freiwilligen

Aus der Sicht der Projektträgerschaft kann es entscheidend sein, zu wissen und zu ver­stehen, aus welchen Gründen sich Freiwillige an einem Projekt beteiligen. Diese Kenntnis erlaubt es den Initiatoren, diese zentralen Elemente zu integrieren und so den freiwilligen PMA ein optimales Umfeld zu schaffen, welches sich positiv auf das Projektergebnis aus­wirkt.

Wie Eingangs im Vorwort erwähnt, die Wikipedia-Schreiberlinge werden nicht „gemanagt“. Ganz grob formuliert könnte man sagen, niemand sitzt herum und versucht heraus zu finden wie man diese motivieren könnte. Ist das der Grund, warum Wikipedia funktioniert?

3.1. Übersicht Motivation heute

Nach der heute gängigen Lehre handelt es sich bei der Motivation um einen inneren Pro­zess. Das heisst Menschen werden nicht motiviert, sie motivieren sich selbst (Sprenger, 1994). Sie reagieren dabei zwar auf äussere Anreize, aber die Umsetzung dieser Anstösse in Energie ist ein Vorgang, der nicht von aussen herbeigeführt werden kann.

Ein anonymer Geschäftsführer brachte dieses Wissen wie folgt klar und deutlich zum Aus­druck. Bei Einstellungsgesprächen teilte er den zukünftigen Mitarbeitern folgenden Satz mit: „Wenn ich sie motivieren muss, möchte ich sie möglicherweise nicht einstellen.“

[...]


[1] http://www.pcgameshardware.de/aid,680327/Encarta-Enzyklopaedie-von-Microsoft-nach-16-Jahren-eingestellt/Internet/News/

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:SPR

[3] http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/de/

[4] http://www.opensource.org/docs/definition.php

[5] http://www.gnu.org/philosophy/audio/rms-interview-edinburgh-040527.txt Interview mit Richard Stallman, 27. Mai 2004

[6] http ://www.gnu.de/documents/gpl.de.html

[7] http://www.gnu.org/gnu/manifesto.html

[8] http://www.gnu.org/philosophy/

[9] http://fsfe.org/index.de.html

[10] http://www.linux.org/

[11] http://www.debian.org/index.de.html

[12] http://www.perrier.eu.org/weblog/2009/10/01#devel-countries

[13] http://www.pro-linux.de/news/1/14762/wer-entwickelt-debian.html

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Projektarbeit mit Freiwilligen im Open Source Umfeld
Note
1,4
Autor
Jahr
2010
Seiten
75
Katalognummer
V163196
ISBN (eBook)
9783640785988
ISBN (Buch)
9783640785971
Dateigröße
2886 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit dieser Diplomarbeit wurden 45 von maximal 48 Punkten erreicht. Der Ersteller schloss die Ausbildung im November 2010 als Klassenbester ab.
Schlagworte
Projektmanagement, Freiwillige, Selbstorganisation, Motivation, FOSS, Open Source, Debian, offene Kommunikation, fachliche Gremien, Selbstbestimmung, Kooperation, Perfektionierung, Linux, Sinnerfüllung, Projekt, Projektinstitution, Qualität, freiwillig
Arbeit zitieren
Amadeus Wittwer (Autor), 2010, Projektarbeit mit Freiwilligen im Open Source Umfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163196

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