Der Gottesbeweis der Bewegung des Thomas von Aquin

Thomas´ erster von fünf Gottesbeweisen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Einwände gegen den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury
2.1. Notwendigkeit eines Gottesbeweises
2.2. Die induktive Beweisführung

3. Der Gottesbeweis der Bewegung bei Thomas von Aquin
3.1. Die Grundstruktur des Beweises
3.2. Die Beweise der kritischen Sätze
3.2.1. Beweis des Kausalsatzes „Alles Bewegte, ist von einem anderen bewegt“
3.2.2. Beweis des Satzes „In Bewegenden und Bewegten kann man nicht ins Unendliche fortschreiten“

4. Kritik und Erwiderung

5. Zusammenfassung

Literaturangaben

1. Einleitung

Gibt es Gott? Und wenn ja, wie können wir uns dessen sicher sein? Kann man die Existenz Gottes beweisen?

Diese Fragen hat sich wohl ein jeder von uns mit Sicherheit schon einmal gestellt. Eine Antwort darauf fällt nicht leicht – ist Gott doch oft nur ein Begriff, über dessen Vorstellung, Deutung und Interpretation die Meinungen schon seit Jahrtausenden auseinander gehen. Bereits in der Antike gab es Versuche (so zum Beispiel durch Aristoteles) die Existenz eines ersten Bewegers nachzuweisen, die sich im Mittelalter zu Versuchen eines ontologischen Gottesbeweises ausweiteten (Anselm von Canterbury). Diesen Beweisen steht die Haltung der Kirche entgegen, die einen Beweis Gottes für nicht nötig hält, da dieser bereits an sich evident sei.

Der mittelalterliche Philosoph und Theologe Thomas von Aquin (1225-1274) hat sich mit den bis dato vorhandenen Versuchen der Beweis Gottes´ Existenz genauso wenig zufrieden gegeben wie mit jener offiziellen Haltung der Kirche. Anhand seiner fünf Wege (quinque viae) hat er versucht die Existenz Gottes zu beweisen, ohne dessen Existenz von vornherein anzunehmen. Dabei spielt sein erster Beweis, nämlich der Beweis Gottes Existenz durch die Bewegung (kinesiologischer Gottesbeweis) eine tragende Rolle. Bei all seinen in der Summa contra gentiles[1] folgenden Ausführungen über das Vorhandensein Gottes beruft er sich auf jene Ausführungen und - in seinen Augen - Beweise, die er im Zuge des ersten Weges erbringt.

Da diese nicht immer auf den ersten Blick logisch und nachvollziehbar erscheinen, soll aus diesem Grund in dieser Arbeit der Beweisgang des ersten Weges auf seine logische Grundstruktur und Schlüssigkeit hin untersucht werden. Dabei soll sowohl auf die einzelnen Sätze, Annahmen und Ausführungen eingegangen werden, als auch auf mögliche Einwände und Kritik.

2. Einwände gegen den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury

Bereits vor Thomas von Aquin haben Philosophen und Theologen verschiedene Anstrengungen unternommen, um die Existenz Gottes zu belegen. Thomas kritisiert die meisten dieser Gottesbeweise und versucht sie mit seinen Einwänden zu relativieren oder zu widerlegen. So zum Beispiel auch den des Anselm von Canterbury (1033-1109). Dieser stützt sich vor allem auf die Argumentation, (1.) dass ein Wesen von dem man denken kann, dass es nicht existiert, kleiner ist als ein Wesen von dem man das nicht denken kann. Da die Nichtexistenz Gottes undenkbar ist (Evidenz Gottes), muss er existieren. Weiterhin, so eine andere Prämisse Anselms, ist Gott (2.) per Definition das Wesen, über das hinausgehend man nichts Größeres denken kann[2]. Da auch das größte Wesen in unserem Verstand kleiner sein muss, als das größte Wesen, das sowohl im Verstand, als auch in der Wirklichkeit existiert, muss demnach auch Gott in Wirklichkeit existieren.

Thomas wendet sich gegen diese Beweisführung, da sie seiner Meinung nach nicht schlüssig ist. Aufgrund unseres in dieser Hinsicht beschränkten Verstandes sei es nämlich möglich und zunächst nicht offenkundig widersprüchlich, Gott als nicht existent zu denken. Die von Anselm hervorgebrachte Behauptung, Gottes Existenz sei evident (1.) und somit nicht begründungspflichtig sei, so Thomas, daher zumindest für uns falsch[3]. Hierdurch würde eine von Anselms Hauptprämissen wegfallen und gemäß der Logik auch die Schlussfolgerung, die hieraus gezogen wurde. Ähnlich sei es möglich Gott nicht als das größte gedachte Wesen zu denken, was für das (2.) Argument problematisch werden kann. Und auch wenn man die Definition anerkennt, so besage sie lediglich, dass Gott dasjenige Wesen sei, im Vergleich dessen der Verstand nichts Größeres denken kann. Über die Existenz Gottes in der Wirklichkeit sei dadurch allerdings noch kein Beweis erbracht, da man den begrifflichen Gehalt eines Wortes und die Sache auf derselben Ebene ansetzen müsste[4].

2.1. Notwendigkeit eines Gottesbeweises

Als Theologe lehnt er daher derartige deduktive Gottesbeweise ab. Dennoch hält er einen philosophischen Gottesbeweis für nötig und dies hauptsächlich aus zwei Gründen. Zum einen um der Haltung, dass ein Gottesbeweis grundsätzlich nicht nötig ist, da Gott an sich evident ist (was die Haltung der Kirche zu diesem Thema bis heute widerspiegelt) entgegenzutreten. Einen Heiden, so Thomas Einstellung, würde diese Argumentation wohl kaum überzeugen. Und zum anderen um der Vorstellung zu widersprechen, dass die Menschen unfähig seien einen Beweis für die Existenz Gottes zu erbringen, da man letztlich immer in irgendeiner Hinsicht unzulänglich bleiben würde[5].

Daher legt er in Kapitel 13 der summa contra gentiles einen eigenen Gottesbeweis vor. Nicht weil er etwa selbst zweifelt, dass es einen Gott gibt, sondern zum einen um die genannten Bedenken aus dem Weg zu räumen und zum anderen um Zweifler mit einer lückenlosen Beweisführung, die eben nicht voraussetzt, dass es einen Gott gibt, zu überzeugen. Der Name seines Werkes „Summe gegen die Heiden“ ist hier gewissermaßen Programm.

2.2. Die induktive Beweisführung

Bevor allerdings auf den eigentlichen Beweis der Bewegung eingegangen wird, soll in diesem Kapitel die Methodik der von ihm verwendeten induktiven Beweisführung untersucht und erläutert werden.

Die Existenz Gottes, so Thomas, lässt sich beweisen. Dies kann allerdings nicht über die Analyse seines Wesens geschehen, da wir nicht in der Lage sind dieses zu erfassen und zu beschreiben. Allerdings können wir über die Analyse der Welt, also Gottes Wirkungen, (Schluss-)Folgerungen auf seine Existenz ziehen[6]. Wir haben also keinen direkten Zugang zu Gott, können aber durch sein Wirken indirekt auf seine Existenz schließen. Ähnlich wie man über das Vorhandensein von Lichtstrahlen auf eine Quelle, die Sonne, schließen kann.

Er unterscheidet sich dadurch grundsätzlich von Anselm von Canterbury, der durch das Ableiten vom Allgemeinen bzw. den bereits vorausgesetzten Ursachen (Gott) auf das einzelne schließt. Diese deduktive Vorgehensweise lehnt er ab. Seiner Meinung nach kann man im Bezug auf Gottes Existenz nur induktiv von den Erfahrungen / Wirkungen her über mittlere letztlich auf diese erste Ursache schließen[7].

Schematisch betrachtet unterscheiden sich die beiden Vorgehensweisen wie folgt:

Deduktiver Beweis: Induktiver Beweis:

Ursache – Wirkung Gegenstand – Wirkung

Gegenstand – Ursache Wirkung – Ursache

Gegenstand – Wirkung Gegenstand – Ursache

Wie zu erkennen ist, fungiert bei der deduktiven Ableitung die Ursache als Mittelsbegriff, während bei der induktiven Herleitung die Wirkung / Erfahrung diese Funktion übernimmt. Aristoteles gibt hierfür auch ein anschauliches Beispiel:

I Die Planeten flimmern nicht.

II Die nicht-flimmernden Himmelskörper sind nahe.

III Die Planeten sind nahe[8].

Der Vorteil der induktiven Vorgehensweise ist, dass die Wirkungen augenscheinlicher und dadurch meist besser einzusehen sind als die zu beweisenden Ursachen. Man kann also von den empirischen Beobachtungen hin zu einem (noch) Unbekannten argumentieren[9]. Dies bezieht Thomas nun auch auf seine Gottesbeweise, in dem er schreibt: „In den Argumenten aber, durch die bewiesen wird, daß Gott ist, darf das Wesen oder die Washeit Gottes nicht als Mittelbegriff genommen werden […] Statt der Washeit muß man vielmehr die Wirkung als Mittelbegriff nehmen, wie dies bei den Daß-Beweisen geschieht“[10]. Nachteilig dabei ist, dass man nur sagen kann, dass Gott existiert, nicht jedoch definieren, worin sein Wesen genau besteht[11].

3. Der Gottesbeweis der Bewegung bei Thomas von Aquin

3.1. Die Grundstruktur des Beweises

Auch bei seinem kinesiologischen Gottesbeweis wendet Thomas die oben schematisch dargestellte induktive Methode zur Beweisführung an. Er geht hierbei von einer zunächst noch als unbekannt angenommenen Ursache (U) aus. Mit Hilfe der einzelnen empirischen Erfahrungen (E)[12] und Wirkungen versucht er dann die Existenz eines ersten unbewegten Bewegers zu belegen. Diese verknüpft er miteinander, wobei (u) hierbei zunächst als Ursache der erfahrbaren Dinge angenommen wird. Im Fortschreiten seiner Argumentation stellt es sich aber als bloße Wirkung (W)[13] der transzendenten ersten Ursache (U), die wir Gott nennen, heraus.

Im Schema lässt sich also auch die Argumentation Thomas´ auf eine klassische induktive Beweisführung reduzieren, die in Anlehnung an die im Kapitel 2.2. gezeigte Skizze wie folgt darzustellen wäre:

I E – u/W Alles was bewegt ist (E), wird von einem anderen bewegt (u/W) - es ist somit

bewegt bewegend.

II u/W – U Das bewegt bewegende (u/W) wird von einem ersten unbewegten Beweger

(U) bewegt.

III E – U Alles bewegte (E) wird durch einen ersten unbewegten Beweger (U)

bewegt.[14]

Die einzelnen Prämissen sind noch nicht selbsterklärend und bedürfen daher noch eingehenderer Untersuchungen. Dies macht Thomas, indem er seine Sätze näher erläutert und darauf hinweist, welche Bedingungen noch bewiesen werden müssen.

Zunächst aber nur die erweiterte Grundstruktur seines Beweises:

I „Omne quod movetur, ab alio movetur“ - Alles was bewegt ist, ist von einem anderen bewegt.

(1) „Entweder ist nun dieses Bewegende bewegt“, dann folgt II.

(2) „oder nicht“

Wenn unbewegt (2) „dann haben wir bereits unseren Satz, dass es notwendig ist, ein unbewegt Bewegendes anzunehmen. Dieses aber nennen wir Gott“ und es folgt III[15].

An dieser Stelle soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Thomas voraussetzt, dass

es Bewegung gibt und dies sich auch durch empirische Beobachtungen belegen lässt. Hier schließt

er sich erneut Aristoteles an[16], welcher der parmenideischen Vorstellung, alle Bewegung sei bloßer

Schein sei, entgegentrat[17].

II Das bewegt Bewegende wird bewegt

(1) entweder durch ein anderes bewegt Bewegendes, bis ins Unendliche („regressus ad

infinitum“)

(2) oder durch ein erstes unbewegt Bewegendes. Es folgt III.

Da man aber nach Thomas von Aquin nicht ins Unendliche fortschreiten kann (1), muss (2) gelten.

III Alles Bewegte wird durch einen ersten unbewegten Beweger bewegt, den wir Gott nennen[18].

3.2. Die Beweise der kritischen Sätze

Soweit die Grundstruktur des in sich schlüssigen Beweises. Die Quintessenz des Beweises ist also, dass es einen ersten unbewegten Beweger gibt, den wir Gott nennen.

Damit der Nachweis allerdings widerspruchsfrei gelingt, müssen noch zwei dort aufgestellte Annahmen bewiesen werden. Sie sind gewissermaßen der Knackpunkt Thomas´ Argumentation. Es handelt sich um die folgenden Sätze:

1. „Alles Bewegte, ist von einem anderen bewegt“ - „omne motum movetur ab alio“ bzw.: Nichts bewegt sich selbst.
2. „In [der Reihe der] Bewegenden und Bewegten kann man nicht ins Unendliche fortschreiten“ - „in moventibus et motis non sit procedere in infinitum“[19]

Nur wenn sich diese als ´wahr´ beweisen lassen, funktioniert die oben aufgeführte Beweisführung. Daher stellt Thomas diese Aussagen nicht einfach so hin, sondern unterzieht sie einer genauen Untersuchung und einer eigenen Beweisführung. Hierfür bezieht sich Thomas größtenteils, wie auch an anderen Stellen, auf Aristoteles und dessen Ausführungen in der „Physik“.

3.2.1. Beweis des Kausalsatzes „Alles Bewegte, ist von einem anderen bewegt“

Den ersten Satz (der so gennannte „Kausalsatz“) belegt er daher durch den dreifachen Beweis des Aristoteles für das Vorhandensein eines unbewegten Bewegers bzw. die Widerlegung der Behauptung, dass es etwas Sich-selbst-Bewegendes geben kann:

[...]


[1] Aquino, Th. v., Summa contra gentiles, übers. v. Albert, K. (u.a.), 4 Bde., Bd. 1: Summa contra gentiles/Bd. 1. Buch I, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2001.

[2] Diese Definition anerkennt Thomas von Aquin, ist aber der Meinung, dass die von Anselm daraufhin aufgestellten Prämissen und gezogenen Folgerungen unschlüssig bleiben.

[3] Denn es ist nicht für jeden sofort und unmittelbar einleuchtend, dass Gott „ist“, vgl. Schönberger, R., Thomas von Aquins >Summa contra gentiles<, Darmstadt 2001, S.30f.

[4] Zur ausführlichen Widerlegung des Gottesbeweises des Anselm von Canterbury: Siehe ScG I 10f.

[5] Schönberger, Thomas von Aquins >Summa contra gentiles<, S.29.

[6] Wie auch an anderer Stelle zitiert Thomas hierfür aus der Bibel, um seiner Überzeugung Nachdruck zu verleihen „Das Unsichtbare an Gott kann man in den geschaffenen Dingen verstehend anschauen“. Vgl. Scofield C.I., D.D. (Hrsg.), Scofield Bibel: Revidierte Elberfelder Übersetzung, 7. Aufl., Wuppertal 1992, Röm 1, 20; ebenso: ScG I 12, S. 41.

[7] Seidl, H. (Hrsg.), Thomas von Aquin: Die Gottesbeweise in der „Summe gegen die Heiden“ und der „Summe der Theologie“ (=PB 330), 2. Aufl. 1986, Hamburg 1982, S. XIII.

[8] Aristoteles, Zweite Analytik, Übers. v. P. Gohlke, Paderborn 1953, I 13.

[9] Seidl, Thomas von Aquin, S. XV-XVI.

[10] ScG I 12, S. 41.

[11] Schönberger, Thomas von Aquins >Summa contra gentiles<, S.33.

[12] In der konkreten Argumentation, dass Dinge bewegt werden: „Durch die Sinne aber ist klar, daß etwas bewegt ist, etwa die Sonne“, vgl. ScG, I 13, S.43.

[13] In der konkreten Argumentation, dass alle Dinge von anderen Dingen bewegt werden.

[14] Seidl, Thomas von Aquin, S. XVI.

[15] ScG I 13, S.43.

[16] Zekl, H.-G. (Hrsg.), Aristoteles´ Physik: Zweiter Halbband: Bücher V-VIII (=PB 381), Hamburg 1988, Phys. VIII 3, 253b – 254a.

[17] Schönberger, Thomas von Aquins >Summa contra gentiles<, S.36.

[18] Alle drei Annahmen I, II, III, vgl. ScG I 13, S.43.

[19] ScG I 13, S.43.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Gottesbeweis der Bewegung des Thomas von Aquin
Untertitel
Thomas´ erster von fünf Gottesbeweisen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V163203
ISBN (eBook)
9783640774661
ISBN (Buch)
9783640774807
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas von Aquin, kinesiologischer Gottesbeweis, quinque viae, Aristoteles, Metaphysik, induktiver Beweis, Kritik, ontologischer, Beweis, Anselm von Canterbury, Gottesbeweise, Beweis Gottes, kosmologischer, Gottesbeweis, Existenz Gottes, Gott
Arbeit zitieren
Matti Ostrowski (Autor), 2010, Der Gottesbeweis der Bewegung des Thomas von Aquin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163203

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