Theorien zur internationalen Migration und daraus resultierende Integrationsvoraussetzungen


Seminararbeit, 2010
22 Seiten, Note: 1,3
Martin Philipp Wiesert (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Integration
2.1 Theorien
2.2.Dimensionen und Verlauf

3. Theorien zur internationalen Migration
3.1 Klassische Theorien
3.1.1 Neoklassische und neue Ökonomie der Arbeitsmigration
3.1.2 (Individualistische) Wert-Erwartungs-Theorie
3.1.3 Mikro-Makro-Ansatz struktureller/ anomischer Spannungen
3.1.4 Struktur- und systemorientierte Perspektiven internationaler Migration
3.2 Neue Ansätze
3.2.1 Migrationsnetzwerke und -kreisläufe
3.2.2 Neue Typologien internationaler Migration
3.2.3 Cumulative Causation
3.2.4 Internationale Migrationssysteme
3.2.5 Globalisierung und internationale Migration
3.2.6 Transnationalismus und Transmigration

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Debatten um eine Integration von Immigranten, wie momentan wieder in Deutschland, sind häufig im Fokus von Gesellschaft, Politik und Medien. Dies ist aber nicht nur ein aktuell deutsches Phänomen, sondern ein immerwährend internationales. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass das Gelingen von Integration von grundlegenden ökonomischen und soziokulturellen Situationen bedingt ist, welche sich in den letzten Jahrzehnten international gewandelt haben.

Einigen Ansichten in der Soziologie zufolge, habe sich Migration in den Zeiten der zunehmenden Globalisierung verändert und es seien neue Migrationsformen entstanden. Dementsprechend müsste mittlerweile auch die Integration der Migranten in den Ankunftsländern neuen Voraussetzungen zu Grunde liegen. Die Globalisierung brachte beispielsweise neue Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten hervor, die internationale Kontakte erleichtern und somit auch den Migranten eine stärkere Aufrechterhaltung der Verbindungen zu ihrer Herkunftsgesellschaft. Neue Formen der Migration werfen die Frage auf, ob Einwanderer noch an den klassisch idealtypischen Verläufen von Integration gemessen werden können oder sollten. Die Beweggründe zur Migration divergieren bei den einzelnen, sowohl klassischen als auch neuen, Theorien und eine Integration im Ankunftsland geht eventuell nicht immer automatisch damit einher. Vielmehr müssen die Notwendigkeit und Beabsichtigung einer Integration untersucht werden.

Ziel dieser Seminararbeit ist es deshalb, die einzelnen Theorien der soziologischen Migrationsforschung exakter vorzustellen und eigenständig zu interpretieren, welche Voraussetzungen zur Integration der Migranten in der Ankunftsgesellschaft sich aus ihnen ergeben. Dazu werden die klassischen wie neueren Theorien skizziert und verglichen, um zu untersuchen, ob sich Integration von Migranten in einer globalisierten Welt als komplizierter erweist.

Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass, wenn nicht beispielgebend notwendig, mit „Migrantentypen“ und ihrem „Integrationswillen“ hier weder konkrete Ethnien noch sozialen Schichten gemeint sind.

Zur weiteren Untersuchung werden im folgenden Hauptteil zunächst Definition, Theorien und Dimensionen von Integration dargestellt, welche in der soziologischen Forschung zum Konsens gehören. Anschließend werden die klassischen Theorien internationaler Migration dargestellt, worauf schließlich die neue Ansätze und Migrantentypen folgen. Auf dieser Basis erfolgt zu jeder Theorie direkt eine Interpretation ihrer Integrationsaspekte. Abschließend wird ein Fazit gezogen.

2. Integration

In einem allgemeinen Sinne bezeichnet Integration das Herstellen eines Ganzen aus einzelnen Teilen beziehungsweise das Einfügen neuer Teile in ein schon bestehendes Ganzes. In der Migrationsforschung meint Integration dementsprechend die Eingliederung von Immigranten in eine Aufnahmegesellschaft.

Allerdings spricht die Soziologie oft auch von Integration als Prozess über mehrere Einwanderergenerationen.1

Esser verwendet in Anlehnung an Lockwood die Termini Systemintegration, für den Integrationszustand der Gesellschaft, und Sozialintegration, für das Integrationsniveau der Akteure und Gruppen innerhalb der Gesellschaft. System- und Sozialintegration stehen dabei in einem engen Verhältnis.2 Integration ist somit aber auch ein zweiseitiger Prozess der Akteure, der die Migranten in die Pflicht nimmt, aber auch die Politik des Ankunftslands auffordert, den Einwanderern gewisse Rechte zuzusprechen. Der Unterschied zwischen System- und Sozialintegration hat Vorteile für die Analyse der Integration von Migranten in den Aufnahmegesellschaften.

Im Folgenden werden einige für die weiteren Untersuchungen relevanten Integrationstheorien und -entwicklungen der Migrationsforschung dargestellt. Speziell Hartmut Essers Überlegungen liefern interessante Aspekte.

2.1 Theorien

Schon Talcott Parsons beschäftigte sich bei seiner Forschung zur Systemtheorie mit gesellschaftlicher Einheit und entwickelte einen normativen Gesellschaftsbegriff. Demnach beruhe die Einheit einer Gesellschaft auf der gemeinsamen Anerkennung eines Mindeststandards an Normen und Werten durch alle Mitglieder der Gesellschaft.3 Hoffmann-Nowotny knüpft daran an und setzt Integration mit der Partizipation an den Werten einer Gesellschaft gleich. Der Grad der Integration sei dabei der Grad des Zugangs zu den Werten dieses Gesellschaftssystems, die in institutionalisierten Ordnungen4 verfestigt seien.5

Essers handlungstheoretisch-individualisierte Ansatz beschreibt, dass Migranten in der Aufnahmegesellschaft zunächst eine Desozialisierung erleben würden, die im Negativfall zur Marginalisierung und/oder zum Zusammenbruch ihrer Weltanschauung führen könnten. Um dies zu verhindern und individuelle Ziele zu erreichen, müssten sie ihre Beziehungen zum kulturellen und sozialen System der Aufnahmegesellschaft neu strukturieren. Eine Eingliederung erfolge durch Akkulturation als Prozess der Angleichung bis hin zur Assimilation als Zustand der Ähnlichkeit. Die oft zu Unrecht negativ konnotierte Assimilation6 betrachtet Esser dabei differenziert und als integrationspositiven Effekt.7

Nach Reimann seien mit einer Migration in jedem Fall Prozesse verbunden, die integrative Aspekte beinhalten würden. Damit sind Lernprozesse der Migranten in der Ankunftsgesellschaft gemeint, die eine mehr oder weniger starke Akkulturation, das heisst die Aufnahme kultureller Elemente der Ankunftsgesellschaft, zur Folge hätten. Je nach Dauer des Aufenthalts der Migranten und der Aufnahmebereitschaft der Stammbevölkerung führten diese Prozesse, die auch erst nach Generationen von Einwanderern zu einem Abschluss kommen können, zur kulturellen und sozialen Integration.8

Wesentlich negativer sieht ein Modell des Kulturanthropologen Goodenough Integrationschancen von Migranten in der Ankunftsgesellschaft. Demnach sei Akkulturation ein langwieriger Prozess, der auch scheitern kann. Jeder Mensch habe während seiner kompletten Sozialisation verschiedene Kulturmuster gelernt, die ihn dazu befähigen würden in verschiedenen Lebenssituationen sozial akzeptiert zu handeln. Bei einer Immigration in eine andere Gesellschaft müsse ein Individuum dort einzelne seiner vertrauten Kulturmuster gegen jene der neuen Gesellschaft eintauschen. Dies gelte zumindest für den öffentlichen Bereich seines Lebens. Im Privaten, zum Beispiel in Familie/Freundschaft, Religion oder Kleidung, könne es eine Umstellung allerdings hinauszögern, verpassen oder auch verweigern. Das geschehe vor allem dann, wenn keine Dritten in seinem Umfeld vorhanden sind, die ihn darauf aufmerksam machen.9

2.2 Dimensionen und Verlauf

Um den idealtypischen Verlauf einer Integration in seinen Entwicklungsstufen zu skizzieren, definierte Esser vier Dimensionen von Sozialintegration. Dabei stehen die Stufen zwar in einem kausalen Zusammenhang, können aber auch getrennt voneinander verlaufen beziehungsweise erfüllt werden. Migranten können die eine Dimension erreicht haben, ohne wiederum eine andere, ob diese nun sinngemäß davor oder dahinter käme, komplett zu erfüllen oder überhaupt zu berühren.10

Die erste dieser Dimensionen ist die kulturelle Integration oder auch Kulturation. Hiermit sind kognitiv-kulturelle Lern- und Internalisierungsprozesse gemeint, mit denen Migranten zum Beispiel zwingende Kenntnisse über die Sprache des Ankunftslands oder auch dessen Kultur, Werte und Normen erwerben würden.11

Die zweite Dimension nennt Esser Platzierung. Platzierung ist eine strukturelle Integration eines Zuwanderers in die Aufnahmegesellschaft. Der Migrant erhält damit einen Mitgliedsstatus in der Aufnahmegesellschaft, womit der Zugang zu gesellschaftlichen Positionen und gleichberechtigte Chancen verbunden seien. In einer Erwerbsarbeitsgesellschaft kann strukturelle Integration aber auch nur Integration in den Arbeitsmarkt bedeuten. Migranten erfüllen diese Stufe der Integration also nur dann, wenn sie eine berufliche Tätigkeit im Ankunftsland aufnehmen.12 Einige Aspekte dieser ersten zwei Phasen, beispielsweise einen Arbeitsplatz zu finden, Sprachkenntnisse und erste Informationen über die Ankunftskultur zu erwerben, können auch bereits vor der eigentlichen Migration erworben werden.

Interaktion stellt die dritte Dimension nach Esser dar. Migranten integrierten sich erst durch Partizipation am gesellschaftlichen Leben und sozialen Aktivitäten einer Ankunftsgesellschaft weiter. Wichtig sei dabei vor allem eine Teilhabe im Privaten, nicht unbedingt im öffentlichen Leben wie Beruf oder Bildung. Migranten sollen mit der einheimischen Bevölkerung interagieren, damit es auch zu einer Akkulturation kommen kann. Die Werte und Normen der Migranten und Einheimischen würden sich so schließlich durch eine wechselseitige Beeinflussung beider Kulturen verändern. Diese finde aber ungleichgewichtig statt, mit einem größeren Einfluss der einheimische Mehrheitsbevölkerung und -kultur.13

Die vierte und letzte Dimension ist die identifikatorische Integration oder schlicht Identifikation. Nach dem erfolgreichen Durchlaufen der ersten drei Phasen, definiere ein Migrant hierbei letztlich seine persönliche Zugehörigkeit zu einem Land und einer Gesellschaft neu. Konkret bedeutet dies, dass ein Zuwanderer sich vollständig mit der Aufnahmegesellschaft sowie ihrer Kultur samt Werten und Normen identifiziere und das Ankunftsland als neue Heimat bezeichne.14

Ähnlich den Dimensionen von Integration unterteilt auch Esser den Verlauf von Assimilation in einige Phasen. Die erste Phase verlaufe dabei kognitiv mit dem Erlangen von Wissen und Fertigkeiten über die Aufnahmegesellschaft, die Zweite durch die Identifikation mit ihren Werten, die dritte Phase durch soziale Interaktionen und die letzte strukturell durch den Verlauf der Institutionen der Gesellschaft, beispielsweise der Einbürgerung. Der Erfolg des Ganzen liege nach Esser beim Einwanderer.

[...]


1 Vgl. Esser / Friedrichs, 1990, S. 73

2 2001, S. 3

3 Vgl. Stichweh, 2005, S. 175ff

4 Dazu zählen, wie oben bereist genannt, zum Beispiel Bildung, Arbeit oder Kultur.

5 Han, 2005, S. 59ff

6 Negativ im Sinne einer von der Obrigkeit oder Stammbevölkerung durch Repressionen erzwungenen Angleichung der Migranten an die Aufnahmekultur.

7 Han, 2005, S. 63ff

8 2002, S. 159f

9 Reimann, 2002, S. 160

10 2001, S. 8

11 Ebd.

12 2001, S. 9f

13 Ebd., S. 10f

14 Ebd., S. 12ff

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Theorien zur internationalen Migration und daraus resultierende Integrationsvoraussetzungen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Sozialwissenschaft)
Veranstaltung
Theorien der Transnationalisierung und Globalisierung im Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V163571
ISBN (eBook)
9783640780419
ISBN (Buch)
9783640780686
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Integration, Globalisierung
Arbeit zitieren
Martin Philipp Wiesert (Autor), 2010, Theorien zur internationalen Migration und daraus resultierende Integrationsvoraussetzungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163571

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