Über wessen Glück sprechen wir hier eigentlich?

Die Radikalität des Mill'schen Glücksbegriffs auf gesamtgesellschaftlicher Ebene


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Über wessen Glück sprechen wir hier eigentlich? –

Die Radikalität des Mill’schen Glücksbegriffs auf gesamtgesellschaftlicher Ebene

Mill hat mit seiner Arbeit „Der Utilitarismus“ versucht, uns einen Maßstab an die Hand zu geben, mit dem uns die Unterscheidung zwischen moralisch richtigen und moralisch falschen Handlungen gelingen soll. Mit Hilfe des einfachen und seiner Ansicht nach äußerst effektiven Grundsatzes, den moralischen Wert von Handlungen danach zu bemessen, „[…] als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, […], [bzw.] […] das Gegenteil von Glück zu bewirken.“[1] Im nächsten Schritt verdeutlicht Mill, was man sich denn unter dem abstrakten Begriff von Glück vorzustellen habe. Nämlich: „Glück ist dabei Lust und das Freisein von Unlust, [wobei] unter Unglück Unlust und das Fehlen von Lust verstanden [wird]“.[2] Spätestens an diesem Punkt jedoch dürfte sich bei dem einen oder anderen Leser des Mill’schen Plädoyers für den Utilitarismus die Frage einstellen, was denn nun, auf den persönlichen Alltag übertragen, unter dem in seiner Argumentation so zentralen Begriff des Glücks zu verstehen sei. Dabei ist es auch keineswegs verwunderlich, wenn sich Assoziationen von einem Leben im biblischen Sodom und Gomorrha einstellen. Die Erfüllung körperlicher Bedürfnisse als alles bestimmendes Motiv unseres Handelns und somit höchster Quell unseres persönlichen Glücks? Mill war sich dieses Problems durchaus bewusst, zumal seinen utilitaristischen Vorgängern im Geiste vielfach Ähnliches vorgeworfen wurde. Zwar, so argumentiert der Philosoph, hätten etwa die Epikureer bereits auf die doch offensichtlich unterschiedliche Quelle für Lust bei Tier und Mensch hingewiesen, trotzdem seien diesen einige Fehler unterlaufen, was die praktische Begründung des utilitaristischen Prinzips anbelangt.[3] Als besonders unzureichend sieht er die bisherigen Versuche seiner Vorgänger an, eine überzeugende Beweisführung dafür vorzubringen, warum der Mensch nicht nur zu derartigen Freuden fähig ist, sondern, warum diese auch grundsätzlich immer erstrebenswerter sind, als die niederen Freuden.[4] Doch wie ist hier Mills eigene Unterscheidung zwischen „höheren“ und „niederen“ Freuden zu verstehen?

Der Autor dieses Essays vertritt die Meinung, dass Mill mit der Unterscheidung zwischen höheren und niederen Freuden und der anschließenden größeren Gewichtung der höheren Freuden den Übergang von einem egoistischen zu einem altruistischen Utilitarismus ermöglichen will, indem er von der Befriedigung Ich-bezogener Freuden weggeht und unseren Fokus auf das Glück der Allgemeinheit lenkt. In der Realität ergibt sich daraus jedoch das Problem eines fehlenden, absoluten Maßstabs. Dürfen also diejenigen, die scheinbar die Fähigkeit zur richtigen Unterscheidung von hohen und niederen Freuden besitzen, die Menschen, denen diese Fähigkeit fehlt, im Interesse der Allgemeinheit zu ihrem Glück zwingen? An dieser Stelle muss sich Mill fragen lassen, ob er nicht unter dem Deckmantel der Glücksmaximierung der Gesellschaft, einer „Glücksdiktatur“ Weniger Vorschub leistet.

Zum besseren Verständnis soll zunächst kurz aufgezeigt werden, wie Mill zu einer unterschiedlichen Gewichtung der höheren und niederen Freuden kommt. Anschließend soll näher auf den Mechanismus eingegangen werden, nach dem sich der Entscheidungsprozess zwischen diesen als unterschiedlich erkannten Freuden auf der persönlichen Ebene vollzieht. Zuletzt schließlich erfolgt eine kritische Betrachtung der Art und Weise, wie die höheren Freuden auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etabliert werden sollen.

Wie im ersten Kapitel ausgeführt, strebt der Philosoph mit seiner Arbeit nichts weniger als eine fundamentale Neugestaltung der Grundlagen der Moral an.[5] Diesem Anspruch will er mit einer Philosophie des größtmöglichen Glücks gerecht werden. Die von seinen ideengeschichtlichen Vorgängern verwendeten Argumente, wie eine größere Dauerhaftigkeit, ein Mehr an Verlässlichkeit, oder Unaufwendigkeit, sind Mill zufolge für eine Verteidigung der Sonderstellung der höheren Freuden, innerhalb dieses Systems, zwar durchaus nützlich, aber letztlich nicht zwingend genug.[6] Er leitet zunächst die Gewichtung der Freuden aus der Überlegung ab, dass es scheinbar solche gibt, die man trotz aller negativen Erfahrungen, die mit diesen verknüpft sein können, nicht gegen ganz offensichtlich niedrigere eintauschen möchte. Quantität schlägt in Qualität um.[7] Weitergehende Anhaltspunkte für das Mill’sche Konzept finden sich in dem Verweis darauf, dass die meisten Menschen ein Leben als Tier sicherlich auch dann ablehnen würden, wenn man ihnen in diesem die Erfüllung sämtlicher tierischer Freuden in vollem Umfang garantieren würde.[8] Dies sei nicht nur unwahrscheinlich, sondern ganz und gar ausgeschlossen, da ja „kein intelligenter Mensch […] ein Narr, kein gebildeter Mensch ein Dummkopf, keiner der feinfühlig und gewissenhaft ist, selbstsüchtig und niederträchtig sein [möchte].[9] Dieser Auswahlprozess wird anschließend auf der persönlichen Ebene konkretisiert, indem er auf ein Zusammenspiel aus einer Vielzahl von Gefühlen hinweist, die uns an Stelle der niederen Freuden ganz selbstverständlich den höheren den Vorzug geben lassen. Neben dem Stolz, dem Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, der Liebe zur Macht und zur begeisterten Erregtheit hebt er besonders das Gefühl der Würde hervor, welches dabei zum Tragen kommt.[10]

[...]


[1] vgl.: Mill, S. 24

[2] vgl.: Mill, S. 25

[3] vgl.: Mill, S. 27

[4] ebda.

[5] vgl.: Mill, S. 7

[6] vgl.: Mill, S. 27

[7] vgl.: Mill, S. 29

[8] ebda.

[9] ebda.

[10] vgl.: Mill, S. 31

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Über wessen Glück sprechen wir hier eigentlich?
Untertitel
Die Radikalität des Mill'schen Glücksbegriffs auf gesamtgesellschaftlicher Ebene
Hochschule
Universität Regensburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Klassikerkurs: Mill - Kant - Aristoteles
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V163607
ISBN (eBook)
9783640782710
ISBN (Buch)
9783640782826
Dateigröße
347 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utilitarismus, Freuden, Glück, Mill, J.S. Mill, höhere, niedere, Maximierung, Moral, Philosophie, Gesellschaft, Charakterstärke, Beruf, größtmögliche Zahl
Arbeit zitieren
Johannes Stockerl (Autor:in), 2010, Über wessen Glück sprechen wir hier eigentlich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163607

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Über wessen Glück sprechen wir hier eigentlich?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden