Frauen im Kampf gegen die italienische Mafia


Essay, 2010

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Vorwort

Die stärksten Assoziationen zum Thema „Italienische Mafia“ sind häufig durch Hollywood geprägte, allseits bekannte und klischeehafte Vorstellungen von Schutzgelderpressungen, Raubüberfällen, Drogengeschäften und brutalen Morden in einer von Männern dominierten, geheimen Vereinigung. Dieses von den Medien oft so ähnlich dargestellte Bild eines schon prototypischen Mafioso, spiegelt die allgemeine gesellschaftliche Unkenntnis über diese komplexe „Struktur Mafia“, mit all ihren parasitären Funktionen wieder. Bis vor wenigen Jahren, als die ersten Mafiaaussteiger vor Gericht aussagten, war vom genauen Wesen dieser kriminellen Organisationen in Italien, noch nicht sehr viel bekannt. In diesem Zusammenhang erfuhr man, dass Frauen innerhalb dieser Systeme zunehmend tragende Aufgaben zugesprochen wurden, womit auch das volkstümliche Bild der Mafia mit ihren Mitgliedern als reine Männerdomäne aus einem komplett neuen Blickwinkel beleuchtet wurde.

Zu Beginn der 1980er Jahre stieg in Süditalien die Opferzahl der durch Mafiaorganisationen ausgeübten Morde sprunghaft an. Parallel nahm auch die Brutalität in ihrer Vorgehensweise stark zu, womit sich das Machtverhältnis der einzelnen Mafiaclans und die Kontrolle über weite Teile süditalienischer Territorien ausweiteten. Wer der Mafia im Weg stand wurde meist sofort beseitigt. (vgl. Siebert, 1997, S. 229). Die in kriminelle Strukturen, in ihrer Funktion meist passiv involvierten Frauen und die Frauen, deren Männer gegen die Mafia vorgingen, haben unter dem Verlust eines Familienangehörigen besonders stark zu leiden. Die in der Mitte der 1980er Jahre von der italienischen Justiz gegen das organisierte Verbrechen unternommenen Ermittlungen erzielten nur mäßige Erfolge, da deren vertrauenswürdigsten Vertreter meist durch Attentate ermordet wurden und große Teile der italienischen Regierung sich durch die Mafia korrumpieren ließen. Domenico Sica, seinerzeit Hochkommissar für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität, erklärte 1989: „mehr als ein Drittel des italienischen Territoriums“ werde „effektiv nicht mehr vom Staat, sondern von der sizilianischen und calabresischen Mafia und der neapolitanischen Camorra kontrolliert.“ (Kienzle, 1990, S.16).

Diese erschreckenden Entwicklungen führten in den 1980er Jahren dazu, dass einerseits zunehmend Frauen, der Mafia zugehörig, vor Gericht gegen ihre Familien und Männer aussagten, und auf der anderen Seite Frauen aus der Zivilbevölkerung Initiativen gegen die Mafia gründeten. Aus dieser Haltung heraus und durch den Zusammenschluss im Kollektiv, hat sich unter diesen Frauen, die jahrelang oder sogar bis zu jenem Zeitpunkt ihr gesamtes Leben direkt oder indirekt unter diesem System zu leiden hatten, eine ganze Anti-Mafia-Bewegung gebildet, die sich aktiv gegen eine Welt, bestehend aus Angst, Gewalt, Abhängigkeit und Verschwiegenheit, stellt.

Ein kurzer Überblick über die Rolle der Frau innerhalb der Mafia und mögliche Gründe für ihre Abwendung Für die neapolitanische Camorra, die kalabrische ´Ndrangheta und die sizilianische Cosa Nostra kennzeichnet im allgemeinen die „Familie“, welche die unterste Ebene eines Clans darstellt, einen in sich nach außen hin geschlossenen Raum, der all seinen untergebrachten, meist miteinander verwandten oder verschwägerten, Mitgliedern bestimmte Privilegien verspricht und eine besondere Form von Schutz gewährt. Innerhalb der verschiedenen Mafiaorganisationen herrschen durchgehend strikte identitätsbestimmende Ehren-Kodizes, Initiationsriten und Mafiagesetze, die zur Verbreitung und Absicherung ihrer Macht und Familien-Ideologie dienen. Dazu gehören auch traditionelle Werte wie das Gesetz des Schweigens, Omertà und die Blutrache, Vendetta, welche als Basis für kriminelle Handlungen, die oft von Gewalt dominiert sind, zu verstehen ist. „Die Mafia ist eine gegenüber der Gesellschaft `andere´ Organisation; ihre Legitimität beruht allein auf Gewalt, und die Omertà funktioniert nur im Zusammenhang mit Gewalt, da sie dem Rest der Gesellschaft durch Terror aufgezwungen wird. Ehrenkodizes und Schweigepflicht sind interne Werte der sektiererischen Gruppe“. (Siebert, 1997, S. 138.).

„Cosa nostra“ heißt so viel wie „eine Sache unter uns“ und beschreibt mit ihren „Uomini d´onore“ (Männern der Ehre) eine aus dem Verständnis heraus ursprünglich männliche Mafia-Organisation. Jene zugehörigen Frauen sind von aktiven Beteiligungen meist ausgeschlossen und erhalten damit auch keine direkte Einsicht in die innersten Kreise dieser Struktur. Größtenteils werden die weiblichen Aufgaben in der mafiosen Welt auf den häuslichen Raum beschränkt, wobei sich die Frauen ihren Männern und der Familie unterzuordnen haben. Sie sorgen durch ihre Heirat für die Vergrößerung des Clans und sind als anerkannte Ehefrauen und geachtete Mütter bei der Erziehung ihrer Kinder für die Bewahrung und Weitergabe der moralischen Werte und Traditionen, wie auch die Omertà und Vendetta, sowie für den Ruf der gesamten Familie verantwortlich. Die idealisierte Darstellung der Frau, die durch ihre schwache Weiblichkeit einen kompletten Gegenpol zur männlichen Kraft und Gewaltbereitschaft abbildet, setzt in der Funktion der Ehefrau oder Mutter den Geschäften ihrer Männer einen Schleier auf, der nach außen hin mehr Glaubwürdigkeit und Schutz verschafft. (vgl. Siebert, 1997, S.66). Die zunehmende Armut und Arbeitslosigkeit Anfang der 1980er Jahre in Süditalien und die damit möglich aufkommende Verlockung schnelles Geld durch illegale Aktivitäten zu verdienen sorgte auch seitens der Frauen vermehrt für einen Bereitschaftsanstieg in mafiose Geschäfte einzusteigen. Durch ihre zuvor passive Rolle wurden sie zu stillen Komplizinnen der Machenschaften ihrer Männer und konnten interne Details und Informationen sammeln, was sie zu verantwortungsvolleren Funktionen innerhalb dieses Systems befähigte. Hierzu zählen zum Beispiel Beteiligungen als Namensgeberinnen für Briefkastenfirmen, Mithilfe bei der Geldwäsche oder telefonische Mittlertätigkeiten. Das eigene Haus porträtiert hier gleichzeitig einen Knotenpunkt krimineller Handlungen. Wenn sie außerhäuslich tätig werden dann auch als Drogenkurierin oder Drogendealerin. Wird der Ehemann verhaftet verwaltet die Frau bis zu seiner Wiederkehr meist seine Geschäfte. (vgl. Siebert, 1997, S.147 ff.).

Die gewissenhafte und reuige Einsicht über die Brutalität dieser kriminellen Aktivitäten oder der Verlust eines Familienangehörigen aus der Sicht der Mutter, Tochter, Schwester oder Partnerin können als Hauptmotivationen für ihren Ausstieg aus diesem System verstanden werden. Folglich stellt die Bereitstellung interner Informationen vor Gericht und Medien vielleicht eine erhoffte Form der Absolution dar. Die geistige Immunität sich gegen die Unterordnung als Frau unter die männliche Vorrangstellung und die von der Familie aufgesetzten Funktionen mit ihren traditionellen Werten zu wehren degeneriert meistens schon bereits in der Kindheit. Viele von ihnen gehen nach der dritten Klasse von der Schule ab, was die Möglichkeiten einer idealen Indoktrination durch mafiose Werte und die kritiklose Vorstellung von Mord als anerkanntes Mittel der Auseinandersetzung gewährleistet. (vgl. Bonavita, 1993, S.58). Hinzu kommen die Einschränkung aller weiblichen Freiheiten und die Scham vor der Beschmutzung des internen Rufs und Ehre ihrer Organisation durch Missachtung ihrer Gesetze. (vgl. Siebert, 1997, S.53). Wer sich gegen diese strikt einzuhaltenden, vorgeschriebenen Funktionen stellt, dem droht die nicht-gewaltfreie Ausgrenzung aus dieser Gesellschaft.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Frauen im Kampf gegen die italienische Mafia
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V163691
ISBN (eBook)
9783640784080
ISBN (Buch)
9783640784158
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Kampf, Mafia
Arbeit zitieren
Oliver Labza (Autor), 2010, Frauen im Kampf gegen die italienische Mafia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163691

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Frauen im Kampf gegen die italienische Mafia



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden