Migration als kulturpolitisches Paradigma? Konzepte der Interkultur im Diskurs


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Bedeutung von Interkultur

III. interkultur.pro
III. I: Sinus-Studie: Repräsentativuntersuchung „Lebenswelten und Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland und NRW“
111.11. Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund
III.II.I. Adaptives bürgerliches Milieu
III.II.11. Statusorientiertes Milieu
III.II.III. Religiös verwurzeltes Milieu
III.II.IV. Traditionelles Arbeitermilieu
III.II. V. Multikulturelles Performermilieu
III.II. VI. Intellektuellkosmopolitisches Milieu
III.II. VII. Entwurzeltes Milieu
III.II.VIII. Hedonistischsubkulturelles Milieu

IV. Kulturelle Vielfalt in Dortmund Pilotstudie zu kulturellen Interessen und Gewohnheiten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Dortmund
IV. I. Mediennutzung und Freizeitaktivitäten
IV.II. Gegenüberstellung von Interesse und Besuch von Kulturveranstaltungen
IV. II. Verbesserungswünsche der befragten Personen

V. Das Kulturund Kommunikationszentrum XY in Stadt Y Eine Institution mit Vorbildcharakter
V. I. Interview Frau A (aus urheberrechtlichen Gründen für die Publikation entfernt)

VII. Fazit

VIII. Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Hauptseminars „Migration als kulturpolitisches Paradigma“ unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Schneider erarbeitet. Der Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit diversen Studien, die von interkultur.pro, einem Düsseldorfer Institut für soziale Dialoge, durchgeführt worden sind.

Ziel der Studien war es, die Lebenswelten und Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund frei von Vorurteilen zu untersuchen, um deren kulturelle Präferenzen kennen zu lernen und Verbesserungen im Kulturbetrieb für diese Personengruppen anzustreben. Da zugewanderte Personen bei kulturellen Veranstaltungen bislang noch die Minderheit bilden, gilt es, die Zugangsvoraussetzungen entsprechend anzupassen. Selbst bei Bekundung von Interesse an diversen Kulturangeboten, fällt die Teilnahme eher gering aus. Die Umfragen weisen auf die Ursachen dessen hin und geben Aufschluss über mögliche Indikatoren, die zur Verbesserung beitragen können.

Die Einleitung dieser Arbeit basiert auf der Publikation Interkultur von Mark Terkessidis, dessen Werk ausschlaggebend für das Seminar war. Der Migrationsforscher Terkessidis prägte den Begriff Interkultur maßgeblich. Er plädiert für eine radikale interkulturelle Öffnung sämtlicher Institutionen, die allen Personen, unabhängig von ihrer Herkunft, Chancengleichheit gewährleistet. Ein symbiotisches Miteinander zieht er deutlich einem toleranten Nebeneinander vor. Als wegweisendes Beispiel schließt diese Arbeit mit einem Interview mit Frau A., der Geschäftsführerin des soziokulturellen Zentrums XY in Stadt Y. Es zeigt, dass interkulturelle Kulturarbeit ein erfolgreiches Konzept ist, das die Interessen einer Vielzahl von Menschen abdeckt.

II. Bedeutung von Interkultur

Gibt man in eine Intemetsuchmaschine den Begriff „Interkultur“ ein, so erzielt man verschiedene Treffer, die sich ebenso unterschiedlich selbst definieren. Eine Website bietet Informationen über internationale Chöre; der Slogan „Die Kraft der Musik bringt uns zusammen “ wird als Zitat von US-Präsident Barack Obama in großen Lettern auf der Homepage präsentiert.1

Eine weitere Internetpräsenz befasst sich ausschließlich mit interkulturellen Gärten und zeigt grüne Landschaftsarchitektur der Migrationsgesellschaft. Die gemeinschaftliche Pflege der Gärten soll Verbindungen und Austauschmöglichkeiten zwischen Migrantlnnen und Einheimischen hersteilen.2

Wikipedia, als freie Enzyklopädie, führt lediglich den Begriff „Interkulturelle Kompetenz“ in ihrer Datenbank. Gleichwohl man die Bedeutung der Interkultur schwerlich ohne genannte interkulturelle Kompetenz rezipieren kann, ist es dennoch verwunderlich, dass keine Beschreibung des Nomens vorhanden ist.

Wird hingegen Multikulti nachgeschlagen, so erhalten wir eine knappe Beschreibung dieses Begriffs. Der Publizist Mark Terkessidis warnt jedoch davor, die Begriffe Multikulti und Interkultur simultan zu verwenden. Multikulti meint das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen, während Interkultur von einer Kultur bewusst im Singular spricht, einer Kulturim-Zwischen, die von verschiedensten Interessenverbänden konstruiert wird.3

Nach Terkessidis bedeutet Interkultur vor allem Barrierefreiheit, es geht nicht vorrangig um ethnische Gemeinschaften oder kulturelle Identität, wie es die Theorie des Multikulturalismus meint.4 Da sich infolge der Einwanderung in den vergangenen Jahrzehnten ein immenser demographischer Wandel ereignet hat, 'wäre es 'weltfremd zu glauben, man könne die Einwanderer ganz einfach einfügen in die bestehenden Strukturen,5

Barrierefreiheit meint also in diesem Zusammenhang, dass Menschen mit Migrationshintergrund gleiche Chancen im sozialen, gewerblichen und kulturellen Sektor haben sollen. Hierzu ist insbesondere eine Evolution der Institutionen vonnöten, auf die ich im Folgenden noch einmal zurückkommen werde. In Großbritannien, den Niederlanden und den USA beschäftigt sich die Politik bereits seit längerem mit dem Potenzial, das einer kulturell heterogenen Gemeinschaft innewohnt. Diese Auseinandersetzung wird unter dem Begriff Diversity oder auch Diversity Management zusammengefasst. Mit dem Begriff Diversity wird eine Strategie zur Erhaltung der Vielfalt bezeichnet. Diese Vielfalt schließt kulturelle und soziale Vielfalt mit ein. Diversity Management bezeichnet die Vielfalt in der Personalentwicklung. Hierbei soll u.A. vermieden werden, dass etwa in Führungspositionen nicht nur männliche Mitarbeiter, Mitte vierzig und mit deutschem Stammbaum eingestellt werden. Ähnlich dem Gender Mainstreaming richtet sich auch Diversity Management gegen Diskriminierung.6 7

Erstaunlich ist, - gemessen an der Tatsache, dass die Bundesrepublik seit nunmehr ungefähr sechzig Jahren ein beliebtes Einwanderungsland ist - dass Deutschland erst seit 2010 ein Ministerium verabschiedet hat, welches sich speziell mit Integration befasst. Aygül Özkan wird als erste türkischstämmige Frau das Ministeramt für Soziales und Integration bekleiden. Die Hamburger Juristin konnte zu Ihrem Amtsantritt nur Lob einstreichen - aus Deutschland und aus der Türkei. So titelte etwa die türkische Zeitung „Hürriyet“ aufDeutsch „Dankeschön FrauMerkel“?

Fakt ist jedoch, dass zumeist und zumindest in Deutschland die Mitarbeiterstruktur umso homogener wird, je höher man die Hierarchieleiter steigt. Hier regieren noch jene unangefochtenen Personen, die in den Vereinigten Staaten während der Debatten um die Political Correctness ironisch als „PPPP“ bezeichnet wurden, als „Pale Patriarchal Penis People“ ,8 Nun ist es nicht so, dass Frauen in Führungspositionen nicht auch als weitgehend homogener Personalbestand angesehen werden können. Nur sind dies oft schlechter bezahlte Bereiche, wie beispielsweise in Pflege/- oder Altenheimen. Die weit verbreitete Annahme, Frauen seien als mütterliche Wesen für solch einen Tätigkeitsbereich besser qualifiziert, muss in Frage gestellt werden.9

Die Gleichberechtigung von Frau und Mann ist jedoch nur ein Teilaspekt der Interkultur. Der Amtsantritt von Frau Özkan als Integrationsministerin kann zwar als lobenswert interpretiert werden. Doch hierzu muss hinterfragt werden, ob der Begriff „Integration“ in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt noch relevant ist. Integrieren bedeutet in bestehende Verhältnisse eingliedem.

Wie kann man jedoch vom Eingliedern in eine „deutsche Gesellschaft“ sprechen, was prägt sie und was macht sie aus? Der Ethnologe Jens Schneider führte im Jahr 2001 eine Studie über das „Deutschsein“. Er interviewte 35 Personen verschiedenster Herkunft, die in den Bereichen Kultur, Politik und Medien arbeiten. Es stellte sich heraus, dass die Befragten folgende Eigenschaften mit dem „Deutschsein“ in Verbindung brachten: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Pflichtbewusstsein und eine gewisse nachdenkliche Tiefe gegenüber der oft zitierten amerikanischen Oberflächlichkeit oder der mediterranen Leichtigkeit.10

Schneider stellte fest, dass all diese Attribute eine sehr geringe Defintionstiefe besitzen. Obwohl sich alle Befragten als „deutsch“ verstanden, mussten sie sich doch eingestehen, dass sie die genannten Eigenschaften nicht, oder nur zum Teil besitzen würden. Dieses äußerst tradierte Verständnis vom „Deutschsein“ bildet eine immense Blockade für die Entwicklung der Bundesrepublik. Wenn also selbst „Einheimische“ Schwierigkeiten haben, sich das „Gütesiegel Deutsch“ auf zu stempeln, wie soll dies dann eine Person mit Migrationshintergrund können?11

Viele Einwanderer sagen von sich selbst, sie seinen zwar keine Deutschen, Kölner (zum Beispiel) aber auf jeden Fall. In der linken Bewegung ist ferner zu beobachten, dass die Eigenschaft „deutsch“ alles andere als positiv konnotiert ist. Hier geht es aber weniger um die Ablehnung der vermeintlichen Eigenschaften nach Schneider, sondern vielmehr gegen die Auffassung, dass „Deutschsein“ ein Privileg sei.

Wenn man einen Blick auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wirft, wird schnell deutlich, durch welch mannigfaltige Nationalitäten die Bundesmannschaft im In/-und Ausland repräsentiert wird. Die Zusammensetzung der Mannschaft und deren Gemeinschaftsgefühl ist ein gutes Vorbild für die Entwicklung Deutschlands zu einem interkulturellen Staat.

Wie auch im Fußball muss in der Politik das Potenzial der Vielfalt erkannt, gefordert und genutzt werden. Die Betonung liegt dabei nicht auf der Unterschiedlichkeit der Kulturen, sondern auf dem gegenseitigen Respekt und der beidseitigen Lernwilligkeit, von der beide Seite gleichermaßen profitieren können.

III. interkultur.pro

interkultur.pro ist eine Organisation, die vom Referat Interkulturelle Kulturarbeit des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wird. In Nordrhein-Westfalen (NRW) hat fast ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, interkultur.pro hat sich zum Ziel gesetzt, eine Brücke zwischen eingewanderter und einheimischer Kulturszene aufzubauen. Dazu zählt, Migrantlnnen den Zugang zu Kultureinrichtungen zu erleichtern, eigene künstlerische Leistungen zu unterstützen und die kulturellen Szenen der Zugewanderten für die gesamte Gesellschaft zu öffnen, interkultur.pro wendet sich mit ihren Anliegen an Journalistinnen, Kommunalpolitikerinnen und an Künstlerinnen. Die Organisation sieht sich als Ort der Professionalisierung des interkulturellen Kunstund Kulturmanagements.12

ULI. Sinus-Studie: Repräsentativuntersuchung „Lebenswelten und Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland und NRW“

Bei der Studie standen zwei grundlegende Ausgangsfragestellungen im Raum:

Welche kulturellen Präferenzen und Gewohnheiten haben Menschen mit Migrationshintergrund? Mit welchen Angeboten und Marketingmaßnahmen können Kulturanbieter dieses Zielpublikum erfolgreich ansprechen?

Ziel der Umfrage war es, Lebensstile und Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu ermitteln. Da Deutschland seit rund 50 Jahren ein Einwanderungsland ist, kann man Einwanderer nicht mehr als eine Minderheit klassifizieren. Fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung in der BRD besitzt einen Migrationshintergrund, wie eine Arbeitsgruppe 2005 unter Leitung des Referats interkulturelle Kulturarbeit der Staatskanzlei NRW ermittelte.13 Da über die Lebenswelten der eingewanderten Personen kaum etwas bekannt war, wurde eine Studie vom Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision GmbH ins Leben gerufen. Eine repräsentative Personengruppe sollte ein unverfälschtes Kennenlernen der verschiedenen Lebenswelten jenseits von medial verbreiteten Vorurteilen gewährleisten. Da es sich um ein Modell handelt, sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die Grenzen der einzelnen Milieus fließend sind. Ferner sind sie nicht als einwanderungsspezifisch auszumachen, da die genannten Milieus ebenso in der ursprünglichen deutschen Bevölkerung zu finden sind.

Zudem soll die Umfrage Aufschluss darüber geben, wie das Alltagsbewusstsein der Menschen aussieht, welche grundlegenden Werte, Wünsche und Träume sie verfolgen.

Es wurden insgesamt 2072 Personen ab .14 Jahren in mündlichen Interviews von ungefähr zwei Stunden befragt. Die Fragebögen umfassten folgende Sprachen: Deutsch, Russisch, Polnisch, Englisch, Spanisch, Türkisch, Italienisch und Serbokroatisch.

Die Personengruppe der Menschen mit Migrationshintergrund wird wie folgt definiert: Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, Menschen, die seit 1950 zugewandert sind oder Menschen mit mindestens einem seit I960 zugewanderten oder ausländischen Elternteil15

Die prozentuale Verteilung der befragten Personen lässt sich anhand folgender Grafik darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III.II Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund

III.II.I. Adaptives bürgerliches Milieu

Dieses Milieu bildet eine moderne Mitte, die nach einem harmonischen Leben und gesicherten Verhältnissen strebt. Es macht 16% bundesweit und 18% in NRW aus. Das adaptive bürgerliche Milieu setzt sich im ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in der Altersgruppe zwischen 30 und 60

[...]


1 Vgl. {http://www.interkultur.com/de/willkommen/} (Stand 08/2010).

2 Vgl. {http://www.stiftunginterkultur.de/} (Stand08/2010)

3 Vgl. Mark Terkessidis: Interkultur, Berlin: Suhrkamp, S. 10.

4 Ebd. S. 130.

5 Ebd. S. 8.

6 Vgl. {http://www.gendermainstreaming.net/gm/Wissensnetz/ziele,did=16586.html} (Stand: 08/2010).

7 Saskia Döhner: Jubel über den Sprung nach oben , in: Hannoversche Allgemeine Zeitung (21.04.10), S. 3.

8 Mark Terkessidis: Interkultur,Berlin: Suhrkamp, S. 145.

9 Ebd. S. 146.

10 Jens Schneider: Deutsch-Sein. Das eigene, das Fremde und die 'Vergangenheit im Selbstbild des vereinigten Deutschland, Frankfurt am Main: Campus 2001, S.177 ff.

11 Mark Terkessidis: Interkultur,Berlin: Suhrkamp, S. 59.

12 Vgl. {http://www.interkulturpro.de/index.html} (Stand 08/2010).

13 Vgl. {http://www.interkulturpro.de/ik_pdf/Sinus-Studie_2009.pdf S.7} (Stand09/2010).

14 Vgl. {http://www.interkulturpro.de/ik_pdf/Migranten_M_V14_HP.pdf S.9} (Stand 08/2010)

15 Grafik: {http://www.interkulturpro.de/ik_pdf/Migranten_M_V14_HP.pdf S.ll} (Stand 08/2010)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Migration als kulturpolitisches Paradigma? Konzepte der Interkultur im Diskurs
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V163746
ISBN (eBook)
9783668673557
ISBN (Buch)
9783668673564
Dateigröße
792 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migration, paradigma, konzepte, interkultur, diskur
Arbeit zitieren
Sarah Müller (Autor:in), 2010, Migration als kulturpolitisches Paradigma? Konzepte der Interkultur im Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163746

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