Dialog - zur Qualitätssicherung im sozialpädagogischen Alltag


Diplomarbeit, 2009

75 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Sufi – Betrachtung

Einleitung

Zielsetzung und Charakter der Diplomarbeit

Teil 1: Verschiedene Perspektiven zum Dialog in sozialpädagogischen Einrichtungen

Projektplan „Dialog“

1. Kommunikation/Dialog/Beziehungsdienstleistung
1.1. Was ist Kommunikation?
1.2. Was ist ein Dialog?
1.3. Was ist eine Beziehung?
1.4. Was sind die Voraussetzungen für einen gesunden Dialog?
1.5. Was ist eine gelebte Beziehungsdienstleistung?
1.6. Grundlagenarbeit im Team
1.7. Wann wird ein Gespräch zum Verhör?

2. Dialog/ Kooperation/ Ich – Atem
2.1. Die Rolle des Dialogs als Grundlage der Sozialpädagogik
2.2. Die spirituelle Dimension des Dialogs
2.3. Der Ich – Atem
2.4. Die neurobiologische Forschung und der kooperative Mensch
2.5. Ich – Atem und Schulung der Aufmerksamkeit im Dialog
2.6. Die Frage ist: „Wie können wir mit diesem Paradoxon umgehen?“
2.7. Spielregeln um dialogische Kompetenzen entwickeln zu können

Teil 2: Unterschiedliche Qualitäten von Dialog und Dokumentation

Projektplan „Dialog und Dokumentation“

Abkürzungsverzeichnis

4. Dialog und Dokumentation im Betrieb
4.1. Auswertung von Fragebögen und Interviews
4.2. Inhaltliche Auswertung der Fragebögen und Interviews
4.3. Meine Interpretation der Auswertungen
4.4. Interpretation von Mitgliedern des Leitungsteams
4.5. Gespräch und Dokumentation – Schlussfolgerung
4.6. Der Prozess zwischen Befrager und Befragten
4.7. Persönliche Reflexion und Akzeptanz von Veränderungsprozessen im Betrieb
4.8. Die Grundlagen der Betreutenbetrachtung
4.9. Zusammenfassung der Ergebnisse für SR und LT
4.10. Implementierung der Ergebnisse im Betrieb

5. Die Dynamische Betreutenbetrachtung

6. Reflexion zu Teil
Danksagung
Fazit

7. Anhang

Sufi Betrachtung

In einem dunklen Haus ein Elefant sich befand; Aus Indien gebracht, zur Schau er dort stand

In Scharen die Menschen gingen, um ihn zu sehen; Alle ins dunkle Haus hinein, um dort zu spähen

Mit den Augen sie ihn jedoch nicht erfassten; Drum die Hände sie nahmen, um ihn zu tasten.

Die Hand des einen den Rüssel berührte; Glaubte, dass er ein Abflussrohr gar spürte.

Nach dem Ohre griff des andren Hand; Sagte: „Ein Fächer ist’s, mir gut bekannt.“

Nun tastete das Bein die Hand des Dritten; Sagte: „Eine Säule ist der Elefant, unumstritten!“

Ein anderer wieder spürte den Rücken schon; Sagte:: „In der Tat, der Elefant ist wie ein Thron“

Einer nach dem anderen erfühlte ein Körperteil; Nutzte seinen Verstand, verkündete ein Urteil

Sie waren uneinig, jeder ihn anders begriff; Der eine nannte ihn „Dal“ der andere „Alif“ *

Hielte jeder eine brennend’ Kerze in der Hand; Zur gleichen Meinung wären sie jäh imstand.*

Dschalaluddin Rumi

(1207-1273)

*Dal und Alif sind Buchstaben des persischen Alphabets
*Alif – alternative Schreibweise: Irfan

Aus: http://articles.sufism.info/de/reality.htm

12.3.2009

Unterschiedliche Perspektiven von VertreterInnen unterschiedlicher Bereiche einer Institution, eines Unternehmens bewirken oft Missverständnisse.

Jeder meint. Genau zu wissen, wo die Probleme liegen und was als nächstes zu tun ist. Diese, durch den bekannten islamischen Dichter Rumi bearbeitete Sufi- Betrachtung endet mit folgendem Satz: „ Hielte jeder eine brennend’ Kerze in der Hand; Zur gleichen Meinung wären sie jäh imstand.“

Bei komplexen Systemen befasst sich ein grundlegender Wahrnehmungswandel nicht mehr ausschliesslich mit den einzelnen Teilen sondern mit dem Funktionieren des Ganzen. Statt auf dem Detail, liegt der Fokus auf der dynamischen Komplexität.

Die dynamische Komplexität wird vor allem durch den ständigen Dialog der Partner erfasst.

Einleitung

SozialpädagogInnen sind nicht unbedingt Menschen, die gerne Bücher und berufsethische Abhandlungen lesen; ihr Arbeitsfeld ist die direkte Interaktion untereinander und mit ihren Klienten. Ich hoffe, dass diese Arbeit trotzdem den Zugang zum sozialpädagogischen Berufsfeld finden kann. Meine Intention war es, nachdem die letzten Jahre eine managementorientierte Ausrichtung im Vordergrund stand, den Fokus auf unser Kernaufgabe, die Beziehungsgestaltung mit unseren Klienten, zu richten.

Ich kann eine Pflanze auf zwei unterschiedliche Arten betrachten:

Stängel, Blätter und Blütenbereich lassen sich beschreiben, katalogisieren und einordnen. Aber ich kann auch beschreiben, wie sich die Blätter vom Keimblatt ausgehend, immer mehr vergrössern, im oberen Bereich zur Blüte hin wieder verkleinern, wie der Stängel erst in grossen Abständen von Blatt zu Blatt wächst und im blütennahen Bereich plötzlich wieder kürzere Abstände entstehen.

Über diese Art der Erscheinung der Pflanze nachsinnend, könnte man den Ein druck bekommen, als ob zwei Zeiten in einem lebendigen Organismus wirken, einerseits die fortschreitende, das Material zur Entfaltung bringende, und andererseits die aus der Zukunft hereinwirkende, die formende, das Wesen der Pflanze als Ganzheit offenbarende Zeit.

Wir können somit zwei unterschiedliche Arten menschlichen Denkens erkennen. Die eine Art beschäftigt sich mit der gewordenen, gestalteten, wäg- und messbaren Welt. Hier wird analysiert, logisch gedacht, Kosten und Nutzen miteinander abgewogen.

Diese Art zu denken hat uns die moderne technische und technologische Entwicklung gebracht, uns von mittelalterlichen Glaubenssätzen und Dogmen befreit und den einzelnen Menschen aus der Abhängigkeit von

Gemeinschaften emanzipiert.

Die zweite Art des Denkens hat einen betrachtenden Charakter und versucht die Pflanze als lebendigen Organismus wahrzunehmen. Verschiedene zeitliche Phasen der Pflanze werden für den Betrachter sichtbar und zu einem „Tableau“ zusammengeschaut, als ob die Pflanze eine Ganzheit wäre, nicht nur fortschreitend mit der Zeit, sondern aus der Zukunft heraus sich hereinbildend in der Sichtbarkeit erscheint in der polaren Spannung zwischen verschiedenen Kräften, das Bild der jeweiligen Pflanze.

Diese zweite Art zu Denken ist eine Möglichkeit, einen lebendigen Organismus zu beschreiben, darüber hinaus eine Möglichkeit, die Verhältnisse zwischen verschiedenen lebendigen Organismen zu erfassen, vielleicht aber auch die einzige Möglichkeit, Prozesse wirklich sichtbar werden zu lassen, die sich zwischen Menschen abspielen.

Was könnte es für Arbeitsgemeinschaften, vor allem im sozialen Bereich bedeuten, mit dieser Art des Denkens auf Prozesse zu schauen, die sich zwischen Menschen abspielen?

In den letzten 15 Jahren hat sich eine managementorientiert Kultur in sozialen Institutionen entwickelt, die Ordnung und Transparenz in verschiedensten Lebensbereichen schaffen konnte. Bei der daraus ent- standenen Betriebsamkeit, scheint aber der einzelne Mensch, die Gestaltung der Beziehung untereinander, aus dem Bewusstsein verschwunden zu sein. Wegen hauptsächlicher Konzeptarbeit, Qualitätssicherung und Optimierung des Leistungsangebots haben wir uns von dem entfernt, was sich prozesshaft unter KlientInnen und MitarbeiterInnen entwickelt, wenn Raum dafür geschaffen wird.

Vielleicht kann eine dialogisch aufgebaute Unternehmenskultur, welche im obigen Sinne eine neue Art des Denkens entwickelt, etwas dazu beitragen, dass Menschlichkeit wieder ins Zentrum der sozialpädagogischen Bemühungen gerückt werden kann.

Diese Arbeit möchte dazu ermuntern, dass soziale Institutionen wieder den Mut zur Beziehungsdienstleistung entwickeln.

Das Entwickeln der dialogischen Kompetenzen innerhalb des Unternehmens ist eine der Methoden, die es uns ermöglichen wird, unsere sozialpädagogische Kernaufgabe neu zu ergreifen.

Diese neuen Entwicklungen sollten nicht die bereits erarbeiteten, standardisierten Dokumentationsformen verdrängen, sondern ihnen den richtigen Stellenwert innerhalb der Institution geben und dieselben um den Aspekt der gelebten Beziehungsdienstleistung ergänzen.

Zur Vertiefung einzelner Fragestellungen werden im Anhang Themen erklärt, die innerhalb der Arbeit zu wenig berücksichtigt werden konnten.

Sophia Gubaidulina beschreibt in dem Film „Sophia – Biographie eines Violinkonzertes“. – (SF1:28.9.2008) Es geht dabei um das Violinkonzert „In tempus presens“ einer eigenen Komposition -:

„Es gibt einen Klangraum, von dem ist die hörbare Musik nur ein Ab- klatsch. Was von diesem Klangraum hörbar werden kann, will sich

immer verflüchtigen“

(Bei den letzten Worten greift sie verzweifelt in ihre Haare, als wollte sie sagen: Wie kann ich nur diesen Prozess verständlich machen?)

Ich hoffe, dass der Leser die folgenden Versuche eines ganzheitlichen, die dynamische Komplexität des Lebens mit einbeziehendes Denkens, in sein Denken integrieren kann.

Ziel und Charakter der Diplomarbeit

Die Pflanzenbetrachtungen (siehe Anhang goetheanistische Betrachtungsweise), die Sufi – Geschichte und die Aussage von Sophia Gubaidulina geben die Art der Betrachtungsweise an, mit der ich versuchen werde, das Thema Dialog zu ergründen. Ich möchte verschiedene Perspektiven zum Thema Dialog innerhalb einer sozialpädagogischen Einrichtung erfassen und mir ein Urteil bilden, welche Form der Kommunikation eine Institution braucht, deren Kernaufgabe Beziehungsdienst leistung ist.

Siehe Anhang 7.1. „Goetheanismus“ und 7.2. Was ist der künstlerische Prozess?

Im 1. Teil werden Literatur und eigene Erfahrungen verglichen und unter- schiedliche Standpunkte bearbeitet, die Tragweite des Themas ausgelotet.

Im 2. Teil wird geht es darum, ob sich, die Annahmen des ersten Teils durch die Berichte aus dem Betrieb bestätigen lassen.

Das Thema Dialog und Dokumentation wird die Möglichkeit geben die

aufgeworfenen Fragen praxisnah zu gestalten.

Selbstbeobachtungen beim Dialog mit den MitarbeiterInnen werden in die

Betrachtung einfliessen können.

Arbeitshilfen:

Fragebögen und deren Auswertung:

Interviews von einigen Mitarbeitern und deren Auswertung

Beobachtungen zum Thema im sozialpädagogischen Alltag durch die

MitarbeiterInnen

Ich werde in dieser Arbeit von „sozialpädagogischen Einrichtungen“ sprechen.

Ähliches gilt meiner Meinung nach auch bei anderen „Non – Profit_ Organisationen“. Ich möchte diesen Begriff aber nicht verwenden, weil er die „Wirtschaftlichkeit“ einer Organisation ins Zentrum rückt. Mein Fokus soll aber der Mensch bleiben.

siehe Anhang 7.2.6

Teil 1: Verschiedene Perspektiven zum Dialog in sozialpädagogischen Einrichtungen

Projekt Dialog:

1. Ziel: Literatur und eigene Erfahrungen werden miteinander verglichen, unterschiedliche Standpunkte bearbeitet und die Tragweite des Themas ausgelotet.
2. Methode: Studium der Literatur, vergleichende Darstellung und Urteilsbildung darüber, welche Kommunikationsform einem Unternehmen entspricht, in dem der Mensch im Zentrum steht. Praxiserfahrung wird in der Reflektion berücksichtigt.

1. Kommunikation, Dialog, Beziehung

1.1. Was ist Kommunikation?

Ulrich Saxer schreibt in seinem Artikel „Die neuen Medien. Staats, sozial – und kulturpolitische Aspekte, in: Schweizer Monatshefte 6/ 1983, 493-503, Zitat: 493) [„Die Komplexität dieser Gesellschaft, ihre Differenziertheit, hat ein derartiges Aus mass angenommen, dass neben, den bekannten drei Sektoren der Urproduktion, also vor allem der Landwirtschaft, dem Handwerk und der Industrie als verarbeitendem Sektor und dem Dienstleistungssektor, ein vierter Sektor sich allmählich ausbildet, nämlich derjenige der Kommunikation, der die anderen kommunikativ erschliessen muss“.]

„Der Begriff „Kommunikation“ stammt aus dem Lateinischen

communicare und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen, vereinigen“. In dieser ursprünglichen Bedeutung ist mit „gemeinsam machen, „teilnehmen lassen“ eine Sozialhandlung von Lebewesen oder Menschen gemeint.“…

„Kommunikation“ Wikipedia online (letzte Änderung am 12.5. 08)

Für diese Arbeit genügt diese Version des Begriffs „Kommunikation“. Der Autor ist sich aber bewusst, dass sich seit den 1940er Jahren dieser Begriff um

Signalübertragung von technischen Geräten, um den „Austausch von Informa- tionen“ und um die „Transaktionsanalyse“ erweitert hat. Ausserdem wird

Kommunikation seit den 1980er Jahren als die „Kunst überzeugen zu können“ im wirtschaftlichen und politischen Feld angesehen. Daraus haben sich die modernen Marketing - und PR Formen entwickelt, die in dieser Arbeit

ebenfalls nicht berücksichtigt werden.

„Information und Kommunikation“ Wikipedia online (letzte Änderung am 5.12.08 )

Kommunikation ist eine Bewegung zwischen einem Sender und einem Empfänger, eine Information, ein Signal wird übertragen.

Es wird etwas verstanden, an den Empfänger appelliert; der

Sender will etwas mitteilen oder stellt eine Beziehung zu dem

Empfänger her. Als Folge davon findet Dialog und/oder Begeg- nung statt:

1.2 Was ist ein Dialog?

[Ein Dialog (von altgriech. dialégesthai: sich unterhalten, sich unterreden; dialogein: einander zurechnen) ist eine mündlich oder schriftlich zwischen zwei oder mehreren Personen geführte Rede und Gegenrede.]

Aus Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Dialog (Letzte Änderung am 23.12.2008)

Teilen, mitteilen, einander teilnehmen lassen sind bereits wesentliche

dialogische Kompetenzen innerhalb einer Organisation, die in der Begleitung,

Entwicklung, Bildung und Pflege von Menschen zur Kernaufgabe gehören.

Durch die moderne Kommunikationswissenschaft sind viele Wege erschlossen worden, die Kommunikation innerhalb eines Betriebs verbessern zu können. Die Frage bleibt aber, welche Folgen durch diese fortschreitende „Bewusstwerdung“ innerhalb eines Betriebs entstehen können. Man spricht heutzutage von einer enormen Informationsflut, die nicht zu bewältigen ist.

Die Anonymität zwischen den MitarbeiterInnen, vor allem in grossen Betrieben, nimmt zu und der Einzelne scheint sich immer weniger für den Betrieb zu

interessieren.

Es scheint, als ob diese Bewusstwerdung auf der anderen Seite ein Herablähmen der Kompetenzen hervorruft, die durch das oben charakterisierte „teilen, mitteilen, einander teilnehmen lassen“ dargestellt wurden. Und es sieht so aus, als ob „ gegenseitige Verbindlichkeit“ nicht über ein stetes Wachsen des Bewusstseins entstehen kann, sondern eher aus einem Sich -verbinden, aus gegenseitiger willentlicher, nicht nur bewusster Bindung entsteht.

Direkter Dialog, eine Sozialhandlung zwischen Menschen, scheint viel brauchbarer für unsere Aufgabe innerhalb sozialer Institutionen zu sein, als wir uns das in den letzten Jahren eingestanden haben.

Ich hoffe, dass dieser Tatbestand im Verlauf meiner Recherchen mit unterschiedlichen Mitteln sichtbar werden kann.

Wenn jede Kommunikation zwischen Menschen in der Begegnung zwischen Sender und Empfänger einen kreativen Prozess oder einen Lernprozess auslösen kann und die dialogischen Kompetenzen des Einander- Teilnehmen - Lassens zulässt, werden wir in Zukunft dieser Bewegung dazwischen mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.

siehe Anhang 7.1. Martin Buber

- Der Dialog, das Gespräch gestaltet sich in der Spannung zwischen Vertrauensvorschuss und Misstrauen. Wenn in einem Gespräch gegenseitige Anerkennung, Vertrauen und Zuwendung spürbar werden beginnen wir aufeinander einzugehen und wir entwickeln gemeinsame Strategien, die die Gemeinschaft weiterbringen können.
- Wir lernen voneinander, werden produktiv und kreativ

Die Bindungstheorie beschreibt in der Psychologie das Bedürfnis des Menschen, eine enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehung zu Mitmenschen aufzubauen. Sie wurde von dem britischen Kinderpsychiater John Bowlby und der kanadischen Psychologin Mary Ainsworth entwickelt.

Bowlby bezieht sich ausdrücklich auf Charles Darwin, wenn er sagt, dass jeder Mensch mit den Verhaltenssystemen ausgestattet ist, die das Überleben der Spezies sichern. Dazu gehört beim Kind das sogenannte Bindungsverhalten. Arietta Slade, eine US-amerikanische Psychoanalytikerin, Bindungsforscherin sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, fasste diese Ansicht zusammen

(a) Das Kind hat eine angeborene Prädisposition, sich an seine Bezugsperson zu binden.
(b) Das Kind wird sein Verhalten und Denken so organisieren, dass diese Bindungsbeziehung, die den Schlüssel zu seinem psychologischen und physischen Überleben bildet, aufrechterhalten bleibt.
(c) Häufig wird das Kind solche Beziehungen um den hohen Preis eigener Funktionsstörungen aufrechterhalten.
(d) Die Verzerrungen im Fühlen und Denken, die einer frühen Bindungsstörung entstammen, entstehen meistens als Antworten des Kindes auf die Unfähigkeit der Eltern, seinen Bedürfnissen nach Wohlbefinden, Sicherheit und emotionaler Beruhigung Rechnung zu tragen.
Aus Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie (letzte Änderung am 26.12.2008)

1.3. Was ist eine Beziehun g?

Was ist die Voraussetzung, dass Menschen eine Beziehung zueinander aufbauen können?

In der Psychologie hat sich eine Bindungstheorie entwickelt, welche die

Bedingungen für gelingende Beziehungen erforscht hat.

In erster Linie wurde bei diesen Studien das kindliche Bindungsverhalten erforscht. Es zeigte sich aber, dass bestimmte, in der frühen Kindheit entwickelte Verhaltensmuster bis ins hohe Alter beim Menschen erhalten bleiben, die unsere Möglichkeiten, menschliche Beziehungen gestalten zu können, beeinflussen.

Die Fähigkeit eine Bindung zu einer Bezugsperson aufbauen zu können, entwickelt sich beim Kind an der Feinfühligkeit, wie die Bezugsperson die Äusserungen und Bedürfnisse des Kleinkindes interpretiert. Der individuelle Bindungstyp entsteht durch die Anpassung an das Verhalten der ersten Bindungspersonen. Das in der frühen Kindheit erworbene und gezeigte Bindungsmuster ist als "inner working

model" in der Psyche eines Menschen repräsentiert. Das "inner working model" beinhaltet die individuellen früheren Bindungs - Erfahrungen sowie die daraus abgeleiteten Erwartungen, die ein Menschen gegenüber menschlichen Beziehungen hat.

Die menschlichen Grundbedürfnisse Anerkennung, Zuwendung und Vertrauen liegen, so beschreibt

Joachim Bauer, diesem Bindungsverhalten zugrunde.

Die heutigen Forschungsergebnisse der neurobiologischen Forschung, unter anderen von Joachim Bauer kommentiert, weisen darauf hin, dass das Urbedürfnis von lebendigen Organismen eben nicht Kampf, wie es immer wieder von Charles Darwin beschrieben wurde, sondern Kooperation ist.

Kooperation erwies sich als die optimale Strategie, aber nur, wenn sie mit der Fähigkeit und Bereitschaft verbunden war, im Falle einer Nichtkooperation des Partners, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Dies entspricht komplett der aus neurobiologischer Sicht dargestellten Konstellation, dass das Bindungsbedürfnis an erster Stelle steht und Aggression im Dienste der Bindung fungiert.“] Joachim Bauer „Prinzip derMenschlich- keit“ (2006:181) in Auseinandersetzung mit der Spieltheorie/Robert Axelrod „Das Interaktive Gefangenen - Dilemma“ (1981)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fig.3

Rosenblattmetamorphose,

Verkleinerung der Blattform

vor der Blütenbildung

Ich meine die menschliche Wesenheit braucht Zuwendung, Anerkennung und Vertrauen um eine Substanz, eine Art Willensimpuls im Gespräch aufbauen zu können, die uns in eine Beziehung zum Umfeld setzt, welche es ermöglicht, mit diesem in einen Lernprozess, in ein dialogisches Verhältnis treten zu können. Dieses Verhältnis ist aber nicht nur, wie in 1.2. beschrieben, ein Gespräch zwischen Partnern, sondern es entsteht während des Gesprächs, wenn es sich über die Phase des Informationsaustausches, des Vertretens einer eigenen Meinung und über das Streitgespräch hinaus begeben kann, eine kreative Substanz, die Grundlage für weitere neue Entwicklungsschritte werden kann. Das Bindungsverhalten des Menschen wird angeregt, Menschwerdung ist angesprochen.

Martin Buber schreibt in seinem berühmten Werk „Ich und Du“

….Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.

Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Buber,M. (1923) Sammelband (2006:15)

- Menschliche Beziehung gestaltet sich in der Spannung zwischen Selbstbehauptung und Hingabe, zwischen Nähe und Distanz und durch unterschiedlichen Umgang mit Dauer in der Bindung zweier Lebewesen. Dauer und gegenseitige Nähe wirken als Verstärker und schaffen lebenslange Bindungen.
- Diese Verstärker sind Grundlage unseres Menschentums und müssen in jeder Beziehungsgestaltung berücksichtigt werden.

1.4. Was sind die Voraussetzungen für einen gesunden Dialog?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein gesunder Dialog nur entfalten kann, wenn die Gesprächspartner einander Raum für unterschiedliche Stand punkte geben können. Es geht dabei um Anerkennung, aber gleichzeitig auch darum die eigenen Standpunkte einbringen zu können, die der Anderen zu spiegeln und um die Bereitschaft etwas Neues entstehen zu lassen.

- ein Schutzraum, ein offenen Raum, in dem die Gesprächspartner Kooperation und gegenseitigen Respekt signalisieren können
- genügend Zeit den Alltag wirklich loslassen zu können..
- gegenseitige Wahrnehmung und Wertschätzung
- Widersprüchlichkeiten der unterschiedlichen Standpunkte aushalten können
- Offenheit für etwas „Neues“, für das, was dazwischen werden will, für etwas, was ich jetzt noch nicht weiss
- Vertrauen, dass der Gesprächspartner es ernst meint mit dem, was er sagt, dass er es auch realisieren will
- Loslassen können auf der emotionalen Ebene
- Kohärenz der Gedankengänge. Sie sind in sich logisch, nachvollziehbar und zusammenhängend.
- Spielerische Handlungsbereitschaft

Ähnliche Kriterien finden sie auch bei Karl Martin Dietz

„Dialogische Führung“

Siehe 7.1

Voraussetzung für einen gesunden Dialog scheint also zu sein, dass wir uns einander zuwenden und dass wir gegenseitige Anerkennung signalisieren. Wesentlich scheint auch zu sein, dass die Gesprächspartner einander vertrauen können und dass Verschwiegenheit gewährleistet ist. Dass aber auch die Ergebnisse des Gesprächs transparent kommuniziert werden und ernsthaft um ihre Umsetzung gerungen wird. Gegenseitige Verbindlichkeit wird zur Grundlage des Dialogs, wie er hier dargestellt wurde.

Da sehen wir, dass schon vom Sprachgeist der Bezug geschaffen wird, der gerade erarbeitet worden ist. Verbindlichkeit kommt von

Verbundenheit, Bindungen eingehen wollen und können.

1.5. Was ist eine gelebte Beziehungsdienstleistung?

Im Dienstleistungsbetrieb meine ich, kann ein Produkt nur gut vermarktet wer den, wenn es ein gutes Produkt ist und wenn neben den fachlichen auch

sozi-ale, kommunikative Kompetenzen des Verkäufers spürbar werden. Ich wende mich eher an den Betrieb, der Vertrauen einflösst und Verbindlichkeit ausstrahlt. In der Sozialpädagogik wird, von dieser Seite betrachtet, der unter- stützungsbedürftige Mensch zum Produkt. Unsere Aufgabe ist es die KlientIn nen zu begleiten, zu fördern, zu pflegen. Neue Entwicklungsschritte

anzuregen und einzufordern und durch die Gestaltung der Beziehung eine anregende, häusliche Atmosphäre zu schaffen. SozialpädagogInnen können, wie ich in meiner pädagogischen und agogischen Praxis immer wieder fest stellen konnte, in verstärktem Masse erleben, dass Kundenzufriedenheit und Vertrauen in ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen Gelingen und

Misslingen von pädagogischen und agogischen Prozessen beeinflusst. Die Erwartungshaltung von KlientInnen, ihrer Eltern und anderer Bezugssysteme beeinflussen meinen Erfolg im Umgang mit denselben. Auf der anderen Seite beeinflusst meine Erwartungshaltung, mein Vertrauen oder Misstrauen in ei nen Menschen ebenfalls dessen Offenheit, Leistungsfähigkeit und Selbstver- trauen. Qualität in der Beziehungsgestaltung wird nicht durch „harte“, sondern durch „weiche“ Faktoren messbar. Was zwischen den Menschen sich abspielt muss gestaltet werden und führt zum „Erfolg“.

Ich spüre, ob in einem Betrieb eine gute Stimmung lebt, ob sich deren

BewohnerInnen wohlfühlen und sich, gemäss ihrer Kompetenzen weiter

entwickeln können.

Nicht durch Konzepte und Marketingstrategien, sondern durch die gelebte

Beziehungsgestaltung wirkt ein Betrieb auf BewerberInnen attraktiv. Sie

spüren ob sie da hinein passen, oder nicht. Das Bauchgefühl scheint dabei immer wieder eine grosse Rolle zu spielen.

Bis heute wurde in den Erziehungswissenschaften immer wieder betont, dass Beziehungsgestaltung nicht messbar sei. Das einzige taugliche

Messinstrument scheint die Kundenzufriedenheit zu sein.

Gibt es noch andere Messinstrumente?

Für mich ist die Kultur, die innerhalb eines Betriebs spürbar wird, solch ein Messinstrument. Das Streben nach dialogischen Grundwerten ermöglicht,

unter anderem eine Kultur, die menschliche Entwicklung fördert.

Subjektive, menschliche Faktoren scheinen in sozialpädagogischen Einrich- tungen eine wesentliche Rolle zuspielen.

Eine Kultur die sich am Subjekt und nicht an objektiven, nur äusserlich messbaren Faktoren entfalten kann, birgt in sich die Möglichkeit den Klienten wirklich wahr zu nehmen und nachhaltige Veränderungsprozesse einzuleiten.

Die Führungsstrategien innerhalb der Institution sollten eine Basis schaffen auf dem sich gelebte Beziehungsdienstleistung entfalten kann.

siehe Anhang 7.2.5

1.6. Grundlagenarbeit im Team:

Eines dieser Führungsinstrumente innerhalb von sozialpädagogischen Ein- richtungen ist die Fallbesprechung im Team.

Grundlagenarbeit im Rahmen einer Einzelfallbesprechung kann sichtbar

machen, wie wir gemeinsam durch ein offenes, Gespräch einen Raum

schaffen, in dem Platz für unterschiedlichste Formen der Darstellung der Be- treuten und Annahmen über die/den jeweilige/n Betreute/n möglich sind.

In der Phase der Darstellung des „Bildes“, welches wir im Team über die/den Betreute/n entwickeln, hat oberste Priorität: das eigene Urteil über diese Person zurückzuhalten. Es geht darum, wirklich hinzuschauen und zu beschreiben, was ich sehe. Das kann sehr unterschiedlich ausfallen, ist aber von grösster Bedeutung in der Phase, in der es später bei gemeinsamer Urteilsbildung, nicht um puren Meinungsaustausch, sondern darum geht, an das Wesentliche im Umgang mit der jeweiligen BewohnerIn heranzukommen.

Ein Schutzraum wird geschaffen, Widersprüchliches stehen gelassen, Offenheit für Neues ermöglicht, etc.

Im Team wird gemeinsam geübt, was wir in der Arbeit mit unserem Klientel immer wieder brauchen werden, ein dialogisches Verhältnis zu mir selber, zum Anderen und zu meiner Aufgabe zu entwickeln.

Was wir in den jeweiligen Teams oft als ein verblüffendes Ergebnis, vor allem bei Besprechungen von jungen Kindern oder Menschen mit einer

Behinderung erlebten, ist, dass der jeweilige Klient am nächsten Tag anders auf MitarbeiterInnen, MitbewohnerInnen oder BewohnerInnen reagiert, als ob das Ringen im vorhergehenden Gespräch etwas bei ihm/ihr ausgelöst hätte.

Siehe Anhang 7.3.7 „Die Betreutenbetrachtung“

Joachim Bauer beschreibt dieses Phänomen der gemeinsamen Spiegelung in seinem Buch „Lob der Schule“ ( 2007: 130) folgendermassen: [..“Machen Sie folgendes Experiment: Probieren Sie aus, was dabei heraus- kommt, wenn sie das Gleiche zusammen mit drei anderen Lehrkräften tun, wenn sich also vier Lehrkräfte in einen äusserst schwierigen Schüler (natürlich kann es auch eine Schülerin sein) einzufühlen versuchen und sich darüber austauschen. Sie werden dann die fast magische Kraft erleben, die von vier miteinander vernetzten „mirror neuron systems“ ausgeht. Sie werden plötzlich einige erstaunlich neue Ideen haben, was den Umgang mit diesem Schüler/dieser Schülerin betrifft.“]

Dieses Phänomen weist auf die in 1.3. besprochene kreative Substanzbildung, die in einem gelungenen Dialog entwickelt wurde, hin und wird uns im späteren Verlauf dieser Arbeit noch beschäftigen. Falls die in Punkt 1.4. erwähnten Voraussetzungen nicht erfüllt werden, kommen wir in den Bereich des Streitgesprächs, des Kontroll- und Konfliktgesprächs, oder des Verhandlungsgesprächs und des Verhörs.

Die Gesprächsformen, die innerhalb einer Institution gepflegt werden, können nicht immer in diesem, in 1.5. dargestellten, idealen Rahmen ablaufen. Der Alltag hält viele Überraschungen bereit, die es uns verunmöglichen, immer die hohe Präsenz zu erreichen, die es braucht, um in ein echtes dialogisches Verhältnis miteinander zu kommen. Ausserdem meine ich auch, dass wir uns von idealisierten Zielvorstellungen verabschieden könnten, die aus einer„Über – Ich - Haltung“ formuliert wurden. Wir könnten vielleicht etwas entspannter im Alltag miteinander umgehen, wenn wir mit menschlichen, allzu menschlichen Tatsachen spielerisch umgehen könnten.

Darum ist es wünschenswert, dass den Führungspersönlichkeiten das ganze Spektrum vom Verhör bis zum offenen Dialog in seinen verschiedenen

Formen als Handwerkzeug zur Verfügung steht. Eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen bei Gesprächen ist, dass wir vor oder im Gespräch entscheiden können welches jetzt die relevante Gesprächsform sein wird. Folgende Frage wirkt wie eine Art Kompass:

1.7. Wann wird ein Gespräch zum Verhör?:

„Werden Misstrauen oder Vertrauen die Grundlage unseres zu führenden

Gespräches sein?“

Dementsprechend wird sich die Strategie, die für das jeweilige Gespräch nötig sein wird, entwickeln. Ich möchte jetzt in den nächsten beiden Abschnitten die beiden extremsten Gegensätze von Gesprächsformen ausleuchten. Wie Licht und Schatten stehen sich die beiden Themen Verhör und Dialog gegenüber. Was in dem einen Bereich wirksames Mittel ist, um zu einer Begegnung kommen zu können, wirkt im anderen Bereich nicht förderlich.

Es kann in der Gesprächspraxis sein, dass einander offen zugeneigte Partner plötzlich auf einen Punkt stossen, den einer von ihnen ausleuchten möchte. Da erleben wir in der dialogischen Gesprächspraxis, dass sich beide Bereiche durchdringen, nie ganz voneinander zu trennen sind.

Grundhaltung für ein Gespräch wird aber, wenn wir uns klar wird, dass das Bindungsbedürfnis an erster Stelle steht, so wie im Kasten von 1.3 beschrieben, und dass die wirksamste Form des Dialogs aus gegenseitiger Kooperation, nicht aus einer Haltung des Kampfes (kalter/ heisser Konflikt) heraus entsteht.

Ausgangslage ist ein durch die Umstände gewachsenes oder durch

„Vernehmung“ Wikipedia online (letzte Änderung 9.12.2008)

[„…eine gelogene Geschichte ist meist chronologisch aufgebaut. „Eine wahre Geschichte ist aber nie chronologisch“, behauptet Edelmann“…“Nehmen wir den Film „Titanic“. Welche Szene fällt Ihnen spontan ein? Die Szene, die Sie emotional am stärksten berührt hat. Die ist in ihrem Langzeitgedächtnis drin. Das fällt Ihnen ein. Aber bestimmt nicht der Anfang.“…

Eine wahre Geschichte enthält Details und Nebensächlichkeiten die das Gegenüber vielleicht gar nicht hören möchte. Wie auch im Kabarett ist in der Vernehmung das richtige Tempo von Bedeutung. Genauer das Timing der Fragen und deren Antworten“….

Weil die ausgedachte Information nur im Kurzzeitgedächtnis gespeichert ist. Das braucht Zeit. Und auf dieses Antwort-Zeit-Verhalten achte ich….

Ein routinierter Fragesteller bohrt an bestimmten Stellen,…“] Der fragende Beamte bohrt nach Kleinigkeiten, die einen Lügner rasch aus dem Konzept bringen. Wie funktioniert eine Vernehmung?Interview eines Polizeibeamten online aus http://fudder.de/artikel/2006/11/23/wie-funktioniert-eine-vernehmung-2

Einzelereignisse ausgelöstes Misstrauen. Hier kehren sich die für einengesunden Dialog erforderlichen Grundhaltungen um. Die Begegnung derjeniger,die ins Gespräch miteinander kommen, wird verhindert dadurch, dass Misstrauen sich als Barriere zwischen beide stellt.Die Grundbotschaft der Leitungsperson an die/den Betroffene/n ist eine Misstrauenserklärung. Darum Vorsicht, nur im äussersten Notfall zu gebrauchen.:

„…Üblicherweise ist die Vernehmung in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil erhält der zu Vernehmende Gelegenheit zusammenhängend zu berichten, danach werden ihm Fragen gestellt, im letzten Teil werden Vorbehalte gemacht und sonst versucht Widersprüche zu Beweismitteln und anderen Aussagen zu klären.

Erfahrene Vernehmungsbeamte versuchen zunächst das Basisverhalten einer

Person festzustellen, um so durch Beobachtung des nonverbalen Verhaltens feststellen zu können, wann eine Person lügt…“

siehe Kasten

Wenn wir dieses oben dargestellte Verhör unvoreingenommen betrachten, fällt uns eine grundlegende Haltung des Vernehmenden auf. Er schafft möglichst viel Distanz und versucht Ungereimtheiten zwischen nonverbalem und verbalem Ausdruck zu erkennen, auszuwerten und für den Verlauf des Gesprächs zu nutzen, um möglichst viele Informationen vom Gegenüber zu erhalten.

„OK, ich habe verloren, ich gebe es zu.“….Dies ist der Wendepunkt,….., dass Verdächtige weitere Straftaten zugaben, nach denen er gar nicht gefragt hatte….“ Wie funktioniert eine Vernehmung?Interview eines Polizeibeamten online aus http://fudder.de/artikel/2006/11/23/wie-funktioniert-eine-vernehmung-2

Es entsteht ein Klima des Misstrauens, obwohl der betroffene Beamte vielleicht ein empathisches Verhältnis zum Täter haben kann. Der Beamte versucht die Barrieren zu überwinden, die durch das Vertuschen der Tat entstanden sind. Irgendwann vielleicht ist der Täter so in die Enge getrieben, dass sein Lügengebäude nicht mehr funktioniert, da passiert oft etwas Überraschendes:

Der Täter scheint erleichtert zu sein, dass er einen Gesprächspartner gefunden hat, jetzt will er mehr erzählen. Die Barriere des Misstrauens wird durchbrochen.

Dieser überraschende Vorgang kann uns im Ansatz dorthin führen, wie eine Gesprächssituation sein könnte, in der die Ausgangslage zum Gespräch Vertrauen ist.

Die nonverbale Körpersprache wird wichtiger Indikator, ob in einem Gespräch „Vertrauensqualität“ vorhanden ist oder nicht. Wir müssen vielleicht noch irgendwo „nachhaken“, wenn die Übereinstimmung zwischen Inhalt und Körpersprache nicht eintritt. Die Qualität der Begegnung wird im Gespräch erst durch dieses feine Spiel von Körpersprache und Stimme sichtbar/hörbar.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Erst in dem Moment, in dem

eine Begegnung zwischen den Gesprächspartnern stattfindet, entsteht Vertrauen und die Möglichkeit sich für das Andere öffnen zu können. Die Mittel, wie man zu dieser Vertrauensqualität kommen kann, sind unterschiedlich und am Beispiel des Verhörs in einer Extremvariante dargestellt.

In einem Verhör, in einer Verhandlungssituation, in einem Streitgespräch wird Distanz eingesetzt um Widersprüchlichkeiten aufzudecken. Das Ziel bleibt aber auch hier, dass wir schlussendlich das Gegenüber verstehen können.

In einem Dialog entsteht Nähe, eine gegenseitige Verbindlichkeit, die es uns ermöglicht, gestärkt aus dem Gespräch zu kommen. Gleichzeitig sind Lernprozesse angeregt, die neue kreative Impulse auf der Handlungsebene auslösen. Ich gehe mit neuen Ideen an die Arbeit.

Bei gelungener gemeinsamer„menschenkundlicher Grundlagenarbeit“ in der Fallbesprechung wirkt diese anregend und klärend auf die Aufgabe, die wir mit unseren KlientInnen haben. In solchen Gesprächen wird es möglich den eigenen Standpunkt zu verlassen und Motive und Absichten von den Gesprächspartnern zu kommunizieren ohne dass dadurch polarisiert wird, sondern dass eine neuer Blickwinkel auf die Problematik entstehen kann. Für einen Moment wird, so wie eingangs erwähnt, für die, die im Dunkel um den Elefanten herum standen, dessen ganze Gestalt sichtbar. Beziehung wird gestaltet und die im Gespräch entwickelte kreative Substanz kann auf der Handlungsebene neue Impulse ermöglichen. Gelungenes Einfühlungsvermögen heisst aber nicht nur Offenheit für die /den Klienten zu entwickeln, sondern Perspektiven für seine weitere Entwicklung zu sehen und diese auch zu kommunizieren. Es heisst sie/ihn auch in seinen Stärken und Schwächen zu spiegeln.

2. Dialog, Ich - Atem, Kooperation,

2.1.Die Rolle des Dialogs als Grundlage der Sozialpädagogik

Wenn wir uns diese oben erfasste Ausgangslage für ein Gespräch erarbeiten, werden wir nicht nur für die Zusammenarbeit und Kommunikation innerhalb der Organisation oder im Team, sondern für die gesamte sozialpädagogische Aufgabe neue Impulse erhalten.

Die KlientInnen spüren unmittelbar, wenn wir mit ihnen in einen Dialog kom- men wollen. Sie brauchen die Begegnung mit der/dem SozialpädagogIn um ihre Ich - Kräfte entfalten zu können. Wir konnten oben sogar sehen, dass sie ein Gespür dafür entwickeln, ob sich in einem vorgängigen Gespräch eine kreative Substanz entwickelt hat, die es ihnen ermöglicht, anders ihren

Bezugspersonen zu begegnen.

Die BewohnerInnen, meine ich, reagieren auf Mitarbeiterinnen eher emotional intuitiv. Sie haben ein ausgeprägtes Sensorium dafür, ob sich etwas in der Haltung der Mitarbeiterinnen verändert hat. Die Koheränz zwischen nonver- balem und verbalem Ausdruck, eine gelassene Körperhaltung und doch Wachsamkeit signalisieren den BewohnerInnen ob ihnen Anerkennung, Zu- wendung und Vertrauen entgegengebracht wird.

Die in Kapitel 1.3 beschriebene Bindungssubstanz und das in Kapitel 1.4

beschriebene „Loslassen können“ auf der emotionalen Ebene scheint damit zu tun zu haben.

2.2. Die spirituelle Dimension des Dialogs

Ist es die Entspannung oder das Vertrauen, dass nach solch einem Gespräch

, von den MitarbeiterInnen ausgeht? Was für eine Rolle spielt die Interaktion zwischen den Bezugspersonen und der/dem BewohnerIn, dem Kind?

Was bedeutet es, für eine Aufgabe, in der ein bindungsbegabtes Wesen an gesprochen wird, wenn sich in der Bindungssubstanz zwischen den MitarbeiterInnen etwas ändert? ( auf ganz banaler Ebene - MitarbeiterInnen plötzlich nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden können?)

Substanz- Bindungssubstanz- könnte vielleicht darauf hindeuten, dass das menschliche Wesen eben nicht nur ein Kommunikations- oder ein dialogisches Wesen ist, welches sich weiterentwickeln kann, sondern dass es auch eine Substanz in sich trägt, die unwandelbar, authentisch ist, die aber des anderen Menschen bedarf, um sich weiterentwickeln zu können.

Eine Substanz, die wandelbar, unwandelbar ist, eine Substanz, die Ausdruck der eigenen Individualität ist und dadurch einen intuitiven, direkten Kontakt zum Wesen des anderen Menschen aufbauen kann.

Ich meine es geht hier um die Ich - Kräfte, die Rudolf Steiner in seinem Werk als die Kräfte des „höheren Selbst“ anspricht. Das Begriffssystem welches Rudolf Steiner entwickelt hat, ermöglicht mir, diese oben beschriebenen Beobachtungen, die sich in meiner jahrelangen Praxis ergeben haben, einzuordnen.

Er ist der einzige mir bekannte Philosoph, der es im letzten Jahrhundert schaffte, eine Technik zur Erforschung der nicht mess- und wägbaren, spirituellen Welt zu entwickeln. Seine Forschungsergebnisse bekommen im Licht der neurologischen Forschungsergebnisse heute wieder eine andere Aktualität.

Er schreibt, dass dieses „höhere Selbst“ als Gegenpol zum wachen „Alltags -Ich“ zu begreifen sei. Wo das eine wacht, schläft das andere. Wir wachen am Morgen in unser Alltagsbewusstsein auf und schlafen am Abend in dieses höhere Selbst wieder ein. Wo das eine ein Ergebnis der bewussten Kontinuität des Bewusstseins ist, ist das andere das ewig Unteilbare. Der wache selbsbewusste Mensch offenbart sich aus dieser kreativen Einheit in einer Dreiheit: in wachem Denken und Wahrnehmen (Verstand), Fühlen, (Kraft der Mitte, des Ausgleichs, träumen) und im Wollen ( unbewusste Handlungsebene). Auf der Willensebene sind wir noch am stärksten mit dieser kreativen Einheit verwandt, verlieren aber das Bewusstsein, von dem, was wir tun.

Steiner schreibt in seinen „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ (1886 ) , dass jede Wissenschaft der Methode bedarf, die ihr Studienobjekt vorgibt. Die unorganische Natur können wir nur durch Hingabe an die Naturgesetze, die organische Natur durch Vergleich und Zusammenschau von unterschiedlichen Erscheinungsformen und den Menschen nur dadurch, dass Wirkender und Wirkung immer als Einheit erfasst werden, erforschen. Nicht die Äusserungen des Menschen, wie er in seinem Denken, Fühlen und Wollen in Erscheinung tritt, sollten uns interessieren, sondern, das, was ihn im „Kern“ zusammenhält: der menschliche Geist, sein inneres Gesetz, die Individualität.

Hier gehen mir die eigenen Worte aus, hier braucht es den

„Geistesforscher“ und es ist schwierig, mit unserem Alltags - Ich den Kern

dieser spirituellen Dimension zu treffen.

Auf jeden Fall findet in der menschlichen Biographie eine Involution der eigenen Persönlichkeit als Gegenstück zu der von C. Darwin dargestellten Evolution statt, die eines anderen Denkansatzes bedarf, den sich die heutige Menschheit, in seiner vollen Tragweite noch erarbeiten muss.

Vielleicht müssen wir in der Frage der Involution auf die Philosopia perennis zurückgreifen, die im 16. Jahrhundert vom italienischen Bischof Augustinus Steuchus geprägt und in seinem Buch De perenni philosophia libri X (Lyon, 1540) beschrieben wurde.

Hier wäre es spannend von LeserInnen zu hören, welche

Erfahrungen sie mit dieser spirituellen Dimension unserer Ich - Aktivität im Alltag gemacht haben. Ich würde mich freuen darüber in einen Dialog zu kommen.

Rudolf Steiner schreibt in „Das Rätsel des Menschen“ (GA 170: 239 )von: [„Mit diesem Ich - Sinn nehmen wir die Iche der anderen Menschen wahr, also alles dasjenige, was uns mit dem Ich behaftet entgegen tritt in der physischen Welt, das nehmen wir mit diesem Ich - Sinn wahr.“] In „Soziale und Antisoziale Triebe im Menschen“ (GA 187/Vortrag vom 12.12.1918:10) spricht Rudolf Steiner von: [„…Da geschieht nichts Geringeres, als dass eine gewisse Kraft wirkt von Mensch zu Mensch hinüber….. (selbige:11) …Daher entwickelt sich im Verkehr von Mensch zu Mensch die Tendenz, dass der eine Mensch den anderen behufs Herstellung eines sozialen Verhältnisses einschläfert…..(selbige: 12) Das spielt sich immer ab im Verkehr von Mensch zu Mensch: Tendenz zum Einschlafen, Tendenz, sich wach zu halten, ist aber antisozial in diesem Fall, Behauptung der eigenen Individualität, der eigenen Persönlichkeit gegenüber der sozialen Struktur in der Gesellschaft…..“]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fig.4

Rosenblattmetamorphose;

Blattfolge

2.3. Der Ich -Atem

Rudolf Steiner schreibt ebenfalls, dass das Organ, welches die Persönlichkeit eines anderen Menschen wahrnimmt, ein Organ ist, das sich wie ein Tastorgan verhält. Der zuhörende, aufnehmende Mensch geht an die Grenze der eigenen Persönlichkeit und über dieselbe hinaus schläft er in der Wahrnehmung der anderen Persönlichkeit ein.

Wir kennen dieses Phänomen innerhalb von Diskussionen, dass wir alle Kraft zusammennehmen müssen, um die eigenen Gedanken, Ideen nicht ganz aus dem Bewusstsein zu verlieren, wenn wir anderen zuhören. Wir kennen aber auch das Phänomen, dass wir, wenn wir selbst sprechen und in unserer eigenen Ideenwelt verankert sind, nicht ganz wahrnehmen, wie das Gesprochene beim anderen ankommt.

Im ständigen Wechsel zwischen Du und Ich spielt sich Wahrnehmung des anderen und die Behauptung meiner selbst, Hören und Sprechen, Einschlafen in den anderen und Aufwachen bei mir selbst in der Begegnung ich begabter Wesen ab.

Jacques Lusseyran unterscheidet in seinem Vortragsmanuskript (deutsche Übersetzung im Verlag Freies Geistesleben/ 4. Auflage 1975, S. 9)„Gegen die Verschmutzung des Ich“:

„… Das Ego braucht die Dinge, die grösstmögliche Zahl der Dinge (ob wir sie Geld, Geltung, Herrschaft, Beifall oder Belohnung nennen)

Das Ich [vgl.2.2.: Rudolf Steiner „Höhere Selbst“] fragt nicht danach. Wenn es da ist, wenn es an der Arbeit ist, dann setzt es seine eigene Welt der andern, dieser Welt Dinge entgegen. Das Ich ist der Reichtum inmitten der Armut; es ist das Interesse, wenn alles herum sich langweilt. Es ist die Hoffnung, auch wenn alle objektiven Chancen zu hoffen verschwunden sind.“…und schliesslich ist es das, was uns übrig bleibt, wenn uns alles andere entzogen ist,….“

Wir streben immer wieder als Sozialpädagogen an, dass wir in der Begegnung mit unserer Klientel durch die Oberfläche der Ego- Wahrnehmung, des Alltags - Ichs uns dem Wesen des Gegenüber annähern. Wir wachen dabei auf für das, was wir als typisch und/oder als Kommunikationsmuster erleben und gelangen erst zu einer Begegnung mit dem Gegenüber, wenn wir innerlich diese Bilder wieder loslassen können und uns ganz auf das Andere einlassen können, einschlafen können in das andere Ich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Dialog - zur Qualitätssicherung im sozialpädagogischen Alltag
Hochschule
HFHS - Höhere Fachschule für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialpädagogik und Sozialtherapie
Autor
Jahr
2009
Seiten
75
Katalognummer
V163912
ISBN (eBook)
9783640795444
ISBN (Buch)
9783640795789
Dateigröße
1742 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die, aus dieser Arbeit entstandene neue Form der Betreutenbetrachtung in den Häuser übergreifenden Teamsitzungen (Gesamtkonferenz) wurde vom Stiftungsrat der Institution als Teil des Betriebs und Betreuungskonzepts akzeptiert, für sehr gut befunden und vom Kanton 2010 bewilligt. Die Mitarbeiterschaft arbeitet intensiv daran, wie sie einen Fokuswechsel schaffen kann, sodass nicht über den Betreuten geredet und Meinungen ausgetauscht werden, sondern eine empathische Gebärde im und nach dem Gespräch ermöglicht wird.
Schlagworte
Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Menschen mit einer Behinderung, Jugendarbeit, Dialog, Kommunikationsformen, verbale und nonverbale Kommunikationsformen, Begegnung, Betreutenbetrachtung, Ichaktivität, Empathie, Beziehungsgestaltung, Praxisforschung, sozialpädagogische Einrichtung, Non-Profit-Organisation, Grundhaltung, Handlungsebene, produktives Plädieren, von Herzen sprechen können, Organisationsentwicklung, Beratung
Arbeit zitieren
Herbert Langmair (Autor), 2009, Dialog - zur Qualitätssicherung im sozialpädagogischen Alltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163912

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