La tchatche des jeunes - Motivationssteigerung und Schüleraktivierung durch Einbeziehung der Jugendsprache

Im Grundkurs Französisch in der Jahrgangsstufe 11


Examensarbeit, 2010
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Begründender Teil
1.1 Vorüberlegungen zur Themenauswahl und Zielsetzung der Arbeit
1.2 Einordnung des Themas in den Lehrplan und Lernziele
1.3 Theoretische Erkenntnisse zur französischen Jugendsprache
1.4 Herleitung der empirischen Gesamtplanung und experimentelle Fragestellungen
1.4.1 Vorüberlegungen zu den situativen Voraussetzungen
1.4.2 Vorüberlegungen zum inhaltlichen Vorgehen
1.4.3 Vorüberlegungen zum methodisch-didaktischen Vorgehen
1.4.4 Vorüberlegungen zu Medien und Lehrmitteln
1.4.5 Vorüberlegungen zu Ergebnissicherung und Lernerfolgskontrollen
1.4.6 Experimentelle Fragestellungen

2 Darstellung der empirischen Untersuchung
2.1 Beschreibung des Verlaufs der Unterrichtsreihe und genaue Darstellung zweier Unterrichtseinheiten
2.2 Gesamtüberblick über den Unterrichtsversuch in tabellarischer For

3 Ergebnisse der empirischen Untersuchung
3.1 Erreichen der Lernziele
3.2 Auswertung der experimentellen Fragestellungen
3.2.1 Zum inhaltlichen Vorgehen
3.2.2 Zum methodisch-didaktischen Vorgehen
3.2.3 Zu angewandten Medien und Lehrmitteln
3.2.4 Zu gewählten Formen der Ergebnissicherung und Lernerfolgs- Kontrollen
3.3 Schlussfolgerung für die Arbeit des Lehrers und Ausblick über mögliche

Alternativen

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Begründender Teil

1.1 Vorüberlegungen zur Themenauswahl und Zielsetzung der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Graphik aus: Merle, Pierre: Argot, verlan et tchatches[1]

Jugendliche egal welcher Herkunft sprechen ihre eigene Sprache, eine Sprache mit deren Hilfe sie sich von anderen abgrenzen und ihre eigene, gerade im Entstehen begriffene Identität unterstreichen. Sie wirken dabei kreativ und spielen mit Worten und Silben, kombinieren wie im Bereich der Mode oder Musik bereits vorhandene Elemente neu oder schaffen gänzlich Neues. In Frankreich ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt, was neben populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen wie Comment tu tchatches von Goudaillier[2] oder Le vrai langage des jeunes expliqué aux parents von Girard und Kernel[3] sowie Internetseiten für Lernwillige auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema belegen.

Eine unterrichtliche Behandlung der tchatche des jeunes[4] bietet sich demnach sowohl aus linguistischer als auch aus interkulturell-soziologischer Perspektive an.

Französische Jugendsprache begegnet uns nicht nur in den Pariser banlieues, wo sie vorrangig entstand, sondern auch auf den Straßen der Provence oder Bretagne sowie flächendeckend in Film, Fernsehen, Musik, Zeitschriften oder Internet. Hinzu kommt, dass mit den Sprechern der Jugend sprache nicht etwa nur Jugendliche bis 18 Jahre gemeint sind, sondern sich durchaus auch Erwachsene jugendsprachlicher Elemente bedienen, wenn es die Gegebenheiten erlauben, sodass die tchatche des jeunes als diastratische und diaphasische Varietät des Französischen beschrieben werden kann. Viele ihrer Elemente sind zudem längst Teil des français familier oder français courant geworden[5]. Eine klare Grenze zwischen verschiedenen Sprachregistern kann ohnehin nicht gezogen werden. Fest steht, dass Kenntnisse der französischen Jugendsprache für eine umfassende Kommunikationsfähigkeit in authentischen Situationen, zu der eben auch die Rezeption nicht-standardsprachlicher Texte gehört, unabdingbar sind. Umso mehr verwundert es, dass ihr nicht mehr Raum in Lehrplänen oder Bildungsempfehlungen zuteil wird.

Um Französischlernern also für den Fall einer Begegnung mit französischen Jugendlichen die Enttäuschung zu ersparen, von einer scheinbar unbekannten Sprache kaum etwas zu verstehen, aber auch um ihnen zu zeigen, wie viel Spaß das Spiel mit dieser Sprache machen kann, bietet sich eine systematische Behandlung im Unterricht an. Durch die Nähe zur eigenen Lebenswelt der Schüler, die sich in dieser Lebensphase ebenso in Frankreich wie auch in Deutschland oder anderen Ländern vorrangig um Freunde, Feiern, Probleme mit dem anderen Geschlecht, Eltern, Schule oder anderen Autoritäten und dem damit verbundenen Austesten von Grenzen dreht, sind beste Voraussetzungen geschaffen, das Interesse der Schüler zu wecken, authentische Sprachsituationen zu schaffen und lernerzentriert zu arbeiten. Hauptziele des vorliegenden Unterrichtsversuches sind demnach neben kognitiven Zuwächsen im Bereich des Wortschatzes und der Erweiterung der Kommunikationsfähigkeit die Motivierung und Aktivierung der Schüler. Letztere stellen in sofern eine besondere Herausforderung dar, da es sich bei der Lerngruppe um eine eher unwillige, leistungsschwache und dem Französischunterricht abgeneigte 11. Klasse handelt, deren größter Teil das Fach nach eigenen Aussagen abgewählt hätte, wenn dies möglich gewesen wäre[6].

1.2 Einordnung des Themas in den Lehrplan und Lernziele

Der Lehrplan Sachsen sieht für den dreistündigen Grundkurs in der Jahrgangsstufe 11/12 im Lernbereich 3 die Anwendung von Sprach- und Sachwissen zum Thema Jugendkultur und Jugendkult vor. Neben Unterthemen wie Graffiti und Mode kommt hier der Sprache ein besonderer Stellenwert zu. Darüber hinaus soll das Thema banlieue in Zusammenhang mit Immigration und Integration in Alltagsleben und Gesellschaft behandelt werden.[7] Des Weiteren gehört Jugendsprache im Zusammenhang mit modernen Sprachtendenzen zu den möglichen Wahlpflicht-themen[8].

Im Rahmen der Entwicklung einer differenzierten Kommunikations- und Handlungskompetenz sollen die Schüler den wesentlichen Gehalt eines französischen Ausgangstextes sinngemäß übertragen oder zusammenfassen können. Sie sollen sich zudem „spontan und fließend verständigen können, damit ein normales Gespräch mit einem Muttersprachler gut möglich ist“[9]. Hierfür ist die Kenntnis gebräuchlicher jugendsprachlicher Wendungen unabdingbar, zumindest was das Verstehen von Redebeiträgen oder authentischen nicht-standard-sprachlichen Texten anbelangt, worunter auch neue Telekommunikationsmedien wie Emails und SMS oder der von Jugendlichen mehr und mehr genutzte Austausch über soziale Netzwerke wie facebook oder myspace fallen.

Übergeordnetes, affektives Lernziel der hier vorgestellten Unterrichtsreihe ist die (Re-)Aktivierung und Motivierung der teilweise schon resignierten Schüler mit Hilfe eines für sie relevanten und lebensnahen Themas. Sie sollen den Spaß an der Arbeit mit Sprache wieder finden, aktiv am Unterricht teilnehmen und durch kleine Lernerfolge zur Weiterarbeit angeregt werden.

Im Bereich der kognitiven Lernziele sollen sich die Schüler 1.) eine Auswahl an Grundwortschatz jugendsprachlicher Ausdrücke verstehen und aktiv anwenden können, d.h. rezeptiv und produktiv beherrschen, sie sollen 2.) deren standardsprachliche Entsprechungen kennen und sich der Anwendung der verschiedenen Sprachregister bewusst werden sowie ferner 3.) ihre Kenntnisse über Probleme französischer banlieues vertiefen.

1.3 Theoretische Erkenntnisse zur französischen Jugendsprache

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird sich an dieser Stelle hauptsächlich auf Ausführungen des französischen Sprachwissenschaftlers, Professors an der Pariser Sorbonne und Verfassers mehrerer Werke zum Thema Jugendsprache Jean-Pierre Goudaillier beschränkt. Nach diesem sind zunächst drei Funktionen der tchatche des jeunes zu unterscheiden: eine identitätsstiftende, eine kryptische sowie eine ludische Funktion. Jugendliche nutzen also eine eigene Sprachvarietät um sich von anderen (primär Erwachsenen, aber zum Beispiel auch anderen Gruppen von Jugendlichen) abzugrenzen, um unverstanden zu bleiben (gerade wenn es um Themen wie Drogen oder Kriminalität geht), aber auch aus dem einfachen Grunde, sich zu amüsieren und kreativ tätig zu werden.[10] Ursprünglich vor dem Hintergrund der prekären und aussichtslosen Situation Jugendlicher in Pariser Vororten entstanden[11], hat sich die tchatche des jeunes oder eben auch le parler jeune, la tchatche de la banlieue, Le Français Contemporain des Cités, le langage téci oder le parler des cités mit Hilfe von Musik, Kino und der neuen Medien in ganz Frankreich ausgebreitet. Sie ist also weder topographisch klar einzugrenzen (wenn auch es immer noch starke Unterschiede zwischen dem Sprachgebrauch eines beispielsweise Pariser Vorstadtjugendlichen und einem jungen Bretonen ländlicher Herkunft festzustellen sein werden), noch kann eine stikte altersmäßige Grenze gezogen werden.

Goudaillier betont, dass es sich bei der tchatche des jeunes keineswegs um eine minderwertige Sprachvarietät handelt, die jene sprechen, die des „richtigen“ Französischs nicht mächtig sind: „Les jeunes des quartiers savent faire fonctionner une langue et jouer avec les structures linguistiques du français. Ils en ont une certaine connaissance pour pouvoir faire des aphérèses, des apocopes, opérer des troncations, verlaniser des termes. Ceci temoigne d’une technique langagière[12]. Vielmehr muss eine Sprache bis zu einem gewissen Grade beherrscht werden, bevor man mit ihr spielen kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist eine systematische Behandlung des Themas erst im Fortgeschrittenenunterricht ratsam, was natürlich nicht heißt, dass Elemente der Jugendsprache nicht schon eher inzidentiell vermittelt werden können[13].

Was sind nun aus linguistischer Sicht die Besonderheiten der französischen Jugendsprache? Goudaillier stellt folgende Merkmale heraus:

- Metaphern, zum Beispiel cramé (verbrannt) für betrunken, unter Drogen

stehend oder bombe (Bombe) für eine gut aussehende Frau,

- Metonymien wie bleu für Polizist oder casquette für Kontrolleur
- Verlan[14], eine auf Silben- oder auch nur Lautvertauschung beruhende Sprachvariation wie ouf für fou, keum für mec, meuf für femme, laisse béton für laisse tomber,
- Wortkürzungen in Form von Apokopen: (biz für bisness < business) und Aphäresen (blème für problème oder zic für musique)
- Verdopplung nach einer Aphärese: ziczic oder zonzon
- Resuffigierungen nach Wortkürzungen: clodo für clochard, gratos für gratuit
- Entlehnungen aus anderen Sprachen, vorrangig dem Angloamerikanischen (looker für schauen, cash für Bargeld), dem Arabischen (arhnouch für Polizist oder maboul für verrückt) und Zigeunersprachen (bédo für Joint, chafrav für arbeiten)
- Die Schaffung neuer Polysemien: chépo oder choper für a) attraper, b) voler, c) draguer, d) frapper

Auch Walter weist auf eine Vielzahl von Sinnentstellungen bereits bekannter Lexeme hin, so beschreiben beispielsweise die Adjektive terrible und mortel etwas Positives, „tu m’étonnes“ heißt soviel wie „je m’y attendais“ und „C’est pas evident“ steht für „ce n’est pas facile“.

Des Weiteren finden sich in der französischen Jugendsprache viele Elemente des Argot wieder, einer im XV. Jahrhundert entstandenen Gaunersprache, des "langage de gueux et des coupeurs de bourse, qui s'expliquent d'une manière qui n'est intelligible qu'à ceux de leur cabale (Dictionnaire francais, 1960)[15]. Viele der Wörter, die diese Zeit überlebt haben (la thune für Geld, les fllics für Polize i, se casser für abhauen), lassen den Bezug zur Delinquenz noch heute erkennen. Es existiert eine Vielzahl an Definitionen für das Argot[16], meist wird die Bezeichnung im weiteren Sinne als Überbegriff für verschiedene von der Standardsprache abweichende Gruppensprachen oder Jargons und manchmal gar synonym für "Umgangssprache" gebraucht, wobei meist eine negative Konnotation mitschwingt. Wenn in dieser Arbeit beziehungsweise im Rahmen des Unterrichtsversuches von Argot die Rede ist, ist damit immer das Argot als Soziolekt im engeren, historischen Sinne gemeint.

Prinzipiell lässt sich sagen, dass die tchatche des jeunes der gesprochenen Sprache, dem code parlé zuzuordnen ist, welcher gegenüber dem viel näher an der Norm des bon usage orientierten code écrit ein recht flexibles System darstellt, das sich ständig erneuert und zahlreiche Elemente aus so genannten nicht neutralen Sprachregistern (z.B. dem français populaire) beinhaltet. Die Gegenüberstellung von code écrit und code parlé erfordert eine Differenzierung auf zweierlei Ebenen: zum einen bezüglich des Mediums[17] und zum anderen bezüglich des Kommunikationsmodus[18]. Da es sich bei all diesen Konzepten um nicht klar abzugrenzende Kategorien sondern vielmehr um Punkte auf einem Kontinuum handelt, die schon auf wissenschaftlicher Ebene schwer zu definieren sind und im Unterricht keine Rolle spielen werden, soll auch in dieser Arbeit nicht näher darauf eingegangen werden. Wichtiger als eine genaue Terminologie ist für den Fremdsprachenunterricht vielmehr die Bewusstmachung dessen, dass es Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachebenen gibt und bestimmte Ausdrücke eben nicht in jedem Kontext zu verwenden sind – dies dürfte den Schülern der Oberstufe jedoch, die ja selbst Jugendliche sind und auch in ihrer Muttersprache eine Jugendsprache verwenden deren Besonderheiten sie sich bewusst sind, nicht allzu schwer fallen.

1.4 Herleitung der empirischen Gesamtplanung und experimentelle
Fragestellungen

1.4.5 Vorüberlegungen zu den situativen Voraussetzungen

Sowohl für die inhaltliche als auch die methodische Planung ist eine genaue Analyse der situativen Voraussetzungen notwendig. Wie schon erwähnt handelt es sich bei der Lerngruppe um eine eher leistungsschwache Klasse. Gründe für den offen-sichtlichen Mangel an Grundlagenwissen können mit einer ungünstigen Lernhistorie erklärt werden: So hatte beispielsweise der Großteil der Schüler bereits nach den Klassenstufen 6 und 7 vier verschiedene Französischlehrer. In Klassenstufe 8 waren die Lernbedingungen erneut alles andere als vorteilhaft, da die Klasse zu diesem Zeitpunkt aus 32 Schülern bestand und mit enormen Disziplinproblemen zu kämpfen hatte. Einige Schüler mit extremen Verhaltensauffälligkeiten mussten die Schule danach verlassen. Zu den vermutlich in dieser Zeit entstandenen Wissenslücken kommt eine ausgeprägte Motivationslosigkeit, die auch damit zusammen hängen kann, dass Französisch beziehungsweise die zweite Fremdsprache nach Klasse 10 nicht mehr abgewählt werden kann und nunmehr als notwendiges Übel zum Erlangen des Abiturs betrachtet wird. Nur sehr wenige Schüler nehmen aktiv am Unterricht teil, viele sind unaufmerksam oder stören, was ein effektives Arbeiten erschwert und die Misserfolgsrate weiter erhöht. Das Verschaffen kleiner Erfolgserlebnisse durch kleinschrittiges Vorgehen sowie das Eintauchen in eine die Schüler ansprechende, für sie weitestgehend neue Sprachvarietät, in der grammatische Korrektheit nicht an erster Stelle steht, sollen die Motivation steigern und das Lernklima verbessern.

1.4.6 Vorüberlegungen zum inhaltlichen Vorgehen

Kernpunkt der inhaltlichen Planung der Unterrichtsreihe zur Jugendsprache stellt primär die sinnvolle Reduktion der Vielfalt möglicher Lerngegenstände dar. Welche Inhalte sind auszuwählen, um die Schüler weder zu unter- noch zu überfordern und die Lernziele in gegebener Zeit zu erreichen? Es steht außer Frage, dass innerhalb von zehn Unterrichtsstunden nur Teile der unter Punkt 1.3 aufgeführten Merkmale der französischen Jugendsprache behandelt werden können. Bei der Auswahl wurde sich hierbei vor allem auf persönliche Erfahrungen gestützt – welchen Ausdrücken, die der „normale“ Französischunterricht nicht vermittelt, begegnet man in Kontakt-situationen mit französischen Jugendlichen am häufigsten? Welche sind aufgrund ihrer Bildhaftigkeit oder ausgefallenen Morphologie am einprägsamsten oder amüsantesten? Welche Wörter kommen in Liedern, Werbung, Filmen für junge Leute immer wieder vor? Es muss an dieser Stelle betont werden, dass sich Sprache stets im Wandel befindet und neben diachronen natürlich auch diatopische und diastratische Unterschiede zu beachten sind[19]. Um den Schülern aber zumindest einen kleinen beispielhaften Einblick in die Welt der tchatche des jeunes bieten und den Unterricht so authentisch wie möglich gestalten zu können, sollte die Lehrkraft mithilfe zeitgenössischer Literatur oder Kontakten zu Muttersprachlern versuchen, sich der aktuellen Sprachsituation anzunähern.

Um die Schüler nicht mit einem Meer an neuen Ausdrücken und Vokabeln zu überschwemmen und eine für das mentale Lexikon günstige Strukturierung[20] zu erleichtern, wurde sich bezüglich der zu vermittelnden Merkmale französischer Jugendsprache auf vier Oberkategorien beschränkt: Elemente des Verlans, Argot-Ausdrücke, Abkürzungen sowie gängige Metaphern und Synonyme. Besonders bei den Verlan-Wendungen sowie den Abkürzungen kam es darauf an, das Wortbildungsmuster zu erkennen und so später auch andere Wörter, die nicht in dieser Unterrichtsreihe behandelt wurden, verstehen zu können. Je nach dem für wie geläufig die zu lernende Wendung in der französischen Jugendsprache eingeschätzt wurde, desto häufiger sollte sie in Übungen umgewälzt werden. So wurde beispielsweise arracher nur einmal bei der Erarbeitung erwähnt, la thune hingegen in einer Kreuzworträtselübung und einem Dialog in der 4. Stunde[21] sowie einem Drehbuchauszug[22] in der 7./8. Stunde wiederholt.

1.4.7 Vorüberlegungen zum methodisch-didaktischen Vorgehen

Vor dem Hintergrund des übergreifenden Lernziels der Schüleraktivierung und -motivierung war im Rahmen der methodischen Vorüberlegungen schnell klar, dass die Unterrichtsreihe schülerzentriert und offen gestaltet werden musste. Die Schüler sollten so viel wie möglich selbst aktiv werden und die Inhalte dadurch tiefer verarbeiten. In Einklang mit den Anforderungen der kommunikativen Didaktik sollen frontale Phasen auf ein Minimum reduziert und durch offene, kooperative Unterrichtsformen wie Partner- oder Gruppenarbeit ersetzt werden. Eine relativ kleinschrittige Vorgehensweise und ständige Lernerfolgskontrollen sind aufgrund der Leistungsschwäche der Lerngruppe ratsam. Für Abwechslung sollen des Weiteren spielerische Elemente wie Kreuzworträtsel oder Zuordnungsübungen eingebaut werden.

Den Anforderungsgrad der Aufgabenstellungen betreffend soll progressiv vorgegangen werden: zunächst sollen die Schüler sich theoretische Grundlagenkenntnisse zur Jugendsprache aneignen, später Elemente französischer Jugendsprache wieder erkennen, diese in einem weiteren Schritt in die Standardsprache übertragen können und letztlich eigenständig einen jugendsprachlichen Text verfassen.

1.4.8 Vorüberlegungen zu Medien und Lehrmitteln

Da die Diskrepanz zwischen der anhand von Lehrbüchern gelernten Normsprache und dem teils erheblich davon abweichenden tatsächlichen Sprachgebrauch im Zielsprachenland kein neues Thema in der Fremdsprachendidaktik ist, finden immer mehr authentische Lehr- bzw. Lernmaterialien Einzug in den Unterricht. Schon im Anfängerunterricht wird versucht den Schülern die Sprache anhand von Bandes Dessinées, Filmen, Liedern oder Ähnlichem näher zu bringen. Die Rolle des Lehrbuches nimmt mit zunehmendem Lernfortschritt immer weiter ab und bietet sich für die Behandlung der tchatche des jeunes kaum noch an. Gemäß Hausmann kann man gesprochenes Französisch nicht aus dem Lehrbuch, sondern nur mit Hilfe möglichst echter Kommunikationssituationen lernen[23]. Die Verwendung möglichst aktueller, authentischer Lehrmaterialien stellt also ein Muss für den modernen Fremdsprachenunterricht dar. Um die Vielfalt der sich für die unterrichtliche Behandlung der tchatche des jeunes eignenden Materialien anzudeuten, soll hier eine Auswahl aufgezählt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[24][25][26][27]

Für den hier vorgestellten Unterrichtsversuch wurde sich auf folgende authentische Medien beschränkt: Ausschnitte aus der französischer Boulevardpresse[28], das Gedicht Double Culture aus La Téci à Panam': parler le langage des banlieues von Pascal Aguillou und Nasser Saïki sowie Filmausschnitte und Drehbuchauszüge des mehrfach preisgekrönten Filmes La Haine von Mathieu Kassowitz. Es wird zu untersuchen sein, in wie weit sich diese Medien für die Behandlung im Unterricht eignen, allen voran der Film „La Haine“, der 24 Stunden aus dem Leben drei junger Männer aus einer trostlosen Pariser Vorstadt zeigt und nicht mit Drogen- und Gewaltszenen geizt. Da die Darstellung dieser heiklen Themen jedoch nicht verherrlichend sondern problemorientiert stattfindet und zum Nachdenken anregt, was zum Beispiel auch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen und das tragische Ende der Antihelden zeigen, wird davon ausgegangen, dass der Film durchaus in der Oberstufe gezeigt werden kann.

Prinzipiell ist davon auszugehen, dass Medien, die für Schüler auch außerhalb des Unterrichts von Interesse sind (aktuelle Musik, Ausschnitte aus der Boulevardpresse mit aktuellen Infos über Schauspieler oder Bands, Kinofilme, Serienausschnitte oder Ähnliches) ein weitaus höheres Motivationspotential in sich bergen als Lehrbuch- oder anderweitig didaktisierte Texte. Dass es nicht ganz ohne solche gehen kann, gerade wenn man den Leistungsstand des Versuchskurses bedenkt, versteht sich von selbst. Die hier vorgestellte Unterrichtsreihe baut also auf einer Kombination aus didaktisierten und authentischen Texten auf, wobei eine stetige Progression von ersteren zu letzteren angestrebt wird. Auf die Arbeit mit einem Lehrbuch wird in dieser Unterrichtsreihe ganz verzichtet. Die Schüler erhalten jedoch Arbeitsblätter, mit denen sie lernen und ihre Ergebnisse sichern können.

1.4.5 Vorüberlegungen zu Ergebnissicherung und Lernerfolgskontrollen

Um das Erreichen des übergreifenden Lernzieles der Schüleraktivierung und –motivation überprüfen zu können und den Schülern die Möglichkeit zu geben, möglichst ohne Druck den Spaß an der Sprache wieder zu finden, wird auf benotete Leistungskontrollen, die sie zum Lernen „zwingen“, weitestgehend verzichtet. Die Arbeitsergebnisse werden dennoch in relativ kurzen Abständen überprüft werden, indem die Schüler entweder Zwischenergebnisse vorstellen oder die Lehrerin gezielte Fragen stellt, um auf Lücken oder Verständnisprobleme eingehen zu können. Es wird auch darauf geachtet, dass vor allem in der Erarbeitungsphase alle Schüler mitschreiben und so über eine vollständige Übersicht über die Merkmale französischer Jugendsprache als Arbeitsgrundlage für weitere Übungen verfügen.

Die Schüler werden des Weiteren von Anfang an über die die Unterrichtsreihe abschließende zu benotende Lernerfolgskontrolle in Form eines Dialoges informiert. Sie sollen in jeder Unterrichtsphase wissen, was sie aus welchen Gründen mit welchem Ziel tun und so das Verantwortungsbewusstsein für ihr eigenes Lernen steigern.

[...]


[1] Merle (2006:53)

[2] Goudallier, Jean-Pierre (2008): Comment tu tchatches: dictionnaire du français contemporain des cités. Paris: Maisonneuve et Larose, 2001

[3] Girard, Eliane / Kernel, Brigitte (1996): Le vrai langage des jeunes expliqué aux parents. Paris: Albin Michel.

[4] Termini wie le parler jeune, le langage des jeunes / de la cité, la tchatche de la banlieue, le FCC (Français Contemporain des Cités) und andere sind ebenso gebräuchlich.

[5] «Le cheminement semble simple à suivre: nés chez les jeunes, ces mots et ces tournures syntaxiques sont repris par la publicité, qui les répand sur les murs, dans les magazines et sur les ondes. Ils commencent par choquer les moins jeunes, qui pourtant les entendaient déjà chez leurs enfants. Mais leur fréquence d’apparition en fait peu à peu des expressions familières. Ainsi mis en condition, les adultes ne sont alors pas loin d’être prêts à les adopter à leur tour .“ Walter (1998:385).

[6] Laut §7 (1) der neuen Oberstufenverordnung von 2007 muss eine zweite Fremdsprache bis zum Abitur fortgeführt werden.

[7] Lehrplan Sachsen S. 58

[8] Lehrplan Sachsen S. 59

[9] Lehrplan Sachsen S. 56

[10] Goudaillier (2008:10)

[11] Goudaillier spricht von einer fracture sociale, die eine fracture linguistique nach sich zog und so aus wirtschaftlichen Ghettos Sprachghettos entstehen ließ (2008:8)

[12] Benloulou/Goudaillier (1998:1)

[13] Wie dies im Übrigen auch in den meisten Lehrbüchern umgesetzt wird, S. beispielsweise A plus 2 (2005:35)

[14] Allein das Verlan (selbst schon eine Silbenumkehrung von l’envers – verkehrt herum) hätte eine mehrseitige Ausführung verdient, wöllte man genauer auf seine zahlreichen Variations-möglichkeiten (z.B. askom, kom as, as meuk, as keum für comme ça), Ursprünge (so nutzte bereits Voltaire, als Airvault geboren, diese Sprachvariation für seine Künstlernamensfindung) oder Weiterentwicklungen (das veul als erneute Umkehrung bereits verlanisierter Wendungen, wie meureu < reum < mère) eingehen. Da jedoch auch den Schülern nur die wichtigsten Beispiele vermittelt werden sollen, von denen einige im Übrigen auch Einzug in das Dictionnaire der Académie Française Einzug hielten, wird an dieser Stelle auf eine ausführlichere Betrachtung verzichtet.

[15] S. Merle (2006:4)

[16] So stellt Merle fest: Il y a presque autant de définitions de l'argot qu'il y a d'argotiers (ceux qui l'utilisent) et argotologues (ceux qui l'étudient). S. Merle (2006: 4).

[17] wobei es auch hier Grenzfälle gibt, was beispielsweise das Phänomen der Chatsprache betrifft,

[18] Vgl. Misfeld (1993: 3)

[19] So war das Verlan in den 80er Jahren viel stärker à la mode als heutzutage, aktuell wiederum wird man in Pariser Vorstädten häufiger darauf stoßen als in ländlichen Gegenden und Jugendliche mahgrebinischer Herkunft verwenden es eher als Jugendliche ohne Migrations- hintergrund.

[20] Es besteht Einigkeit darüber, dass unser Wissen in netzartigen Strukturen angeordnet ist und Lernen als Wissenserwerb durch Aufbau oder Modifikation dieser Strukturen geschieht (vgl. Krapp/Weidenmann 2006:163ff). Neveling fasst folgende grundlegende Strukturierungs-prinzipien bei der Speicherung lexikalischen Wissens zusammen: Strukturiertheit und Ordnung, Hierarchisierung, Interdependenz und Verflechtung der Elemente, Ökonomie sowie Frequenzialität (Neveling 2004:24).

[21] S. Anhang

[22] S. Anhang

[23] Hausmann in Baum (1979:132)

[24] http://www.riadsattouf.com/

[25] S. auch http://www.clairebretecher.com/

[26] S. http://www.dailymotion.com/video/x4rdmz_expression-direkt-dealer-pour-survi_music

[27] S. http://www.youtube.com/watch?v=w2BW5l-OiXg&feature=related

[28] So genannte „pipole“ Magazine wie Oops, Public oder Closer

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
La tchatche des jeunes - Motivationssteigerung und Schüleraktivierung durch Einbeziehung der Jugendsprache
Untertitel
Im Grundkurs Französisch in der Jahrgangsstufe 11
Hochschule
Sächsische Bildungsagentur Leipzig
Veranstaltung
Fachdidaktik Französisch
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
35
Katalognummer
V163921
ISBN (eBook)
9783640805105
ISBN (Buch)
9783640805396
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Schülerarbeiten fehlen im Anhang aus datenschutzrechtlichen Gründen
Schlagworte
Jugendsprache, verlan, parler jeune, Goudallier, unterrichtseinheit, Argot, la haine, Unterrichtsreihe, französische jugendsprache, grundkurs
Arbeit zitieren
Nadine Seidel (Autor), 2010, La tchatche des jeunes - Motivationssteigerung und Schüleraktivierung durch Einbeziehung der Jugendsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163921

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