Altwerden von seelenpflegebedürftigen Menschen in einer sozialtherapeutischen Einrichtung

Am Beispiel der Dorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof


Forschungsarbeit, 2010

96 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Altwerden und Altsein bei Menschen mit geistiger Behinderung
I.1. Allgemeine Aspekte zur gestiegenen Lebenserwartung bei Menschen mit geistiger Behinderung
I.2 Dimensionen des Alterns
I.2.1 Biologisches Altern
I.2.2 Psychologisches Altern
I.2.3 Soziologisches Altern

II. Vorstellung der Camphill-Dorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof

III. Zum Forschungsansatz
III.1 Die Methode und die einzelnen Elemente der Durchführung
III.2 Bedürfnisse der seelenpflegebedürftigen alten Menschen nach Einschätzung der Mitarbeiter
III.3 Erwartungen der Mitarbeiter
III.4 Erwartungen der Angehörigen

IV. Vorstellung der Fortbildungsinhalte
IV. 1 Begleitendes Supervisionsangebot
IV. 2 Depression im Alter bei seelenpflegebedürftigen Menschen erkennen & behandeln
IV. 3 Altersbilder, Psychologische und neurobiologische Ansätze
IV. 4 Altwerden bei Menschen mit Down-Syndrom
IV. 5 Biografiearbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung
IV.6 Umgang mit Psychosen
IV.7 Altwerden mit Autismus

V. Fazit und Ausblick

VI. Literaturverzeichnis

VII. Anhang
VII.1 Evaluation des Fortbildungscurriculums
VII. 1.1 Erste Evaluation
VII.1.2 Ergebnisse der ersten Evaluation
VII.1.3 Weiterbildung
VII.1.4 Vermittlung kommunikativer Fähigkeiten
VII.1.5 Einbeziehung anderer Therapien
VII.1.6 Supervision
VII.1.7 Weitere Themen
VII.2.1 Zweite Evaluation
VII. 3 Handouts zu den Fortbildungsveranstaltungen
VII.3.1 Depressionen im Alter Handout
VII.3.2 Fallbeispiele Sonja und Thomas Fallbeispiele Sonja
VII.3.3 Down-Syndrom - Handout
VII.3.4 Umgang mit Psychosen - Handout
VII.4 Fragebogen zur Evaluation der Fortbildungsveranstaltungen
VII.4.1 Graphische Darstellungen der Auswertung des AngehörigenFragebogens
VII. 5 Altersstatistik der Bewohner der Dorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof
VII.5.1 Altersstatistik Hermannsberg
VII.5.2 Altersstatistik Lehenhof

Vorwort

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen meiner fast 25jährigen Tätigkeit als Nervenarzt und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in den CamphillDorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof.

In beiden Einrichtungen leben in familienähnlichen Strukturen geistig behinderte Menschen (in der Terminologie der anthroposophischen Heilpädagogik „seelenpflegebedürftige Menschen“ genannt).

Die anthropologische Grundlegung dieser heilpädagogischen Arbeit ist in der Anthroposophie Rudolf Steiners (1861-1925) begründet.

„Als im Juni 1924 Rudolf Steiner in Dörnach den ersten heilpädagogischen Kurs hielt, trat damit die anthroposophische Heilpädagogik in unser 20. Jahrhundert hinein“ (vgl. GROSSE, 1974, S. 9).

Die Camphill-Einrichtungen, die erwachsene Menschen mit Behinderung betreuen, sehen sich ebenso, wie andere Einrichtungen der Behindertenhilfe, mit der Situation des demographischen Wandels konfrontiert. Sie müssen sich mit dem Alt- und Älterwerden der betreuten Menschen und den damit verbundenen seelischen, geistigen und sozialen Veränderungen auseinandersetzen.

Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland betrieb systematisch die Vernichtung dieser behinderten Menschen, die im Rahmen ihrer Rassenlehre als „lebensunwert“ oder „Ballastexistenz“ angesehen wurden (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 20). Deshalb haben wir nun erstmalig die Situation in Deutschland, dass wir uns mit der Betreuung und Pflege von alten und älterwerdenden Menschen mit Behinderung beschäftigen können. Entsprechend dem allgemeinen demographischen Wandel steigt auch die Lebenserwartung von Menschen mit Behinderung erheblich an. Durch die verbesserte medizinische Betreuung und Förderung von Menschen mit Behinderung zeigt sich eine erhöhte Anfälligkeit für psychische und physische Erkrankungen im Alter, im Vergleich zur Normalbevölkerung (vgl. ebd.).

So entstanden auch bei den Mitarbeitern der Camphill-Einrichtungen die Fragen:

„Wie können wir dem Altwerden der uns anvertrauten (seelenpflegebedürftigen) Menschen gerecht werden? Welche Kenntnisse und Fähigkeiten müssen wir uns aneignen, um die damit verbundenen Veränderungsprozesse zu verstehen, und kompetenter und professioneller damit umgehen zu können?“

Die vorliegende Arbeit versucht, im Rahmen eines speziell zugeschnittenen Fortbildungscurriculums einige Antworten auf diese Fragen zu geben.

Die Inhalte des Fortbildungscurriculums wurden durch Fragebogenerhebungen der Mitarbeiter evaluiert.

Der Ruth-und Christian-Bruhn-Stiftung, vermittelt durch das Deutsche Stiftungszentrum Essen, sei an dieser Stelle für die finanzielle Unterstützung, die dieses Projekt erst möglich gemacht hat, ganz herzlich gedankt.

Da ich diese Aufgabe auch aufgrund meiner sonstigen beruflichen Belastung nicht alleine bewältigen konnte, fand ich in Herrn Dipl.-Psych., Dipl.-Theol. Franz Fauser und in Dipl.-Päd. Julia Klaes, kompetente und zuverlässige Mitstreiter. Ohne diese wäre die Arbeit nicht zustande gekommen. Auch Herrn Martin Henrich, einem leitenden Mitarbeiter der Dorfgemeinschaft Hermannsberg, möchte ich ganz herzlich für seine Unterstützung danken. Durch seine beharrlichen Anfragen hat er dieses Projekt erst auf den Weg gebracht.

Diese Arbeit ist allen Camphill-Mitarbeitern in Achtung und Wertschätzung für ihre professionelle Arbeit und ihr großes Engagement gewidmet.

Friedrichshafen den 26.12.2010

Dr.med. Helge Klaes

Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Nervenarzt und Supervisor

I. Altwerden und Altsein bei Menschen mit geistiger Behinderung

In den letzten Jahren lässt sich ein erheblicher Zuwachs von älteren Menschen mit geistiger Behinderung in Europa beobachten. Besonders für Deutschland und Österreich zeichnet sich im internationalen Vergleich; bedingt durch die EuthanasieMorde der NS-Zeit, eine Steigerung ab (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 9).

Menschen an der Schwelle zur dritten Lebensphase, müssen sich mit der Aufgabe auseinandersetzen, das Alter nicht nur als Summe von Verlusten zu erfahren. Ältere Menschen der Durchschnittsbevölkerung erhalten oftmals Unterstützung von Familie, Freunden und (gleichaltrigen) Bekannten bei der Auseinandersetzung mit diesem Lebensabschnitt. Menschen mit geistiger Behinderung müssen, aufgrund der besonderen Lebenslage, derzeit von Fachleuten der Behindertenhilfe unterstützt und begleitet werden (vgl. ebd.).

Aus politischer und wirtschaftlicher Sicht wurden die Konsequenzen einer immer älter werdenden Bevölkerung in europäischer und globaler Perspektive betrachtet. Ältere und alte Menschen mit geistiger Behinderung sind erst vor einigen Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses in Deutschland gerückt. Bis Anfang der 1980er Jahre wurden in Fachzeitschriften, Büchern und auf Tagungen der Alterungsprozess, und dessen Konsequenzen, von Menschen mit geistiger Behinderung kaum beachtet. Das fehlende Interesse kann durch verschiedene Umstände erklärt werden: Aufgrund der geringen Lebenserwartung war die Gruppe der Menschen mit geistiger Behinderung, welche über 50 Jahre alt war, sehr gering. Auch waren ältere Menschen mit geistiger Behinderung damals in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit kaum präsent, da sie permanent in Wohneinrichtungen oder psychiatrischen Anstalten verblieben. Der wichtigste Grund scheint jedoch in der damaligen Auffassung, dass der Mensch mit geistiger Behinderung ein „permanentes Kind“ sei, zu liegen. „Sogar der ältere Mensch wurde in seiner Persönlichkeit zu einem Kind mit einem „mentalen Alter“ von null bis vier Jahren reduziert, zu einem Kind, das in einer frühen Phase seiner Entwicklung stehen geblieben ist“ (vgl. ebd. S. 11). Deshalb schien auch die Betrachtung der weiteren Lebensphasen bei Menschen mit geistiger Behinderung nicht relevant.

Bezeichnend für die damalige Zeit ist auch das 1950 erschiene Buch von Pearl S. Buck „The Child Who Never Grew“ (vgl. ebd.).

I.1. Allgemeine Aspekte zur gestiegenen Lebenserwartung bei Menschen mit geistiger Behinderung

Für Menschen mit leichter bis mittelgradiger Behinderung wird ein Durchschnittsalter von 70 Jahren, für schwer und mehrfach behinderte Menschen ca. 50 Jahren angenommen (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 22/23).

Der Altersprozess ist bei Menschen mit geistiger Behinderung ganz ähnlich dem der nicht behinderten Menschen. Bei Menschen mit Down-Syndrom (Trisomie 21) kann er jedoch erheblich früher einsetzen und, wie eindrucksvoll bei von uns betreuten Menschen beobachtet, sehr rapide verlaufen, insbesondere wenn zusätzlich ein Demenzprozess einsetzt. Gerade bei Menschen mit Down-Syndrom lässt sich jedoch die Zunahme der gestiegenen Lebenserwartung mithin am eindrucksvollsten aufzeigen. Wenn z.B. 1920 die Lebenserwartung von Menschen mit Down-Syndrom 2-3 Jahre, 1950 15 Jahre und 1970 35 Jahre betrug, stieg sie bereits 1990 auf durchschnittlich 57 Jahre. Hier ist v.a. auch der Rückgang der Kindersterblichkeit (z.B. Operationen von angeborenen Herzfehlern) festzustellen (vgl. ebd., S. 21).

Das Altwerden muss als Prozess verstanden werden, der früh beginnen kann und das Leben im Alter prägt. Verschiedene Aspekte und Bedingungen spielen eine Rolle, da sie den Verlauf des Alterungsprozesses und die Qualität der Altersphase beeinflussen (vgl. ebd., S. 24). Im folgenden Abschnitt werden drei Dimensionen vorgestellt, die auch das Altwerden von Menschen mit geistiger Behinderung beeinflussen.

I.2 Dimensionen des Alterns

Die Definitionen der geistigen Behinderung können drei Dimensionen zugeordnet werden: die biologische Dimension beinhaltet z.B. die Ätiologie und physische Alterungsprozesse. Im Bezug auf die psychologische Dimension spielen kognitive Fähigkeiten und psychische Erkrankungen eine Rolle. Die soziologische Dimension bezieht sich z.B. auf die Adaption und verschiedene Rollenmuster (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 25). In der Definition und der Beschreibung des Begriffes „alt“ und „Alter“ finden sich diese drei Dimensionen ebenfalls wieder (vgl. ebd.). Jede dieser drei Disziplinen hebt einen Aspekt des Alterns hervor. Jedoch dürfen ältere Menschen (mit geistiger Behinderung) nicht auf eine dieser drei Interpretationsebenen reduziert werden, da diese dem humanistischen Anspruch, die gesamte Persönlichkeit eines Menschen zu (be-) achten, nicht gerecht würde. Nichtsdestotrotz kann es für das Verständnis vom Altwerden und Altsein eines Menschen (mit geistiger Behinderung) hilfreich sein, einzelne Aspekte der drei Dimensionen zu betrachten. Die drei Interpretationsebenen, Soziologie, Psychologie und Biologie spielen eine wichtige Rolle im Alterungsprozess, auch bei Menschen mit geistiger Behinderung, und sollten u.E. deshalb in der Betreuung und Begleitung dieses Klientels berücksichtigt werden.

I.2.1 Biologisches Altern

Das biologische Alter eines Menschen ist nicht mit seinem Lebensalter gleichzusetzen. Da Altern aus biologischer Sicht ein multifaktorielles Geschehen darstellt, beschäftigt die biologische Dimension sich mit der gesundheitlichen Situation und der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit einer Person (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 25).

Menschen mit geistiger Behinderung altern prinzipiell nicht anders, als die Allgemeinbevölkerung (vgl. ebd. S. 29).

Folgende Faktoren beeinflussen den körperlichen Verfall, Krankheit und Sterben:

- Genetische Determinanten
- Umgebung (toxische Substanzen, kulturelle Einflüsse, Verkehr usw.)
- Lebensstil (Diät, körperliche Fitness, Genuss von Alkohol, Tabak, chemische Substanzen)
- Medizinische Hilfen (präventive, therapeutische, rehabilitative)

(vgl. Multifaktorielles biologisches Modell, HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 25).

Auch der Alterungsprozess bei Menschen mit geistiger Behinderung wird durch diese Faktoren beeinflusst. Allerdings kann eine Behinderung nicht nur die Lebensqualität beeinträchtigen, sondern (wie bereits erwähnt) auch in manchen Fällen den biologischen Alterungsprozess beeinflussen (z.B. Trisomie 21). Im Vergleich mit der allgemeinen Bevölkerung treten Krankheiten bei Menschen mit geistiger Behinderung häufiger auf. Dies gilt v.a. für chronische Erkrankungen bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung (vgl. ebd. S. 30). Viele Störungen des Hörens und Sehens bei Menschen mit geistiger Behinderung bleiben unerkannt, und werden oftmals nicht, oder zu spät diagnostiziert. Bei Studien zur Sinneswahrnehmung von Menschen mit geistiger Behinderung fiel auf, dass die Selbstwahrnehmung und - mitteilung oftmals fehlt, oder schwer beeinträchtigt ist (vgl. ebd. S.31). So werden beispielsweise schwere Seh- oder Hörstörungen von den Betroffenen selbst nicht als Veränderung wahrgenommen.

I.2.2 Psychologisches Altern

Mit zunehmendem Alter kommt es zu einer Vielzahl morphologischer Veränderungen im Gehirn eines Menschen (z.B. Abnahme der Nervenzellen, Verschmälerung der Hirnwindungen). Somit ist auch das Gehirn als Organ vom biologischen Alterungsprozess betroffen. Altersbedingte morphologische Veränderungen haben auch psychische Konsequenzen. Diese kann man als Kategorien grob zwischen kognitiven und emotionalen unterscheiden. Die kognitiven Konsequenzen betreffen beispielsweise die intellektuellen Fähigkeiten (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 41). Auch bezüglich der altersbedingten kognitiven Veränderungen bei Menschen mit geistiger Behinderung kann nicht von einem anderen Alterungsprozess ausgegangen werden. Übung und Training kann nachgewiesenermaßen auch bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung eine Besserung oder das Erhalten von Wissensinhalten und Fähigkeiten bewirken (vgl. ebd. S. 43).

I.2.3 Soziologisches Altern

Aus soziologischer Sicht wird davon ausgegangen, dass primär soziale Einflüsse den Alterungsprozess bestimmen (Thomae 1968). Somit ist die Generationszugehörigkeit von großer Bedeutung, da sie für verschiedene Leistungen im Alter bedeutsamer ist, als das chronologische Alter , da das jeweilige Gesundheits- und Erziehungssystem sowie Familienstrukturen den Kohorteneffekt beeinflussen (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 47).

Außerdem stellt das Altersbild in der Gesellschaft einen weiteren wichtigen Aspekt dar. Das Alter wird überwiegend negativ, als Zeit des Abbaus, des Abstiegs und des Verlusts angesehen. „Dieser Prozess wird von Thomae (1988) mit dem Begriff des „Ageism“ beschrieben, der die stigmatisierende systematische Vorurteilsbildung und Diskriminierung aufgrund des „Altseins“ meint“ (vgl. ebd. S. 49). Der DisengagementTheorie, nach Cumming & Henry (1961), liegt die Aussage zugrunde, dass das Alter von Rollenverlusten gekennzeichnet ist. Diese werden nicht nur von außen an das Individuum herangetragen, sondern der alte Mensch selbst spürt das Bedürfnis, sich von sozialen Rollen zurückzuziehen. Die Aktivitätstheorie hingegen geht von der Annahme aus, dass der Verlust sozialer Rollen, wie z.B. der Eintritt in den Ruhestand, verbunden mit der Aufgabe der Berufsrolle, durch Aktivitäten in anderen Bereichen kompensiert wird (vgl. HAVEMANN & STÖPPLER, 2004, S. 49).

Der alte Mensch mit geistiger Behinderung ist in zweifacher Hinsicht stigmatisiert, da sowohl das Alter, wie auch die geistige Behinderung sozial abgewertet und abgelehnt werden (vgl. ebd. S. 50). Auch die Verweigerung der Erwachsenenrolle für Menschen mit geistiger Behinderung ist als soziale Abwertung zu sehen.

Im Folgenden sollen nun einige der wichtigsten soziologischen, gerontologisch begründeten Ansä]tze dargestellt und auf ihre Relevanz für alte Menschen mit geistiger Behinderung geprüft werden.

Aktivitätstheorie

Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, geht der Ansatz dieser Theorie davon aus, dass Aktivität die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Altern und Lebenszufriedenheit darstellt. Der Funktionsverlust, der durch den Eintritt in den Ruhestand erlebt wird, soll durch Aktivitäten in verbleibenden Lebensbereichen kompensiert und verarbeitet werden (vgl. ebd. S. 51).

Für Menschen mit geistiger Behinderung scheint diese Theorie eine eher geringe Relevanz aufzuweisen. Da dieses Klientel, aufgrund der Lebens- und Wohnsituation, sowie kognitiver Beeinträchtigungen, oftmals nicht in der Lage ist, die Altersphase aktiv und ohne fremde Unterstützung zu bewältigen. Auch mit einem erheblichen Maße an Unterstützung ist es für Menschen mit geistiger Behinderung nicht möglich, das von dieser Theorie geforderte Maß an Aktivität zu erreichen (vgl. ebd.).

Disengagementtheorie

Diese Theorie wurde in den 1960er Jahren nach dem funktionalistischen Modell von Parsons entwickelt. „Basierend auf dem Defizitmodell des Alters wird Disengagement als Voraussetzung für erfolgreiches Altern angesehen, wobei der Verlust von Kontakten und Aktivitäten positiv zu sehen ist“ (vgl. ebd.). Der Rückzug aus dem (gesellschaftlichen) Leben wird als unvermeidbarer Prozess gesehen. Altern wird als biologisch determinierter Vorgang betrachtet, der nicht beeinflusst oder korrigiert werden kann. Der Alterungsprozess bringt eine Verminderung geistiger, körperlicher und seelischer Kräfte und Fähigkeiten mit sich.

Für die Gruppe von älteren Menschen mit geistiger Behinderung ist dieser Ansatz ebenfalls kritisch zu bewerten. Da sie meist (lebenslange) Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen und sozialen Leben erfahren haben, ist eine weitere Reduktion sozialer Netzwerke für diesen Personenkreis nicht wünschenswert (vgl. ebd. S. 52).

Kontinuitätshypothese

Diese Theorie kann als Synthese der beiden vorher vorgestellten Ansätze betrachtet werden. Der Ansatz dieser Theorie geht davon aus, dass weder nur Aktivität, noch Rückzug den Garanten für erfolgreiches Altern darstellt. Die Voraussetzung für die Bewältigung des Alterungsprozesses wird hier in der Kontinuität des Lebenslaufes gesehen (vgl. ebd.).

Dieser Ansatz geht zwar von individuell verschiedenen Möglichkeiten aus, ist jedoch für den Personenkreis von Menschen mit geistiger Behinderung eher weniger relevant. Für diese Personengruppe ist die Bewahrung der Kontinuität der Lebensbedingungen im Alter kaum, oder gar nicht möglich (vgl. ebd.).

Kompetenzmodell

Dieses Modell geht davon aus, dass Entwicklung über den gesamten Lebensverlauf gleichzeitig die Aspekte Wachstum oder Gewinn und Abbau oder Verlust enthält. Die Annahme, dass die Funktionen und Wertigkeiten sozialer Beziehungen im Lebenslauf, Veränderungen unterworfen sind, bildet die Grundlage dieses Ansatzes (vgl. ebd. S. 53). Da emotionale Kontakte im Alter an Relevanz gewinnen, wird eine Erweiterung an sozialen Kontakten nicht für notwendig erachtet. Die emotionale Qualität bestehender Beziehungen kann den Verlust sozialer Kontakte kompensieren.

Auch bei Menschen mit geistiger Behinderung zeigt sich der biografische Einfluss im Alterungsprozess. So weist Wieland (1993) darauf hin, dass der Lebenslauf von Menschen mit geistiger Behinderung oftmals durch lebenslange Stigmatisierung, reduzierte Sozialisationschancen, Leben in Institutionen und besonders im Erwachsenenalter eingeschränkten Rollen, gekennzeichnet ist (vgl. ebd.).

Hier stellt sich nun die Frage, welche Faktoren spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung? Und welche dieser Faktoren haben einen Einfluss auf den Alterungsprozess und dessen Bewältigung?

Im Rahmen unseres Forschungsprojektes beschäftigten wir uns mit der Fragestellung, welche Betreuung und Unterstützung, aus der Sicht des Fachpersonals, alte und älterwerdende Menschen mit Behinderung, zur Bewältigung eines erfolgreichen Alterungsprozesses benötigen. Dazu wählten wir einige wesentliche Themen aus, die in einem Fortbildungscurriculum zur Schulung der Mitarbeiter umgesetzt wurden. Somit erheben wir keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, und sind uns der Themenfokussierung bewusst. Die Inhalte der einzelnen Fortbildungsveranstaltungen finden Sie in Kapitel IV.

II. Vorstellung der Camphill-Dorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof

„Anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie geht davon aus, dass hinter allen intellektuellen und psychischen Behinderungen das Geistige seines Wesens unversehrt ist (geistige Entelechie)“ (vgl. SIEGEL-HOLZ, 2008, S. 277). Auf der Grundlage dieses Menschenbildes wird in den Camphill-Dorfgemeinschaften gearbeitet.

Die Camphill-Dorfgemeinschaft nach Buchka:„Eine sozial agogisch inszenierte Gemeinschaftsform mit therapeutischem Auftrag“ (vgl. BUCHKA, 2003, S. 263) ist die Umsetzung einer Vision des anthroposophischen Arztes Dr. Karl König (19021966). Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste der gebürtige Wiener vor den Nazis fliehen. Auf Umwegen gelangte er nach England und gründete dort mit Gleichgesinnten eine heilpädagogische Gemeinschaft. 1940 wurde auf einem Bauernhof im Camphill-Areal im nordöstlichen Schottland (Nähe Aberdeen) eine Einrichtung zur Betreuung junger seelenpflegebedürftiger Menschen gegründet. Zwanzig Jahre später entstand im Deggenhausertal, von Dr. König selbst noch gegründet, die erste deutsche Camphill-Dorfgemeinschaft auf dem Lehenhof, unweit vom Bodensee. Es wurde versucht, die Idee eines umfassenden, brüderlichen Zusammenlebens von Menschen mit verschiedenen Lebensschicksalen, geistigen, seelischen und körperlichen Behinderungen zu verwirklichen. In wahlfamilienähnlichen Strukturen leben partnerschaftlich Betreute und Betreuer in der Einrichtung einer Dorfgemeinschaft zusammen. Es handelt sich dabei um eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, im Gegensatz zum Schichtbetrieb in anderen Heimeinrichtungen. Die rhythmische Gliederung und Wahrnehmung des Tages-, Wochen- und Jahresablaufes können den Menschen mit Behinderung eine innere Orientierung und Halt geben. Auch die Möglichkeit zu kultureller Bildung wird bewusst zur Verfügung gestellt. Es bestehen Andachten, jahreszeitliche Festivitäten, sowie musikalische und andere künstlerische Aktivitäten.

Die betreuten Menschen finden innerhalb dieser Einrichtungen in Werkstätten (Gärtnerei, Landwirtschaft, Schreinerei, Hauswirtschaft) ihre Tätigkeiten. Inzwischen existieren mehr als 100 Gemeinschaften in über 20 Ländern der Erde (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Camphill).

Die Dorfgemeinschaft Lehenhof

Auf dem Lehenhof leben heute 135 „Dörfler“ (Menschen mit Behinderung). Davon sind 116 in Werkstätten tätig, 26 arbeiten im landwirtschaftlichen Bereich. Von außerhalb sind 25 Menschen mit Behinderung in Werkstätten tätig. Gearbeitet wird im Bereich der Hauswirtschaft, Landwirtschaft und Gärtnerei, in Dorfmeisterei, Bäckerei, Weberei, Färberei und Wollwäschewerkstatt, sowie in einer Papierwerkstatt, Holzwerkstatt, Etikettierwerkstatt und einer Verpackungswerkstatt. Weiterhin gehört eine „Holzklang-Werkstatt“ hinzu, in der vorwiegend Menschen, die sehr wenig zu leisten imstande sind, elementar mit Holz arbeiten. Insgesamt sind auf dem Lehenhof momentan 161 Mitarbeiter tätig (inklusive Praktikanten und Auszubildenden), diese sind u.a. ausgebildet in Heilerziehungspflege, Heilpädagogik, Sozialtherapie, Kranken- und Altenpflege aber auch als Landwirt, Gärtner oder Bäcker.

Die Dorfgemeinschaft Hermannsberg

1975 erfolgte die Gründung der Dorfgemeinschaft Hermannsberg durch eine Gemeinschaft von Eltern aus dem Freundeskreis Camphill und CamphillMitarbeitern, da die Dorfgemeinschaft Lehenhof die Aufnahmeanfragen alleine nicht mehr bewältigen konnte.

In der Dorfgemeinschaft Hermannsberg, 15 km nördlich von Überlingen auf den letzten Ausläufern der Schwäbischen Alb gelegen (ein früheres Klostergebäude), leben zurzeit 110 Dörfler, davon sind 99 in den Werkstätten tätig.

Die behinderten Menschen finden Arbeit in der Schreinerei, Hauswirtschaft, Weberei, Kerzenzieherei oder Kräuterwerkstatt. Darüber hinaus gibt es eine Wäscherei, eine Papierwerkstatt und eine Landwirtschaft.

Das betreuende Fachpersonal setzt sich aus 49 Mitarbeitern, welche auf dem Hermannsberg leben, und 64 Mitarbeitern, die von extern kommen, zusammen. Die Berufsbezeichnungen der Mitarbeiter sind, mit denen der Mitarbeiter des Lehenhofs etwa deckungsgleich.

Die Bedeutung der Krankenstationen

Eine wichtige Einrichtung in beiden Dorfgemeinschaften sind die Krankenstationen, in denen jeweils zwei Mitarbeiter beschäftigt sind. Hier finden regelmäßige Sprechstunden der betreuenden Ärzte statt. Außerdem erfolgt die medizinische Versorgung und Koordination therapeutischer Maßnahmen.

Besondere Therapiemöglichkeiten

In den Camphill-Einrichtungen gibt es u.a. die Möglichkeit der Heileurythmie und der rhythmischen Massage (beides genuin anthroposophische Therapiekonzepte), sowie Physiotherapie, therapeutisches Reiten und Maltherapie, Sprachtherapie und Musiktherapie. Inwiefern gerade diese besonderen Therapiemöglichkeiten einen günstigen Einfluss auf den Altersprozess haben können, wäre eine interessante Frage, die im Rahmen dieses nicht verfolgt werden konnte.

Im Hinblick auf die spezielle Fragestellung des Alterns und Älterwerdens der Dörfler sind hier zwei Hausgemeinschaften besonders herauszustellen.

„Heinrich Fuhrmann Haus“ und „Haus Sonnenblume“

Das „Heinrich Fuhrmann Haus“ der Dorfgemeinschaft Hermannsberg wurde 2004 bezogen. Es wurde von Eltern gestiftet. Hier leben 11 Menschen mit Behinderung. Vier davon sind schwerst pflegebedürftig. Von den zwölf Mitarbeitern kommen sechs von extern. Der Altersdurchschnitt der Bewohner beträgt hier 42,0 Jahre. Eine Hausfamilie bildet den verantwortlichen Kern. Im „Heinrich Fuhrmann Haus“ leben mehrere Generationen und auch Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, d.h. leicht bis mittelgradige und schwere Behinderungen, zusammen. Man versucht die Belastung der Mitarbeiter in Schwerstpflege-Situationen intern zu verteilen. D.h. im Akutfall kommen aus der Dorfgemeinschaft insbesondere solche Menschen, die den Betreuten aus früheren Situationen noch kennen, zur Hilfe. Der einzelne Mitarbeiter wird nicht ausschließlich in der Pflege von Menschen mit schwerer Behinderung eingesetzt, sondern kann sich auch den nicht pflegebedürftigen Dörflern zuwenden. Dadurch versucht man die Gefahr eines „Burnouts“ zu verringern. Das Konzept hier ist integrativ, mehrgenerativ und richtet sich an Menschen, die eine breite Differenzierung an Behinderungen und Erkrankungen aufweisen. Dieser Ansatz könnte ein funktionsfähiges Modell sein, und Camphill- übergreifend eingesetzt werden. Rüdiger Grimm, ein erfahrener Heilpädagoge und Sozialtherapeut (derzeit Sekretär der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie in der medizinischen Sektion am Goetheanum/Dornach) schreibt in seinem Beitrag „Der Mensch im Alter und die Aufgaben der Sozialtherapie“ (Zeitschrift Seelenpflege 1/2006, S. 10): „Gerade für alte Menschen ist es von hoher Bedeutung in einem mehrgenerationenellen sozialen Raum leben zu können, also auch mit kleinen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und eben nicht nur mit Menschen der eigenen Altersgruppe im Kontakt zu sein“.

Als eine familienähnliche Hausgemeinschaft wie andere, in der jedoch auch Schwerstpflege leistbar sein sollte, hatte auch das „Haus Sonnenblume“ am Lehenhof 1995 mit zwei Wohngruppen begonnen. Die Konzeption eines Zusammenlebens von Menschen mit Hilfebedarf und Helfern mit ihren Familien war ebenso angelegt wie das Zusammenleben von Menschen mit leichten und sehr schweren Behinderungen in unterschiedlichen Lebensaltern. Die Konzeption ließ sich hier allerdings in dieser Form nicht durch tragen. Folgende Erfahrungen wurden im Verlauf von 15 Jahren gemacht:

Wenn zur Alltagsbegleitung der Betreuten und zu den umfangreichen hauswirtschaftlichen Aufgaben noch Pflege in erheblichem Umfang geleistet werden muss, stellt ein Zusammenleben im Haus die Mitarbeiter vor Belastungen, die langfristig nicht zu leisten sind.

Wenn eine ganze Alterskohorte einer sozialtherapeutischen Gemeinschaft in ein Alter kommt, in dem der Hilfebedarf stark zunimmt, werden Häuser wie das Haus Sonnenblume bald zu Orten ausschließlich für Menschen, die in anderen Hausgemeinschaften nicht mehr angemessen versorgt werden können. Betreute, die das Hausleben in einem Haus Sonnenblume bislang noch stützen konnten, müssen ihren Wohnplatz denen zur Verfügung stellen, die Schwerstpflege und einen hohen Personalaufwand in Anspruch nehmen müssen.

Heute leben im Haus Sonnenblume insgesamt 17 Menschen mit Behinderungen in zwei Wohngemeinschaften, davon sind vier Menschen an Demenz erkrankt und fünf Menschen an den Rollstuhl gebunden. Eine Wohngruppe wird von Hausverantwortlichen geführt, die als Familie mit kleinem Kind im Haus wohnen. Die andere Gruppe, in der Schwerstpflege geleistet wird, wird von 12 extern wohnenden Voll- und Teilzeit-Mitarbeitern im Drei-Schicht-Betrieb betreut. In dieser Gruppe sind die Betreuten durchschnittlich 62,4 Jahre alt.

Aufgrund des fortschreitend zunehmenden Durchschnittsalters und weil die öffentliche Finanzierung neuer Gebäude mit entsprechender Ausstattung im vollstationären Bereich sehr schwierig geworden ist, stellen sich dem Lehenhof neue Herausforderungen in Bezug auf eine künftige Struktur.

Diagnostische Zuordnungen der geistigen Behinderungen der Dörfler in den Camphill-Dorfgemeinschaften In der Begrifflichkeit der derzeit gültigen ICD-10-Nomenklatur handelt es sich um Diagnosen aus den Gruppen F70.- bis F71.- d.h. leichte bis mittelgradige Intelligenzminderung. Häufig kommen jedoch additive Diagnosen hinzu, wie Autismus (F84.0 bzw. F84.1-), Epilepsie (G40.-) und Cerebrale Lähmung (G80.- und G81.0-) hinzu. D.h. Mehrfachbehinderungen sind häufig vertreten. Ebenso wesentlich sind zusätzliche psychische Störungen wie Psychosen (F20.-) oder Depressionen (F34.- bzw. F32.-) und Angststörungen (F41.-).

Altersstatistik der „Dörfler“ des Hermannsberges und des Lehenhofs Das Durchschnittsalter der betreuten Menschen auf dem Lehenhof beträgt 49,04 Jahre (Stand 18.10.2010). Bei insgesamt 135 betreuten Menschen mit 15,55% stellen die 56-60 Jährigen die größte Gruppe dar, gefolgt von den 51-55 Jährigen (vgl. VII.5.).

Auf dem Hermannsberg beträgt das durchschnittliche Alter der derzeit betreuten Menschen 43,19 Jahre (Stand 18.10.2010). Die größte Gruppe mit 20% stellen die 51-55 Jährigen, der Anteil der über 60 Jährigen beträgt hier nur 6,35% (vgl. VII.5.1).

III. Zum Forschungsansatz

Nach ausführlichem Studium der einschlägigen Fachliteratur zum Altern seelenpflegebedürftiger Menschen, ergab sich für uns die Fragestellung, nach der Optimierung der Betreuung dieses Klientels. Im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten personeller und finanzieller Art hat sich die Arbeitsgruppe dafür entschieden, das begleitende Fachpersonal zu befragen und dem erhobenen Bedarf entsprechend fortzubilden.

III.1 Die Methode und die einzelnen Elemente der Durchführung

Das Projekt begann im November 2008 und wurde in seiner ersten Phase (Pilotphase) auf dem Hermannsberg und im Institut für Camphill Ausbildungen gGmbH in Frickingen durchgeführt. Diese Phase diente der Überprüfung der Hypothese, dass die Qualität der Betreuung älterer und alter Menschen mit geistiger Behinderung, durch Qualifizierung und Fortbildung des begleitenden Fachpersonals optimiert werden kann. Der kontrollierte Einsatz von Interventionsmethoden, wie Einzelgesprächen und Befragung der Mitarbeiter, diente der Überprüfung der Hypothese in Phase 1. In Phase 2 (im Jahr 2009) wurden die Fortbildungen der Mitarbeiter auf die Dorfgemeinschaft Lehenhof ausgeweitet. In Phase 3 (im Jahr 2010) wurde die Evaluation der Fortbildungsveranstaltungen durch die teilnehmenden Mitarbeiter durchgeführt. Hier wurde u.a. die Einschätzung erfragt, wie hilfreich, bzw. weniger hilfreich die Fortbildungsinhalte für die praktische Arbeit eingeschätzt wurden. Hier wurden überwiegend die Angaben „trifft zu“ oder „trifft teilweise zu“ von den Befragten gewählt (vgl. VII.4).

In Phase 2 wurden die Mitarbeiter/innen der Camphill-Einrichtungen Lehenhof und Hermannsberg, sowie die Teilnehmer einer Fachtagung der Camphill-Ausbildungs gGmbH (Thema: „Welche Pflege(nden) benötigen alte Menschen mit und ohne Behinderungen in der Zukunft?“) Anfang April 2009 zur Mitarbeit eingeladen. Per Brief erhielten die Probanden der Dörfer, Mitarbeiter deren Teilnahme auf Freiwilligkeit beruhte, die notwendigen Basisinformationen über Thematik und Ziel des Projektes. Die Tagungsteilnehmer bekamen im Rahmen eines Kurzreferats die erforderlichen Informationen. Als Erhebungsinstrument entwickelten wir einen Fragebogen, der sich auf qualitative Gütekriterien bezog, mit überwiegend geschlossenen Fragestellungen. Das Themenspektrum umfasste sowohl Fragen zur Einschätzung der Lebensqualität der Betreuten, als auch persönliche Erwartungen, Bedürfnisse und Interessen der Mitarbeiter (vgl. VII.2.1).

Es beteiligten sich 33 Mitarbeiter aus den Einrichtungen und 69 Probanden der Fachtagung an der Befragung. Einschränkend ist zu sagen, dass die Stichprobe nicht als repräsentativ gelten kann, da zum einen nicht alle betreuenden Mitarbeiter erreichbar waren, zum anderen die beruflichen Aufgabengebiete im Rahmen der Betreuung der alten Menschen (mit Behinderung) kaum vergleichbar sind.

III.2 Bedürfnisse der seelenpflegebedürftigen alten Menschen nach Einschätzung der Mitarbeiter

Bei einer ersten Sichtung der Fragebögen war durchgängig ein hohes Problembewusstsein der Betreuenden hinsichtlich der Thematik des Projekts erkennbar.

Zwei Drittel der Probanden verfügen über persönliche Erfahrungen im Umgang mit alten Menschen (mit Behinderung) und wünschen sich für die betreuten Menschen die Möglichkeit einer verlässlichen Kontinuität in der Betreuung i.S. einer ganzheitlichen Lebensbegleitung, Raum für individuelle Zuwendung, ausreichende Kommunikationschancen und altersentsprechender Freizeitangebote. Trotz aller Heterogenität des individuellen Prozesses, soll das Altwerden - trotz der Zunahme unumgänglicher Verluste - eine echte biographisch reflektierte Weiterentwicklung unter Aufrechterhaltung des Selbstbildes, erlauben.

III.3 Erwartungen der Mitarbeiter

Als dringendstes Anliegen nannten die Mitarbeiter den Wunsch nach ausführlichen Informationen zu medizinisch-psychiatrischen Krankheitsbildern (Demenz, Psychosen, Depressionen, Down-Syndrom, Autismus ...), zur Biographiearbeit, zum Umgang mit den Angehörigen der Betreuten und der Möglichkeit begleitender Supervision.

Die Arbeitsgruppe hat diese Anregungen aufgegriffen und im Verlauf der 2-jährigen Projektarbeit folgende Weiterbildungsangebote machen können:

1. Altwerden bei Menschen mit Down-Syndrom (Dipl.-Päd. Julia Klaes)
2. Umgang mit Depressionen (Dr.med. Helge Klaes)
3. Altersbilder: Psychologische und neurobiologische Ansätze (Dipl.-Psych; Dipl.- Theol. Franz Fauser)
4. Biographiearbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung (Dipl.-Päd. Julia Klaes)
5. Umgang mit Psychosen (Dr.med. Helge Klaes)
6. Altwerden mit Autismus (Dipl.-Heilpäd. Sarah Klaes)
7. Begleitende Supervisionsangebote (Dr.med. Helge Klaes)

Die Rückmeldungen der Teilnehmer - ebenfalls per Fragebogen erfasst - zeigten durchweg eine positive Resonanz und sollen die Grundlage für weiterführende Angebote sein.

III.4 Erwartungen der Angehörigen

Ergänzend zu den Befragungen der Mitarbeiter in Phase 2 war es dem Projektteam auch wichtig, mehr über die Meinungen und Vorstellungen der Angehörigen zu erfahren. Diese wurden mit einer schriftlichen Umfrage erfasst. Von 80 Fragebögen ging ein Rücklauf von 36 Antworten ein (vgl. VII.4 - VII.4.1.4).

Mehr als die Hälfte der Angehörigen wünschen sich, dass die betreuten Menschen gerade auch während des Alterns in den ihnen vertrauten Camphill-Einrichtungen verbleiben sollen, in denen sie optimal versorgt und betreut und in einem weltanschaulich-spirituellen Gesamtkonzept die besten Entwicklungsmöglichkeiten haben.

Die Sorgen der Angehörigen betreffen vor allem die gesundheitlichen Veränderungen mit zunehmendem Alter, die ein noch höheres Maß an Betreuung und achtsamem, respektvollem Umgang erfordern.

Damit einher gehen die Erwartungen an die Betreuer, in empathischer Weise und mit dem nötigen Zeitaufwand den derzeitigen IST-Zustand erhalten zu können.

Das Thema des eigenen Altwerdens ist für die Angehörigen verständlicherweise mit der Sorge um das Kind/ den Bruder/ die Schwester, die in der Dorfgemeinschaft betreut werden, verknüpft.

Insgesamt können die Rückmeldungen der Angehörigen als stimmige Ergänzung zu dem bei den Mitarbeitern erhobenen Datenpool gewertet werden. Wir müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass mit dem zunehmenden Alter der Dörfler die Beeinträchtigungen zunehmen, was zu einen vermehrten Engagement der Betreuer führen muss.

Unabhängig davon, dass kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben werden kann, ergaben sich für die Projektarbeit wertvolle weiterführende und aussagekräftige Hinweise im Hinblick auf die als notwendig erachteten Fortbildungsinhalte

IV. Vorstellung der Fortbildungsinhalte

Bei der Auswahl der Themen stand nicht nur die Evaluation und die fachliche Qualifikation der Referenten im Vordergrund, sondern es wurde auch Wert auf die thematische Nähe der Fortbildungsinhalte zu den in Kap. I vorgestellten drei Dimensionen, Psychologie, Biologie, Soziologie, die auch den Alterungsprozess von Menschen mit geistiger Behinderung beeinflussen, gelegt.

IV. 1 Begleitendes Supervisionsangebot

Supervision ist ein etabliertes Instrument in psychosozialen Feldern (Therapie, Krankenhaus, Psychotherapie, Heilpädagogik, Erziehungsberatung etc.), einerseits zur Unterstützung und Beratung, andererseits dient sie der Optimierung professioneller Kompetenz, aber auch zur emotionalen Entlastung, besonders bei Menschen, die in Therapie, Sozialarbeit, Heilpädagogik und Pflege tätig sind. Es geht dabei um Gruppensupervision, konfliktorientierte Typsupervision und fallbezogene Supervision. Im Falle des hier zu besprechenden Projektes handelt es sich um fall- und themenbezogene Supervision (es wurden einzelne betreute Menschen vorgestellt, mit z.T. komplexen Fragestellungen) andererseits aber auch themenzentrierte Vorgehensweisen mit Schilderungen der betroffenen Menschen. Die Teilnahme war freiwillig, es nahmen Mitarbeiter aus den CamphillDorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof teil, sowie externe Mitarbeiter aus dem heilpädagogischen Bereich.

Hervorzuheben ist, dass in den Camphill-Einrichtungen schon seit längerer Zeit die sogenannte therapeutische Konferenz etabliert ist. Hier treffen sich Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen, die den betreuten Menschen kennen (Hausgemeinschaft, Werkstatt, Therapeuten) und beraten gemeinsam über mögliche therapeutische Hilfen. Die themenzentrierte Fallsupervision, die Gruppensupervision und die therapeutische Konferenz sind u.E. wichtige Bausteine für eine professionelle Betreuung der Menschen mit Behinderung, die in den Camphill-Einrichtungen leben.

Die Supervision wurde von den Mitarbeitern sehr positiv und interessiert aufgenommen. Sie ist in den Dorfgemeinschaften erst seit kurzer Zeit etabliert. Wir empfehlen gerade aufgrund der positiven Erfahrungen und des aus unserer Sicht dringend bestehenden Bedarfs eine regelmäßige und kontinuierliche Supervision.

Therapeutische Konferenz und Supervision sollten aus unserer Sicht nicht als konkurrierende, sondern sich sinnvoll ergänzende Verfahren angewandt werden.

Auch das Thema der Selbstfürsorge sollte unserer Meinung nach bei den deutlich burn-out-gefährdeten Mitarbeitern intensiver aufgegriffen werden. Dabei geht es weniger um banale Wellness-Aspekte, als um die Verantwortlichkeit für sich als individueller Mensch und als Therapeut. Die Frage ist auch, was die Gemeinschaft für den einzelnen Mitarbeiter hier an Hilfen zur Verfügung stellen kann.

Da die Belastungen für die Mitarbeiter in den Camphill-Dorfgemeinschaften zunehmen werden, ist diese Frage aus unserer Sicht sehr relevant.

IV. 2 Depression im Alter bei seelenpflegebedürftigen Menschen erkennen & behandeln

Dieser Baustein des Fortbildungscurriculums wurde am 18.11.2009 von Dr. med. Helge Klaes, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeut und Supervisor, in Frickingen im Institut für Camphill Ausbildungen gGmbH durchgeführt.

Die Depression ist die häufigste psychische Erkrankung. Nach der WHO leiden weltweit 121 Millionen Menschen an einer Depression. Prognostischen Einschätzungen zufolge wird 2020 die Depression die zweithäufigste Krankheit nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. Nach statistischen Schätzungen werden Frauen zu 26%, Männer zu 12% betroffen sein (vgl. ROEDIGER, E.; 2008, S.14).

Es wird eine hohe Dunkelziffer angenommen. Nur jede zweite Depression wird erkannt. Die nicht behandelte Depression bedeutet für den gesamten menschlichen Organismus (vermutlich vermittelt über das vegetative Nervensystem) einen ganz erheblichen Stress (vgl. ebd.).

Kernspintomographische Untersuchungen des Gehirns ergeben, dass das Hippokampus- Gebiet schrumpft. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedeuten Depressionen eine massive zusätzliche Belastung. Man nimmt bis zu 50% mehr tödliche Verläufe bei Herzinfarkt-Patienten an. Außerdem besteht eine erhöhte Anfälligkeit für Erkrankungen durch Belastung des Immunsystems, Dysregulation des Hormonhaushaltes (z.B. Entgleisung des Diabetes). Man nimmt 10-15% Suizidversuche an. Nach dem Unfalltod ist in den Industrieländern der Suizid die Haupttodesursache bis zum 40. Lebensjahr.

Depression ist auch die häufigste psychische Erkrankung bei seelenpflegebedürftigen Menschen. Sie liegt mit 15-20% erheblich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (vgl. SCHANZE, 2007, S. 85).

Man spricht von einer Depression, wenn zwei Wochen ein anhaltendes Stimmungstief mit erheblicher Beeinträchtigung des Erlebens und des Handelns besteht. Eine chronische Depression ist nach mehr als einem Jahr Dauer gegeben. Ca. 1/3 der depressiven Menschen ist davon betroffen.

Leitsymptome der Depression (ICD-10 F32.0- F34.-) (vgl. VII.3.1)

Denken: Konzentrationsstörungen („Pseudodemenz“), Denkhemmung, Gedankenkreisen und Grübeln, wahnhaftes Denken (schwere Form) Schuld-, Verarmungswahn.

Fühlen: gedrückte depressive Stimmung, Traurigkeit, „Gefühllosigkeit“, Resignation, Verzweiflung, reduziertes Selbstwertgefühl, Selbstaggressivität (Suizidrisiko), Angst, innere Gespanntheit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Altwerden von seelenpflegebedürftigen Menschen in einer sozialtherapeutischen Einrichtung
Untertitel
Am Beispiel der Dorfgemeinschaften Hermannsberg und Lehenhof
Autoren
Jahr
2010
Seiten
96
Katalognummer
V163947
ISBN (eBook)
9783640792740
ISBN (Buch)
9783640792986
Dateigröße
1602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alter, geistige Behinderung, Camphill, seelenpflegebedürftige Menschen, Altwerden und Altsein, geistig behindert, Alterungsprozess, Anthroposophie, Heilpädagogik, anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie
Arbeit zitieren
Julia Klaes (Autor)Helge Klaes (Autor)Franz Fauser (Autor), 2010, Altwerden von seelenpflegebedürftigen Menschen in einer sozialtherapeutischen Einrichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163947

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