Textinterpretation von Puškins "Cygany" (1824)


Seminararbeit, 1997
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Handlung

2. Konfiguration
2.1 Aleko
2.2 Die Zigeuner
2.2.1 Zemfira
2.2.2 Das Volk der Zigeuner
2.2.2.1 Die Rolle des Tanzbären
2.2.3 Der junge Zigeuner
2.2.4 Der alte Zigeuner

3. Das Volkstümliche in den Cygany
3.1 Das Gedicht vom Vöglein
3.2 Die Legende von Ovid
3.3 Das Lied Zemfiras

4. Aleko – ein byronischer Held?

5. Komposition

6. Schluss

Literatur

0. Einleitung

Die Cygany, das letzte der vier südlichen Poeme, entstand im Laufe des Jahres 1824 im südrussischen Exil, zeitgleich mit dem dritten Kapitel von Puškins Versroman Evgenij Onegin, dessen Problematik eine gewisse Ähnlichkeit mit den Cygany aufweist: Das Poem stellt den erneuten Versuch dar, das Bild eines typischen Vertreters zeitgenössischer Jugend im Rahmen eines romantischen Gedichtes zu zeichnen. Diese Aufgabe war Puškin, nach eigener Aussage, im Kavkazskij plennik (1821) nicht geglückt. Parallelen zwischen Cygany und dem Plennik betreffen vor allem die Hauptfiguren der Poeme: Diese geraten jeweils in eine ihnen fremde Kultur hinein, die für sie zunächst der Inbegriff der Freiheit zu sein scheint, die sich jedoch bald als die Ursache schwer wiegender Konflikte erweist.

1. Handlung

In einem Zigeunerlager in Bessarabien [historische Landschaft mit wechselvoller Geschichte, die geografisch in etwa dem heutigen Moldawien entsprach] wartet ein alter Zigeuner auf seine Tochter Zemfira, die das Lager für einen Spaziergang verlassen hat. Endlich kehrt sie zurück - in Begleitung eines jungen Mannes, Aleko, der "vom Gesetz verfolgt" wird und Unterkunft bei den Zigeunern sucht. Der Zigeuner heißt Aleko willkommen und nimmt ihn ohne jeden Vorbehalt auf, während Zemfira bekräftigt, sie wolle ihm "eine Freundin" sein.

Am nächsten Morgen ziehen die Zigeuner weiter – eine lärmende, farbenfrohe Menschenschar. In einem Zwiegespräch tauschen sich Zemfira und Aleko über die Unterschiede zwischen dem kargen Zigeunerleben und dem luxuriösen, jedoch monotonen und unfreien Leben in der Stadt aus. Der bis über beide Ohren verliebte Aleko beteuert, er wolle mit Zemfira, die er gerade wegen ihrer "Schmucklosigkeit" begehrt, die Liebe in diesem "freiwilligen Exil" teilen. Der alte Zigeuner äußert jedoch Bedenken hinsichtlich der Integration eines Stadtmenschen in eine ärmliche Umgebung und illustriert dies durch die Legende von Ovid, der, vom Kaiser verbannt, ebenfalls Zuflucht bei den Zigeunern suchte, dort aber nie heimisch wurde.

Nach zwei Jahren hat sich Aleko dennoch erstaunlich gut eingelebt; er hat sogar die Aufgabe übernommen, den Tanzbären zu führen. Zusammen mit seiner Geliebten Zemfira, mit der er nun ein Kind hat, lebt er unter den Zigeunern und hat seine alte Heimat völlig vergessen.

Eines Tages jedoch eröffnet ihm Zamfira in einem Lied, dass sie einen anderen liebe. Aleko wird daraufhin von schrecklichen Albträumen geplagt, während der alte Zigeuner versucht, ihm die Unbeständigkeit der Jugend sowie der (weiblichen) Gefühle vor Augen zu führen. Er erzählt, wie er einst selbst von seiner Gefährtin verlassen wurde, die ihm die Tochter Zemfira zurückließ.

Es folgt eine kurze Liebesszene zwischen Zemfira und einem jungen Zigeuner. In der folgenden Nacht wacht Aleko auf, findet den Platz neben sich leer und macht sich auf die Suche nach Zemfira. Er ertappt die beiden "in flagranti" und erdolcht beide.

Die Zigeuner üben keine Rache, aber Aleko muss sich von ihnen trennen, da er für das freie Leben nicht tauge, und sie ziehen ohne ihn weiter.

2. Konfiguration

Die äußere Beschreibung der Helden des Poems ist äußerst knapp gehalten, während das Hauptgewicht auf den inneren Vorgängen liegt. Diese erschließen sich dem Leser zum Teil durch die Figuren selbst, zum Teil durch den Erzähler, der sich in das Geschehen einschaltet. Die Figuren wirken eher typenhaft, machen keine wirkliche Entwicklung durch. Später auftretende Charakterzüge werden schon früh angedeutet (vgl. z. B. Sz. III, V. 140-145); sie sind bereits zu Beginn im Keim angelegt und warten auf ihre Realisierung.

2.1 Aleko

Wenn auch Aleko, die männliche Hauptfigur des Poems, noch gewisse autobiografische Züge des Autors trägt – zum einen ähnelt bereits der Name Aleko dem Vornamen Puškins: Aleksandr (auch Puškin befand sich ja in der Verbannung), zum anderen soll Puškin selbst einige Zeit bei Zigeunern gelebt haben – so war es doch das Ziel des Autors, mit der Figur des Aleko eine weitgehend realistische Darstellung eines typischen jungen Mannes der damaligen russischen Gesellschaft zu schaffen.

Während der Plennik zunächst freiwillig das fremde Volk der Tscherkessen aufsucht, wo er dann zum Gefangenen wird, befindet sich Aleko, trotz vergleichbarer innerer Grundstimmung, äußerlich in einer anderen Situation. Die der Handlung vorausgehende Lebensgeschichte Alekos wird allerdings nur angedeutet mit den Worten Zemfiras: ego presleduet zakon (Sz. I, V. 47); man kann also mutmaßen, dass Aleko, wie Puškin selbst, in der Verbannung lebt.

Dieser Gedanke wird durch die von dem alten Zigeuner erzählte Legende von Ovid bestätigt. Toma ševskij hält allerdings außer einem politischen auch einen persönlichen Hintergrund für möglich:

Ego obličitel'nye reči protiv vsego uklada žizni pokinutogo im obščestva dajut osnovanie dlja predpoloženija, čto konflikt ego s obščestvom mog vychodit' za predely ličnoj žizni, no, s drugoj storony, podčerkivanie ego strastej, ich neukrotimosti, možet podskazat' i to predpoloženie, čto v prošlom slučilos' nečto podobnoe tomu, čto proizošlo i v cyganskom tabore. 1

Trotz seiner sich als fatal erweisenden Leidenschaften trägt Aleko auch viele positive Züge: Er ist ein willensstarker junger Mann, der sich, allen Bedenken zum Trotz, gut in das ärmliche Leben der Zigeuner einfügt. Er verkörpert das bürgerliche Ideal ehelicher Treue, die dann allerdings in eifersüchtiges Besitzenwollen umschlägt, bis hin zur gnadenlosen Ermordung Zemfiras und ihres Geliebten. Offensichtlich gehörte Aleko früher der gebildeten Oberschicht an, da er in der vom alten Zigeuner erzählten Legende sofort den aus der Heimat verbannten römischen Dichter Ovid erkennt. Außerdem lässt sich aus Zemfiras Worten (vgl. IV, 164-167) ersehen, dass Aleko wohlhabend gewesen sein muss.

Den "äußeren Schein" des gutbürgerlichen Lebens hat dieser aber sehr wohl durchschaut, wie seine Anklagerede gegen die Stadtmenschen zeigt (vgl. IV, 150-163); dagegen hat er gelernt, innere Werte zu schätzen, die er bei den Städtern vermisst hatte (vgl. IV, 156 und 168/169). Die bestehende Ordnung in deren Gesellschaft ist für ihn gleichbedeutend mit Sklaverei; gegen diese lehnt er sich auf, weil sie vor allem die Gedanken und Gefühle der Menschen unterdrückt. Die äußere Verbannung bedeutet ihm dagegen relativ wenig, da er glaubt, sein verloren gegangenes Ideal der Freiheit bei den Zigeunern wiedergefunden zu haben (IV, 174-176):

A ja... odno moe želan'e

S toboj delit' ljubov', dosug

I dobrovol'noe izgnan'e! 2

Wie sich im Konflikt mit Zemfira später zeigen wird, kann Aleko jedoch die Kultur, aus der er stammt, innerlich nicht aufgeben. Er gönnt den anderen nicht die gleiche Freiheit, die er für sich selbst beansprucht.

Die äußere Beschreibung Alekos beschränkt sich auf die Aussage: Po stepi junoša spešit (I, 40), die, nach einem Zeitraum von nur zwei Jahren, von Zemfira widerrufen wird (VI, 281/282):

Kak smejalis' togda

my tvoej sedine!

Allerdings dürfte das "graue Haar" hier nicht wörtlich zu nehmen sein, sondern nur den Gegensatz zu dem jungen Geliebten herausstellen. In der subjektiven Einschätzung Zemfiras nimmt sich Aleko nunmehr wie ein starrer, verkrusteter Greis aus – in einer vermutlich mittlerweile ebenso erstarrten Beziehung, in der sich Zemfira langweilt und offenbar sogar eingeengt, wenn nicht sogar unterdrückt fühlt (VI, 273.: Staryj muž, groznyj muž) – ein Zeichen dafür, dass sich Aleko seiner ursprünglichen Kultur, die er so sehr verachtet, nie ganz entfremdet hat (VII, 314/315):

Ego ljubov' postyla mne.

Mne skučno; serdce voli prosit

2.2 Die Zigeuner

2.2.1 Zemfira

Zemfira, deren Name bereits die Assoziation mit Zephir, dem südlichen Steppenwind, weckt, verkörpert für Aleko jene wilde Freiheit, jenseits aller Norm, und jene Intensität der Gefühle, die ihm das Stadtleben nicht bieten kann.

Im Unterschied zu den Frauengestalten in den anderen südlichen Poemen Puškins ist Zemfira eine selbstbewusste junge Frau, die zwar auch das kollektive Bild der "leidenschaftlichen, amoralischen" Naturvölker repräsentiert, die aber ihre Individualität so weit entwickelt hat, dass sie ihre Bedürfnisse keinem Manne unterordnet, sondern selbst über ihr eigenes Schicksal bestimmt. Ihre Vorstellung von Freiheit entspricht genau jener, die Aleko veranlasst hatte, sich den Zigeunern anzuschließen. Mit großer Entschlossenheit beansprucht sie eben diese Freiheit, als sie Aleko für einen anderen verlässt.

Über die Art der Beziehung zwischen Aleko und Zemfira erfährt der Leser nur indirekt etwas, zum Beispiel durch die Worte Zemfiras. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Szene, in der Aleko den Tanzbären an der Kette führt, während Zemfira die freiwilligen Gaben einsammelt (V, 239-250). Bereits hier wird die Assoziation geschaffen: Aleko = Kette, Zemfira = frei, freiwillig. (Zum Bild des Bären vgl. 2.2.2.1, S. 9ff.)

Auch wenn Zemfira in Alekos Augen Freiheit und Einfachheit verkörpert – ihr Äußeres wird ebenfalls nur andeutungsweise beschrieben: černookaja Zemfira (III, 98), ... bez narjadov dorogich, bez žemčugov, bez ožerelij! (IV, 171/172) -, so kann sie doch Alekos Abneigung gegen den Wohlstand kaum verstehen, bringt auch sofort das Stadtleben mit Pracht und Luxus in Verbindung. Man könnte mutmaßen, dass Zemfira sich auf Aleko aus ähnlichem Grund einlässt, wie umgekehrt Aleko auf Zemfira: Es besteht für beide der Reiz einer fremden Exotik, die jeweils mit "Freiheit" assoziiert wird, und der in beiden Fällen bald die Ernüchterung folgt. Zemfira ist jedoch nicht berechnend, sie ist nur völlig spontan in ihren Gefühlen und ihrem Verhalten (I, 43-50 und 63/64; VIII, 343); bei Aleko scheint es eher umgekehrt zu sein, wie beispielsweise aus seinen dem alten Zigeuner gegenüber geäußerten Rachegefühlen zu schließen ist (vgl. VIII, 418-430).

Zemfira lebt ihre Gefühle mit kindlicher Spontaneität und Intensität, sie kann nicht "mittelmäßig" empfinden. Eine dauerhafte Beziehung im bürgerlichen Sinne, in der der erotische Reiz irgendwann abklingt, ist ihr unerträglich. An ihrer abweisenden Haltung dem Kind gegenüber, während sie Aleko ihr Lied vorsingt, kann man erkennen, wie wenig sie sich mit ihrer Rolle als Mutter und Ernährerin identifiziert. Sobald die Gefühle erkalten, zieht es sie weiter, wie der Mond, der von Wolke zu Wolke wandert.

Das Leitmotiv des Mondes steht in diesem Poem für die unbeständigen (weiblichen) Gefühle und daher letzten Endes für Zemfira. Die Schlüsselszene hierzu liefert der alte Zigeuner, der die Liebe der Mädchen mit dem Mond vergleicht, der frei von Wolke zu Wolke wandert (vgl. VIII, 343-359). Zemfira selbst bringt unbewusst das Treffen mit ihrem Geliebten "hinter dem Grabhügel" mit dem untergehenden Mond in Verbindung; hier findet sich sogar eine doppelte Todessymbolik (IX, 435-437):

Cygan

Skaži - kogda ž opjat' svidan'e?

Zemfira

Segodnja, kak zajdet luna,

Tam za kurganom nad mogiloj...

Zum letzten Mal wird der (vom Nebel verdeckte) Mond in der Mordszene erwähnt (X, 453):

Temno; luna zašla v tumany...

Dafür sprechen die Sterne eine beredte Sprache (X, 454):

Čut' brežžet zvezd nevernyj svet...

Hierbei wird die sich gerade abspielende Situation (die Untreue) auf eine real-objektive Situation (das Licht der Sterne) projiziert. Die Szene wirkt gespenstisch, unwirklich, albtraumhaft – Aleko war ja auch kurz zuvor aus einem schrecklichen Traum erwacht, und als er die beiden Liebenden entdeckt, fragt er sich, ob er wache oder träume: ... il' ėto son? (X, 464)

[...]


1 Tomaševskij, Boris V.: [ Cygany ]. In: Ders.: Puškin. Bd. 1: 1813-1824. Moskva, Leningrad 1956, S. 617.

2 Anm.: Die Unterstreichungen in den Zitaten stammen ausnahmslos von der Verfasserin dieser Arbeit.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Textinterpretation von Puškins "Cygany" (1824)
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Seminar für Slavistik)
Veranstaltung
PS: Vers + Erzählung – Puškins "südliche Poeme"
Note
2,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
23
Katalognummer
V163949
ISBN (eBook)
9783640791798
ISBN (Buch)
9783640791347
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde mit "2+" bewertet.
Schlagworte
Textinterpretation, Puškins, Cygany
Arbeit zitieren
Ursula Wojciechowski (Autor), 1997, Textinterpretation von Puškins "Cygany" (1824), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163949

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