Franckes Sicht der religiösen Erziehung in seinen pädagogischen Schriften


Seminararbeit, 2008

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hintergrundinformation
2.1 Biographische Eckdaten in Auswahl
2.2 Historischer Hintergrund

3 Franckes Sicht der religiösen Erziehung
3.1 Hauptziel der religiösen Erziehung
3.2 Erziehung zur wahren Gottseligkeit
3.2.1 Ehre und Furcht Gottes
3.2.2 Bedeutung der Exempel
3.2.3 Katechetische Unterweisung
3.2.4 Lesung der Heiligen Schrift
3.2.5 Ermahnungen, Strenge und Strafe
3.2.6 Verheißungen und Bedrohungen
3.2.7 Drei Tugenden: Liebe zur Wahrheit, Gehorsam und Fleiß
3.2.8 Gebet
3.3 Erziehung zur christlichen Klugheit
3.3.1 Bedeutung der christlichen Klugheit
3.3.2 Definition der christlichen Klugheit
3.3.3 Aufmerksamkeit/Attention und Erfahrung
3.3.4 Anwendung der Dinge zur Klugheit
3.3.5 Selbsteinschätzung und Selbstkritik
3.3.6 Weisung auf den richtigen Weg
3.4 Praktische Umsetzung der Franckeschen Erziehungsgrundsätze
3.4.1 Praktische Umsetzung in den zum Waisenhaus gehörigen Schulen und im Paedagogio zu Glaucha in Halle
3.4.2 Anforderungen an die Praeceptores
3.4.2.1 Resümee

4 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die zugrunde liegende Thematik dieser Hausarbeit ist „Franckes Sicht der religiösen Erziehung in seinen pädagogischen Schriften“. August Hermann Francke war ein bedeutender deutscher Pietist und Pädagoge evangelischer Konfession, welcher Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts lebte und wirkte. Er ist der Begründer der Franckeschen Stiftungen zu Halle, welche auch heute noch einen hohen nationalen Rang aufweisen.[1]

Francke greift die „Erziehung als [ein] theologisches Thema“[2] auf. Dies ist kein Novum für seine Zeit, da „die christlichen Kirchen […] an Erziehung im historischen Prozeß seit je teilgenommen“[3] haben und „der Anspruch auf religiöse Wirklichkeitsbewältigung mithilfe einer neuen Frömmigkeitsbewegung […] als Reaktion auf die zunehmende Unverbindlichkeit christlicher Normen anzusehen“[4] ist.

Ab dem Jahr 1687, dies ist das Jahr seiner Bekehrung während seines Lüneburgaufenthaltes, fühlte Francke sich immer mehr verantwortlich „die überall höchst verderbte Art der Kinderzucht“[5] zu verbessern. Er kritisiert heftig, dass die Jugend aufgrund mangelnden Engagements der zuständigen Obrigkeiten „meist in lauter Sünden, Schanden und Lastern aufwächst“[6]. Francke sieht sich in seinem Handeln und Eingreifen in vorherrschende pädagogische Missstände von Gott selbst befugt. Er drückt es in der „Vorrede zu Fénélons Tractätlein von der Erziehung der Töchter“ wie folgt aus: „Ich bin auch besonders deshalb niemals abgeneigt gewesen, meinem Nächsten mitzuteilen, was mir Gott hierin aus Gnaden verliehen hat, weil solches nicht auf einer bloßen Speculation [sic!] beruht, sondern mir Gott fast immer nach dem Verlangen meines Herzens es anvertraut hat“[7]. „Von Herzen geneigt und begierig“[8], wie Francke seinen Handlungsbedarf selbst beschreibt, legte er seine Vorstellung von wirkungsvoller Erziehung erstmalig im Jahr 1702 dar. Francke sieht die Erziehung zu einer christlichen Lebensführung als unumgänglich. Er begnügt sich nicht mit der These, die Luther bereits vertrat „Rechtfertigung allein aus dem Glauben heraus“, sondern betont die Notwendigkeit der Erweiterung. Er vertritt die für die Zeit des Pietismus typische praktische Frömmigkeit, d.h. i.d.F., dass der Glaube für den Einzelnen auch in der eigenen christlichen Lebensführung erfahrbar sein muss.

In der modernen Pädagogik werden die Erziehungsgrundsätze von Francke kritisch beurteilt, da er als ein Vertreter der körperlichen Bestrafung, als legitimes Züchtigungsmittel in der Erziehung, gilt. Zudem verpönte er weltliche Freuden in jedem Maße. Im ausgehenden 17. Jahrhundert waren seine Ideen und Vorschläge jedoch sehr progressiv und fanden großen Anklang. Francke entwickelte ein Konzept öffentlicher Erziehung zur Zeit des ständischen Absolutismus und des Übergangs zur bürgerlichen Gesellschaft.[9]

In der folgenden Hausarbeit wird Franckes Sicht der religiösen Erziehung in diesen pädagogischen Schriften dargestellt und erläutert. Es wurde speziell diese Thematik ausgewählt, da die pädagogische Bedeutung Franckes herausragend war und auch noch ist. Nicht nur auf dem Gebiet der Erziehungstheorie, sondern auch in den Bereichen der Schulorganisation, Begabtenförderung und Lehrerausbildung waren seine Überlegungen führend.

Die Hausarbeit basiert auf einer Zusammenstellung seiner bedeutendsten pädagogischen Schriften, welche seine Hauptschrift „Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind“ (1702 verfasst) vollständig beinhaltet, wie auch die Schriften „Die bisherige Einrichtung des Seminarii selecti Praeceptorum“ (1708 verfasst) aus seinem Werk „Segensvolle Fußstapfen“ und „Delineation des ganzen Werkes“ (1711 verfasst). Die Schriften „Ordnung und Lehrart im Waisenhaus“ (1702 verfasst), „Ordnung und Lehrart im Paedagogio zu Glaucha“ (1702 verfasst) und „Instruction [sic!] für die Praeceptores, was sie bei der Disciplin [sic!] wohl zu beachten haben“ (1713 verfasst) sind in gekürzter Form enthalten. Zudem beinhaltet sie die „Vorrede zu Fénélons Tractätlein von der Erziehung der Töchter“ (1698 verfasst).

2 Hintergrundinformation

2.1 Biographische Eckdaten in Auswahl

August Hermann Francke, der Hauptvertreter des halleschen Pietismus, wurde am 22.03.1663 in Lübeck geboren und starb am 08.06.1727 im Alter von 64 Jahren in Halle an der Saale. Francke studierte (1679-1685) Philosophie und Theologie, wie auch die Hebräische Sprache, sowohl in Erfurt, als auch in Kiel, Hamburg und Lüneburg. Er habilitierte 1685 in Leipzig, nachdem er den Grad des Magisters erreicht hatte.

Anschließend widmete er sich exegetischen Studien in Lüneburg, bei denen er seine Bekehrung (1687) über den Predigttext Joh 20,31 erlebte. Anlässlich dieses Predigtauftrages geriet er in Selbstkonflikte, da er sich selbst als noch nicht glaubend erkannte und somit ein Widerspruch zu dem Predigttext bestand. Francke stürzte in eine tiefe Glaubenskrise, welche er jedoch bewältigen konnte. „Das Bekehrungserlebnis […] war für Francke fortan der Wende- und Fixpunkt seines religiösen Lebens“[10] und somit war „seine Pädagogik […] stark durch seine Biographie geformt“[11]. Aus diesem Grund wurde eine biographische Auswahl in diese Hausarbeit eingefügt. Er war einst selbst in den ersten Jahren in Leipzig, zugespitzt ausgedrückt, dem weltlichen Leben verfallen. Somit weiß Francke, wie schnell man vom rechten Weg abweichen kann und dieses Wissen prägte auch seinen strengen Erziehungsstil.

Er war Dozent in Leipzig (1688-89), Professor der hebräischen Sprache an der Universität Halle (1692), wie auch Pastor in Erfurt (1690), Glaucha (1692) und Halle (1715).1696 wurde Francke zum Professor der Theologie ernannt. 1694 heiratete er Fräulein von Wurm. 1695 errichtete er mit einfachsten Mitteln eine Armenschule. Hieran schlossen sich die Einrichtung eines Paedagogiums (1696), die Gründung einer Waisenanstalt (1697) und einer Lateinschule (1697), die Einrichtung einer Erziehungsanstalt für Mädchen (1698) an. Der deutsche Theologe und Pädagoge war der Begründer der Franckeschen Stiftungen. Die Grundsteinlegung dieser Lebensaufgabe begann 1698. Hieran schließen sich weitere Ereignisse, wie z.B. die Einrichtung des Seminarium praeceptorum selectum (1707), an.

2.2 Historischer Hintergrund

Es stellt sich die Frage, wie die historische Situation am Ende des 17. Jahrhunderts, insbesondere in Halle, gewesen ist, sodass Franckes Ideen und Vorhaben auf derart große Resonanz gestoßen sind.

In jener Zeit gab es dort sowohl soziale, als auch ökonomische Krisen. Die sozialen Verhältnisse waren in Halle angespannt aufgrund des Übergangs an Preußen. Bereits der Dreißigjährige Krieg hatte nicht nur die wirtschaftliche Situation Halles stark geschwächt. Der ökonomische Wiederaufbau fiel Halle, insbesondere aufgrund seiner ungünstigen Lage vor der wirtschaftlichen Metropole Leipzig, schwer. Sowohl die Zahl der Toten durch die im Jahr 1682 aufgetretene Pest, wie auch der konstante Rückgang des einst größten wirtschaftlichen Zweiges Halles, des Salzsiedens, trugen entscheidend zu seiner misslichen ökonomischen Lage bei.[12]

Wolf Oschlies beschreibt in seinem Buch „Die Arbeits- und Berufspädagogik August Hermann Franckes“ anschaulich die soziale Zerrüttung: „Blutige Schlägereien waren gewöhnlich der Abschluß hoher kirchlicher Feste“[13], „die Jugend Glauchas trieb sich ohne Aufsicht auf den Straßen umher“[14] und „die Kirchenvorsteher hielten vom Geld des Klingelbeutels Gelage ab“[15].

Diese „Armut der hallischen [sic!] Vorstadt Glaucha wird in der Literatur immer wieder als erster Anlaß für Franckes erzieherische Aktivitäten genannt“.[16] Dies ist nur insoweit korrekt, dass diese historisch gegebene Situation als ein notwendiger,

jedoch nicht als ein hinreichender Aspekt für den Aufbau der Franckeschen Stiftungen gesehen wird.[17]

Zudem entsprach das Schulwesen in Halle, insbesondere das der ärmeren Bevölkerung, nicht den Vorstellungen Franckes. Auch die Nachfrage seitens der Bevölkerung nach Bildung war zu jener Zeit bereits stark ausgeprägt, wie die historische Literatur beweist.[18]

Dieser, oben genannten, sozial und ökonomisch geschwächten Gesellschaft kam das Reformprogramm Franckes gelegen. Francke hat „durch Kritik an den herrschenden gesellschaftlichen Zuständen Zielprojektionen für eine soziale Neuordnung entworfen“[19]. Erziehung wurde als ein Mittel zur Weltveränderung durch Menschenveränderung propagiert. „Aus d[ies]er Verbindung von unmittelbarem sozialem Ansatz am Ort mit der universalen Zielsetzung ist der Erfolg der Stiftungen zu erklären.“[20]

Wie bereits Dittrich-Jacobi feststellte tritt „die Relevanz von Erziehung [insbesondere dann] […] in das Bewußtsein einer Gesellschaft […], wenn die Institutionen die Reproduktion nicht mehr gewährleisten, d.h. wenn neue Anforderungen gestellt werden.“[21] Genau dieses Bedürfnis nach gesellschaftlichen Veränderungen war in Glaucha gegeben.

Der hallesche Pietismus wurde, besonders durch die Franckeschen Stiftungen, aktiv und versuchte ethisch neue Maßstäbe zu setzen.

3 Franckes Sicht der religiösen Erziehung

3.1 Hauptziel der religiösen Erziehung

Die Erziehung hat ihr angestrebtes Ziel erreicht, sobald die Kinder „auf einem solchen festen Grunde in ihrem Christentum stehen, daß sie sich ohne menschlichen Zwang gern und willig der Regierung des Heiligen Geistes in all ihrem Tun und Vornehmen unterwerfen und also nicht mehr ihnen selbst, sondern Gott dem Allerhöchsten zu Ehren leben, im beständigen Glauben und Vertrauen auf seine Gnade und Hilfe“.[22] Dieses meint, dass der Heranwachsende sein Leben von ganzem Herzen christlich ausgerichtet hat und nicht nur dem Schein nach fromm lebt. Das Phänomen einer aufgesetzten, d.h. einer vorgegaukelten Frömmigkeit war zu der damaligen Zeit, wie auch heute noch, präsent. Nach Außen hin vielleicht ein Christ, im Inneren jedoch den weltlichen Lastern verfallen. Diesen Missstand auszumerzen hatte Francke sich unter anderem zum Ziel gemacht. Aus diesem Grund legte Francke sein Hauptaugenmerk auf eine gewissenhafte, strenge Erziehung zum Glauben bereits in frühen Kindesjahren, denn für ihn sind es „unerkannte Blutschulden, welche der Regier- und Lehrstand öfters auf sich laden, indem sie nicht dafür sorgen, daß die Leute recht christlich erzogen werden“.[23] Die Erziehung in der Schule hat ihr Endziel erreicht, wenn die „Kinder vor allen Dingen zu einer lebendigen Erkenntnis Gottes und Christi und zu einem rechtschaffenen Christentum wohl angeführt werden mögen“.[24]

Zusammengefasst und stark vereinfacht lässt sich das Ziel der Erziehung nach Wolf Oschlies folgendermaßen benennen: Francke habe „eine Bildung vermitteln wollen, die nicht auf reines Bildungswissen, sondern auf ein in Gemeinnützigkeit zu verbringendes Leben abzielt“.[25]

3.2 Erziehung zur wahren Gottseligkeit

Die Gliederungspunkte sind angelehnt an die Hauptschrift „Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind“ unter besonderer Berücksichtigung des Teiles A „Von der Erziehung der Jugend zur Gottseligkeit und Klugheit“.

3.2.1 Ehre und Furcht Gottes

„Die Ehre Gottes muß in allen Dingen, aber absonderlich in Auferziehung und Unterweisung der Kinder als der Hauptzweck immer vor Augen sein, sowohl dem Praeceptori[26] als den Untergebenen selbst.“[27] Mit diesen Worten leitet Francke seine Hauptschrift „Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind“ ein. Francke intendiert mit dieser Aussage, dass sowohl der Erzieher, als auch der zu Erziehende ihr Handeln auf den Ehrerweis Gottes ausrichten und nicht auf eigene Zielsetzungen, welche nicht mit dem Ehrerweis Gottes übereinstimmen. Der Erzieher muss auch in diesem Punkt in einer Vorbildfunktion agieren (unter dem Punkt 3.2.2 Bedeutung der Exempel wird hierauf noch genauer eingegangen), damit zum einen die Kinder ihm nachtun können und zum anderen „wird er unmöglich sich enthalten können, auch die Kinder fleißig und inständig dessen zu erinnern“[28], wenn er selbst nach diesem Vorsatz lebt. Sein Handeln auf die Ehre Gottes auszurichten führt die positive Begleiterscheinung mit, dass der Mensch sich nicht den weltlichen Lastern hingibt und sich am gesellschaftlichen Maßstab orientiert. Besitztümer und Ansehen verlieren ihre Bedeutung und der Glaube steht wieder alleinig im Vordergrund. Vielmehr sollen „die Kinder zur beständigen Furcht und Liebe des allgegenwärtigen Gottes erweckt werden und ihnen der rechte Adel der menschlichen Seele, so in der Erneuerung zum Ebenbilde Gottes besteht, mit lebendigen Farben vor Augen gemalt wird, und sie also in der Zucht und Vermahnung zum Herrn (Eph 6) erzogen werden“.[29]

3.2.2 Bedeutung der Exempel

Francke sieht eine in frühem Kindesalter beginnende, klar strukturierte religiöse Erziehung als unumgänglich. Er sieht den Erzieher in einer sehr wichtigen Stellung, der seine Aufgabe gewissenhaft auszuüben hat. Bereits kleinere Nachlässigkeiten führen zu schwerwiegenden, schwer korrigierbaren Fehlern in der Einstellung und im Verhalten des Kindes. Jedoch ist der Erzieher nur eine Stütze, die auf dem Weg zum wahren Glauben dem Kind beiseite steht und es auf richtige Weise lenkt. Über den letztendlichen Werdegang des Heranwachsenden entscheidet allein Gott. Francke formulierte dies wie folgt: „Es ist weder der da pflanzt, noch der da begießt, etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt“[30]. In diesem symbolhaften Vergleich erscheint der Erzieher als Gärtner und der zu Erziehende als Pflanze, jedoch Gott allein entscheidet, ob er die Saat sprießen und wachsen lässt oder nicht. Zu diesem Vergleich lässt sich zur Verdeutlichung eine Parallelstelle in der Bibel anführen: das Gleichnis vom Sämann in Lk 8, 4-15. Würde man die Idee Franckes in Verbindung mit dem oben genannten Gleichnis bringen, ließe sich schlussfolgern, dass der Erzieher eine gute Grundlage (symbolisch: den Nährboden) schaffen muss, auf welchen der Same Gottes fällt.

Francke weist der Vorbildfunktion von Erziehern, Eltern und den mit dem Kind verkehrenden Personen eine große Bedeutung zu. Er macht darauf aufmerksam, dass die Kinder insbesondere in den ersten Lebensjahren und in der Zeit der Pubertät einen starken Hang zur Imitation haben und sie in ihrer Persönlichkeit noch stark formbar sind. Francke erhofft sich, dass ein sich stets korrekt verhaltendes Umfeld das Kind positiv beeinflusst und ihm keine Möglichkeit geboten wird sich an Untugenden zu gewöhnen, sie zu akzeptieren oder zu übernehmen. Aus diesem Grund sollen die Eltern auch darauf achten, dass „die Kinder nicht mit dem Gesinde oder mit andern Leuten, so dieselben nicht fromm und gottesfürchtig sind, ohne Not umgehen, und daß sie von ihnen nicht durch unnütze Reden oder sonst unchristliches Verhalten geärgert werden“.[31] Aus diesem Grund rät er auch, die Kinder häufig mit älteren, als sie es selbst sind, zu umgeben.

Zudem lernen die Kinder an den guten Exempeln durch Einsatz ihrer Sinnesorgane, i.d.F. Sehen, und die sich anschließende Nachahmung, nach außen hin christlich zu handeln und internalisieren dieses so.

Den Kindern sollen gute Exempel vorgeführt und gelobt werden, schlechte jedoch verpönt werden. Unter anderem durch diese Vorgehensweise bildet sich bei dem Heranwachsenden das Gewissen. Sie lernen zu differenzieren zwischen Gott dienlichem Verhalten und den Glauben missachtendem Verhalten.

Indem Francke auch an das richtige Verhalten der Eltern und Verwandten appelliert und ihre Bedeutung für das Gedeihen des Kindes herausstellt, fordert er eine schulübergreifende religiöse Erziehung. Er kritisiert, dass es nicht ausreicht, wenn die Eltern ihr Kind einem Erzieher übergeben. Es kommt allzu häufig vor, dass sie „selbst den Kindern mit bösen Exempeln vorgehen, oder die Kinder mit ihrer unordentlichen Liebe wieder verzärteln, wann [sic!] sie der Praeceptor durch gute Zucht gebessert hat“[32]. Dennoch soll der Informator die Autorität der Eltern nicht vor dem Kind in Frage stellen, da es sonst zu einer Auflehnung gegenüber dieser kommen kann.[33]

Außerdem muss von allen Erziehenden berücksichtigt werden, das Kind im Alltag nicht unbedacht zu Lastern zu erziehen. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn man ein Kind lehrt über das Geld in seiner Spardose zu wachen, lehrt man es nicht nur die Sparsamkeit, sondern auch Geiz und das Geld steigt somit in der Wertschätzung des Kindes, sodass es das Geld und den Reichtum zu lieben beginnt.[34]

3.2.3 Katechetische Unterweisung

Francke sieht die katechetische Unterrichtung, bereits ab frühester Kindheit an, als unumgänglich, da die Kinder insbesondere in den ersten Lebensjahren aufnahmefähig sind. Die christliche Erziehung beginnt bei Francke somit sehr früh, ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr. Er betont, „daß ihnen der Anfang der christlichen Lehre gleichsam mit der Muttermilch einzuflößen sei“[35]. Das Auswendiglernen von kurzen Bibelstellen, die auf die Erkenntnis Jesu Christi zielen, sobald die Kinder beginnen zu sprechen, ist ihm wichtig. Hieran schließt sich nach und nach das Auswendiglernen von Teilen des Katechismus und kurzen Gebeten und Psalmen Davids an, zunächst noch ohne Auslegung dieser. In einem überlegten Maß können den Kindern zur Veranschaulichung auch Kupferstücke oder Figuren dienen, diese dürfen sie jedoch nicht z.B. zum unüberlegten Spiel verleiten. Wenn die Kinder herangewachsen sind, soll ihnen beigebracht werden, wie die Dinge zusammenhängen, die „ihnen zu wissen und zu glauben nötig“[36] sind. Hier differenziert Francke und appelliert an das Einschätzungsvermögen des Erziehers, welcher unter kindgerechten Aspekten selektieren muss. Er stellt heraus, dass die Kinder eh gerne Erzählungen verfolgen und somit die christliche Lehre leicht an das Kind gebracht werden kann. Je älter die Kinder werden, desto gezielter muss auf den Sinn und den Hintergrund der Erzählungen eingegangen werden, wie auch eine Verbindung zur praktischen Umsetzung im Leben gezogen werden muss.

Diese strikte frühe Heranführung an die christliche Lehre schränkt er insofern ein, dass er sagt, dass hierbei ein Mittelweg eingeschlagen werden muss, damit der kindliche Geist nicht ermüdet und zu stark belastet wird. Im Vergleich mit der modernen Pädagogik, verlangt Francke von dem Kleinkind enorm viel. Die heutige Erziehung setzt andere Prioritäten und im Vordergrund steht u.a. das „Lernen im Spiel“. Dies widerspräche gänzlich der Ansicht Franckes, der den Freiraum des Kindes möglichst begrenzt hielt, um so negativen Entwicklungen vorzubeugen.

[...]


[1] Anmerkung 1: Die Zeilenangaben der Primärliteratur leiten sich in dieser Seminararbeit so her, dass Kapitelunterschriften und auch Kapitelangaben selbst und ggf. auch Leerzeilen als eigenständige Zeile mitgezählt wurden.

Anmerkung 2: In Franckes pädagogischen Schriften sind die Begriffe „Praeceptor“ und „Informator“ äquivalent verwendet, dies wird in der Seminararbeit beibehalten werden, hinzu tritt noch der Begriff des Erziehers, welches lediglich die deutsche Übersetzung der von Francke verwendeten Begrifflichkeiten ist.

[2] Nipkow, Karl Ernst: Art. „Erziehung“. In: TRE 10 (1982), S. 239.

[3] Ebd. S. 239.

[4] Dittrich-Jacobi, Juliane: Pietismus und Pädagogik im Konstitutionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, S. vii der Einleitung.

[5] Francke, August Hermann: Von der Erziehung der Jugend. Vorrede zu Fénélons Tractätlein von der Erziehung der Töchter (1698). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 5, Z. 13.

[6] Ebd. S. 7, Z. 6f.

[7] Francke, August Hermann: Von der Erziehung der Jugend. Vorrede zu Fénélons Tractätlein von der Erziehung der Töchter (1698). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 5, Z. 14ff.

[8] Ebd. S. 5, Z. 36.

[9] Dittrich-Jacobi, Juliane: Pietismus und Pädagogik im Konstitutionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, S. vii der Einleitung.

[10] Jung, Martin H.: Pietismus, S. 55.

[11] Ebd. S. 55.

[12] In Anlehnung an Dittrich-Jacobi, Juliane: Pietismus und Pädagogik im Konstitutionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, S. 171f.

[13] Oschlies, Wolf: Die Arbeits- und Berufspädagogik August Hermann Franckes, S. 14.

[14] Ebd. S. 14.

[15] Ebd. S. 14.

[16] Dittrich-Jacobi, Juliane: Pietismus und Pädagogik im Konstitutionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, S. 170.

[17] Ebd. S. 175.

[18] Dittrich-Jacobi, Juliane: Pietismus und Pädagogik im Konstitutionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, S. 180.

[19] Ebd. S. viii der Einleitung.

[20] Ebd. S. 173.

[21] Ebd. S. 128.

[22] Francke, August Hermann: Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 61, Z. 20-25.

[23] Francke, August Hermann: Von der Erziehung der Jugend. Vorrede zu Fénélons Tractätlein von der Erziehung der Töchter (1698). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 7, Z. 11ff.

[24] Francke, August Hermann: Ordnung und Lehrart im Waisenhaus (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 67, Z. 37ff.

[25] Dittrich-Jacobi, Juliane: Pietismus und Pädagogik im Konstitutionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, S. 14.

[26] Lat.: praeceptor, praeceptoris (m) = Lehrer.

[27] Francke, August Hermann: Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 13, Z. 10ff.

[28] Francke, August Hermann: Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 13, Z. 26ff.

[29] Ebd. S. 14, Z. 37ff.

[30] Ebd. S. 65, Z. 33f.

[31] Francke, August Hermann: Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 16, Z. 5ff.

[32] Francke, August Hermann: Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 15, Z. 41ff.

[33] Francke, August Hermann: Ordnung und Lehrart im Waisenhaus (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften. Paderborn ²1964 (Schöninghs Sammlung pädagogischer Schriften, S. 81, Z. 43ff.

[34] Francke, August Hermann: Kurzer und einfältiger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind (1702). In: Lorenzen, Hermann (Besorgt von): August Hermann Francke. Pädagogische Schriften, S. 28, Z. 1ff.

[35] Ebd. S. 17, Z. 15f.

[36] Ebd. S. 19, Z. 5f.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Franckes Sicht der religiösen Erziehung in seinen pädagogischen Schriften
Hochschule
Universität Osnabrück  (Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Zinzendorf und der Pietismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
32
Katalognummer
V164003
ISBN (eBook)
9783640791811
ISBN (Buch)
9783640791392
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Francke Erziehung, Francke
Arbeit zitieren
B.A. Ann-Christin Graé (Autor), 2008, Franckes Sicht der religiösen Erziehung in seinen pädagogischen Schriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164003

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