Plinius Secundus "Naturalis historia" : Kohäsion als Kriterium der Textualität


Seminararbeit, 2002

16 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Text und Übersetzung: Plinius, Naturalis historia VII 1, 1-5
1.1 Text
1.2 Übersetzung

2. Textualität und Kohäsion
2.1 Die sieben Kriterien der Textualität nach Beaugrande/Dressler
2.2 Mittel zur Stiftung von Kohäsion

3. Kohäsion im Plinius-Text

4. Literaturverzeichnis

1. Text und Übersetzung: Plinius, Naturalis historia VII 1, 1-5

1.1 Text

Mundus et in eo terrae, gentes, maria, . . . . insignia,

insulae, urbes ad hunc modum se habent, animantium in

eodem natura nullius prope partis contemplatione minore,

etsi ne hic quidem omnia exsequi humanus animus queat.

Principium iure tribuetur homini, cuius causa videtur

cuncta alia genuisse natura, magna, saeva mercede contra

tanta sua munera, non ut sit satis aestimare, parens melior

homini an tristior noverca fuerit. ante omnia unum ani-

mantium cunctorum alienis velat opibus. ceteris sua varie

tegimenta tribuit, testas, cortices, coria, spinas, villos, sae-

tas, pilos, plumam, pinnas, squamas, vellera; truncos etiam

arboresque cortice, interdum gemino, a frigoribus et calore

tutata est: hominem tantum nudum et in nuda humo natali

die abicit ad vagitus statim et ploratum, nullumque tot ani-

malium aliud ad lacrimas, et has protinus vitae principio;

at Hercule risus praecox ille et celerrimus ante XL diem

nulli datur. ab hoc locis rudimento quae ne feras quidem

inter nos genitas vincula excipiunt et omnium membrorum

nexus; itaque feliciter natus iacet manibus pedibusque de-

vinctis, flens animal ceteris imperaturum, et a suppliciis

vitam auspicatur unam tantum ob culpam, qua natum est.

heu dementia ab his initiis existimantium ad superbiam

se genitos! prima roboris spes primumque temporis munus

quadripedi similem facit. quando homini incessus! quando

vox! quando firmum cibis os! quam diu palpitans vertex,

summae inter cuncta animalia inbecillitatis iudicium! iam

morbi totque medicinae contra mala excogitatae, et hae quo-

que subinde novitatibus victae! et cetera sentire naturam

suam, alia pernicitatem usurpare, alia praepetes volatus, alia

nare! hominem nihil scire, nihil sine doctrina, non fari, non

igredi, non vesci, breviterque non aliud naturae sponte

quam fere! itaque multi extitere qui non nasci optimum

censerent aut quam ocissime aboleri. uni animantium luctus

est datus, uni luxuria et quidem innumerabilibus modis ac

per singula membra, uni ambitio, uni avaritia, uni inmensa

vivendi cupido, uni superstitio, uni sepulturae cura atque

etiam post se de futuro. nulli vita fragilior, nulli rerum

omnium libido maior, nulli pavor confusior, nulli rabies

acrior. denique cetera animantia in suo genere probe de-

gunt. congregari videmus et stare contra dissimilia: leonum

feritas inter se non dimicat, serpentium morsus non petit

serpentes, ne maris quidem beluae ac pisces nisi in diversa

genera saeviunt. at Hercule homini plurima ex homine sunt

mala.

1.2 Übersetzung

Die Welt, und in ihr die Länder, Völker, Meere, wichtigen ..., Inseln und Städte verhalten sich in dieser Weise. Die Natur der in ihr befindlichen Lebewesen aber ist fast in keinem ihrer Teile weniger der Beachtung wert, wenn auch nicht einmal hier der menschliche Geist imstande ist, alles zu verfolgen. Der Vorrang wird mit Recht dem Menschen zugewiesen werden, da um seinetwillen die große Natur alles andere erschaffen zu haben scheint, wenngleich sie gegen ihre so großen Gaben einen so grausamen Preis setzte, daß man nicht klar entscheiden kann, ob sie dem Menschen mehr eine gütige Mutter oder eine herbe Stiefmutter gewesen ist.

Vor allem kleidete sie ihn allein von allen Lebewesen in fremde Erzeugnisse; alle anderen versah sie in verschiedener Weise mit ihren Bedeckungen, mit Schalen, Rinden, Lederhäuten, Stacheln, zottigen Haaren, Borsten, Haarfäden, Flaum, Federn, Schuppen und Wolle; Stämme und Bäume hat sie sogar mit einer Rinde, manchmal sogar mit einer doppelten, gegen Frost und Hitze geschützt; nur den Menschen setzt sie am Tage seiner Geburt nackt und auf der bloßen Erde sogleich dem Wimmern und Weinen aus, und kein anderes von so vielen Lebewesen, den Tränen, und zwar bereits beim Eintritt in das Leben. Das Lächeln aber, beim Herkules, jenes voreilige und ganz flüchtige, ist keinem vor dem vierzigsten Tage vergönnt.

Von diesem ersten Eintritt ins Licht an erwarten und Bande und Fesseln an allen Gliedern, wie sie nicht einmal die Tiere, die unter uns geboren sind, umschnüren, und so liegt das glücklich geborene Kind da mit gebundenen Händen und Füßen, weinend, als Geschöpf, das später die übrigen beherrschen soll, und mit Pein beginnt es sein Leben, nur wegen der einzigen Schuld, geboren zu sein. Ach, welch Wahnwitz derjenigen, die nach einem solchen Anfang glauben, zum Hochmut geboren zu sein!

Die erste Ahnung von Kraft, das erste Geschenk der Zeit, macht den Menschen einem vierfüßigen Tier ähnlich. Wann beginnt er wie ein Mensch zu gehen? Wann zu sprechen? Wann ist sein Mund fest genug, Speisen zu genießen? Wie lange zuckt sein Scheitel, ein Zeichen der höchsten Anfälligkeit unter allen Geschöpfen? Dann die Krankheiten und die zahlreichen erdachten Heilmittel, und auch diese werden zuweilen neuen Übeln gegenüber unwirksam. Und dann die Tatsache, daß die übrigen Lebewesen ihre natürliche Veranlagung fühlen, daß die einen von selbst von ihrer Behendigkeit Gebrauch machen, die anderen vom schnellen Fluge, wieder andere vom Schwimmen, daß aber der Mensch nichts versteht, nichts ohne Unterweisung versteht, weder zu sprechen noch zu gehen, noch zu essen, kurz, daß er von Natur aus nichts anderes kann als weinen! Es hat daher viele gegeben, die es als das Beste erachteten, nicht geboren zu werden oder so schnell wie möglich wieder zu sterben.

Dem Menschen allein von allen Lebewesen ist Trauer gegeben, ihm allein Asschweifung, und zwar auf zahllose Weise und für jedes einzelne Glied, ihm allein Ehrsucht, ihm allein Habsucht, ihm allein ungeheure Lebensgier, ihm allein Aberglaube, ihm allein Sorge um das Begräbnis und sogar um die Zukunft nach dem Tode. Kein Geschöpf hat ein leichter zerbrechliches Leben, keines größere Begierde nach allen Dingen, keines ratlosere Angst, keines leidenschaftlichere Wut. Schließlich: die übrigen Tiere leben innerhalb ihrer Artgenossen redlich; wir sehen, wie sie sich zusammenscharen und fest gegen fremde Arten stehen: der Löwen Wildheit kämpft nicht gegen ihresgleichen, der Schlangen Biß richtet sich nicht auf Schlangen, und selbst des Meeres Ungeheuer und die Fische wüten nur gegen fremde Gattungen. Dem Menschen jedoch, beim Herkules, erwachsen die meisten Übel vom Menschen.

2. Textualität und Kohäsion

2.1 Die sieben Kriterien der Textualität nach Beaugrande/Dressler

Was ist eigentlich Textlinguistik? „Die Textlinguistik“, so ist bei Brinker (1992) zu lesen, „sieht es als ihre Aufgabe an, die allgemeinen Bedingungen und Regeln der Textkonstitution, die den konkreten Texten zugrunde liegen, systematisch zu beschreiben und ihre Bedeutung für die Textrezeption zu erklären“[1]. Seit ihrer Entstehung als Teilgebiet der Sprachwissenschaft in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat es zahlreiche Versuche gegeben, den Untersuchungsgegenstand „Text“ genau zu definieren. An dieser Stelle sei exemplarisch derjenige von Beaugrande/Dressler (1981) dargestellt, die sieben Kriterien benennen, die ein Text ihrer Meinung nach zu erfüllen hat: Kohäsion, Kohärenz, Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität. Die Kohäsion wird von Beaugrande/Dressler folgendermaßen definiert: „Es betrifft die Art, wie die Komponenten des Oberflächentextes [...] miteinander verbunden sind. Die Oberflächenkomponenten hängen durch grammatische Formen und Konventionen voneinander ab [...]“[2]. Im Gegensatz zu diesem Zusammenhalt auf grammatischer Ebene bezeichnet Kohärenz den inhaltlichen Zusammenhalt eines Textes, wobei „semantisch-kognitive Aspekte von Texten wie Kausalitäts-, Referenz- und Zeitbeziehungen“[3] ausschlaggebend sind. Die Intentionalität bezeichnet „die Einstellung [...] des Textproduzenten, der einen kohäsiven und kohärenten Text bilden will, um die Absichten seines Produzenten zu erfüllen“[4]. Das Gegenstück dazu, die Erwartungshaltung des Lesers, der einen Text erwartet, der nach den oben beschriebenen Prinzipien aufgebaut sein soll, bezeichnet man schließlich als Akzeptabilität. Weiterhin differenzieren Beaugrande/Dressler nach dem Ausmaß, in dem der Text dem Leser neue beziehungsweise bereits bekannte Informationen liefert; es handelt sich hierbei um das Kriterium der Informativität. Situationalität bezeichnet nach Vater (1992) die „Faktoren, die einen Text für eine Kommunikations-Situation relevant machen“[5] ; man geht hierbei von der Tatsache aus, daß jeder Text in einen bestimmten situativen Kontext eingebettet ist und erst dadurch seine konkrete Funktion erfüllt. Das letzte der von Beaugrande/Dressler genannten Textualitätskriterien ist das der Intertextualität: Man geht davon aus, daß kein Text für sich alleine, sondern mit anderen Texten in einer Beziehung steht: bei Beaugrande/Dressler (1981) versteht man dies einerseits „als Bezug auf die Textsorte“, der ein Text selbst angehört – er kann nun etwa den Konventionen innerhalb dieser Text­sorte entweder entsprechen oder diese bewußt durchbrechen; andererseits existiert ein Bezug auf „andere Texte“[6] im allgemeinen. Abschließend ist jedoch wichtig zu betonen, daß es durchaus umstritten ist, ob die Erfüllung aller sieben Kriterien notwendige Voraussetzung dafür ist, daß ein Gebilde als Text gilt; so geht Vater (1992) davon aus, daß Kohärenz, der thematisch-inhaltliche Zusammenhalt der Elemente eines Textes, „das dominierende Textualitäts-Kriterium“ ist; „auch wenn die anderen [...] Kriterien nicht erfüllt sind, kann es sich, solange Kohärenz vorliegt, um einen Text handeln“[7].

[...]


[1] Brinker (1992), S. 8

[2] Beaugrande/Dressler (1981), S. 3

[3] Vater (1992), S. 42

[4] Beaugrande/Dressler (1981), S. 8

[5] Vater (1992), S. 57

[6] Vater (1992), S. 58

[7] Vater (1992), S. 65

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Plinius Secundus "Naturalis historia" : Kohäsion als Kriterium der Textualität
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Textlinguistik
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V164039
ISBN (eBook)
9783640787197
ISBN (Buch)
9783640786855
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Plinius, Secundus, Naturalis, Kohäsion, Kriterium, Textualität
Arbeit zitieren
Mark Möst (Autor), 2002, Plinius Secundus "Naturalis historia" : Kohäsion als Kriterium der Textualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164039

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