Illegale Sucht im Alter - wenn Junkies in die Jahre kommen

Welches sind die Möglichkeiten und Grenzen der Sozialen Arbeit in Bezug auf alternde Drogenabhängige?


Bachelorarbeit, 2010

107 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Vorwort

Einleitung

1 Drogen und Sucht
1.1 Sucht oder Abhangigkeit
1.2 Was genau sind Drogen?
1.2.1 ICD Klassifikation
1.2.2 Abgrenzung zwischen harten und weichen Drogen
1.3 Abhangigkeit harter Drogen am Beispiel von Heroin, Kokain und Politoxikomanie
1.3.1 Heroin: Geschichte, Konsum und Wirkung
1.3.2 Gefahrenund Schadigungen von Heroin
1.3.3 Kokain: Geschichte, Konsum und Wirkung
1.3.4 Gefahrenund Schadigungen von Kokain
1.3.5 Politoxikomanie
1.4 Substitutionin der Schweiz
1.4.1 Methadon / Buprenorphin (Subutex) mit den Vor- und Nachteilen
1.4.2 HeGeBe, Heroin gestutzte Behandlung und rechtliche Grundlagen
1.4.3 Therapeutische Zielsetzungen und Ergebnisse
1.4.4 Allgemeine Therapieangebote

2 Alter/alteMenschen
2.1 Wandlungsprozess und demographische Veranderung des Alters
2.2 Dimensionendes Alterungsprozesses
2.2.1 Kalendarisches Altern
2.2.2 Biologisches Altern
2.2.3 Psychologisches Altern
2.2.4 Soziales Altern
2.3 ,,Erfolgreiches Altern" -Ansatze zurBeschreibung positiver Altersgestaltung
2.2.5 Disengagement
2.2.6 Aktivitatsansatz
2.2.7 Kognitive Alterstheorie
2.2.8 Selektive Optimierung durch Kompensation - SOK Modell
2.2.9 Kontinuitatsthese

3 Alter und Sucht
3.1 Biologisches Altern mit einer Drogenabhangigkeit
3.2 Psychologisches AlternmiteinerDrogenabhangigkeit
3.3 Soziales Altern miteiner Drogenabhangigkeit
3.4 Zusammenfassung der Problematik alternder Abhangiger
3.5 ,,Erfolgreiches altern mit einer Drogenabhangigkeit

4 Netzwerke und Ressourcen anhand der Salutogenese nutzbar machen
4.1 Soziale Ressource
4.1.1 Vorhandene Netzwerke von alternden Drogenabhangigen
4.1.2 Ressource von „Reactors“
4.2 Personale Ressourcen
4.2.1 Personliche und Soziale Identitat
4.2.2 Bildung und Beruf
4.3 Organisational Ressource
4.3.1 Gesundheitliche Sicherungssysteme
4.4 Materielle Ressource; Finanzen und Wohnen

5 Moglichkeiten und Grenzen der Sozialen Arbeit
5.1 Ressourcen nutzbarmachen
5.2 Personelle Ressourcen: Wissen und Erfahrungen nutzbar machen
5.3 Verschiedene Wohnformen fur alternden Drogenabhangige
5.4 Moglichkeiten auf sozialpolitischerEbene

6 Illegale Sucht und Alter Entwicklung die Schweiz im Vergleich
6.1 EU-Projekt ,,Senior Drug Dependents and Care Structures1'
6.2 Projekt “Altere Drogenabhangige in Deutschland'
6.3 Projekt voor de oudere Verslaafde” (Projekt fur altere Drogenabhangige), Niederlanden
6.4 ,,Betreutes Wohnen City“, Zurich, Schweiz

7 Fazit
7.1 Personliche Bilanz

Dank

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Abstract

Alter und Sucht werden in der Sozialen Arbeit in vielerlei Hinsicht erforscht und bearbeitet. Das Thema alternde Drogensuchtige jedoch scheint, ein junges und kaum bearbeitetes Problem darzu- stellen. Die Arbeit befasst sich mit den zunehmenden, mehrdimensionalen Problematiken alternder Drogenabhangige und fragt nach Moglichkeiten und Grenzen fur die Soziale Arbeit.

Diese Arbeit, soll aufzeigen, welche Bedurfnisse Drogenabhangige haben welche Ressourcen genutzt werden konnen, aber auch welche Angebote fur alternde Suchtige vorhanden sind. Die Bedurfnisse werden anhand qualitativer Interviews mit alternden Drogenabhangigen sowie Fachleuten aus den Bereichen Medizin und Suchthilfe ermittelt und ausgewertet. Unter Beruck- sichtigung von Theorien soll aufgezeigt werden, wo die Soziale Arbeit mit dem neuen Phanomen alternder Drogenabhangiger Ansatze fur eine gelingende Arbeit findet. Auf der Ebene der Sozialpo- litik wird kritisch hinterfragt, weshalb dieses neue Problem noch nicht konkret bearbeitet und be- handelt wurde und wo und weshalb Handlungsbedarf besteht. Abschliessend werden verschiede- ne Projekte vorstellt, die sich bereits intensiver mit der Problematik von alternden Drogenabhangi­gen befasst haben.

Keywords: Soziale Arbeit, Sozialpolitik, Drogen, Alter, alternde Drogenabhangige, Sucht im Alter

Vorwort

In meiner Tatigkeit auf dem Sozialdienst der Strafanstalt Gmunden, in Niederteufen, stellt die Ar­beit mit Menschen mit Drogenabhangigkeiten eine besondere Herausforderung dar. In erster Linie wird darauf hin gearbeitet, die Klienten wahrend des Strafvollzuges gesundheitlich zu stabilisieren. Als ich vor 1 V2 Jahren das erste Mal einen heroina]bhangigen Herrn im Alter von 56 Jahren bei mir im Eintrittsgesprach hatte wurde mir bewusst, dass viele der Drogenabhangigen, die die Zeit von Platzspitz und Letten usw. uberlebt hatten, aber den Ausstieg aus den Drogen nicht schafften und womoglich auch nie mehr schaffen werden, jetzt in ihren 40ern und 50ern sein mussen. Dieser Mann berichtete mir von seinen schweren korperlichen Beschwerden, aber auch von der Einsam- keit. Er hatte niemanden mehr. Mit diesem Klienten wurde mir klar, dass sich eine Vielzahl von Problemen auf die Soziale Arbeit zu bewegt. Ich wollte mich intensiver mit dem Thema illegaler Sucht im Alter auseinandersetzen und mogliche theoretische Ansatze finden, die in der Arbeit mit diesem Klientel realistisch und wirksam sind. Deswegen war mir auch schnell klar, dass die Ansat­ze die ich finden wollte, dem langjahrigen Erfahrungsschatz im Umgang mit Stressbewaltigung und auch den Lebensbiographie genugend Rechnung tragen sollten.

Einleitung

Mitte der 80er und 90er Jahre ubernahm die Schweiz eine Vorreiterrolle in der Drogenpolitik. Es wurde eine Vielzahl von Angeboten geschaffen, Fixerstuben, verschiedene Therapieangebote so- wie Methadon- und Heroinabgaben sollten die gesundheitlichen Risiken senken und die Beschaf- fungskriminalitat mindern. Die offene Drogenszene ist mit Hilfe dieser vielen Angebote fast ganz- lich verschwunden. Mit der geschaffenen Drogenpolitik hat es die Schweiz geschafft, die Zahl der Drogentoten von 1992 bis 2004 zu halbieren. Es ist nicht das Hauptziel der Schweiz, Abhangige in einer Erstbehandlung zur Abstinenz zu bekehren. Vielmehr sollte eine gesundheitliche Stabilitat erlangt werden. Die Schweiz hat ihr Ziel erreicht, aber genau durch diese Politik haben auch viele der Drogenabhangigen die Ruckkehr in ein gesundes Leben nicht geschafft und wurden mit der Sucht alter. Jene Abhangige, die nicht an der Sucht oder deren Folgen gestorben sind oder den Ausstieg geschafft haben, sind mit ihrer Sucht und/oder mit Therapie alt geworden. Das BAG Bundesamt fur Gesundheit, gab im Jahresbericht vom 2007 an, dass das Durchschnittsalter Abhangiger von illegalen Drogen im Jahr 2007 bei 39 Jahren lag. Es sei jedoch davon auszugehen, dass das Alter in den nachsten Jahren nochmals markant ansteigen werde, so das Bundesamt fur Gesundheit, kurz BAG (vgl. Bundesamt fur Gesundheit, 2007, S. 6). Hinzukommt der demographische Wandel, der den Anteil der alten und sehr alten Menschen zugunsten der Jungen anwachsen lasst. Fur die Wirtschaft, die sozialen Sicherungssysteme aber auch fur das solidarische Miteinander innerhalb und zwischen den Generationen steht die Gesellschaft vor einer neuen Herausforderung. In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion taucht immerwieder die Frage nach einer angemessenen und befriedigen Gestaltung der Altersphase auf. Dabei gibt es sehr verschiedene Vorstellungen was ,,erfolgreiches Alter“ sein kann. Die Vorstellungen reichen vom aktiven, materiell wohlausgestattenen Altern als Erlebnisphase, uber die Zeit sozialen Engagements bis zum sozialen Ruckzug. Es ist schwierig zu sagen, welche Wege zu gelingendem Altern fuhren werden. Kommt in dieser Lebensphase noch eine Drogenabhangigkeit hinzu, wird eine konkrete Vorstellung um einiges schwieriger. Zum einen, weil dieses ,,neue Phanomen“ wenig diskutiert wurde, zum anderen weil sich die Frage stellt, ob Menschen mit einer Jahrzehnte langen Suchterkrankung in einer ahnlichen Weise altern.

Das Klientel wird in dieser Arbeit auf die Konsumenten von illegalen Drogen ab 45 Jahren ein- gegrenzt, in erster Linie gehe ich von der Heroinabhangigkeit im Alter aus. Im Rahmen dieser Ar­beit werde ich somit nicht aufweiche Drogen wie Cannabis usw. eingehen.

Ich mochte anhand der Fragestellung benennen konnen wo die Moglichkeiten und Grenze der Sozialen Arbeit bei alternden Drogenabhangigen liegt. Ziel dieser Arbeit soll sein, die Problemstellungen von alternden Suchtkranken zu benennen. Ich mochte aufzeigen, mit welchen nutzbaren Netzwerken und Ressourcen dieses Klientel gearbeitet werden kann und schlussendlich, welche Handlungsfelder der Soziale Arbeit zur Verfugung stehen aber auch wo die Grenzen der Sozialen Arbeit liegen sind.

Es ist mir bewusst, dass ich mich in dieser Arbeit nicht ausschliesslich mit sozialen Problemen, sondern auch mit sozialpolitischen Diskursen auseinander setzen werde. Da die Drogenpolitik den Rahmen der Sozialen Arbeit, hinsichtlich Suchtarbeit definiert.

Zunachst werden die Themen Drogenabhangigkeit und deren Auswirkungen sowie die Lebens- phase Alter beschrieben. Qualitativen Interviews mit alternden Heroinabhangigen, welche ausge- wertet wurden, sollen Auswirkungen der Sucht und Bedurfnisse der Betroffenen aufzeigen. Zwei weitere Interviews mit Fachpersonen die in die Arbeit miteinbezogen werden, sollen aus medizinischer und aus Sicht der Sozialen Arbeit helfen, die Thematik zu versehen und Schwerpunkte zu erkennen.

1 Drogen und Sucht

Uber Drogen und Sucht im Allgemeinen wurden in den letzten 40 Jahren Unmengen an Literatur und Forschungsergebnissen veroffentlicht. Folgendes Kapitel befasst sich differenziert mit dem umfassenden Thema und beschrankt es, auf die fur diese Arbeit relevanten Bereiche. Um genau zu verstehen wann von Drogensuchtigen und wann von Drogenabhangigen gesprochen wird, muss vorerst der Begriff von Sucht und Abhangigkeit verglichen, resp. unterschieden werden.

1.1 Sucht oder Abhangigkeit

Das Wort Sucht ist auf den Begriff ,,siechen“ (= krank) zuruckzufuhren und nicht verwandt mit dem Begriff ,,suchen“ (vgl. Leu, 1984, S. 17). Der Begriff Sucht ist umfassend zu verstehen. Sucht bein- haltet physische, psychische wie auch soziale Abhangigkeit. Sucht ist nicht mit Gewohnheit, der naturlichen Abhangigkeit von Nahrungsmitteln, Kleidung und/oder mit Problemverhaltensweisen, die der willentlichen Kontrolle des Subjekts unterliegen, gleichzusetzen. Von Sucht wird dann ge­sprochen, wenn sich das zugrunde liegende Problemverhalten eigendynamisch und zwanghaft entwickelt, das sich selbst organisiert hat und sich ruckhaltlos bestandig zu verwirklichen sucht. Suchtiges Verhalten ist immer eine Interaktion zwischen Personlichkeit, Umwelt und Suchtmittel. Suchtverhalten ist mit dem Zwang verbunden, ein Verhalten zu wiederholen, eine Menge zu stei- gern sowie die Angst, das suchtige Verhalten aufzugeben. Als Suchtmittel gelten all jene legalen und illegalen, naturlichen oder synthetischen Stoffe, deren Missbrauch oder dauerhafter Gebrauch zu psychischer und/oder korperlicher Abhangigkeit fuhren. Neben substanzgebundenen Suchtfor- men existieren auch substanzungebundene Suchtformen wie Magersucht oder Spielsucht etc. (vgl. Konrad, 2010).

Sucht ist nicht nur eine Folge individuellen Verhaltens, sondern auch eine Folge ausserer Einflus- se. Pragend wirken die familiaren, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und okologischen Verhaltnis- se, die geltenden Werte und Normen, beispielsweise die Rollenbilder, die ausgepragte Tendenz zur Vereinzelung, die schwindende Solidaritat, aber auch die unterschiedliche gesellschaftliche Ak- zeptanz von Suchtmitteln. Sucht ist somit auch ein gesellschaftspolitisches Thema. Von Sucht wird nur dann gesprochen, wenn sich der gesamte Lebensinhalt und Lebenssinn um den Konsum von Suchtmitteln geht. Obschon in der Fachliteratur Sucht und Abhangigkeit oft synonym gebraucht wird, stellen sie nicht zwangslaufig dasselbe dar. Menschen sind von vornherein von vielen Dingen abhangig: von Nahrung, Atemluft, Liebe, Freunden etc. Abhangigkeit muss nicht etwas Krankhaf- tes oder Negatives sein. Nicht jede oder jeder Abhangige ist suchtig. Abhangig sein heisst: nicht ohne das Mittel oder das Verhalten leben zu konnen. Sucht hingegen beinhaltet ein auf das Sucht­mittel eingeschranktes Leben in der Spirale von Konsum und Beschaffung. Abhangige konnen in der Lage sein, bei gleichbleibendem Konsum ein weitgehend normales Leben mit sozialen Kontak- ten und Arbeitstatigkeit fuhren. Bei Suchtigen ist das nicht mehr moglich (vgl. Konrad, 2010) Die Entwicklung von Abhangigkeiten (stoffgebundenen und stoffungebundenen) ist ein Prozess, der stufenweise fortschreitet. Es liegt zudem im Wesen der Abhangigkeiten, dass sich das aktuelle Krankheitsgeschehen nicht synchron mit der personlichen Krankheitseinsicht entwickelt. Diese er- folgt meist erheblich verzogert (vgl. Kantonsarzlicher Dienst Luzern, 2010). Im Rahmen dieser Ar­beit liegt der Fokus ausschliesslich bei der stoffgebunden Abhangigkeit, sprich der Drogenabhan­gigkeit.

1.2 Was genau sind Drogen?

Fruher bezeichnete man chemische Substanzen (pflanzlicher, tierischer oder kunstlichen Ur- sprungs), als Drogen, die als Heilmittel galten. Die Definition ist wissenschaftlich sicherlich nicht ganz exakt. Heute nennt man alle Substanzen so, die in die naturlichen Ablaufe des Korpers ein- greifen und insbesondere Bewusstsein, Denken, Wahrnehmung und Gefuhle verandern. Drogen nennt man deswegen auch ,,psychoaktive“ oder ,,psychotrope“, auf die Psyche wirkende Substan­zen. Somit gelten auch Arzneimittel, also Stoffe die der Heilung, Vorbeugung oder der Erkennung von Krankheiten dienen als Drogen. In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt primar bei denjenigen Drogen, die als Rausch-, Beruhigungs- oder Anregungsmittel dienen und die ohne medizinische Notwenigkeit eingenommen werden (vgl. Leu, 1984, S. 16). Eine Ubersicht welche Substanzen aktuell als Drogen definiert werden, liefert die ICD Klassifikation der Weltgesunheitsorganisation, kurz WHO.

1.2.1 ICD Klassifikation

Die WHO, Weltgesundheitsorganisation hat die ..International Statistical Classification of Diseases and Related Health Disorders, 10th Revision", kurz ICD-10 herausgegeben. Die WHO stellte damit weltweit anerkannte Kriterien auf, nach denen u.a. Probleme im Umgang mit Suchtmitteln einer Diagnose zugeordnet werden konnen. Die psychiatrischen Erkrankungen finden sich in der 10ten Auflage unter dem Buchstaben F. Das ICD-10 enthalt somit Einteilungen zu den verschiedenen Formen von Abhangigkeitserkrankungen mit Substanzenmissbrauch. Im Rahmen dieser Arbeit liegt dasAugenmerk auf dem ICD-10, F11, der Storung durch Opidiode, dem ICD-10 F14 der Sto- rung durch Kokain und dem ICD-10 F19 der Storungen durch multiplen Substanzengebrauch und Konsum andererSubstanzen (vgl. World Health Organisation, [WHO], 1992J.

Das ICD-10 ist stark medizinisch ausgerichtet und definiert die Kennzeichnung der Abhangigkeits­erkrankungen anhand des Konsummusters, welche uber einen langeren Zeitrum geschieht. Es wird hierbei zwischen missbrauchlichem und abhangigem Konsummuster unterschieden. Der Dro- genmissbrauch besteht dann, wenn ein gelegentlicher Konsum zu Gesundheitsschadigungen fuhrt. Bei der Drogenabhangigkeit bedarf es einem starken Bedurfnis oder gar Zwang nach anhal- tendem Konsum. Der Konsum wird auch im Wissen um eine gesundheitliche Schadigung weiter- gefuhrt. Eine verminderte Kontrollfahigkeit uber den Konsum unterliegt einer stetigen Toleranzent- wicklung, d.h. eine Dosissteigerung fur die gleiche Wirkung ist bei einer Abhangigkeit vorhanden. Des Weiteren hat der Konsum Vorrang gegenuber anderen Aktivitaten und Verpflichtungen und bei Beendigung oder Reduktion des Konsums stellen sich korperliche Entzugssymptome ein (vgl. World Health Organisation, [WHO], 1992). Durch diese Klassifikation konnen nach einem weltweit anwendbaren Schema Diagnosen zugeordnet werden. Wie bei den meisten psychischen Erkran- kungen fallt eine zuverlassige Zuordnung des Einzelfalls oft schwer. Der Wert der medizinischen Definitionen der Sucht, resp. Abhangigkeit liegt in einer offentlichkeitswirksamen Verstandigung uber das Vorhandensein des Phanomens ,,Sucht“ als in beobachtbaren stichhaltigen Kriterien (vgl. Strangl-Tallers, 2010).

Die psychosoziale Definition betont, dass Sucht resp. Substanzabhangigkeit dann problematisch ist, wenn dafur soviel Energie und Zeit aufgewendet wird, dass die weitere psychosoziale Entwick- lung der Person beeintrachtigt ist. Sucht und Abhangigkeit wird somit als destruktive Entwicklung gesehen. Es entspricht damit einem Zustand der Endostase, das heisst der Erstarrung anstatt dem Leben angemessen (Zustand der Homoostase), was soviel heisst wie einem dynamischen Gleichgewicht (vgl. Konrad, 2010). Da der Schwerpunkt in dieser Arbeit beim illegalen Konsum von Drogen liegt, scheint es sinnvoll die Abgrenzung genauer auszudifferenzieren.

1.2.2 Abgrenzung zwischen harten und weichen Drogen

Bei den ICD-10 Klassifikationen, fallen auch sogenannte weiche Drogen wie Cannabis Halluzino- gene u.a. in die Kategorie der illegalen Drogen. Unter "harten" Drogen versteht man Substanzen, die hinsichtlich Abhangigkeitspotential und/oder Toxizitat grossere Gefahren bergen (vgl. Konrad, 2010). Auch fur Fachleute stehen die ,,harten“ Drogen wie Heroin und Kokain an der Spitze der Gefahrlichkeitsliste.

1.3 Abhangigkeit harter Drogen am Beispiel von Heroin, Kokain und Politoxikomanie

Abhangigkeit hat nach WHO klare Kriterien zur Abhangigkeit im Allgemeinen. Die Abhangigkeit der einzelnen Substanzen hat Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit sowie das Sozialverhalten des Abhangigen. An den drei folgenden Beispielen soll gezeigt werden wie die Ab­hangigkeit verschiedener Substanzen synchron oder auch gegensatzlich verlaufen kann.

1.3.1 Heroin: Geschichte, Konsum und Wirkung

Heroin ist ein halbsyntetisches Opiat, das aus Morphin hergestellt wird. Opiate sind Substanzen, die direkt aus der Pflanze des Schalfmohnes gewonnen werden. Heroin wird in Chemielaboren hergestellt, indem die aus Rohopium gewonnene Morphinbase mit Essigsaureanhydrid gekocht wird. Die so hergestellte Substanz hat die chemische Bezeichnung ,,Discetylmorphin“. Sie erhielt wegen ihrer heroischen Wirkung den Namen Heroin. Heroin wirkt wie Morphin, nur starker und ge- langt schneller an die Opiatrezeptoren im Gehirn.

Heroin resp. Opium hat eine lange Geschichte. Bereits im Jahr 1874 wurde Heroin vom Englander C.R.A. Wright im Chemielabor hergestellt. In der Schweiz wurde ab 1898 von der Basler Chemie Heroin als gangiges Arzneimittel produziert und vermarktet. Heroin ist eines der wirksamsten Be- taubungsmittel des Opiattypus und macht schnell korperlich und psychisch abhangig. Es wurde als Alternative zum suchtig machenden Morphium als Schmerz- und Heilmittel gegen Atemwegs- und weitere Erkrankungen entwickelt. Erst im Jahre 1975 verfugte die Schweiz ein Konsumverbot (vgl. van Treek, 1999, S 303). ,,Auf der Gasse“ kaufliches Heroin wird hauptsachliche aus Balkan- landern, der Turkei, Russland und Afghanistan in die Schweiz geschmuggelt. Der Schwarzmarkt- preis unterliegt starken Schwankungen. Das Gassenheroin wird oft mit verschiedenen Giften und Substanzen wie Traubenzucker, Schmerzmittel oder sogar Strychnin und ahnlichen Giften ge- streckt, so dass sein Reinheitsgehalt stark variiert. Die Gefahr von Uberdosierungen und Unfallen ist deshalb nicht mehr kalkulierbar (van Treek, 1999, S 305). Ein Grossteil der Heroinkonsumenten in der Schweiz spritzt sich die Drogen intravenos. Heroin wird jedoch auch geraucht und ge- schnupft oder noch seltener gegessen. Neben dem intravenosen Konsum hat sich besonders das Inhalieren von Heroindampfen (,,Folienrachen“) verbreitet. Je nach Art des Konsums sind Wirkung und Gefahren unterschiedlich. Heroin lindert Schmerzen, Hustenreiz, Atembeschwerden und es vermindert Angstzustande und Depressionen. Heroin steigert das Wohlbefinden und die Selbstzu- friedenheit, wirkt beruhigend und versetzt den Konsumenten in eine euphorische Stimmung. Keine Droge erlaubt das ,,Abschalten“ besser als Heroin. Unangenehme Gefuhle und Aussenreizen wer­den abgeschottet. Heroin bewirkt nach der Einnahme eine ungeheure Euphorie und ein allumfas- sendes Warmegefuhl, das mit dem besten Orgasmus nicht zu vergleichen sei. Das Selbstvertrau- en nimmt zu, Angstlichkeit und Anspannung verfliegen. Eine Heroindosis wirkt funf bis acht Stun- den nach der Einnahme nur noch halb so stark (vgl. van Treek, 1999, S 306 -307).

1.3.2 Gefahren und Schadigung von Heroin

Da diese durch Heroin ausgeloste Euphorie durch keine andere Droge erreicht wird, liegt darin auch eine grosse Gefahr, dieses Gefuhl durch Heroin wieder und wieder erleben zu wollen. Eine Unangenehme Nebenwirkung beim Konsum von Heroin ist die Ubelkeit, die durch Opiate verursacht wird. Es besteht grosse Gefahr einer Uberdosierung, denn Heroin reduziert die Atmung und Herzfrequenz. Bei einer Uberdosierung kann die Atmung auf 2-3 Atemzuge pro Minute verlangsamt werden und bis hin zu Atemstillstand fuhren. Der Herzschlag ist verlangsamt, und es kann zum Herzstillstand kommen.

Beim Spritzen von Heroin bestehen die hochsten Risiken. Durch den intravenosen Konsum kon- nen Infektionen wie HIV-Infektionen oder Leberinfektionen (Hepatitis) ubertragen werden. Unsachgemasse oder unhygienische Injektionen konnen zudem Blutvergiftungen und Abszesse verursachen. Beim Rauchen oder „Sniffen“ (Schnupfen), treten Infektionen selten auf. Bei dieser Konsumform bestehen andere Risiken wie etwa Schadigung der Atemwege, Lungen und Nasenschleimhaute. Heroinkonsum ist immer mit dem Risiko von Todesfall verbunden, verursacht durch Uberdosen oder allergische Schocks (vgl. Sucht Info Schweiz, 2010).

Entgegen der verbreiteten Meinung bringt der dauerhafte Gebrauch von (reinem) Heroin nicht au- tomatisch Organvergiftungen mit sich und es hat nur geringe korperliche Folgen. Langerfristige korperliche Schadigungen entstehen vorwiegend durch die Verunreinigung des Heroins. HIV-Infek- tionen, Hepatitis B und C sowie Mangelerkrankungen sind durch die Lebensumstande (schlechte Hygiene, Spritzentausch, Prostitution, mangelhafte Ernahrung) bedingt.

Rund 80% der Opiatabhangigen sind an einer oder mehreren psychischen Storungen wie zum Beispiel Phobien, Angststorungen, Depressionen oder Personlichkeitsstorungen erkrankt. Sobald auf eine Substanzabhangigkeit eine psychische Storung auftritt spricht man von einer sogenannten Doppeldiagnose oder auch von Komorbiditat. Sie konnen parallel zur Heroinabhan- gigkeit verlaufen, oder eine Ursache fur eine Suchtentwicklung sein. Heroinkonsum kann rasch zum sozialen Abstieg fuhren. Suchtige isolieren sich aus ihren fruheren Bezugsgruppen. Sie schliessen sich neuen Gruppen an wo vorwiegend Heroin konsumiert oder, noch wichtiger, Drogen gehandelt werden. Hierbei wirkt sich die gesetzliche Situation fatal aus, und der Heroinsuchtige wird zwangslaufig zum Verbrecher. Die zunehmende materielle und psychische Not zwingen den Kranken mehr und mehr auf die ,,schiefe Bahn“, sofern er nicht selbst uber die notigen finanziellen Mittel verfugt (vgl. van Treek, 1999, S 307-308).

1.3.3 Kokain: Geschichte, Konsum und Wirkung

Das Kokainpulver wird aus den Blattern des Kokastrauches gewonnen. Es stammt ursprunglich von den Nordhangen der Anden von Peru bis Kolumbien. Noch immer wird 80% des Kokains in sudamerikanischen Landern angebaut. Die Blatter des Kokastrauchs wurden schon von den Inkas gekaut. Auch heute noch werden von den Bewohnern der Anden die Blatter als Alltagsdroge kon­sumiert. Nach dem Import der Blatter nach Europa und der chemischen Verarbeitung zu Pulver kam das Kokain als Arznei- und Genussmittel in Mode. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde aus importierten Kokablattern erstmals auf chemische Weise der Wirkstoff Kokain gewonnen und als Arzneimittel auf den Markt gebracht. Kokain ist ein weisses, bitter schmeckendes Pulver. Kokain galt zeitweilig als Wundermittel. Sigmund Freud zum Beispiel empfahl Kokain gegen Kopfschmer- zen und Mudigkeit. Auch Colagetranke enthielten Kokain, bis die Suchtwirkung des Kokains be- kannt wurde. In den Zwanziger Jahren wurde es verboten und entwickelte sich dann zur teuren il- legalen Droge der"Schonen und Reichen" (vgl. van Treek, 1999, S. 314).

Kokain wird wegen seines hohen Preises als das Suchtmittel des Reichen bezeichnet. Die Wir­kung des Kokains passt gut in eine Gesellschaft, in der Leistung, Durchsetzungsvermogen und Selbstsicherheit bestimmend sind. Im Hauptursprungsgebiet der Koka-Pflanze sind ihm jedoch vor allem die Armsten verfallen. Neueren Schatzungen zufolge gibt es alleine in Sudamerika 20 Millio- nen Kokainkonsumenten. Kokain ist in allen Gesellschaftsschichten vertreten. Die Konsumform ist jedoch unterschiedlich (vgl. van Treek, 1999, S. 315).

Meist wird das Pulver geschnupft, seltener gespritzt. Nach bestimmten chemischen Veranderun- gen ist es auch rauchbar, z.B. als „Crack„ oder ,,Freebase“. Dabei spielt die Konsumform eine Rol- le, wie schnell sich eine Abhangigkeit einstellt. Spritzen oder Rauchen bergen hohere Abhangig- keitswahrscheinlichkeiten als Schnupfen, weil die Wirkung schneller und starker eintritt. Das kann den Zwang, zu erneutem Konsum, verstarken (vgl. van Treek, S. 316).

Die Wirkung von Kokain ist je nach Art des Konsums unterschiedlich. Kokain regt an, beeinflusst das Gehirn und Nervensystem und beschleunigt den Kreislauf. Es hat zunachst eine stark aufputschende leistungssteigernde Wirkung. Es kommt zu Uberaktivitat und Rededrang; Selbstuberschatzung und Hemmungslosigkeit treten auf. Bei langerer Einnahme und hoherer Do- sierung konnen auch Aggressionen, Verfolgungswahn und Depressionen auftreten (vgl. van Treek, 1999, S 316).

1.3.4 Gefahren und Schadigung von Kokain

Die grosste Gefahr einer Suchterkrankung weisen „Crackraucher“ und „Freebaser“ auf. In beiden Fallen wirkt die basische Form des Kokains.

Bei chronischem Gebrauch von Kokain findet man fast regelhaft einen gravierenden korperlichen Abbau. Ausreichende Phasen der Erholung werden nicht mehr eingehalten. Gleichzeitig ist die Nahrungsaufnahme durch das durch Drogen bedingte unterdruckte Hungergefuhl verringert. Beim Schnupfen des Kokains durch die Nase sind Nasenschleimhautveranderungen bis hin zu Lochern in der Nasenscheidewand zu beobachten. Auch andere Organe konnen durch Minderdurchblutung geschadigt werden. Hirninfarkte mit halbseitigen Lahmungen sind ebenso moglich wie Herz- infarkte. Kokain kann auch die Leber erheblich schadigen. Es senkt ausserdem die Krampfschwel- le und kann so Krampfanfalle auslosen. Todliche Zwischenfalle sind auch bei sporadischem Kon­sum nicht auszuschliessen. Wegen des sehr hohen psychischen Abhangigkeitspotentials ist ein kontrollierter Konsum dieser Kokainprodukte kaum moglich. Menschen die in unter psychischen oder physischen Krankheiten leiden und Kokain konsumieren setzen sich einem erheblichen Risiko aus. Kokain kann die Symptome der Erkrankungen massiv verschlechtern (vgl. Sucht Info Schweiz, 2010).

Kokainkonsumenten werden zunehmend unsensibler fur ihre Mitmenschen und entwickeln ein gro- ssenwahnsinniges Verhalten. Die nervliche Uberlastung kann zu Minderung der Selbstkontrolle, Aggressionen und Gewalt fuhren. Die Folgen auf psychosozialem Gebiet sind bei chronischer Ein­nahme von Kokain gravierend. Es kann zu erheblichen Stimmungsschwankungen mit Gereiztheit, Aggressivitat und wenig einfuhlsamen Verhalten kommen. Die Betroffenen verlieren zunehmend die Moglichkeit einer realistischen Selbsteinschatzung, werden egoistisch und rucksichtslos. In der Folge kann es zu Schwierigkeiten im Beruf- und Privatleben kommen (vgl. van Treek, 1999, S 317).

1.3.5 Politoxikomanie

Polytoxikomanie bezeichnet den Gebrauch von mehr als einer Droge oder Drogenart durch ein In- dividuum, sowohl gleichzeitig als auch nacheinander, mit der Absicht der Beschleunigung, Poten- zierung, oder Entgegenwirkung des Effekts anderer Drogen. Im Diagnosekatalog nach ICD-10 ist dies die Position F19 (vgl. World Health Organisation, [WHO]1992).

Die differenzierte Betrachtung von Suchtmittelkonsum und Abhangigkeitserkrankungen stehen im­mer wieder in unterschiedlicher Dichte im Mittelpunkt fachlicher Diskussionen. In immer mehr Fachkliniken und stationaren Einrichtungen werden Menschen therapeutisch behandelt, welche zum Kreis der Mehrfachabhangigen zahlen. Es ist mittlerweile Realitat, dass zunehmend weniger Konsum mit nur einem Suchtmittel gibt, sondern vielmehr die sog. Polytoxikomanie weiter voran- schreitet. Dadurch entsteht auch fur die Suchtfachleute, die sich vorrangig in ihrem Arbeitsver- standnis noch auf ein Grundsuchtmittel fokussieren, sei es nun Alkohol oder illegalen Drogen oder Medikamente, ein neuer Kontext. Der Genesungsverlauf der Suchterkrankung erhalt eine sehr viel schwerer einzuschatzende Dynamik, bezogen auf Abstinenz und Genesungsabsichten der betrof- fenen Menschen. Dieses Phanomen tritt bei schwer Drogen- oder Medikamentenabhangigen und bei einem langeren Abhangigkeitsverlauf besonders haufig auf. Die Mischung von legalen und ille­galen Stoffen wird immer mehr zur Norm, wobei sich in starkerem Masse parallel zur Drogenab- hangigkeit oft eine Alkohol- und Medikamentenabhangigkeit entwickelt. Ein wichtiges Kriterium ist dabei aber, dass nicht entschieden werden kann, welche Substanz die Abhangigkeit bzw. Storung ausgelost hat, zumal Betroffene oft gar nicht genau wissen, was sie eingenommen haben. Wahrend fruher eine Fixierung auf ein typisches Konsummuster von Drogensuchtigen, auch bei den sogenannten illegalen Drogen zu beobachten war, ist heutzutage der polytoxikomaner Ge­brauch vorherrschend (vgl. Barkmann, 2007 S. 28 -34). Beim Mischkonsum wird neben einem „Grund-Suchtmittel“, dem sogenannten Grundkonsum eine bis mehrere verschiedene Substanzen nebenher konsumiert. Alkohol spielt beim Auftreten von Polytoxikomanie meist eine grosse Rolle. Sei es als Grundsuchtmittel oder als begleitender Konsum. Um die Wirkung zu verandern, wird Heroin oft mit anderen Drogen wie zum Beispiel Kokain gemischt (sogenannte ,,Speedballs“ oder ,,Cocktails“). Nach wenigen Sekunden der Einnahme lost das Heroin den sogenannten ,,Flash“ aus. Danach stellt sich ein Zustand des Wohlbefindens und der Zufriedenheit ein. Bei Konsum harter Drogen werden haufig anregende Drogen, sogenannte ,,Upper“ zum Beispiel Kokain mit beruhigenden Drogen, sogenannte ,,Downer“ wie Heroin, im Wechsel kombiniert. Oft kommt auch Alkoholmissbrauch hinzu (vgl. Barkmann, 2007 S. 34).

1.4 Substitution in der Schweiz

Unter einer Substitutionsbehandlung versteht man den arztlich verordnenden Ersatz einer illegal konsumierten Droge durch ein legales Medikament. Zusatzlich werden physische, psychologische sowie sozialarbeiterische oder sozialpadagogische Massnahmen angeboten. Gemass dem Artikel 15a des schweizerischen Betaubungsmittelgesetzes, kurz BtmG von 1951 ist die Substitution Sache der Kantone. Ausgenommen ist die Verschreibung von pharmazeutischem Heroin, sogenanntes Diamorphin. Daruber hinaus kann der Bund in Absprache mit den Kantonen Rah- menbedingungen festlegen. Um in eine Substitutionsbehandlung aufgenommen zu werden, muss eine Abhangigkeit nachgewiesen werden konnen. Abstinenzorientierte und substitutionsgestutze Behandlungsphasen sollten miteinander einhergehen, je nach momentan definierten Therapiezie- len. Alter oder Dauer des Konsums sind keine Ausschlusskriterien (vgl. Bundesamt fur Gesundheit, 2009). Die daraus resultierende Stabilisierung ermoglicht es, korperliche und psychische Begleiter- krankungen wie z.B. HIV oder Hepatitis, Beikonsum und soziale Desintegration therapeutisch an- zugehen. Erfolgreiche Substitutionstherapien fuhren zu einer Reduktion oderzurvollstandigen Auf- gabe des Gebrauchs von Strassen-Heroin und/oder anderen Drogen, Verminderung von Beschaf- fungskriminalitat, Verbesserung des Gesundheitszustandes und des Wohlbefindens, Ermoglichung und Erleichterung der sozialen Integration und zur Verminderung ubertragener Krankheiten und Todesfallen (vgl. BundesamtfurGesundheit, 2009, S 7).

1.4.1 Methadon I Buprenorphin (Subutex) mit den Vor- und Nachteilen

Seit 1975 besteht in der Schweiz die gesetzliche Grundlage zur Behandlung opiatabhangiger Per- sonen mit dem Substitutionsmittel Methadon (vgl. BetmG, Art. 15a, Abs.4). Inzwischen bestehen in den einzelnen Kantonen gesetzliche Regelungen und Verordnungen. Fast 90% der heutigen Sub- stitutionsbehandlungen sind Methadonbehandlungen (10% Heroin und Buprenorphin). Im Jahr 2009 wurden rund 17'000 Personen mit Methadon behandelt. Diese Behandlungen werden in der Schweiz in verschiedenen Settings durchgefuhrt: HausarztInnen, spezialisierte Institutionen, psychiatrische Dienste und Kliniken, allgemeine Spitaler und Gefangnisse. Langjahrigen Erfahrun- gen im medizinischen Bereich sowie Forschungsstudien haben gezeigt, dass nebst der pharmako- logischen Behandlung auch die psychosoziale Betreuung eine wichtige Rolle spielt und diese in Kombination zu einer Verbesserung der somatischen, psychischen und sozialen Befindlichkeit fuh- ren. Mit Methadon und Buprenorphin stehen aus medizinischer Sicht zwei gleichwertige Substituti­onsmittel mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen zur Verfugung. Bei Nebenwirkungen oder Misserfolgen mit einer Substanz kann auf die andere gewechselt werden. Die Hochdosierung des Substitutionsmedikaments erfolgt individuell bis zu einer Dosis, bei dersich die Patienten wohl fuh- len, keine Entzugssymptome haben und der Beikonsum gering bleibt. Der Nebenkonsum sinkt in der Regel, wenn das Substitutionsmedikament adaquat dosiert ist (vgl. Bundesamt fur Gesundheit, 2009).

Folgende Darstellung zeigt die Anzahl der Personen, welche in der Schweiz in methadongestutz- ten Behandlungen waren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1, Personen in der Methadongestutzten Behandlung

Methadon ist ein vollsynthetisch hergestelltes Opioid mit stark schmerzstillender Wirksamkeit. Seit den 1960 Jahren wird Methadon (zuerst in den USA) als Substitutionsmittel gegen korperliche Ent- zugserscheinungen bei Heroinabhangigkeit eingesetzt.

Vorteile: Methadon kann gut in Tabletten- oder Tropfenform oral eingenommen werden. Der Vor- teil bei der Einnahme als Tablette liegt in der geringeren zahnschadigenden Wirkung gegenuber den haufig zuckerhaltigen Losungen. Es erzeugt wegen der langsamen Anflutung bei oraler Ein­nahme keinen Kick. Damit entfallt das euphorische Gefuhl, das zur Verstarkung der Abhangigkeit fuhrt. Wird Methadon jedoch intravenos injiziert, ahnelt die Wirkung einer Heroininjektion. (vgl. Bundesamt fur Gesundheit 2009).

Nachteile: Substitutionen sind in der Regel Langzeitbehandlungen. Vor einigen Jahren wurde die gute Haltequote von 70 % noch hervorgehoben. Zwischenzeitlich schaut man kritischer auf die im­mer langer werdenden Behandlungen mit Methadon und der damit verbundenen Gefahr der Chro- nifizierung. 20 % der Personen die 1994 mit der Methadonbehandlung begonnen haben, sind auch heute noch dabei. Nach ein bis zwei Jahren der Behandlung findet normalerweise eine Stabilisie- rung der Patienten statt. Bei einer Behandlungsdauer ab vier Jahren kann sich das Risiko fur eine sekundare Chronifizierung durch die Therapie unter Umstanden erhohen (vgl. Bundesamt fur Ge­sundheit, BAG, 2005). Anderseits wird durch ein fruhes oder schlecht vorbereitetes Ende der Sub- stitutionstherapie die erlangte Stabilitat gefahrdet. Dies gilt besonders bei schwer abhangigen Pati- enten mit geringen sozialen und personlichen Ressourcen. Zudem ist das Todesfallrisiko bei Ruck- fallen, unmittelbar nach einem Therapieende besonders hoch. Das Substitutionsmedikament Me­thadon ersetzt Heroin, nicht aberandere psychoaktive Substanzen. Ein betrachtlicher Teil der Pati- enten weist einen problematischen taglichen Beikonsum von Alkohol (10 - 20%), Kokain (30 - 40%), Benzodiazipine (15 - 20%) auf. Bei ihnen besteht eine erhohte Gefahr von lebensbedrohen- den Vergiftungen. Beikonsum ist insgesamt ein haufiger Grund fur Therapieabbruche. (vgl. Dobler Spielmann, Dobler-Mikola A., Meili, 2004, S. 24).

1.4.2 HeGeBe, Heroin gestutzte Behandlung und rechtliche Grundlagen

Mit der heroingestutzten Behandlung, kurz HeGeBe, wird schwer Heroinabhangigen geholfen, die mit anderen drogentherapeutischen Angeboten nicht erreicht werden. Sie beinhaltet eine strikt re- glementierte und kontrollierte Verschreibung von pharmazeutischem Heroin, sogenanntem Dia- morphin, eingebettet in eine umfassende psychosoziale Betreuung und arztliche Behandlung. Von 1994 bis 1996 wurde die HeGeBe im Rahmen einer nationalen Kohortenstudie erprobt. Nach den positiven Ergebnissen der Studie wurde das HeGeBe mit dem dringlichen Bundesbeschluss vom 9. Oktober 1998 und der Verordnung uber die arztliche Verschreibung von Heroin vom 8. Marz 1999 ein fest verankerter Bestandteil der bundesratlichen 4-Saulen-Politik und zwar innerhalb der Saule «Therapie». (das 4-Saulenmodell wird im Kapitel 5.4 noch ausfuhrlich erlautert) Der Bundes­beschluss ist Bestandteil des Betaubungsmittelgesetzes (Art- 8 Abs. 6-8). Seit dem 01.01.2010 ist die HeGeBe definitiv im Betaubungsmittelgesetz als Therapie verankert. Die Erfahrungen zeigten eine bedeutende Verbesserung der psychischen und korperlichen Gesundheit sowie der sozialen Situation der Abhangigen. Daruber hinaus war eine enorme Reduktion der Delinquenz festzustellen. In die heroingestutzte Behandlung werden Personen aufgenommen, die mehrere Ausstiegsversuche nachweisen, und mit einem anderen Angebot kaum in eine konstante Betreu­ung eingebunden werden konnten. Die Substitution mit Heroin und der tagliche Kontakt mit Fach- leuten bilden den ausseren Rahmen der Behandlung. Die Heroinsubstitution soll nicht zu Passivitat fuhren. Aktivitat und Eigenstandigkeit werden gezielt gefordert. Die psychosoziale und medizini- sche Betreuung sind verpflichtende Bestandteile der Behandlung (vgl. Bundesamt fur Gesundheit, BAG, 2005).

Die Abbildung der Altersgruppen, die sich in einem der schweizerischen HeGeBe Programm befin- den, macht deutlich, dass die Gruppe der 35 - 44 jahrigen Patienten am starksten vertreten ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2, Altersgruppe der Patienten im HeGeBe

Ende 2009 wurden 1356 Patienten/-innen in 21 ambulanten Zentren und in zwei Gefangnissen be- handelt. Heute werden heroingestutzte Behandlungen an folgenden Orten durchgefuhrt: Basel, Bern, Biel, Brugg, Burgdorf, Cazis, Chur, Genf, Horgen, Luzern, Olten, Reinach, Schaffhausen, So- lothurn, St. Gallen, Thun, Winterthur, Wetzikon, Zug und Zurich.

1.4.3 Therapeutische Zielsetzungen und Ergebnisse

Folgende Ziele wurden vom Bundesrat in der Verordnung uber die arztliche Verschreibung von Heroin vom 8. Marz 1999 festgelegt:

- Eine anhaltende therapeutische Einbindung
- Die Verbesserung des physischen oder psychischen Gesundheitszustandes
- Die Verbesserung dersozialen Integration (Arbeitsfahigkeit, Distanzierung von der Drogenszene, Abbau deliktischen Verhaltens)
- Dauerhafter Verzicht auf Opiatkonsum als langfristiges Ziel

Die Verordnung definiert unter anderem in Art. 4 die Aufnahmekriterien fur die heroingestutzte Behandlung wie folgt:

- Mindestalter der Patienten 18 Jahre
- schwere Heroinabhangigkeit seit mindestens zwei Jahren
- mindestens zwei abgebrochenen oder erfolglos absolvierte Behandlungsversuche mit einer anderen anerkannten Methode
- Defizite im somatischen, psychischen odersozialen Bereich (vgl. BundesamtfurGesundheit, 2010)

Vielen Patientinnen und Patienten ist es gelungen, ihren psychischen und korperlichen Gesund- heitszustand zu verbessern, ihre Wohnsituation deutlich zu stabilisieren und schrittweise wieder eine Beschaftigung zu finden. Der Konsum von nicht verschriebenen Substanzen nahm im Laufe der Behandlung signifikant ab. Drastisch verandert hat sich die Situation bezuglich der Delinquenz. Wahrend sich beim Eintritt in die heroingestutzte Behandlung 70 % der Patienten/-innen ihr Ein- kommen aus illegalen Aktivitaten beschafften, waren es nach 18 Therapiemonaten nur noch 10 %. Jahrlich beenden zwischen 180 und 200 Patienten/-innen die heroingestutzte Behandlung. Zwi- schen 35 und 45 % von ihnen treten in eine Methadonbehandlung uber, zwischen 23 und 27 % in eine abstinenzorientierte Therapie (vgl. Bundesamt fur Gesundheit, 2010).

HeGeBe im Ausland: Die Niederlande, Deutschland, Grossbritannien, Spanien, Kanada und Bel- gien haben eigene Studien zur heroingestutzten Behandlung in Angriff genommen oder haben ent- sprechende Projekte in Vorbereitung. Die Schweiz ist jedoch das erste und einzige Land, welches die Behandlung von Opiatabhangigen Personen mit Heroin (Diamorphin) gesetzlich verankerte (vgl. Bundesamt fur Gesundheit, 2007 S. 20). Die heroingestutzte Behandlung ersetzt dabei in kei- ner Weise andere Therapien, die direkt auf Abstinenz ausgerichtet sind oder bei denen andere Substanzen (z.B. Methadon) eingesetztwerden.

1.4.4 AllgemeineTherapieangebote

Die unterschiedlichen Angebote zur Behandlung von Drogenabhangigen haben zum Ziel, die so- ziale Integration zu unterstutzen, die korperliche und psychische Gesundheit zu fordern und den Ausstieg aus der Abhangigkeit zu ermoglichen. Die Schweiz verfugt uber ein vielfaltiges Spektrum an professionellen Angeboten zur Suchthilfe: stationare Platze (rund 1 '500 zur Behandlung von Drogen- und Alkoholabhangigkeit), Methadonsubstitution (17'500 Personen in Behandlung) und heroingestutzte Behandlung (1'300 Personen in Behandlung). Rund 20'000 Personen erhalten ak- tuell eine ambulante Beratung oder Betreuung wegen Suchtproblemen (vgl. Bundesamt fur Ge­sundheit, 2007).

Drogenabhangigkeit ist ein weiter Begriff. Dieses Kapitel sollte helfen das Thema auf die relevan- ten Bereiche einzugrenzen. Es ist wichtig zwischen einer Sucht und einer Abhangigkeit zu unter- scheiden. Weiter ist es notig ein Grundverstandnis fur die verschiedenen Substanzen zu bekom- men, um nachzuvollziehen welche Risiken Drogenabhangige eingehen und welche Schadigen sie in Kauf nehmen. Die momentane Gruppe von alternden Abhangigen sind mehrheitlich heroinab- hangige Personen. Die Gruppen von Abhangigen die in ein paar Jahren zur Zielgruppe gehort zeigt ein verandertes Suchtverhalten mit eine starkeren Tendenz zur Politoxikomanie und auch massivem Kokainkonsum. Deshalb wurden diese beiden Konsumarten auch beschrieben.

Um die Thematik alternder Drogenabhangiger zu erfassen, muss auch der Begriff Alter definiert sowie die Dimensionen erlautert werden, die den Alterungsprozess von Menschen umfassen. Im folgenden Kapitel geht es somit um Alter resp. alter werden sowie um die verschiedenen Alters- theorien die den Prozess von erfolgreichem Altern beschreiben und zu erfassen versuchen.

2 Alter / alte Menschen

Das Alter ist zwar von seinem Ende, sprich dem Tod, nicht aber von seinen Anfangen klar be- stimmbar. Seit den 1980er Jahren wird die wachsende Gruppe der ,,Jungen Alten“ thematisiert, die zwischen dem Erwerbsstatus und dem gesellschaftlich definierten und kulturell tradiertem Alter lie- gen. Daher muss zwischen dem biografischen Prozess des Alterns und der gesellschaftlich-syste- mischen Definition des Altern unterschieden werden, so Bohnisch (2008, S. 257). Altere Menschen bilden keine homogene Altersgruppe. Ihr Verhalten im Alltag, ihr physischer Zustand sowie ihrAlte- rungsprozess sind Resultat individueller Lebensfuhrung, zeitgeschichtlicher Lebenserfahrung so­wie sozial-okonomischer und sozial-kultureller Lebensumstande (vgl. Bohnisch, 2008, S. 257). In den letzten Jahren wurde das Thema des Alterungsprozesses intensiver erforscht, diskutiert und analysiert, da sich der Alterungsprozess in den letzten Jahrzehnten sowohl demographisch als auch aus sozialer und psychologischer Sicht verandert hat.

2.1 Wandlungsprozess und demographische Veranderung des Alters

Die demographische Alterung begann bereits ab 1910. Sie ist verbunden mit dem Ruckgang der Kinderzahlen von 4,4 Kindern je Frau (1875) auf 1,7 Kinder pro Frau (1937). Die Kinderzahlen stiegen ab 1940 sowie in den 50er und 60er Jahren wieder an. Dies ist auf die Nachkriegszeit und auf den Wohlstand der Schweizer Bevolkerung zuruckzufuhren in den 50er-60er Jahren. Danach sanken die Kinderzahlen wieder merklich. Zwischenzeitlich liegt die Anzahl Kinder pro Frau bei 1,3 Kindern (vgl. Haug W. 2003, S.27). Der starke Anstieg der Lebenserwartung und der gleichzeitige Ruckgang der Geburtenrate haben zu deutlichen Veranderungen in der Altersstruktur der moder- nen Gesellschaft gefuhrt. Soziale Beziehungen und Familienstrukturen werden wesentlich durch gesellschaftliche Wandlungsprozesse und die demographische Veranderungen mit beeinflusst. Der Anteil an alteren Menschen ist in den letzten Jahren drastisch angestiegen. 1950 betrug der Anteil der uber 60ig jahrigen an der Gesamtbevolkerung 15 %; gegenwartig sind es uber 20 %. Modellrechnungen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 ein Anstieg auf 37% zu verzeichnen sein wird. Zwischenzeitlich gibt es im Vergleich mehr altere als jungere Menschen.

Folgende drei Hauptursachen fur diese Zunahme der alteren Bevolkerung sind zu benennen:

- Anstieg der Lebenserwartung
- das Alterwerden der starken Jahrgange 40er bis 60er Jahre
- Geburtenruckgang

Nach heutiger Entwicklung der Lebensphasen entsteht nach der Phase des spaten Erwachsenen Alters mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben (Pensionierung) mit ca. 60 Jahren das fruhe Senio- renalter. Man spricht bis ca. 73 Jahren vom fruhen Seniorenalter; ab 74/75 Jahren kommt die letz- te Lebensphase, das spate Seniorenalter. Ab 85 Jahren spricht man zudem von einer Hochaltrig- keit, die in der heutigen Gesellschaft immer mehr zunimmt (vgl. Zentrum Alter und Gesellschaft, 2010).

Die erwahnten Ursachen dieses Strukturwandels haben folgende Merkmale.

- Die Verjungung des Alters fuhrt dazu, dass sich differenzielle Altersphasen zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr mit entsprechenden Aktivitatsspielraumen ausbilden. (vgl. Bohnisch, 2008, S. 258). Auch die Werbung tragt mit ihren Altersbildern zu einer Ver­jungung des Alters bei. Sie vermittelt uber positive Zuschreibungen ein Bild des aktiven, eloquenten und interessierten „jungen“ Alten (vgl. Tews, 1993, S.25).
- Die Entberuflichung stellt den Ubergang in das Rentenalter dar. Mit dem Ubergang in die Rentenphase verandert sich jedoch der gesamte Lebenszusammenhang. In eine Gesell­schaft mit uberwiegend linearen Zeitstrukturen ist das Leben in seiner Ganzheit erwerbsar- beitsstrukturiert ausgerichtet. Bis zum Rentenalter gibt es in der heutigen Gesellschaft kaum Zeit, unabhangig des Erwerbstatigkeits- Rhythmus sein Leben aktiv zu gestalten. Die Entberuflichung stellt dementsprechend einen festen Zeitpunkt dar, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Dieses Ausscheiden bringt fur die Rentner soziale, psychische sowie fi- nanzielle Veranderungen mit sich (vgl. Bohnisch, 2008, S. 259).
- Singularisierung heisst, dass mit zunehmendem Alter die Anteile der Alleinstehenden haufi- ger anzutreffen sind. Dies hangt einerseits mit der gesellschaftlichen Individualisierung zu- sammen. Zum anderen spielt hier der Anstieg der Lebenserwartung, im Speziellen der Frauen eine markante Rolle. Schwierig werden diese Individualisierungstendenzen vor al- lem bei denjenigen, die in derZeitvor dem Altern in ihren Kontakten aufdie Erwerbsmilieus und/oder auf ihre Partner/innen angewiesen waren, also wenig oder fast gar nicht selbstandig waren. Mit der Individualisierungstendenz wachst aber auch die Chance und Moglichkeit, bereits wahrend der Erwerbszeit, alleine zu sein und dennoch soziale Kontakte aufbauen zu konnen (vgl. Bohnisch, 2008, S. 259).
- Die Feminisierung im Alter. Angesichts einer vergleichsweise hoheren Lebenserwartung von Frauen erreicht die Feminisierung ihr problematisches Ausmass in der Hochaltigkeit, vor allem wenn zu der Singularisierung noch chronische Krankheiten und Pflegebedurftig- keit hinzukommen (vgl. Bohnisch 2008, S.260). Frauen mussen aufgrund der Tatsache, dass sie deutlich alter werden, mehr kritische Lebensereignisse bewaltigen als Manner. Sie sind beispielsweise ofter von Verwitwung, dem Tod von Angehorigen und nahestehenden Personen, chronischen Erkrankungen und Pflegebedurftigkeit betroffen. Besonders problematisch ist es, wenn es zu einer Kumulation von Benachteiligung kommt - Frauen beispielsweise nur uber geringe okonomische Ressourcen verfugen, gesundheitlich beeintrachtigt sind und kein tragfahiges soziales Netzwerk vorhanden ist (vgl. Backes, 1993, S. 174).

2.2 Dimensionen des Alterungsprozesses

Alter und alternde Menschen kann unterschiedlich definiert werden. Es gibt verschiedene Alters- begriffe, die diesen Lebensabschnitt aus unterschiedlichen fachspezifischen Aspekten betrachten. ,,Einerseits sind die Beziehungen zwischen biologischem Altern und sozialem Verhalten nur bruch- stuckhaft und unsymmetrisch vorhanden, obwohl es naturlich reichhaltige Ergebnisse gibt, die den Einfluss des Gesundheitszustandes aufdas Verhalten dokumentieren“ (Tews, 1971, S. 52).

2.2.1 Kalendarisches Altern

Das kalendarische oder chronologische Alter gibt an, wie viel Zeit im Leben eines Menschen seit der Geburt verstrichen ist. Das kalendarische Alter hat Bedeutung fur den Schuleintritt, Volljahrig- keit, Wehrpflicht, das Recht zu wahlen, zu heiraten usw. Diese Klassifikation des Alters ist wenig aussagekraftig fur den Prozess des Alterns. Deshalb wird das kalendarische Alter mehr als ein un- abhangiger, auf den Altersprozess einwirkender Faktor gesehen. Allerdings verbinden sich mit dem kalendarischen Alter bestimmte Vorstellungen von Altersbeginn resp. Altersgrenzen wie beispiels- weise Pensionsalter (vgl. Kuhn, 2006, S. 140).

2.2.2 Biologisches Altern

Das biologische Altern zielt auf korperliche Gegebenheiten und auf den altersbedingten Zustand des Korpers ab. Aus biologischer Perspektive ist Altern ein lebenslanger Prozess, der zum ,,naturli- chen“ Tode fuhrt, wenn nicht vorher eine schwere Krankheit oder ein Unfall das Leben beendet. Der Beginn und Ablauf des biologischen Alterns sind individuell verschieden. Ausserdem altern die einzelnen Organe im menschlichen Organismus unterschiedlich. Negative Veranderungen werden unweigerlich mit zunehmendem Altern in den Zellen, den Geweben und Organen eintreten (vgl. Kuhn, 2006, S. 140). Die Haut wird dunner, weniger elastisch, trocken und faltig. Die Blutgefasse der Haut werden verletzbarer und Pigmentierungsflecken sind typisch. Das Haar wird grau bis weiss und wird dunner. Die Knochen werden steifer und krummen sich; speziell die Huft- und Bein- knochen. Die Knochen werden zudem poroser. Die Korpergrosse schrumpft und es kommt zu ei­ner zunehmend gebeugten Korperhaltung. Mit fortschreitendem Alter werden plotzliche abrupte Bewegungen schwieriger, was dem gealterten Nervensystem und den gealterten Muskeln zuge- schrieben werden kann. Die Gesamtmasse der Muskelfasern reduziert sich, welches mit fortschrei­tendem Altern durch nicht-muskulares Bindegewebe ersetzt wird. Im Nervensystem kommt es zu Veranderungen der Gehirnsubstanz, die reduziert wird. Die Hirnzellen werden zunehmend weniger und die Hirngefasse werden hart oder verstopfen. Dies kann zu Schlaganfallen fuhren. Zugleich weisen auch die Sinnesorgane Leistungsminderungen auf. Beruhrung und Schmerz werden gerin- ger wahrgenommen, altere Personen sind weniger licht- und druckempfindlich. Die Horfahigkeit vermindert sich anfanglich bei hohen, spater bei tiefen Tonen. Die Geruchs- und Geschmacksemp- findungen vermindern sich gleichartig. Reflexe und Reaktionszeiten sind reduziert, das Kurzzeitgedachtnis wird stark beeintrachtigt. Die Leistung des Herzens im Ruhezustand wird mit zunehmendem Alter geringer. Im Atmungssystem kommt es zu einer Abnahme des Fassungsver- mogens der Lunge, teilweise bedingt durch schwache Muskeln, die den Brustkorb anheben, da- durch sinkt auch die Flexibilitat und die Weitungsfahigkeit der Lungenflugel. Auch Kurzatmigkeit ist besonders verbreitet (vgl. Tews, 1971, S. 50- 52).

Die am haufigsten auftretenden Alterserkrankungen sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.3 Psychologisches Altern

Das psychologische Altern zeigt, wie ein Individuum seine derzeitige Situation an das Alteranpas- sen kann und wie sich die Personlichkeit mit der Zeit verandert. Wahrend lange Zeit eine Abnahme deradaptiven Fahigkeiten des Individuums wie Intelligenz, Lernen, Gedachtnis, Sinneswahrneh- mung usw. als Funktion des zunehmenden kalendarischen Alters angenommen wurde, so wird heute aufdie Chance der Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung bis ins hohe Alterabgestellt. Die Aktivierungs- und Reaktivierungsfahigkeiten des Individuums werden heute von Psychologen besonders betont. Leistungsfahigkeit und Kompetenz im Alter sind nicht nurabhangig vom kalendarischen oder biologischen Alter, sondern auch von dergesamten Lebenssituation, die ihrer- seits vom bisherigen Lebenslauf und von personlichen, gesundheitlichen und sozialen Faktoren bestimmt ist (vgl. Kuhn, 2006, S. 141). So konnen sich bei alteren Menschen sowohl im Sinne ei­ner Reduktion als auch einer Erweiterung wie auch einer Konstanz von psychischen Funktionen ergeben. (vgl. Faltermaier, Mayring, Saup und Strehmel, 2002, S.180). Der Ubergang vom Erwachsenenalter ins Rentenalter ist fur die meisten Menschen eine einschneidende Zeitumstellung. Dennoch ist ins Alter in der modernen Gesellschaft Potenzial gekommen. Alterwird von vielen alten Menschen nicht mehr einfach ,,hingenommen“, sondern wird aktiv gestaltet (vgl. Bohnisch, 2008, S. 265).

2.2.4 Soziales Altern

Gesellschaftliche Definitionsprozesse bestimmten, wann jemand als alt gilt. Fur die Soziologie wird daher der komplexe Interpretations- und Bewertungsprozess von Erscheinungs- und Verhaltens- formen von alteren Personen relevant. Verlasst man sich auf diese gesamtgesellschaftliche Be- trachtungsweise und versucht, die konkrete Lebenssituation der alten Menschen zu analysieren, so werden Veranderungen des engeren und weiteren sozialen Umfeldes aus soziologischer Sicht bedeutsam (vgl. Kuhn, 2006, S. 141). Hierzu zahlen Veranderungen der Familienbeziehungen, der Wohnverhaltnisse, der Beschaftigung, des Einkommens, der gesundheitlichen Situation sowie der Bildungs- und Freizeitmoglichkeiten. Diese strukturanalytische Zugangsweise zu Alternsproble- men, wurde durch einen prozessanalytischen Ansatz erganzt, der auf die Lebenslaufe, Lebens- phasen, Lebensstile sowie die Familienzyklen der einzelnen Altersgruppen ausgerichtet ist (Tews, 1996, S. 16). Im Laufe des Lebens werden von jedem Menschen verschiedene soziale Abschnitte durchlaufen, die individuell sehr unterschiedlich sind und innere Uberzeugungen und Einstellungen betreffen. Das traditionelle Rollenbild des Alters wirkt eher negativ. Besonders mit zunehmender Anzahl an Lebensjahren kann dieser soziale Alterungsvorgang als Reifungsprozess aufgefasst werden. In der Regel sind wesentliche Prozesse wie Berufsleben, Familiengrundung und Selbstfin- dung abgeschlossen. Dafur treten neue Herausforderungen und Probleme auf, wie z.B. korperli­che Gebrechen, Auszug der Kinder, Wegfall des beruflichen Umfeldes, Nachlassen sozialer Kontakte. Im hoheren Lebensalter kommt es also besonders darauf an, mit den zur Verfugung stehenden personlichen Kapazitaten ein erfulltes Leben zu fuhren. Das traditionelle Rollenbild aber stellt eher die Probleme des alternden Menschen in den Vordergrund. Das wirkt sich - obschon als Unterstutzung gedacht - in der Praxis eher hinderlich und einschrankend aus. Auch Vereinsamung und der Verlust sozialer Kontakte hat eine eher beschleunigende Wirkung auf den Alterungsprozess. Dabei ist nicht die Menge der sozialen Kontakte ausschlaggebend. Vielmehr ist die Qualitat dieser Kontakte entscheidend. Je nachdem, wie die Personlichkeit des Einzelnen beschaffen ist, kann ein Mensch zufriedener sein, wenn er weniger, dafur aber intensivere soziale Kontakte aufrecht erhalten kann. Erfullung und Sinn kann in einem verstarkten Engagement fur Hobbys oder durch andere Aktivitaten gefunden werden. Das soziale Alter steht im Vergleich zu jungeren Menschen der Gesellschaft und wird uber diese auch definiert. (vgl. Tews, 1993, S. 45). Auf altere Menschen kommt im Ruhestand also die anspruchsvolle Aufgabe zu, eine oft mehrere Jahrzehnte dauernde und mit verschiedenen sozialen, physischen und psychischen Veranderun­gen einhergehenden Lebensphase entsprechend zu gestalten. Wie die Anpassung an diese Situa­tion gelingt, hangt wesentlich von der sozialen und beruflichen Stellung der Menschen in fruheren Lebensphasen ab. Altere Menschen sind bemuht, im Wesentlichen die Kontinuitat ihrer Lebensfuh- rung zu erhalten, zu sichern oder auch wieder zu erlangen (vgl. Schmitz-Scherzer, 1998, S. 90). Das soll nicht bedeuten, dass im Alter keine Entwicklungen oder Veranderungen mehr moglich sind, aber es ist davon auszugehen, dass fruhere, entscheidende Verhaltensmerkmale erhalten und weiter gelebt werden. Um den Prozess des Alterns differenziert beschreiben zu konnen, ent- standen verschiedene Alterstheorien, die im folgenden Kapitel beschrieben werden.

2.3 „Erfolgreiches Altern“ - Ansatze zur Beschreibung positiver Altersgestaltung

Mit Tendenz von der uberwiegend an Defiziten und biologischen Abbauprozessen orientierten Al- tersbeschreibung aus 50er Jahren abzuwenden, entwickelten sich neue Ansatze, die sich mit der Frage beschaftigten, wie Altern erfolgreich gestaltet werden kann. Der Begriff des „erfolgreichen Al- terns“ wurde durch Havinghurst (1963) gepragt. Er verstand unter erfolgreichem Altern die von den Alteren selbst geausserte, subjektive Zufriedenheit mit ihrer Lebenssituation (vgl. Kolb 1999, S. 86). In diesem Zusammenhang wird Altern als ein gestalt- und veranderbarer Prozess verstanden. Fur erfolgreiches Altern ist eine gelungene Bewaltigung von Entwicklungsaufgaben eine Voraus- setzung. Unter dem Begriff von Entwicklungsaufgaben werden kulturelle und gesellschaftlich vor- gegebene Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen einer bestimmten Alters- gruppe gestellt werden (vgl. Wahl, 1991, S. 53). Fur altere Menschen bedeutet das, dass sich al­ternde Menschen mit verschiedenen Veranderungen wie Berufsaustritt, gesundheitlichen Be- schwerden, Verlust von Partnern und Freunden, Armut, Krankheiten und vielem mehr auseinander- setzen mussen. Konnen die in diesem Zusammenhang gestellten Anforderung angemessen be- waltigt und die Lebenszufriedenheit erhalten werden, so wird von erfolgreichem Altern gesprochen. Dieses Konzept geht davon aus, dass Menschen im Laufe ihrer Biographie Kompetenzen entwi- ckeln konnen, die sie befahigen, mit schwierigen Ereignissen, Ubergangen und Verlusten im Alter umzugehen, und dabei die Lebenszufriedenheit im wesentlichen erhalten konnen (vgl. Kolb 1999, 53). Es entstanden funf verschiedene Modelle, die den Prozess des „erfolgreichen Alterns“ diffe­renziert beschreiben konnen, und wie folgt dargestellt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Illegale Sucht im Alter - wenn Junkies in die Jahre kommen
Untertitel
Welches sind die Möglichkeiten und Grenzen der Sozialen Arbeit in Bezug auf alternde Drogenabhängige?
Hochschule
Fachhochschule St. Gallen
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
107
Katalognummer
V164088
ISBN (eBook)
9783640788316
ISBN (Buch)
9783640788248
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Illegale, Sucht, Alter, Junkies, Jahre, Welches, Möglichkeiten, Grenzen, Sozialen, Arbeit, Bezug, Drogenabhängige
Arbeit zitieren
Bettina Purcell-Riederer (Autor), 2010, Illegale Sucht im Alter - wenn Junkies in die Jahre kommen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164088

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