[...] Mädchen haben Jungen gegenüber mittlerweile einen Bildungsvorsprung erzielen können. Das verstärkte Bildungsinteresse der Frauen sowie ihre verbesserten Qualifikationen haben zwar zur Emanzipation der Frauen insgesamt beigetragen, es besteht jedoch noch immer ein Ungleichgewicht. Ihre beruflichen Chancen unterscheiden sich in ihrer Reichweite für Lebenskonzept und Selbstdefinition von denen der Männer (Heinz 1995). Beim Zugang zu einigen Berufsgruppen sowie bei der Karriereplanung sind geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeits-und Ausbildungsmarkt vorhanden. Bereits auf dem Ausbildungsmarkt findet sich das Muster typischer Männer-und Frauenberufe trotz gleicher Ausbildungsvoraussetzungen.
Hochdotierte Positionen und Leitungsaufgaben werden zumeist von Männern besetzt, Frauen über eher soziale und in der Hierarchie unten angesiedelte Berufe aus und sind daher eher von Arbeitsplatzverlust betroffen. Zudem sind sie häufiger im dienstleistenden Gewerbe tätig, wohingegen Männer bevorzugt technische Berufe ergreifen.
Die angestrebte Unabhängigkeit und Eigenständigkeit von Frauen kann nur begrenzt umgesetzt werden: Frauen werden häufig in Berufen ausgebildet, die ihnen eine eigenständige ökonomische Existenz verwehren (Nissen et al 2003).
Trotz Erosion des Ernährermodells setzt sich die Familie nicht aus ökonomisch unabhängigen, autonomen Individuen zusammen, da Frauen neben der Erwerbstätigkeit den Hauptteil der unentgeltlichen familiären Betreuungsarbeit leisten (Lewis 2003).
Der demographische Wandel erfordert aufgrund des Bevölkerungs-und Erwerbspotentialrückganges in den kommenden Jahrzehnten vermehrt gut qualifizierte Fachkräfte und eine noch stärker werdende Erwerbsbeteiligung der Frauen und lässt den Berufsfindungsprozessen junger Frauen einen erheblichen Stellenwert zukommen (Süssmuth 2007).
Die in jungen Jahren getroffene Berufswahl hat weitreichende Konsequenzen für die weibliche Biographie. Es soll im folgenden Berufsfindung als ein multifaktorieller Prozess analysiert werden. Die Komplexität des Prozesses wird anhand struktureller und gesellschaftlicher Ansätze vertieft erörtert. Anschließend werden Ansätze diskutiert, die eine Veränderung bestehender Strukturen bewirken können. Da für die sich anschließenden Ausführungen ein einheitliches Begriffsverständnis vonnöten ist, erfolgt zunächst eine kurze Definition wesentlicher Arbeitsbegriffe.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2.1 Begriff Sozialisation
2.2 Begriff Berufliche Sozialisation
3 Beschäftigungsstrukturen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt
3.1 Schulische Qualifikation
3.2. Der Ausbildungsmarkt
3.3 Frauenerwerbstätigkeit
4 Strukturelle Erklärungsansätze
4.1 Arbeitsmarktsegmentation und-segregation
4.2 Statistische Diskriminierung
5. Sozialisationsbedingte Ansätze
5.1 Das weibliche Arbeitsvermögen
5.2 Das Konzept der doppelten Vergesellschaftung
5.3 Das gendering-Konzept
6. Ansatzpunkte für Veränderung in verschiedenen Kontexten
6.1 Schule
6.2 Berufsberatung
6.3 Berufsbezeichnungen
6.4 Elternhaus
6.5 Übergreifende politische Konzepte
6.5.1 Gender mainstreaming
6.5.2 Das diversity-management
7 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Mechanismen, die zur beruflichen Segregation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt führen, und analysiert, wie Sozialisationsprozesse sowie strukturelle Bedingungen die Berufswahl junger Frauen beeinflussen. Ziel ist es, Ansatzpunkte für eine geschlechtergerechte Veränderung in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten aufzuzeigen.
- Berufliche Sozialisation von Frauen
- Strukturelle Barrieren am Arbeitsmarkt
- Einfluss von Geschlechterstereotypen auf die Berufswahl
- Die Rolle von Bildungsinstitutionen und Elternhaus
- Politische Strategien zur Gleichstellung (Gender Mainstreaming, Diversity-Management)
Auszug aus dem Buch
5.3 Das Gendering-Konzept
„Entstehende Geschlechterdifferenzen betreffen die gesellschaftlich akzeptierten gender schemes und diese sind überdeterminiert, d. h. sie werden im alltäglichen doing gender von den Interaktionspartnern und Partnerinnen inszeniert, aber auch abgefordert... Wären es die biologischen Merkmale, die klar und eindeutig das Verhalten von Menschen als Mädchen/Frauen oder Jungen/Männer bestimmen, so bedürfte es der vielfachen Praktiken nicht, die zur Herstellung von Erkennbarkeit dienen. Die biologischen Merkmale erfahren eine gesellschaftliche Wertung, ohne die sie nicht als Differenzierungsmerkmal taugen würden“. (Hurrelmann et al 2008, S.243)
Gender ist losgelöst von der biologischen Kategorie als soziale Konstruktion zu verstehen, somit sind geschlechtsspezifische Stereotypenkonstruktionen nicht naturbedingt vorgegeben.
Durch „doing gender“ wird wechselseitig Geschlecht hergestellt durch konstante interaktive Reproduktion des geschlechtsspezifisch zugeschriebenen Verhaltens.
Geschlecht wird durch Interaktion geschaffen und strukturiert gleichzeitig die Interaktion. Durch kontinuierliche Reproduktion wird so die Geschlechterdifferenz immer wieder hergestellt und legitimiert und manifestiert sich omnipräsent durch zum Ausdruck gebrachte Symbole.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den sozioökonomischen Wandel und das Bildungsgefälle zwischen den Geschlechtern, das trotz Emanzipation weiterhin in geschlechtsspezifischen Berufswahlmustern fortbesteht.
2.1 Begriff Sozialisation: Dieses Kapitel definiert Sozialisation als einen lebenslangen Prozess der Persönlichkeitsbildung in Auseinandersetzung mit der sozialen und physikalischen Umwelt.
2.2 Begriff Berufliche Sozialisation: Es wird erläutert, wie berufliche Tätigkeitsfelder die Identitätsentwicklung und die Aneignung von Kompetenzen im Laufe der Erwerbsbiographie prägen.
3 Beschäftigungsstrukturen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt: Eine Bestandsaufnahme zeigt die Barrieren auf, mit denen Frauen trotz verbesserter schulischer Qualifikationen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt konfrontiert sind.
4 Strukturelle Erklärungsansätze: Hier werden Arbeitsmarktsegregation und statistische Diskriminierung als Faktoren identifiziert, die den Zugang von Frauen zu bestimmten Berufen und Aufstiegspositionen einschränken.
5. Sozialisationsbedingte Ansätze: Dieses Kapitel diskutiert Identitätskonzepte wie das „weibliche Arbeitsvermögen“ und die „doppelte Vergesellschaftung“, die erklären, wie soziale Rollenzuweisungen die Berufswahl beeinflussen.
6. Ansatzpunkte für Veränderung in verschiedenen Kontexten: Es werden Strategien zur Aufbrechung starrer Rollenbilder in Schule, Beratung und Elternhaus sowie politische Ansätze wie Gender Mainstreaming und Diversity-Management vorgestellt.
7 Fazit und Ausblick: Die Arbeit resümiert, dass eine echte Chancengleichheit eine ganzheitliche Sensibilisierung aller Sozialisationsinstanzen erfordert, um die dynamischen Rahmenbedingungen der Berufswahl nachhaltig zu verändern.
Schlüsselwörter
Berufliche Sozialisation, Arbeitsmarktsegregation, Geschlechterstereotype, Berufswahl, doing gender, Gender Mainstreaming, Diversity-Management, doppelte Vergesellschaftung, weibliches Arbeitsvermögen, berufliche Identität, Chancengleichheit, strukturelle Diskriminierung, Bildungsreform, Arbeitsmarkt, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die berufliche Sozialisation von Frauen und untersucht, warum trotz formaler Gleichstellung geschlechtsspezifische Segregationen auf dem Arbeitsmarkt bestehen bleiben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Bildung, betrieblichen Strukturen, gesellschaftlichen Erwartungen und Sozialisationsinstanzen wie der Schule und dem Elternhaus auf die Berufswahl junger Frauen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Komplexität der Berufsfindung als multifaktoriellen Prozess zu verstehen und Lösungsansätze zu diskutieren, um starre Geschlechterrollen aufzubrechen.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden eingenommen?
Die Arbeit verknüpft ökonomische Ansätze zur Arbeitsmarktsegmentation mit konstruktionstheoretischen Perspektiven auf das Geschlecht, insbesondere dem Konzept des „doing gender“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Arbeitsmarktstrukturen, eine Analyse struktureller und sozialisationsbedingter Erklärungsansätze sowie eine Diskussion konkreter Veränderungsstrategien.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Kernbegriffe sind Berufliche Sozialisation, Arbeitsmarktsegregation, Geschlechterstereotype, Gender Mainstreaming und die doppelte Vergesellschaftung von Frauen.
Warum spielt das „Gendering-Konzept“ eine wichtige Rolle für die Argumentation?
Es dient dazu, Geschlecht nicht als biologisches Schicksal, sondern als soziale Konstruktion zu entlarven, die durch ständige Interaktion im Alltag (doing gender) immer wieder reproduziert wird.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Veränderung beruflicher Muster?
Die Schule wird als zentrale Weichenstellungsinstanz gesehen, in der durch geschlechtergerechte Unterrichtsmethoden und das Aufbrechen von Klischees bei der Fächerwahl neue Wege für Mädchen geebnet werden können.
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- Kerstin Funk (Author), 2010, Berufliche Sozialisation von Frauen im Kontext des geschlechtsspezifisch segregierten Arbeitsmarktes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164103