Am 7. Juni 2000 erschien in der Allgemeinen Zeitung Mainz in der Kolumne
„Guten Morgen, Mainz“ folgender Artikel:
„Durch die Blume
Die Zeiten, da dem Anrufer ein harsches "Bittäää?" am Telefon
entgegenschallte, sind vorbei. Stattdessen eine Flötstimme:
"Meinnameistmurmelmurmelwaskannichfürsietun?" Überhaupt: Info-Schalter,
Kundenbetreuer, Service-Telefone: Mit blumigen Worten wird überall
Dienstbeflissenheit gepriesen. Doch die Servicewüste lebt. So etwa, dem
sprießenden Grün zum Trotz, in einem Blumenladen im Münchfeld. Dort
wollte ein Leser eine Viertelstunde vor Ladenschluss einen Strauß erstehen als
kleines Trostpflaster für seine Partnerin, die an dem Tag beim Arzt gewesen
war. Doch statt rasch ein paar Blumen sprechen zu lassen, reagierte der
Verkäufer recht unwirsch: Er mache jetzt Feierabend, ließ er unverblümt
wissen und war auch durch sanftes Zureden nicht zu erweichen. In einer
Gonsenheimer Gärtnerei, in der das Geschäft bis zum Feierabend blüht, wurde
der Unbestraußte schließlich doch noch fündig. Eine blütenreine Leistung,
meint MOGUNTINUS“
Leider hat der Autor nicht gewusst, dass es im Mainzer Münchfeld nur einen
einzigen Blumenladen gibt. Der unfreundliche Verkäufer und sein Geschäft waren
also eindeutig identifizierbar gewesen. Welche Wirkung hatte der Artikel auf den
Floristen? Offenbar eine gewaltige, denn er schaltete einen Anwalt ein. Eine Woche
später (AZ vom 14. Juni 2000) sahen sich die verantwortlichen Redakteure
gezwungen, unten stehende Gegendarstellung zu der Glosse an der gleichen Stelle im
Lokalteil abzudrucken.
„Gegendarstellung
red. Zur Glosse ‚Moguntinus’ vom 7. Juni erreichte uns folgende
Gegendarstellung: ‚Im Mainzer Anzeiger / Allgemeine Zeitung vom 7. 6. 2000
ist auf Seite 9 ein Beitrag unter der Überschrift ‚Durch die Blume’ enthalten,
der unrichtige Behauptungen enthält, die ich wie folgt richtig stelle: a) Es wird
behauptet, dass in einem Blumenladen im Münchfeld die Servicewüste lebe.
Diese Behauptung ist unwahr. Wahr ist, dass in einem Blumenladen im
Münchfeld Service geboten wird. b) Es wird behauptet, in einem Blumenladen
im Münchfeld habe der Verkäufer unwirsch reagiert und erklärt, jetzt
Feierabend zu machen. Diese Behauptung ist unwahr. Richtig ist, dass der
Verkäufer weder unwirsch war, noch erklärt habe, jetzt Feierabend zu
machen.’ Wiesbaden, den 9. 6. 2000 Hendrik Hejral, Art Floristic“
Versuchen wir nachzuvollziehen, was dem Verkäufer nach Lektüre der Glosse
durch den Kopf ging: [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS SELBST UND DIE DARSTELLUNG
2.1 BEGRIFFE: SELBST UND SELBSTKONZEPT
2.2 BEGRIFFE: SELBSTDARSTELLUNG UND IMPRESSION MANAGEMENT
2.3 DAS SELBST UND DIE ANDEREN
2.3.1 Symbolischer Interaktionismus
2.3.2 Interaktionsmodelle mit und ohne Medienberichterstattung
3 IMPRESSION MANAGEMENT-THEORIE
3.1 THEORETISCHE UND EXPERIMENTELLE WURZELN
3.2 SOZIALE NORMEN FÜR DIE SELBSTDARSTELLUNG
3.3 SELBSTDARSTELLUNG – WARUM?
3.4 TAXONOMIE DES SELBSTDARSTELLUNGSVERHALTENS
3.4.1 Sich beliebt machen, Einschmeicheln (Ingratiation)
3.4.2 Eigenwerbung betreiben (Self-Promotion)
3.4.3 Sich als Vorbild darstellen (Exemplification), Andere einschüchtern, bedrohen (Intimidation) und Hilfsbedürftig erscheinen (Supplication)
3.4.4 Entschuldigen (excuses), Rechtfertigen (justifications), Prophylaktisch auf Schwierigkeiten hinweisen (disclaimers) und Self-handicapping
3.4.5 Ressourcen für erfolgreiches Impression Management: Bestimmte Eigenschaften betonen
3.4.6 Indirektes Impression Management
4 REZIPROKE EFFEKTE
4.1 REZIPROKE EFFEKTE IM MODELL
4.2 MEDIENBERICHTERSTATTUNG ALS PREDICAMENT: COPING-STRATEGIEN
4.3 VORHERSAGBARKEIT VON SELBSTDARSTELLUNGSVERHALTEN
5 SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sozialpsychologische Phänomen der Selbstdarstellung (Impression Management) und analysiert, wie Individuen ihr Image in sozialen Interaktionen steuern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den sogenannten "Reziproken Effekten", also der Wirkung von medialer Berichterstattung auf die betroffenen Akteure und deren strategische Reaktionen darauf.
- Grundlagen von Selbstkonzept und Identitätsbildung
- Taxonomie und Techniken des Impression Managements
- Die Rolle sozialer Normen bei der Selbstdarstellung
- Umgang mit negativer Medienberichterstattung als identitätsbedrohendes "Predicament"
- Strategien zur Imagekorrektur und Coping-Mechanismen
Auszug aus dem Buch
3.4.1 SICH BELIEBT MACHEN, EINSCHMEICHELN (INGRATIATION)
Einschmeicheln ist ein ziemlich direkter Weg, die Sympathie seiner Interaktionspartner zu gewinnen. Zu dieser Technik zählen folgende Verhaltensweisen: den anderen loben (other-enhancing), Meinungsanpassung / Imitation (opinion conformity), einen Gefallen tun (favor-doing). Der Selbstdarsteller muss hierbei allerdings besonders auf der Hut sein, denn die Gefahr, dass der Interaktionspartner diese Strategie durchschaut, ist relativ groß: Je mehr man danach strebt, gemocht zu werden, desto intensiver gebraucht man das Verhalten, desto empfindlicher wird die Zielperson für mögliche Täuschungen.
Diesem Dilemma versuchen Schmeichler durch geschicktes Changieren zu entrinnen. So stellte beispielsweise Jones für die Technik der Meinungsanpassung fest, dass der Schmeichler sich in wichtigen Punkten der Meinung seines Gegenüber anschließt, ihm in weniger wichtigen Punkten jedoch widerspricht. So verringert der Selbstdarsteller die Gefahr einer negativen Attribution als „Kriecher“.
Untersuchungen zum Sich-beliebt-Machen haben gezeigt, dass diese Art von Selbstdarstellungsverhalten sehr stark mit der Machtverteilung zwischen den Interaktionspartnern zusammenhängt. „Macht“ ist dabei die Möglichkeit, jemanden auf irgendeine Weise „belohnen“ oder „bestrafen“ zu können (und sei es nur durch freundliches Zuhören bzw. genervtes Abwenden von jemandem, für den Zuhören gerade sehr wichtig ist). Im Experiment kann man Machtverhältnisse zwischen Interaktionspartnern bis zu einem gewissen Grad in einer Spielsituation simulieren, indem einige Spieler andere belohnen oder bestrafen können. Eine Studie von Tedeschi, Schlenker & Bonoma zeigte, dass weniger mächtige Personen am ehesten auf ingratiation-Verhalten bauen, um sich die Mächtigeren wohlgesonnen zu stimmen. Die „Machtlosen“ haben keine anderen Ressourcen, die sie sich im Kampf um Sympathien zunutze machen könnten, während die „Mächtigen“ es nicht nötig haben, sich durch Schmeichelei beliebt zu machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in das Thema anhand eines praktischen Falls aus der Mainzer Lokalpresse, der die Relevanz der Selbstdarstellung verdeutlicht.
2 DAS SELBST UND DIE DARSTELLUNG: Definition zentraler Begriffe wie Selbstkonzept und die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen sozialer Interaktion und Identität.
3 IMPRESSION MANAGEMENT-THEORIE: Darstellung der historischen Wurzeln, der Motivationen hinter der Selbstdarstellung sowie einer detaillierten Taxonomie der verschiedenen Techniken.
4 REZIPROKE EFFEKTE: Analyse der Wechselwirkungen zwischen öffentlicher Medienberichterstattung und der Selbstdarstellung des betroffenen Akteurs sowie mögliche Bewältigungsstrategien.
5 SCHLUSSBEMERKUNG: Fazit über die Notwendigkeit eines interdisziplinären Austauschs zwischen Sozialpsychologie und Publizistikwissenschaft.
Schlüsselwörter
Selbstdarstellung, Impression Management, Selbstkonzept, Symbolischer Interaktionismus, Soziale Erwünschtheit, Reziproke Effekte, Ingratiation, Eigenwerbung, Self-Handicapping, Coping-Strategien, Medienberichterstattung, Attributionstheorie, Identität, Soziale Normen, Predicament.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den psychologischen und sozialen Mechanismen, die Menschen nutzen, um den Eindruck zu steuern, den sie bei anderen hinterlassen – ein Phänomen, das als Impression Management bekannt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Definition des Selbst, die verschiedenen Taktiken der Selbstdarstellung, soziale Normen bei der Interaktion und die spezifischen Auswirkungen von Medienberichten auf das Image von Personen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, einen Überblick über Impression Management-Techniken zu geben und zu analysieren, wie diese bei medial erzeugten Bedrohungen des Selbstbildes (sog. Reziproke Effekte) strategisch eingesetzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer Literaturanalyse sozialpsychologischer und publizistikwissenschaftlicher Theorien, die durch empirische Studien und Experimente aus der Fachliteratur untermauert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Selbst, die detaillierte Taxonomie von Selbstdarstellungstechniken (wie Einschmeicheln oder Eigenwerbung) und die Untersuchung von Coping-Strategien bei öffentlicher Kritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Selbstdarstellung, Impression Management, Reziproke Effekte, Identität und Coping-Strategien charakterisiert.
Wie reagieren Akteure auf eine mediale Bloßstellung?
Nach den Ergebnissen der Arbeit versuchen Akteure in einer misslichen Lage (Predicament) ihr Image durch gezielte Coping-Strategien zu retten, beispielsweise durch Leugnen, Rechtfertigen oder das Veröffentlichen von Gegendarstellungen.
Welche Rolle spielt die Machtverteilung bei der Wahl der Selbstdarstellung?
Die Arbeit zeigt, dass Machtverhältnisse beeinflussen, welche Taktik gewählt wird; so neigen weniger mächtige Individuen häufiger zum "Einschmeicheln" (Ingratiation), um sich Sympathien der Mächtigeren zu sichern.
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- Diana von Webel (Author), Ulrike Siebert (Author), 2001, Selbstdarstellung / Impression Management -Themenüberblick unter besonderer Berücksichtigung Reziproker Effekte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16411