[...] Die josephinischen Reformen versuchten die Gesellschaft effizient zu organisieren. Neben dem Nützlichkeitsdenken war ein starker Glaube an christliche Werte jedoch noch vorhanden. Der Josephinismus versinnbildlicht für mich einen Versuch, aufklärerisches Gedankengut mit einem ethischen Anspruch in die politische Realität umzusetzen. Gekennzeichnet sind die Reformen auch von der Vorstellung, Glaube und Vernunft liessen sich vereinen. Die kirchenpolitischen Reformen tragen noch keine liberalen Züge. Die Institutionalisierung entpuppt sich dabei teilweise als verständnislos und blind gegenüber gewissen Werten, die schwierig mit Nützlichkeitskriterien zu messen sind.
Meine Neugier wurde ebenfalls von der Tatsache anzogen, dass dem Habsburgerstaat im Gegensatz zu anderen absolutistischen Regierungen, die an mangelnder Reformfähigkeit scheiterten, ein Übermass an Reformen zum Verhängnis wurde. So versuche ich in dieser Arbeit dem spezifisch österreichischen Weg der Aufklärung nachzugehen, indem ich die dringendsten oder einschneidensten Neuerungen dieser reformfreudigen Zeit unter Maria Theresia und Joseph II. charakterisiere. Dabei versuche ich die wesentlichsten Reformen aller Lebensbereiche einzubeziehen, um die unterschiedlichen, jedoch zusammenhängenden theresianisch-josephinischen Reformen in ihrer Einheit einzufangen. So stellen die kirchenpolitischen Reformen nicht etwa nur das Resultat eines Reformkatholizismus dar, sondern stehen in der Konsequenz eines alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden Nützlichkeitsdenkens. Ich werde in meiner Arbeit auch der Frage nachgehen, welche Charakteristiken der Geschichte Österreichs auf die Zeit des Josephinismus wirkten und wo die Voraussetzungen und Entwicklungslinien der josephinistischen Reformen zu finden sind. Da das Verhältnis zwischen Kirche und Staat den Josephinismus besonders prägte, wird dieser Erörterung einen gebührenden Platz eingeräumt. Dabei versuche ich u.a. die wirtschaftspolitischen Vorstellungen hinter den kirchenpolitischen Reformen aufzudecken. Ich widme mich auch der Frage, ob die josephinischen Reformen mit ihrer Radikalität die Kirche zunehmend auflösten, oder ob es darum ging, die Missstände der Kirche zu beseitigen und den Katholizismus zu reformieren. Zunächst werde ich mich aber mit dem Begriff des Josephinismus, der sich in im vergangenen Jahrhundert erheblich gewandelt hat, näher auseinandersetzen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Zum Begriff des Josephinismus
2. Voraussetzungen des Josephinismus
2.1 Staatskirchliche Tradition Österreichs
2.2 Verhältnis der österreichischen Länder zum Heiligen Römischen Reich
2.3 Modernisierung als existentielle Notwendigkeit
2.4 Geistige Strömungen und der Jansenistische Kreis Wiens
3. Die Reformen
3.1 Finanz-, Steuer-, Regierungs- und Verwaltungsreformen
3.1.1 Ausgangslage vor den grossen Reformen
3.1.2 Haugwitzsche Reformen
3.1.3 Fundament für den Wohlfahrtsstaat des aufgeklärten Absolutismus
3.1.4 Ära Kaunitz
3.2 Kirchenpolitische Reformen
3.2.1 Die Reform der Kirche eine Notwendigkeit der Zeit
3.2.3 Wirtschaftspolitischer Hintergrund der Kirchenreform
3.2.4 Auflösung oder Erneuerung der Kirche durch den Staat?
3.2.5 Vernünftige Gottesverehrung und Episkopalismus
3.2.6 Reform des Klosterwesens
3.2.7 Pfarregulierungen
3.2.8 Generalseminare
3.2.9 Von der toleranten Mission zum Toleranzpatent von 1781
3.2.10 Bildungs-, Gesundheits- und Fürsorgepolitik
4. Das Scheitern der Reformpolitik Josephs II.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Josephinismus als eine umfassende Reformbewegung des 18. Jahrhunderts in der Habsburgermonarchie. Ziel ist es, die Charakteristiken, Voraussetzungen und die politische Umsetzung dieses "österreichischen Weges" der Aufklärung sowie das komplexe Verhältnis von Staat und Kirche unter Maria Theresia und Joseph II. zu analysieren.
- Entwicklung des österreichischen Reformabsolutismus
- Staatliche Durchdringung und Modernisierung von Verwaltung und Finanzen
- Kirchenpolitische Reformen und die Rolle des Spätjansenismus
- Die Auswirkungen der josephinischen Reformen auf Gesellschaft und Toleranz
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Haugwitzsche Reformen
Angesichts des Schuldenberges dominierte am Ende des österreichischen Erbfolgekriegs 1748 die Frage, wie man die Steuereinnahmen vergrössern könnte. Das neue Haugwitzsche System beruhte auf den Ideen des 1686 publizierten Werkes „Fürstliche Schatz- und Rentenkammer“ des Wirtschaftstheoretikers Wilhelm von Schröder (1640-1699). Dieser absolutistische Kameralismus bestand darauf, dass die Herrschaft über die finanziellen und personellen Mittel ausschliesslich in der Gewalt der Krone und nicht in den Ländern liegt.
Nach dem Vorbild des preussischen Regierungs- und Verwaltungsstaates vereinte Haugwitz die landesfürstliche und ständische Finanz- und Steuerwirtschaft in einer zentralen machtvollen Verwaltungsbehörde „Directorium in publicis et cameralibus“. Sie zog sogleich auch wie in Preussen die verzettelte Innenpolitik an sich, sodass unter anderem die Hofkanzlei und die Hofkammer in der neuen Institution aufgingen. Die Reformen beruhten darauf, „dass der Staat selbst die ständische mittlere und untere Verwaltung, vor allem die ‚Repatition’ (Verteilung) und Einhebung der Steuern übernahm“, obwohl das Steuerbewilligungsrecht der Stände erhalten blieb. Diesem Zweck dienten die Kreisämter mit einem Kreishauptmann, der nun Amtsträger der Krone und nicht mehr des Landes war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum Begriff des Josephinismus: Erläutert die historische Entwicklung des Begriffs von der reinen Kirchenpolitik hin zu einer umfassenden Reformbewegung des 18. Jahrhunderts.
2. Voraussetzungen des Josephinismus: Analysiert die staatskirchliche Tradition, das Verhältnis zum Reich und die ökonomischen Zwänge als Nährboden für die Reformen.
3. Die Reformen: Beschreibt detailliert die zentralistischen Verwaltungs- und Finanzreformen sowie die umfassende Neuordnung des kirchlichen Lebens und der Bildungs- und Fürsorgepolitik.
4. Das Scheitern der Reformpolitik Josephs II.: Untersucht die Gründe für den Widerstand gegen die radikale Reformpolitik und deren letztendliches Scheitern zum Ende der Regierungszeit.
Schlüsselwörter
Josephinismus, Maria Theresia, Joseph II., Aufklärung, Reformabsolutismus, Habsburgermonarchie, Staatskirchentum, Spätjansenismus, Kameralismus, Verwaltungsreformen, Toleranzpatent, Klosteraufhebungen, Generalseminare, Sozialfürsorge, Wohlfahrtsstaat
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Reformära unter Maria Theresia und Joseph II. in der Habsburgermonarchie, die als Josephinismus bekannt ist und Österreich in einen zentralisierten, aufgeklärten Absolutismus führen sollte.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Modernisierung der Verwaltung, die Neuordnung des Finanzwesens, die radikale Kirchenpolitik sowie gesellschaftliche Reformen im Bildungs- und Fürsorgebereich.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll der spezifisch österreichische Weg der Aufklärung aufgezeigt und analysiert werden, wie Staat und Kirche im Streben nach einem "Wohlfahrtsstaat" umgeformt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Literaturanalyse, die zentrale historische Quelleneditionen und forschungsleitende Werke zur Aufklärung in Österreich auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der administrativen, fiskalischen und kirchenpolitischen Maßnahmen, die darauf abzielten, die Gesellschaft nach Nützlichkeitskriterien zu ordnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Reformabsolutismus, Säkularisierung, Staatskirchentum, Jansenismus, Kameralismus und Josephinismus.
Warum wird der Spätjansenismus in der Arbeit als so wichtig hervorgehoben?
Der Spätjansenismus lieferte laut der Arbeit die intellektuelle und personelle Grundlage für die kirchenpolitischen Reformen, indem er antikurialistische und reformorientierte Ideen innerhalb der Beamtenschaft und am Hof förderte.
Welche Rolle spielte der "Geist der Nützlichkeit"?
Dieser Geist war das leitende Kriterium der Reformen; alles – inklusive kirchlicher Institutionen – wurde daraufhin bewertet, ob es dem Staatszweck und der gesellschaftlichen Effizienz diente.
- Quote paper
- Edgar Hegner (Author), 2002, Josephinismus - Reformen und ihre Spannungsfelder in Österreich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16417