„L´espoir“ von Malraux und „Pilote de guerre“ von Saint-Exupéry: Denken und Handeln in Zeiten des Krieges


Examensarbeit, 2005

45 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Text und Kontext
1.1 „L´espoir“
1.2 „Pilote de guerre“

2. Denken und Handeln in „L´espoir“
2.1 Die Soldaten
2.1.1 Manuel
2.1.2 Hernandez
2.1.3 Puig und Le Négus
2.1.4 Ximénès
2.2 Die Flieger
2.2.1 Magnin
2.2.2 Leclerc
2.3 Die Intellektuellen
2.3.1 Lopez
2.3.2 Garcia
2.3.3 Alvear

3. Denken und Handeln in „Pilote de guerre“
3.1 Die Handelnden
3.1.1 Das Kollektiv der Flieger
3.1.2 Saint-Exupéry
3.2 Die Leidenden

4. Ideologie und Weltanschauung in „L´espoir“ und „Pilote de guerre“ im Vergleich

5. Bibliographie

6. Erklärung

0. Einleitung

Sowohl der Zeitpunkt der Erscheinung von L´espoir und Pilote de guerre als auch der Zeitpunkt der Handlung der beiden Werke liegen relativ dicht beieinander: L´espoir ist 1937 veröffentlicht worden, Pilote de guerre 1942. Während die Handlung von L´espoir im Spanischen Bürgerkrieg angesiedelt ist, spielen sich die in Pilote de guerre geschilderten Ereignisse zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ab. Diese Parallelitäten von Zeitpunkt und Ort – in beiden Werken ist der Schauplatz Westeuropa – machen einen Vergleich der beiden Werke zwar nicht erst möglich, erleichtern ihn aber.

Ein weiteres wichtiges verbindendes Element zwischen den beiden Romanen ist der Krieg, die gewaltsame Auseinandersetzung mit Faschismus und Nationalsozialismus: In beiden Fällen sehen sich die Protagonisten einer Kriegssituation ausgesetzt, in der sie sich handelnd bewähren, wobei sie immer wieder ihre Handlungen auch ausführlich reflektieren. Sie vertreten dabei jeweils bestimmte ideologische oder weltanschauliche Positionen; diese Positionen liegen jedoch zumindest teilweise auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Während Malraux einen politisch-ideologischen Zugang wählt, spielt bei Saint-Exupéry dessen Philosophie des Humanismus die entscheidende Rolle. Dennoch lassen sich auch in den Begrifflichkeiten, die das Denken und Handeln der Protagonisten beschreiben, Übereinstimmungen feststellen: In beiden Fällen müssen sich Menschen angesichts einer Kriegssituation mit praktischen Dingen wie Materialknappheit und Ineffizienz, aber auch mit den Themen Gefahr und Tod auseinandersetzen und mit der Frage, mit welchem Ziel sie ihre Handlungen überhaupt durchführen.

In beiden Fällen werden also unterschiedliche Ebenen des Konfliktes und seiner Auswirkungen auf den Menschen angesprochen. So etwa eine politisch-ideologische Ebene, wo sich die konkrete Frage nach der aktuellen militärischen Situation, den äußeren Rahmenbedingungen des Kampfes und den in diesem Krieg verfolgten politischen Zielen stellt, aber auch eine philosophische Ebene: Wie soll sich der Mensch in einer Kriegssituation angemessen verhalten? Wie soll er sich verhalten angesichts eines „unauflöslichen Konflikt[es] zwischen Freiheit und Engagement“[1] ? Wie ist das Verhältnis von Individuum und Gruppe, von Individuum und Gesellschaft? Was bedingt den Zusammenhalt, die Gemeinschaft, Solidarität und Brüderlichkeit zwischen den Menschen, und welche Rolle kommt dabei dem Christentum und der Kirche zu? Welchen Stellenwert haben vor dem Hintergrund eines Konfliktes, der Tod und Zerstörung mit sich bringt, moralische Werte, und inwieweit sollen sie das Handeln des Menschen im Krieg, das in beiden Werken ein gewaltsames Handeln ist, prägen? Sowohl L´espoir als auch Pilote de guerre gehen solchen Fragestellungen nach, jedoch in unterschiedlicher Gewichtung und mit zum Teil unterschiedlichen Antworten.

Trotz all dieser Gemeinsamkeiten weisen beide Werke auch deutliche Unterschiede auf, die einen Vergleich zunächst erschweren. Allein die unterschiedliche Länge von L´espoir und Pilote de guerre fällt unmittelbar ins Auge. Zwar bezeichnet Kindlers Literatur Lexikon beide Werke mit dem Begriff „Roman“[2], doch kann dies über deutliche kompositorische Unterschiede, die ihre Wurzeln auch in dem unterschiedlichen Umfang beider Werke haben, nicht hinwegtäuschen.

Im Falle von L´espoir wird die Position der Rechten vollständig ausgeblendet und die Linke in einem breiten Spektrum anhand einer Vielzahl von Charakteren dargestellt. „Les personnages y sont moins des individus que des incarnations de partis, d´attitudes de vie“[3] – dies ist ein Gedanke, der bei der genaueren Untersuchung einzelner Gruppen und Charaktere von L´espoir noch weiter auszuführen sein wird. Dabei ist die Vielzahl der Personen, die sporadisch oder durchgängig Eingang in L´espoir finden, beeindruckend: Man findet Anarchisten, Kommunisten und Sozialisten, Spanier und Ausländer, Soldaten, die am Boden kämpfen, Flieger, Freiwillige, Söldner, aber auch Intellektuelle, außerdem Menschen mit einer idealistischen Einstellung und solche mit einer ausgeprägt realistischen Einstellung.

Eine solch differenzierte Ausgestaltung, wie sie Malraux in L´espoir vorgenommen hat, fehlt in dieser Form in Saint-Exupérys Pilote de guerre. Im Mittelpunkt der Erzählung, die im Gegensatz zu Malraux als autobiographisch geprägte Ich-Erzählung konzipiert ist, steht der Flieger Saint-Exupéry, der zusammen mit der Gruppe 2/33 Aufklärungsflüge durchführt. Er gewährt Einblick nicht nur in sein Handeln, sondern auch in hohem Maße in sein Denken, wodurch der dem Leser sein humanistisches Weltbild darlegt.

Die großen Unterschiede in Anzahl und Art der Figuren erschweren einen Vergleich zwischen beiden Romanen insofern, als sich einzelne Figuren nicht mit Gewinn einander gegenüberstellen lassen. Ein Vergleich kann daher nicht auf der Ebene der Figuren und Figurenkonstellationen erfolgen, sondern nur auf thematischer Ebene.

So bilden die Flieger zwar eine Gruppe, die in beiden Werken vertreten ist, doch nehmen sie in Pilote de guerre eine zu dominante Stellung ein, als dass sie anderen handelnden Gruppen den Fliegern mit Erkenntnisgewinn gegenübergestellt werden können. Denn alle anderen in Pilote de guerre auftretenden Figuren bleiben passiv und handeln nicht in der Weise wie die Flieger; es macht den Eindruck, als ruhten die gesamten Aufgaben, die der Krieg mit sich bringt, auf den Schultern dieser Flieger.

Anders stellt sich die Situation in L´espoir dar: Die Flieger sind hier als Gruppe eingebunden in eine viel umfassendere Gesamtheit von Figuren und Gruppen, sie sind nur eine Gruppe unter mehreren, wenn man die handelnden Figuren in L´espoir nach Berufen einander gegenüberstellt. Ein bloßer Vergleich der Flieger in beiden Romanen würde daher das Bild gravierend verfälschen, da in diesem Fall ein Großteil der Figuren von L´espoir bei einer solchen Gegenüberstellung keine Berücksichtigung fände.

Während in Pilote de guerre unzweifelhaft der Ich-Erzähler Saint-Exupéry die Rolle des Protagonisten für sich in Anspruch nehmen kann, gestaltet sich die Beantwortung der Frage, wer in L´espoir zu den Protagonisten zu zählen sei, deutlich schwieriger. Wie sich noch zeigen wird, spricht einiges dafür, Manuel den Status eines Protagonisten zuzuerkennen. Daneben gibt es jedoch noch eine ganze Reihe weiterer Charaktere, die im Unterschied zu anderen Personen im gesamten Verlauf des Romans auftreten und die Protagonistenrolle für sich in Anspruch nehmen können; so führt Kindlers Literatur Lexikon neben Manuel auch Ximénès, Garcia, Lopez und Magnin als Hauptfiguren auf[4]. Einen solchen Reichtum an Figuren, die für sich in Anspruch nehmen können, Protagonisten zu sein, hat Pilote de guerre dagegen nicht aufzuweisen.

Beiden Werken indes ist wieder gemeinsam, dass sie zu einem Zeitpunkt veröffentlicht wurden, zu dem der thematisierte Konflikt noch nicht beendet war und an einer bestimmten Stelle stand, die aus heutiger Sicht überwunden ist. Dies ist bei der Deutung jeweils angemessen zu berücksichtigen und hat Auswirkungen auf Optimismus und Pessimismus in den Grundhaltungen der beiden Autoren.

Die vorangegangenen Ausführungen rechtfertigen einen Vergleich der beiden Werke durchaus, allerdings mit der Maßgabe, dass auch die auf formaler wie auf thematischer Ebene vorhandenen Unterschiede entsprechende Berücksichtigung finden; auf diese Weise ergibt sich ein Gesamtbild, in dem nicht jedes Element im einen Roman eine genaue Entsprechung im anderen Roman hat, in dem es aber durchaus genügend Berührungspunkte gibt, die eine genauere Betrachtung lohnenswert erscheinen lassen.

1. Text und Kontext

1.1 „L´espoir“

Die Handlung von L´espoir ist zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges angesiedelt, der von 1936 bis 1939 andauerte. Die Ursachen für diesen Krieg reichen weit zurück, teilweise bis ins 19. Jahrhundert[5]. Zu den drängendsten Problemen, die zum Ausbruch des Krieges beitrugen, zählen insbesondere die Agrarfrage, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sowie regionalistische Konflikte, namentlich nationalistische Bestrebungen Kataloniens und des Baskenlandes.

In der ersten Phase der Zweiten Republik, in der ab 1931 eine linke Regierung an der Macht war, wurden zahlreiche Reformen in Angriff genommen, so 1932 ein Autonomiestatut für Katalonien eingeführt[6] und ein Agrarreformgesetz verabschiedet[7]. Doch bei den Parlamentswahlen 1933 siegten die Rechtsparteien, die in der Folgezeit die Reformen der Linksregierung wieder rückgängig machten. Aufstände und Streiks prägten das Bild der Jahre bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges; so protestieren „im größten Landarbeiterstreik in der Geschichte Spaniens“[8] im Juni 1934 Arbeiter gegen die Agrarpolitik, der Streik wurde mit harten Mitteln bekämpft. Größere Auswirkungen hatte die sogenannte „Oktoberrevolution“ von 1934, bei der in Asturien Arbeiter zunächst einen Generalstreik ausriefen, der sich schließlich erheblich ausweitete; dem Streik von etwa 30.000 Bergarbeitern folgten blutige Ausschreitungen und Verhaftungen in größerem Ausmaß. Der Sieg der Volksfront bei den Wahlen 1936 bringt keine Entspannung der schwierigen politischen Situation. Das spanische Volk war zutiefst in zwei verschiedene Lager gespalten, es kam immer wieder zu Unruhen. „Die Republik erwies sich als zu schwach, um gegen die revolutionären Angriffe der landlosen Arbeiter einerseits und die zunehmende Aggressivität der Rechten andererseits zu verteidigen“[9]. Außer der bereits angesprochenen Agrarfrage prägt ein weiteres Konfliktfeld das Geschehen im Spanien der 30er Jahre, das des ungelösten Verhältnisses zwischen Staat und Kirche; interessanterweise wird durch die Einbindung christlich orientierter linker Ideologie die christliche Religion im allgemeinen und teilweise auch die Rolle der Kirche im Rahmen von L´espoir thematisiert.

Im Juli 1936 kommt es inmitten dieser aufgeheizten Stimmung zu zwei politischen Morden, die direkt zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges führen: Auf die Ermordung des Republikaners José Castillo einerseits und des Monarchistenführers im Parlament, José Calvo Sotelo, andererseits findet von Marokko aus ein Militärputsch unter Führung Francos statt, der den Auftakt zum Spanischen Bürgerkrieg bildet.

Der Spanische Bürgerkrieg lässt sich im wesentlichen in vier große Phasen einteilen[10], die im folgenden grob nachgezeichnet werden sollen.

Die auf den Putsch folgenden Kampfhandlungen dauern drei Jahre und führen auch zur Beteiligung der europäischen Mächte an einem Konflikt, der dadurch eine internationale Dimension annimmt. Nach dem Militärputsch Francos bilden sich im Volk Milizen, die Situation gilt als sehr unübersichtlich. Die deutsche Luftwaffe beteiligt sich an einer Luftbrücke zwischen Marokko und Andalusien. Die Aufständischen marschieren weiter voran, erobern bis Anfang 1937 ein Drittel des Landes. Von Oktober 1936 bis Januar 1937 kämpfen Aufständische und Republikaner um Madrid; obwohl die Stadt schwer umkämpft ist, scheitern zwei Versuche der Aufständischen, sie einzunehmen, was insbesondere der Unterstützung durch die Internationalen Brigaden zu verdanken ist. Nach der Einnahme Malagas im Februar 1937 werden mehrere tausend Flüchtlinge auf dem Weg nach Almería verfolgt. Die Schlacht von Guadalajara endet schließlich mit einem Sieg der Republikaner, die daraus erneut Hoffnung schöpfen können

Die Nordprovinzen, deren Eroberung das Ziel der Aufständischen in der zweiten Phase des Krieges vom Frühjahr 1937 bis zum Frühjahr 1938 ist, sind besonders aus wirtschaftlichen Gründen wichtig. Auf die internationale Hilfe bei der Zerstörung der Stadt Guernica, die gemeinsam von Franquisten und der Legion Condor angegriffen wurde, sei deshalb besonders hingewiesen, weil die sich darin manifestierende Internationalität sich auch im Roman widerspiegelt. Die Bombardierung Guernicas hat wohl als vorrangiges Ziel, „die Moral der Basken zu brechen“[11].

In der dritten Phase des Spanischen Bürgerkrieges, die auf den Zeitraum von April 1938 bis Ende des Jahres datierbar ist, gelingt den aufständischen Nationalisten bei Castellón der entscheidende Durchbruch, Katalonien ist fortan vom übrigen republikanischen Territorium abgeschnitten. Der Widerstand der Republikaner erlebte einen letzten erfolgreichen Höhepunkt bei einem Sieg am Ebro, danach folgte eine Zeit der Defensive und des Rückzugs der Republikaner. Die Schlussphase des Konfliktes von Ende 1938 bis März 1939 ist gekennzeichnet durch die Eroberung Kataloniens und die Besetzung Madrids, bevor am 1. April 1939 der Krieg für beendet erklärt wird.

Der tatsächliche Kriegsverlauf wurde auch durch die Einmischung ausländischer Mächte in das Kampfgeschehen maßgeblich beeinflusst, wie etwa die deutsche Unterstützung bei der Bombardierung Guernicas zeigt. Unter den Staaten, die Franco und die Aufständischen unterstützt haben, befinden sich in erster Linie Deutschland und Italien. Die Gründe für die Hilfe dieser Länder ist in der politischen Nähe des deutschen und italienischen Regimes und der spanischen Rechten zu suchen.

Die Republikaner ihrerseits erhielten Unterstützung von der UdSSR, die allerdings erst verhältnismäßig spät einsetzte, nämlich erst ab September 1936, nachdem sich die Sowjetunion vorerst um Neutralität bemüht hatte[12]. Daneben spielten die Internationalen Brigaden eine wesentliche Rolle. Dabei handelt es sich um einen Verband von etwa 30.000-35.000 Freiwilligen[13], die in Frankreich rekrutiert wurden und unterschiedlichen Nationalitäten angehörten[14].

England und die USA bemühten sich im Spanischen Bürgerkrieg um eine größtmögliche Neutralität; so wirkt Großbritannien im Rahmen seiner Appeasement-Politik in bedeutendem Maße auf ein Nichteinmischungsabkommen hin, um eine Ausweitung des Konflikts unbedingt zu verhindern. Auch die USA „betrieben offiziell eine strenge Neutralitätspolitik“[15].

Für die vorliegende Arbeit ist insbesondere die Haltung Frankreichs zum Spanischen Bürgerkrieg von Interesse; hierbei ist festzustellen, daß die Regierung Blum nach Ausbruch des Krieges durchaus beabsichtigte, die Republikaner zu unterstützen.[16] Mit dieser Politik sah er sich jedoch bald einer massiven Kritik nicht nur aus den Reihen seiner politischen Gegner gegenüber, sondern stieß selbst innerhalb der Regierung auf Widerstand[17] ; auch der Druck Englands führte zu einem baldigen Einstellen der französischen Hilfsmaßnahmen für die Republikaner in Spanien. Frankreich wirkte fortan auf ein internationales Nichteinmischungsabkommen hin, das im August 1936 von allen maßgeblichen Staaten unterzeichnet wurde, auch von denen, die die spanische Rechte unterstützte.

Doch durch das Verhalten insbesondere Italiens und Deutschlands blieb das Nichteinmischungsabkommen wirkungslos: „[Italia, Alemania y Portugal] no tenían intención de respetar el compromiso de embargo de armas. [...] Italia y Alemania también iniciaban una coordinación de sus actividades militares en España”[18]. Vor allem Italien und Deutschland griffen also trotz der Unterzeichnung des Abkommens aktiv in die Geschehnisse des Bürgerkrieges ein, was auf diplomatischer Ebene das Nichtangriffsabkommen wirkungslos machte und militärisch die Situation der Republikaner insgesamt schwächte. Dass die französische Politik, die insgesamt um eine neutrale Haltung bemüht war, diese Haltung nicht durchgängig einnahm, lässt sich an der bereits erwähnten Tatsache ablesen, dass die Internationalen Brigaden, die zur Unterstützung der republikanischen Truppen gebildet wurden, in Frankreich rekrutiert wurde, was von offizieller Seite geduldet wurde.

Wesentlicher als die Einzelheiten der Kampfhandlungen in den drei Jahren des Bürgerkriegs ist für die vorliegende Untersuchung die Erkenntnis, dass die Republikaner, obwohl in weiten Teilen in der Defensive befindlich, trotzdem immer wieder Grund hatten, aus Erfolgen neue Hoffnung zu schöpfen, und gerade sie spiegelt sich im Romantitel L´espoir; Malraux macht es sich in seinem Roman nicht nur zur Aufgabe, die militärischen Abläufe während des Krieges zu rekonstruieren, sondern stellt vor dem Hintergrund des Krieges anhand einer großen Anzahl von Figuren ideologische Positionen dar, die das Handeln der Menschen in der eben umrissenen Kriegssituation beeinflussen und bestimmen.

André Malraux, 1901 in Paris geboren, ist bereits in frühen Jahren im Kampf gegen den Faschismus engagiert. Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges kauft er für die spanische Regierung Flugzeuge auf und baut eine Fliegertruppe auf Söldnerbasis auf[19]. Von August 1936 bis Februar 1937 führt er eine internationale Fliegerstaffel an, in der es ein Pendant zu zahlreichen Figuren aus L´espoir gibt. Auch nach Auflösung dieser Staffel bleibt Malraux der Republik verpflichtet, reist nach Amerika, informiert die Öffentlichkeit und sammelt Geld für die republikanische Seite.[20] Die Veröffentlichung von L´espoir erfolgt noch im Jahr 1937, also zu einem Zeitpunkt, wo der Ausgang des Spanischen Bürgerkriegs noch offen ist, so dass im Titel L´espoir als Ausdruck der Hoffnung der Republikaner keinesfalls die leichte Ironie mitschwingt, die sich aufdrängt, wenn nach dem Ende des Bürgerkrieges im Anbetracht der Niederlage gegen die Franquisten das letztlich Vergebliche dieser Hoffnung erkennbar wird. Die Veröffentlichung dieses Buches kann demnach als Versuch angesehen werden, mit Hilfe eines literarischen Werkes Einfluss zu nehmen auf die politischen Verhältnisse, indem mit Hilfe von L´espoir um die Unterstützung für die Ideen und Ideale der Republik geworben wird. Im genannten Roman umfasst die erzählte Zeit den Zeitraum der ersten neun Monate des Bürgerkrieges, von Juli 1936 bis März 1937.

Zusammenfassend lässt sich das Verhältnis von Roman und Zeitgeschichte mit Schmigalle beschreiben, indem „L´Espoir als fiktionalisierte Chronik der ersten neun Monate des spanischen Bürgerkrieges“[21] gelten kann; das Spezifische an diesem Werk Malraux´ ist jedoch folgendes: L´Espoir „versucht aus einem verwirrenden, die Leidenschaften der Menschen bewegenden zeitgeschichtlichen Geschehen einen Sinn zu entbinden, der für den Leser praktische Konsequenzen hat. Die Autenthizität [...] ist kein Selbstzweck, sondern soll dazu beitragen, diesen ´Sinn´ für den Leser ´sinnlich´ erfahrbar zu machen“[22].

1.2 Pilote de guerre“

Nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland im Januar 1933 versuchte das Nazi-Regime in den Folgejahren, seinen Einflussbereich immer weiter auszudehnen. Dafür war eine militärische Aufrüstung erforderlich, die nach dem Versailler Friedensvertrag, der nach Ende des Ersten Weltkrieges Deutschland einige Auflagen gemacht hatte, nicht gestattet war. Dessen ungeachtet verkündete Hitler 1935 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, was insbesondere die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich belastet haben dürfte. Dem nationalsozialistischen Regime Hitlers in Deutschland und der faschistischen Regierung unter Mussolini in Italien stand jedoch bis Mitte der 30er Jahre eine Allianz der Mächte Frankreich und Großbritannien gegenüber. Mit dem Völkerbund war nach dem Ersten Weltkrieg ein Instrument geschaffen worden, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Konflikte zwischen Mitgliedsstaaten nicht mit militärischen Mitteln, sondern auf diplomatischem Wege zu lösen; es stellte sich jedoch in der Praxis heraus, dass der Völkerbund bei diesem Anliegen nicht über die nötige Durchsetzungskraft besaß.

„Die in den Völkerbund gesetzten Hoffnungen, den Krieg aus den internationalen Beziehungen ausschalten zu können, erfüllten sich [...] nicht; als Organisation [...] war sie zu schwerfällig, [...] exekutive Möglichkeiten fehlten“; das Konzept, mit Hilfe einer neuartigen Institution „Prinzipien und Verfahren zur friedlichen Streitschlichtung, ähnlich wie bei einem Rechtsstreit“[23] zu entwickeln und umzusetzen, scheiterte letztlich.

Im Januar 1935 stimmt die Bevölkerung des Saarlandes über das Schicksal dieses Gebietes ab, das seit 1920 unter einem Treuhandmandat des Völkerbundes steht[24]. Der Völkerbund, den man als Vorläuferorganisation der UN ansehen kann, spielt auch sonst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen insofern eine wichtige Rolle, als er sich mit wechselhaftem Erfolg immer wieder wieder bemüht, internationale Konflikte auf diplomatischem Wege beizulegen, wenn auch sein Gewicht dadurch geschwächt ist, dass die USA nicht zu den Mitgliedsländern zählen.[25] Der Ausgang der Saar-Abstimmung, 90 % der Stimmen für einen Anschluss an das Deutsche Reich, dürfte auch die deutsch-französischen Beziehungen belastet haben, da es sich um eine Gebietserweiterung im gemeinsamen Grenzgebiet handelt.

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht durch Hitler am 16. März 1935 ist einerseits wesentlicher Teil von Hitlers Aufrüstungspolitik, andererseits ein klarer Verstoß gegen den Versailler Friedensvertrag, wo die Stärke der Streitkräfte in Deutschland klar auf niedrigem Niveau festgelegt worden war[26] ; auch dies kann als Provokation der europäischen Staaten gewertet werden und hat ebenso wie der Anschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich belastend auf die deutsch-französischen Beziehungen gewirkt. „Die Westmächte reagierten auf diesen abermaligen Bruch geltender Abmachungen mit einer eilig nach Stresa einberufenen Konferenz (‘Stresafront’), auf der sie das deutsche Vorgehen verurteilten; letztlich ließen sie das Reich jedoch gewähren.“[27]

Der Abschluss eines russisch-französischen Beistandspaktes im Mai 1935 zeigt deutlich, dass Frankreich in jenen Tagen darum bemüht war, eine einheitliche Front gegen den Faschismus zu bilden; dass dieses Vorhaben jedoch nicht durchgehend erfolgreich in die Tat umgesetzt werden konnte, beweist ein deutsch-britisches Flottenabkommen vom Juni 1935. Dieses ist weniger Zeichen einer echten Annäherung zwischen den beiden Staaten, die politisch und ideologisch recht weit voneinander entfernt sind, sondern macht die unterschiedlichen Intentionen Frankreichs und Großbritanniens deutlich. Während Frankreichs Politik darauf abzielt, Deutschland durch das Abschließen entsprechender Bündnisse mit diplomatischen Mitteln zu isolieren[28], bemühen sich die Briten durch eine Haltung, die den Namen Appeasement-Politik trägt, um eine unbedingte Verhinderung kriegerischer Auseinandersetzungen, was Verhandlungen mit dem Deutschen Reich offensichtlich mit einschließt[29].

Im Oktober 1935 marschierten italienische Truppen in Abessinien ein, nachdem sich vor allem der Völkerbund in den vorausgegangenen Monaten vergeblich um eine Schlichtung bemüht hatte. Nach sieben Monaten war der Krieg beendet, der italienische König Victor Emanuel wurde „Kaiser von Äthiopien“[30]. Nach dem Abessinienkrieg „zeigten sich Bruchstellen in jener internationalen Ordnung, die in den 30er Jahren [...] zerbrach“[31] ; so waren die Beziehungen Italiens zu Großbritannien und Frankreich stark belastet. Hitler gelang es nun, „Mussolini endgültig zu sich herüberzuziehen [...]. Italien war damit [...] aus dem französischen Allianzsystem herausgebrochen.“[32] Der Grund, warum Italien nicht schon vorher als Diktatur von den anderen Mächten isoliert worden war, ist darin zu suchen, dass dort sich „der Staats­­­­umsturz [...] als ‘Machtergreifung’ auf (semi-)legalem Weg [vollzog]. Die alte Verfassung der Monarchie blieb vorerst unangetastet und wurde erst allmählich ausgehöhlt, jedoch nie förmlich außer Kraft gesetzt.“[33]

Deutschland indes besetzte im Frühjahr 1936 das Rheinland, was wiederum als klarer Verstoß gegen das Friedensabkommen von Versailles zu werten ist[34], eine neuerliche Erweiterung des Einflussbereichs, und dies ein Jahr nach der eben geschilderten Rückkehr des Saarlands in das Deutsche Reich.

In der Zeit nach dem italienischen Abessinien-Feldzug begann sich Italien von Frankreich und Großbritannien zu distanzieren und näherte sich politisch Deutschland an. In der Konsequenz bedeutete dies: „Um die ideologische Partnerschaft der beiden Diktaturen zu verstetigen und in ihrer Bedeutung für den Kontinent zu schärfen, verkündete Mussolini am 1. November 1936 die Einrichtung der „Achse“ zwischen Rom und Berlin“[35]. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften deutsche Soldaten auf der Seite des Franco-Regimes sowie internationale Streitkräfte auf der Seite der Linken, was einerseits die internationale Dimension des Spanien-Konfliktes verdeutlicht, andererseits aber auch die starke politische Polarisierung der verschiedenen europäischen Mächte aufzeigt.

Im Laufe des Jahres 1938 gelang es Deutschland erneut, das Reichsgebiet zu erweitern, was letztlich von Großbritannien und Frankreich gebilligt wurde. In Großbritannien bestand „vor 1939 [...] das Hauptziel [...] der Außenpolitik in der Friedenssicherung“[36], was eine Duldung der deutschen Expansion mit einschloss; diese Haltung wird allgemein als „Appeasement-Politik“ bezeichnet. So gelang es Deutschland im Münchner Abkommen, das Sudetenland an das Deutsche Reich anzuschließen[37]. Im gleichen Jahr kommt es auch zum „Anschluß“ Österreichs an das Deutsche Reich[38]. Im folgenden Jahr marschieren deutsche Truppen in die ČSR ein.

Erst der deutsche Überfall auf Polen 1939 hat eine Intervention der Westmächte England und Frankreich zur Folge, die zwei Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen dem Deutschen Reich den Krieg erklären. Doch in den Monaten nach dem Polen-Feldzug bleiben befürchtete militärische Aktionen Deutschlands gegen Frankreich aus; die in dieser Hinsicht ereignislosen Monate in der Zeit nach dem September 1939 werden im Französischen gern als „la drôle de guerre“ bezeichnet.[39]

Der lange erwartete deutsche Überfall auf Frankreich, zu dessen Abwehr an der deutsch-französischen Grenze die Maginot-Linie errichtet worden war, erfolgte erst im Mai 1940: Am 10. Mai marschierten die deutschen Truppen über Belgien und die Ardennen nach Frankreich, anders als von den Franzosen erwartet. Die Kampfhandlungen zwischen beiden Staaten dauerten nur wenige Wochen, innerhalb kurzer Zeit war Frankreich niedergerungen. Der Feldzug endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Compiègne, der die französische Niederlage besiegelte. Pétain wurde französischer Staatschef.

[...]


[1] Woerner (1986), s.u. L´ESPOIR

[2] vgl. Woerner (1986), s.u. L´ESPOIR und Geisler/Radler (1986), s.u. PILOTE DE GUERRE

[3] Moatti (1991), S. 144

[4] vgl. Woerner (1986), s.u. L´ESPOIR

[5] vgl. Bernecker/Pietschmann (1997), S. 293

[6] vgl. Bernecker/Pietschmann (1997), S. 309

[7] vgl. Bernecker/Pietschmann (1997), S. 304

[8] Bernecker/Pietschmann (1997), S. 313

[9] Bernecker/Pietschmann (1997), S. 317

[10] Zur Einteilung der Phasen und zum Ablauf des Spanischen Bürgerkrieges vgl. Bernecker/Pietschmann (1997), S. 321ff.

[11] Bernecker/Pietschmann (1997), S. 322

[12] vgl. Juliá (2004), S. 254

[13] vgl. Juliá (2004), S. 255

[14] vgl. Broué/Témime (1982), S. 479f.; hier wird die Stärke der Brigaden auf 25.000 beziffert.

[15] Bernecker/Pietschmann (1997), S. 328

[16] vgl. Sieburg (1989), S. 409

[17] vgl. Juliá (2004), S. 234

[18] Juliá (2004), S. 243

[19] vgl. Schmigalle (1980), S. 92f.

[20] vgl. Schmigalle (1980), S. 100

[21] Schmigalle (1980), S. 136

[22] Schmigalle (1980), S. 136

[23] vgl. Bernecker (2002) , S. 366 f.

[24] Digel/Kwiatkowski (1992), S. 81

[25] vgl. Bernecker (2002), S. 46.

[26] vgl. Möller (1998), S. 28

[27] Bernecker (2002), S. 93

[28] vgl. Sieburg (1989), S. 406f.

[29] vgl. Bernecker (2002), S. 178

[30] Kinder/Hilgemann (1995), S. 437

[31] Bernecker (2002), S. 19

[32] Sieburg (1989), S. 407

[33] Bernecker (2002), S. 379

[34] vgl. Bernecker (2002), S. 178

[35] Bernecker (2002), S. 116

[36] Bernecker (2002), S. 177

[37] vgl. Möller (1998), S. 65f.

[38] vgl. Möller (1998), S. 64

[39] vgl. Sieburg (1989), S. 411

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
„L´espoir“ von Malraux und „Pilote de guerre“ von Saint-Exupéry: Denken und Handeln in Zeiten des Krieges
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
45
Katalognummer
V164190
ISBN (eBook)
9783640789948
ISBN (Buch)
9783640789450
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Malraux, Saint-Exupéry, Denken, Handeln, Zeiten, Krieges
Arbeit zitieren
Mark Möst (Autor), 2005, „L´espoir“ von Malraux und „Pilote de guerre“ von Saint-Exupéry: Denken und Handeln in Zeiten des Krieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164190

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