Aggressives Verhalten als Unterrichtsstörung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterrichtsstörung – was ist das?

3. Der Diagnosebogen von Rainer Winkel

4. Das Störungsbild
4.1 Definition aggressives Verhalten
4.2 Formen der Unterrichtsstörung
4.3 Störungsbereiche
4.4 Störungsrichtungen
4.5 Störungsfolgen
4.6 Störungsursachen
4.6.1 Ursachen im psychisch-sozialen Kontext
4.6.1.1 Endogene Ansätze
4.6.1.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese
4.6.1.3 Lerntheorien
4.6.1.4 Weitere Faktoren
4.6.2 Ursachen im schulisch-unterrichtlichen Kontext

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Überall dort, wo Menschen zusammentreffen, sei es um zusammen zu leben oder zu arbeiten, kommt es zu Störungen durch unterschiedliche Ansichten, Missverständnisse, Konflikte oder Ängste. Folglich kann es auch keinen Unterricht ohne Störungen geben, denn in der Schule arbeiten Schüler/innen und Lehrende mehrere Stunden am Tag auf engstem Raum zusammen. In dem dabei entstehenden „dichten Geflecht kommunikativer Auseinandersetzungen“, welches sich durch eine „hohe Komplexität von verbalen und nonverbalen, kognitiven und emotiven Elementen auszeichnet“[1], ist die Entstehung von Missverständnissen und Störungen zu erwarten. „So betrachtet ist die Störung die Normalität“ und sie ist „deshalb täglich, ständig und im Unterricht jeder Lehrperson – in unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit – anzutreffen“[2]. Nach langer Zeit der Verdrängung des Problems und einer krampfhaften Idealisierung des Unterrichtes gibt es mittlerweile eine große Bandbreite von Literatur zum Thema „Unterrichtsstörungen“.

In der vorliegenden Arbeit soll aggressives Verhalten als schwere Form von Unterrichtsstörungen genauer betrachtet werden. In den letzten Jahren scheint die Gewalt an Schulen, zumindest ihre Schärfe, und die Aggressivität von Schülern/Schülerinnen zugenommen zu haben. Die Süddeutsche Zeitung tituliert: „Die Schule der Gewalt. […] Über deutschen Schulen liegt eine Atmosphäre der latenten Gewalttätigkeit“[3] und auch der Spiegel berichtet über Gewalt an Schulen mit der einschlägigen Überschrift: „Wenn du auf Streber machst, bist du tot“[4]. Gewalt in Schulen ist nicht erst vor kurzem entstanden, sondern wurde in den letzten Jahren von den Medien in der Hoffnung auf Sensationen verstärkt aufgenommen. Trotzdem ist dieses Problem an Schulen aktueller denn je, wie der schreckliche Amoklauf von Tim Kretschmer in Winnenden am 11.03.2009 zeigt. 15 Menschen erschoss der sonst unauffällige und zurückhaltende ehemalige Realschüler.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit aggressivem Verhalten von Lernenden. Zum besseren Verständnis der Hausarbeit wird dazu im ersten Abschnitt der Begriff Unterrichtsstörung erklärt und in seiner Untergliederung dargestellt. Im folgenden Kapitel wird Rainer Winkels „Diagnosebogen“ vorgestellt, anhand dessen das Störungsbild „aggressives Verhalten“ genauer beleuchtet werden soll. Bei der Analyse der Störungsursachen von Aggressionen liegt der Schwerpunkt auf den Ursachen im psychisch-sozialen Bereich und dabei wiederum auf den unterschiedlichen psychologischen Aggressionstheorien. Anhand dieser Theorien und den weiteren möglichen Ursachen im schulisch- unterrichtlichen Kontext werden allgemeine Interventions- und Präventionsmaßnahmen abgeleitet. Mit einem kurzen Fazit endet die Arbeit.

2. Unterrichtsstörung – was ist das?

Vor einigen Jahren wurde in der Fachliteratur und im schulischen Alltag anstatt dem Begriff „Unterrichtsstörung“ der Terminus „Disziplinschwierigkeiten“ verwendet. Dieser Begriff enthält eine Wertung, aus der Schuldzuweisungen gegenüber den Lehrenden, der keine Disziplin in der Klasse halten kann woraus sich die Störungen ergeben, abgeleitet werden können. Der Vorteil des Begriffes liegt darin, dass der Lehrenden zumindest mitverantwortlich an den Unterrichtsstörungen ist und nicht die Schuld allein auf die Schüler/innen, deren Elternhaus, den gesellschaftlichen Bedingungen, usw. übertragen kann. Nachdem dieser Begriff wegen der Schuldproblematik nicht mehr in der Pädagogik verwendet wurde, kam der der „Verhaltensstörungen“ auf. Dieser Terminus sprach den Lehrenden von persönlicher Schuld und Verantwortlichkeit an den Störungen frei. Die Verhaltensstörungen können nämlich nur von Spezialisten diagnostiziert und behoben werden, nicht aber vom Lehrenden. Störungen wurden folglich entschuldbar. Beide Begriffe, „Disziplinschwierigkeiten“ und „Verhaltensstörungen“, helfen also auf Grund ihrer Schuldzuweisungen und –abweisungen nicht bei der Suche nach Erklärungen und Ursachen von Verhaltensweisen, die den Unterricht stören. Ein wertneutraler Begriff wie „Unterrichtsstörung“, der die Betonung auf den Unterrichtsprozess legt, kann dagegen das Verstehen fördern und eine „sach- und situationsgerechte Bearbeitung“ erleichtern[5]. In der vorliegenden Arbeit soll deswegen entsprechend der Empfehlung Rainer Winkels der Begriff „Unterrichtsstörung“ verwendet werden. Dieser Terminus wird nicht aus der personalen Richtung (von den Schüler/innen oder Lehrenden her) definiert, sondern vom Unterricht her gekennzeichnet[6]. Unterrichtsstörungen liegen dann vor, „wenn der Unterricht gestört ist, d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird“[7].

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an Unterrichtsstörungen und deren Bewältigungsmöglichkeiten angestiegen, was sich auch in der zunehmenden Zahl der Publikationen zum Thema seit den 90-er Jahren zeigt. Folglich lassen sich zahlreiche verschiedene Definitionen von Unterrichtsstörungen finden. Trotz unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen und anderer einbezogener Aspekte haben alle Definitionen eine Gemeinsamkeit: Durch die Unterrichtsstörungen wird der Lern-Lehr-Prozess negativ beeinflusst, weshalb sie durch Prävention und/oder Intervention vermieden werden müssen. Die Unterrichtsstörungen sind nicht berechenbar und treten unerwartet auf. Der Lehrende wird dadurch aus seinem Konzept gebracht und muss die geplanten oder gerade ablaufenden Unterrichtsprozesse aussetzen, um dann auf die Unterrichtstörung zu reagieren[8]. Winkel[9] betont, dass solange der Unterrichtsprozess nicht gestört wird, auffällige Verhaltensweisen Kennzeichen persönlicher Meinungen und keine Unterrichtsstörungen sind.

Es gibt unterschiedliche Formen von Unterrichtsstörungen, mit denen der Lehrende im Berufsalltag konfrontiert wird. Zum einen kann die Störung von Seiten des Lehrenden, aber auch von Seiten der Lernenden erfolgen (worauf der Fokus in der Literatur und auch in den Definitionen liegt), zum anderen können auch äußere Bedingungen, wie zum Beispiel das Wetter, Baulärm oder ungünstige Raumbedingungen, zu Störungen führen. Die äußeren Bedingungen, welche zu Störungen führen, können entweder sehr leicht (z.B. das Rollo runterlassen, wenn die Sonne so sehr blendet, dass Folien auf dem Polylux nicht mehr zu sehen sind) oder gar nicht beseitigt werden (z.B. der Baulärm, der durch die Ausbesserung der Straße vor der Schule erzeugt wird). Hier bedarf es meist keiner didaktischer Analysen und pädagogischer Strategien zur Bewältigung, sondern eher eines guten Schulmanagements und ausreichender finanzieller Mittel zur optimalen Ausstattung der Räumlichkeiten. Pädagogische Überlegungen sind erst dann von Nöten, wenn die äußeren Störungen dauerhaft und nicht vermeidbar sind, sodass der Lehrende, ggf. auch mit den Lernenden zusammen, Strategien entwickeln muss, wie der Unterricht trotz dieser Störungen problemlos ablaufen kann.

Verhaltensweisen und Eigenschaften der Schüler/innen, die den Unterricht stören, können zum Beispiel Zwischenrufe, unterrichtsferne Gespräche zwischen Lernenden, verbale Konflikte zwischen Schülern/Schülerinnen oder zwischen Lernenden und Lehrenden, Handgreiflichkeiten bis hin zu Gewalt zwischen Lernenden und auch gegenüber Lehrenden, Arbeitsverweigerung, usw. sein. Aber auch der Lehrende kann zum Beispiel durch eine langweilige Gestaltung des Unterrichts, ungerechtes Bewerten, Vorurteile, eine schlechte Artikulation oder auch durch ein unsicheres Auftreten Unterrichtsstörungen verursachen. Bei beiden Formen der Unterrichtsstörung ist es wichtig, dass sie zur Kenntnis genommen werden, um dann eine kritische Analyse vorzunehmen und pädagogisch-didaktische Strategien zur Vermeidung oder Lösung der Störungen zu entwickeln.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich im vierten Abschnitt auf die Unterrichtsstörungen von Seiten der Schüler/innen – speziell dem aggressiven Verhalten – konzentrieren und diese anhand des Diagnosebogens von Winkel, der anschließend vorgestellt wird, analysieren.

3. Der Diagnosebogen von Rainer Winkel

Nach der Definition des Terminus „aggressives Verhalten“, werde ich zur Analyse der Unterrichtsstörung entsprechend dem „Diagnosebogen“ von Rainer Winkel[10] vorgehen, der den „störfaktorialen Aspekt“ von Unterricht untersucht. Diesen entwickelte Winkel als eine Ergänzung der drei Kategorien (Vermittlung, Inhalt, Beziehungen), die innerhalb der kommunikativen Didaktik zur Analyse von Unterricht vorgegeben wurden. „Ohne diesen vierten (störfaktorialen) Aspekt scheint mir [Rainer Winkel] die strukturelle Erhellung des unterrichtlichen Geschehens unvollständig“[11], argumentiert Winkel.

Der störfaktoriale Aspekt umfasst fünf verschiedene und eng aufeinander bezogene Dimensionen[12]:

- Formen der Unterrichtsstörung
- Störungsbereiche
- Störungsrichtung
- Störungsfolgen
- Störungsursachen

Es ist wichtig, die Bezeichnung der Störung herauszustellen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen. Formen der Unterrichtsstörung können sein[13]:

- (unbeabsichtigte) Regelverstöße
- Provokation und Aggression
- Akustische oder visuelle Dauerstörungen sowie allgemeine Unruhe
- Störungen aus dem Außenbereich des Unterrichts
- Lernverweigerung, Passivität und Demotivation
- Psychische Auffälligkeiten und Störungen

Die Störungsbereiche können entweder außerhalb (z.B. im Schulflur) oder innerhalb (z.B. in der Klasse) auszumachen sein. Die Störungsrichtung ist entweder personal gerichtet (gegen Mitschüler/in oder Lehrende) oder hat eine objektive/gegenständliche Richtung (Schüler/in gegen Objekt und andersherum, Lehrer/in gegen Objekt und andersherum, aber auch Objekt gegen Objekt). Es kann durch die Störung zu zunächst einfachen Störungsfolgen, wie Stockungen oder Unterbrechungen, kommen. Komplexere Störungsfolgen (z.B. hartnäckige Blockaden, Rückwirkungen auf die Lehrinhalte, -methoden, Kommunikationsbeziehungen) liegen dann vor, wenn die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrendem, zwischen den Lernenden oder den Lehrenden gehindert wird. Störungsursachen können entweder im schulisch-unterrichtlichen oder im psychisch-sozialen Kontext gesucht werden.

Der Diagnosebogen von Winkel ist nur ein Vorschlag zur diagnostischen Analyse von Unterrichtsstörungen und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Doch er ist mehrdimensional angelegt und umfasst alle wichtigen Dimensionen von Unterrichtsstörungen, weswegen mir seine Anwendung sinnvoll erscheint.

4. Das Störungsbild

4.1 Definition aggressives Verhalten

Der Terminus „aggressives Verhalten“ ist nicht einheitlich definiert und oft werden eng verwandte Begriffe, wie zum Beispiel Gewalt, synonym verwendet. Der Begriff Aggression ist von seiner Etymologie her doppeldeutig. Er entstand aus dem lateinischen aggressio (Zusammensetzung aus gressio [schreiten] und der Vorsilbe ad [heran])[14]. Das dazugehörige Verb aggredior bedeutet zum einen herangehen, aber auch sich an jemanden wenden, jemanden zu gewinnen suchen – also ein posoziales Verhalten. Erst durch eine Nebenbedeutung und in seinem Kontext erhält es eine negative Konnotation und meint dann angreifen, anfallen, überfallen. Im ursprünglichen Sinn des Wortes bezeichnet Aggression also ein tatkräftiges Handeln oder ein zielstrebiges Verhalten[15]. Dieser positive Aspekt von Aggression wird im heutigen Alltagssprachgebrauch und in der Wissenschaft nicht beachtet. Die Verwendung des Begriffes inkludiert immer eine negative Abwertung und/oder Verurteilung des Verhaltens, welches von den gesellschaftlichen Normvorstellungen abweicht. Der Fokus der alltagssprachlichen Definitionen liegt nur auf dem direkt beobachtbaren negativen Verhalten einer Person, ohne die dem Verhalten zugrunde liegenden Ursachen und eine inhaltliche Zusammengehörigkeit der verschiedenen sozial unangemessenen Verhaltensweisen bestimmt zu haben. Auch die wissenschaftlichen Definitionen betrachten trotz unterschiedlicher Schwerpunktlegungen hauptsächlich die negative Komponente des aggressiven Verhaltens. Selg[16] umfasst mit seiner Definition aber sowohl positive als auch negative Verhaltensweisen: „Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat (z.B. Foto eines Menschen) gerichteten Austeilen schädigender Reize (‚schädigen’ meint beschädigen, verletzen, zerstören und vernichten; es impliziert aber auch wie ‚iniuriam facere’ oder ‚to injure’ schmerzzufügende, störende, Ärger erregende und beleidigende Verhaltensweisen, welche der direkten Verhaltensbeobachtung schwerer zugänglich sind).“ Der Autor formuliert, dass aggressives Verhalten immer mit der Absicht ausgeführt wird, einen Schaden anzurichten (Schädigungsintention) und zu einem Schaden führt (Schädigungsfolge)[17]. Ein Junge, der Altersgenossen anschreit und ihnen Prügel androht, weil sie einen Mann im Rollstuhl beschimpfen, ist demnach auch aggressiv. Zwar entspricht diese Definition nicht mehr der ursprünglichen Wortbedeutung von „Aggression“, schließt aber im Gegensatz zu anderen Definitionen auch Verhaltensweisen ein, die zwar aggressiv sind, jedoch nicht von der Gesellschaft negativ bewertet werden.

4.2 Formen der Unterrichtsstörung

Diese Dimension soll laut Winkel dabei helfen „differentialdiagnostisch zu denken und zu beobachten“[18] anstatt ein Verhalten einfach negativ zu etikettieren oder mit einem lateinischen Begriff zu belegen. Aggressives Verhalten ist mit der Provokation eine Form von Unterrichtsstörungen. Aggressionen können vielfältig auftreten. Es ist daher sinnvoll das aggressive Verhalten nach den unterschiedlichen Ausdrucksformen zu strukturieren. Petermann und Petermann (1978) unterscheiden folgende Erscheinungsformen von Aggressionen:

- offen gezeigte (feindseliges Verhalten, z.B. Fäuste schwingen) versus hinterhältig-verdeckte (instrumentelles, eher hinterhältiges Verhalten, z.B. Heft des Sitznachbarn unterm Tisch zerreißen)
- körperliche (z.B. treten, schubsen) versus verbale (z.B. beschimpfen)
- aktive (zielgerichtetes oder impulsives Handeln) versus reaktive (Reaktion auf eine Bedrohung oder Provokation)
- direkte (gegen eine Person) versus indirekte (gegen einen Gegenstand ausgerichtet)
- nach außen (gegen fremdes Objekt) versus nach innen gewandte (gegen die eigene Person)
- prosoziale (aufgrund der gesellschaftlichen Normen akzeptiert, z.B. Bestrafung in der Erziehung) versus antisoziale (wird von Gesellschaft sanktioniert, z.B. Misshandlung)
- instrumentelle (zielgerichtet und geplant indirekt ein Ziel erreichen) versus expressive (direkt Schaden zufügen, z.B. durch Verprügeln)
- intrafamiliale (z.B. Schläge vom Vater) versus extrafamiliale (Gewalt im Freundeskreis)[19]

Es ist wichtig, diese Formen von aggressiven Verhalten bei der Analyse der Unterrichtsstörung und bei der Intervention oder Prävention zu unterscheiden. Den Formen ist zwar allen die Schädigungsabsicht gemeinsam, doch verfolgen sie unterschiedliche Ziele und haben meist auch verschiedene Ursachen. Um darauf angemessen reagieren zu können, müssen die Formen der Aggression differenziert wahrgenommen und aufgezeichnet werden.

4.3 Störungsbereiche

Aggressive Verhaltensweisen können sowohl außerhalb (z.B. auf dem Schulhof) als auch innerhalb des Unterrichtes auftreten. Wie in dem Abschnitt über die Aggressionsursachen noch genauer beleuchtet wird, haben aggressive Verhaltensweisen im Unterricht ihren Ursprung meist im außerschulischen Bereich (z.B. Elternhaus, Freundeskreis, der Person selbst). Wenn aggressive Verhaltensweisen als Unterrichtsstörungen auftreten, haben diese meist schon eine längere Entstehungs- und Ausübungsgeschichte. Selten sind sie nur auf den Unterricht zu beschränken.

4.4 Störungsrichtungen

Aggressive Verhaltensweisen können sowohl personal ausgerichtet sein und die Beziehungen der Schüler/innen untereinander, als auch die Beziehung zwischen den Lehrenden sowie zwischen Lehrenden und Lernenden stören. Wenn ein Lernender beispielsweise einen anderen im Unterricht schlägt, stört es sowohl die Mitschüler/innen als auch den Lehrenden. Glücklicherweise ist man heute von den direkt körperlich strafenden Erziehungspraktiken abgerückt, aber es existieren auf Seiten der Lehrenden trotzdem prosoziale Aggressionen, wie zum Beispiel das Wegschicken eines sich abweichend verhaltenden Schülers/einer Schülerin aus dem Unterricht, um zum Direktor zu gehen. Der Lehrende will dem Lernenden „schaden“, indem diesem beim Direktor eine „Standpauke“ gehalten wird. Diese Praktik – entgegen der körperlich strafenden – ist von der Gesellschaft anerkannt. Aggressive Verhaltensweisen unter Lehrenden sind sicher auch keine Seltenheit. Diese finden aber eher instrumentell und verdeckt statt. So spricht zum Beispiel eine Lehrerin gegenüber anderen Kollegen abfällig über eine andere Kollegin, um dieser zu schaden. Das aggressive Verhalten kann außerdem eine objektive Richtung haben, wobei aber das Objekt gegenüber Lehrenden und Lernenden kein aggressives Verhalten zeigen kann, sondern dies nur in die andere Richtung möglich ist: Der Lehrende bzw. der Lernende zeigt ein aggressives Verhalten gegenüber einem Objekt. Eher selten ist aggressives Verhalten eines Lehrenden gegenüber einem Objekt. Dahingegen sind aggressives Verhaltensweisen von Lernenden gegenüber Objekten fast an der Tagesordnung: Da werden Schulklos verstopft, Mülleimer umgeworfen, Hefte oder Bücher zerschnitten oder Fahrräder demoliert.

Meist ergeben sich aus einer Störungsrichtung eine nachfolgende oder sogar mehrere weitere Störungen, die dann wiederum erneut Störungen in andere Richtungen bedingen können. Wenn Karl das Heft seines Sitznachbarn zerreist, weil dieses auf seiner Tischhälfte liegt, dann kann der Beobachter zuerst eine objektive Richtung (Karl gegen das Heft) des aggressiven Verhaltens feststellen. Der Sitznachbar Heinz kann nun als Reaktion auf Karls Provokation diesen treten, wodurch es zu einer personalen Richtung (Heinz gegen Karl) des aggressiven Verhaltens kommt. Der Lehrende schickt daraufhin beide zum Direktor, der ihnen eine Standpauke halten soll. Dadurch erfolgt das nächste aggressive, wenn auch prosoziale Verhalten in personaler Richtung (Lehrender gegen Karl und Heinz). Heinz fühlt sich durch das Verhalten des Lehrenden ungerecht behandelt und beschimpft daraufhin diesen. Die personale Richtung des aggressiven Verhaltens hat sich nun andersherum gedreht (Heinz gegen Lehrenden). Der Unterricht wird durch diese Aggressionen massiv gestört. Auch, wenn dass ein Negativszenario ist, führt es die Komplexität der Störungsrichtungen und ihre gegenseitige Beeinflussung dar. „Zirkuläre (Verstärker-) Prozesse sind hier nicht selten“[20]. Es ist deswegen wichtig die Störungsrichtungen genau festzuhalten und alle folgenden ebenso zu registrieren sowie von der ersten Auslösenden zu trennen. Die Beobachtung und Registrierung der Störungsrichtung kann wertvolle Hinweise für das adäquate pädagogische Handeln liefern.

[...]


[1] Benikowski, Bernd: Unterrichtsstörungen und Kommunikative Didaktik. Hohengehren 1995, S.2

[2] Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.13

[3] http://www.sueddeutsche.de/politik/946/398731/text/

[4] http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,491763,00.html

[5] http://bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine/stoerungen/rahmen.htm

[6] Ebd.: S.28

[7] Ebd.

[8] Vgl.: Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.13-14

[9] Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht:Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.30

[10] Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht:Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.75-77

[11] Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.47

[12] Vgl.: Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht:Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.48

[13] Vgl.: Ebd.: S.75

[14] Stowasser, Joseph M.: Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch. Wien 1998

[15] Vgl.: http://www.gestalttherapie-lexikon.de/aggression.htm

[16] Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.262

[17] Vgl.: http://www.gewalt-online.de/aggression.php

[18] Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht:Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.77

[19] Seitz, Oskar: Problemsituationen im Unterricht. Regensburg 1991, S.262

[20] Winkel, Rainer: Der gestörte Unterricht:Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Bochum 1988, S.82

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Aggressives Verhalten als Unterrichtsstörung
Hochschule
Universität Potsdam  (Erziehungsiwssenschaft)
Veranstaltung
Konflikte als Chance - Umgang mit Unterrichtsstörungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V164206
ISBN (eBook)
9783640789993
ISBN (Buch)
9783640789504
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggressives, Verhalten, Unterrichtsstörung
Arbeit zitieren
Bachelor of Education Lisa Kittler (Autor), 2009, Aggressives Verhalten als Unterrichtsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164206

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