Die Rezeption des Romans in den USA des späten 18. Jahrhunderts dargestellt am Beispiel von William Hill Browns "The Power of Sympathy"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literatur und die Frau in der Neuen Welt

3. Risiken und Auswirkungen des novel reading

4. Vorteilhaft lesen

5. Der Autor und der Roman

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Now Madam, as much depends on the choice of books, care should be taken not to put those in the way of young persons, which might leave on their minds any disagreeable prejudices, or which has a tendency to corrupt their morals.[1]

Hinter dieser Aussage Worthys, einer der Protagonisten und moralischen Instanzen des 1789 erschienenen ersten US-amerikanischen Romans The Power of Sympathy, verbirgt sich mehr als nur ein guter Rat für eine Mutter, welche die Lesegewohnheiten ihrer Tochter in möglichst optimale Bahnen lenken möchte. Vielmehr richtet sich William Hill Brown hier, sowie mit dem gesamten Werk, and die Young Ladies of United Columbia und greift einen in der damaligen Zeit umstrittenen Bestandteil der weiblichen Erziehung auf, nämlich das Lesen von Büchern, insbesondere Romanen. Die 1776 erlangte Unabhängigkeit der USA stellte die neue Nation vor diverse Herausforderungen. Die hart erkämpfte Freiheit zog weitere Folgen mit sich: Die Bewohner der Neuen Welt mussten sich als Nation konsolidieren, was sich neben der Politik auch auf den sozialen und kulturellen Lebensbereich ausweitete. Ein Hauptaugenmerk galt hier der Erziehung des weiblichen Geschlechts, denn die Frau sollte als Mutter der Nation den Nachwuchs prägen. Hierfür mussten jegliche Einflüsse, die der Erziehung des fair sex zu einer rechtschaffenen Republikanerin im Wege standen, beseitigt werden. Eine dieser Gefahren war der Roman. Er erfreute sich an der Jahrhundertwende einer stetig wachsenden Leserschaft, vermittelte aber laut öffentlicher Meinung speziell dem weiblichen Publikum falsche Vorstellungen, verdarb ihre Moral und machte die Frau ‚untauglich für die ernste Realität eines Lebens des Kinderkriegens und eintöniger häuslicher Routine’.[2]

Der folgende Text macht es sich zur Aufgaben, die Kontroverse um die Einflüsse des Romans auf die Frau in Amerika Ende des 18. Jahrhunderts näher zu untersuchen. Zunächst einmal wird auf die Literatur, die allgemein als günstig für die Frau empfunden wurde, eingegangen. Danach werden die Entwicklung des Romans, und die öffentliche Haltung ihm gegenüber näher beleuchtet. Dem schließen sich eine Analyse der potentiellen Gefahren des novel reading für die Frau, und mögliche Lösungen für die angesprochene Problematik an.

Die Grundlage der Analyse bildet die Darstellungsweise rund um das Thema novel reading in William Hill Browns The Power of Sympathy. Abschließend wird in einem letzten Punkt die Reaktion der Romanautoren auf die vehemente Kritik am Roman unter die Lupe genommen. Hierzu wird hauptsächlich auf William Hill Browns dedication page und Vorwort zu The Power of Sympathy zurückgegriffen.

2. Literatur und die Frau in der Neuen Welt

Die Abnabelung der Neuen Welt von Europa sollte sich nicht nur geographisch und politisch vollziehen, es bedurfte auch einer Neuorientierung auf kulturellem Gebiet. Dies sollte sich vor allem auf literarischer Ebene als äußerst schwieriges Unternehmen herauskristallisieren. So kann man die Literatur im 18. Jahrhundert vorwiegend in zwei Kategorien einteilen, nämlich in jene, die die neue Nation positiv beeinflussen sollte und die, die als Gefahr für die junge Republik empfunden wurde[3].

Fiktion war schädlich, vor allem dann, wenn sie von Frauen konsumiert wurde. Wenn man eine Werthierarchie der literarischen Gattungen konstituiert, dann sind das Versepos, die Geschichtsdarstellung und der politische Essay ganz oben auf der Skala anzusiedeln. Der Roman hingegen befindet sich aus Sicht des späten 18. Jahrhunderts noch am entgegengesetzten Ende.[4] Diese Einstellung zu Literatur ist auch in abgewandelter Form in The Power of Sympathy wieder zu finden. So belehrt Mr. Holmes, der Inbegriff des mittelständischen republikanischen Familienoberhaupts[5], die Leserin, dass qualitative Unterschiede in Literatur vorhanden seien. Dementsprechend äußert er sich in Brief XI positiv zur Geschichtsdarstellung und empfiehlt den jungen Leserinnen diese mit folgenden Worten:

A KNOWDLEDGE OF HISTORY which exhibits to us in one view the rise, progress and decay of nations – which points out the advancement of the mind in society, and the improvements in the arts which adorn human nature, comes with propriety under the notice of a lady (PS 26).

Die junge Frau sollte lesen, schon allein um dem Nachwuchs Amerikas eine adäquate Erziehung im republikanischen Sinne bieten zu können. Literatur, die das Nationale förderte und republikanische Werte vermittelte, war unabdingbar, denn die so wertvolle Moral musste vornehmlich von Frauen aufrechterhalten und an die Familie weitergegeben werden.[6]

Weiterhin wurden Lebensgrundsätze empfohlen, so erwähnt Worthy Rochefoucaults Maxime[7]. Worthy und Mrs. Holmes sind sich einig, dass diese einen positiven Beitrag zur

Erziehung der jungen Dame leisten können, denn sie vermitteln ihr einen Eindruck von der Gesellschaft, vor allem die der Männern, in der sie sich bald bewegen wird:

As these maxims give us an idea of the manners and characters of men, among whom a young person is soon to appear; and as it is necessary to her security and happiness that she be made acquainted with them – they may be read to advantage (PS 26).

Eine weitere Gattung, die sich günstig auf die Frau auswirkt, ist, laut Mr. Holmes poetry, denn “POETRY enlarges and strengthens the mind, refines the taste and improves the judgment” (PS 26). Inwieweit poetry hierzu wirklich in der Lage war, sei dahingestellt, denn nicht jedermann vermochte es, der sprachlichen Komplexität von Dichtung zu folgen.[8] Als dritte dienliche Gattung verweist Mr. Holmes auf die Satire. Er schätzt den Beitrag des Satiriker zur Gesellschaft als sehr wertvoll ein, denn Satire ist “the correction of the vices and the follies of the human heart; a woman may, therefore, read it to advantage” (PS 27). Er betont dann nochmals, dass die Satire dabei hilft, der jungen Frau Fehler vor Augen zu führen, und zwar nicht nur die der anderen, sondern vor allem die eigenen “(...) the duty of self knowledge is a very eminent one; (...) We are blinded by pride and self love, and will not observe our own imperfections, which we blame with the greatest acrimony in other people (...)” (PS 27). Er schließt den Diskurs über empfehlenswerte Literatur mit dem wiederholten Verweis, dass der fair reader beim Lesen einer Satire zuallererst ihre eigenen Laster überprüfen soll.

Ein weiteres beliebtes Genre waren sogenannte advice books [9] und conduct books, in denen der Leser zu Frömmigkeit und optimalem Sozialverhalten angehalten wurde:

The early American conduct text (...) contains a formalized description of appropriate behavior, usually gender oriented and always based on the Christian ethic, intended for the inexperienced young adult or other youthful reader.[10]

Die allgemein verbreitete Sorge um die Erziehung des weiblichen Geschlechts veranlasste eine Welle der Veröffentlichungen von conduct books, advice books und didactic essays. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Mrs. Holmes, die weibliche moralische Vertretung in

The Power of Sympathy, in Brief XXIX, Myra, der nahezu perfekt republikanischen jungen Frau, das advice book A Lady of Quality’s Advice to her Children als Lektüre ans Herz legt. Jedoch betont sie die Tatsache, dass Myra dieses Werk keinesfalls als novel lesen soll,

sondern “as a work that speaks the language of the heart and that inculcates the duty we owe to ourselves, to society and the Deity” (PS 53). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Roman diese Kriterien nicht erfüllt.

Mrs. Holmes’ Äußerung repräsentiert die Haltung der Öffentlichkeit zum Roman in der damaligen Zeit, jedoch wurde das Genre durchaus unbarmherziger bewertet als dies Mrs. Holmes hier vornimmt. Schon bevor der erste amerikanische Roman auf den Markt kam, trat man den aus England importierten Vertretern dieser Gattung feindlich entgegen. So fielen auch Größen wie Richardson und Fielding bei den amerikanischen Sittenhütern in Ungnade. Thomas Jefferson erklärte den Roman sogar zu einer nationalen Bedrohung, die das Gehirn vergifte.[11]

Nichtsdestotrotz erlangte der Roman Ende des 18. Jahrhunderts eine unerwartete Popularität. Zunächst einmal mussten sich die Leser mit englischen Romanen begnügen, denn der Schaffung und Etablierung amerikanischer Romane waren einige Hindernisse gesetzt. Die Nation war zu jung, um sich ausgiebig mit eigener Literatur auseinander zu setzen, außerdem mussten sich die Familien in der Neuen Welt erst etablieren und ihren Lebensunterhalt verdienen. Dazu waren handwerkliche Berufe geeigneter. Gelehrte zog es in die Politik. Des Weiteren waren kaum Verleger vorhanden und ein Urheberrecht existierte noch nicht, was den Autoren eines Textes ungeschützt ließ.[12] Trotz vehementer Kritik hatte sich der englische Roman sogar vor dem Erscheinen des ersten amerikanischen Romans 1789 in den USA fest etabliert. Als dann der amerikanische Roman Ende des Jahrhunderts auf der Bildfläche erschien, wurde er zum einen als Imitation des englischen Romans[13], zum anderen als gänzlich misslungener Schreibversuch abgetan. Die harsche Kritik an dem Genre novel an sich, die zunehmende Aversion der moralischen Instanzen, vor allem des Klerus, und die weitverbreitete Zensur machten es dem amerikanischen Romanautoren nahezu unmöglich, auf dem Büchermarkt Fuß zu fassen.[14] So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch The Power of Sympathy, als erster Roman, das Publikum nicht zufrieden stellte und bis heute heftige Kritik einstecken muss: “Clumsily written, with little attention to the nuances of character, and told through a series of letters that do not even bother to respond to each other, America’s first “novel” lacks any memorable novelistic features”.[15]

[...]


[1] Mulford, Carla, ed. The Power of Sympathy by William Hill Brown and The Coquette by Hannah Webster Foster . NY: Penguin, 1996, S. 20. Im Weiteren als PS zitiert.

[2] Brown, Ross Herbert. The Sentimental Novel in America 1789-1860. Durham: Duke University Press, 1949, S. 7.

[3] Willkommen war Sachliteratur, wie politische und philosophische Werke, Predigten und religiöse Traktate, verpönt hingegen Fiktion, vgl. Brown, S. 3.

[4] Fluck, Winfried. „Die Kultur der frühen Republik, 1776-1820“. Länderbericht USA: Geschichte, Politik, Geographie, Wirtschaft, Kultur. Ed. Willi Paul Adams und Peter Lösche. Frankfurt/New York: Campus, 1999, S. 741.

[5] Evans, Gareth. “Rakes, Coquettes and Republican Patriarchs: Class, Gender and Nation in Early American Sentimental Fiction.” Canadian Review of American Studies/Revue Canadienne d’Etudes Americaines 25 (1995): 41-62. 03.08.2007 <http://www.lib.ncsu.edu:2067/ehost/detail?vid=3&hid=101&sid=aaee2411-5c55-4d82-8cd2-65ad30f26e30%40sessionmgr104>.

[6] Vgl. PS, S. xvi-xvii.

[7] François, Duc de la Rochefoucauld veröffentlichte im Jahre 1665 Maximen, die zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tode verändert und erweitert wurden, vgl. PS, S. 246.

[8] Vgl. Fluck, S. 741.

[9] Diese waren ursprünglich dem Mann vorbehalten, richteten sich aber ab Mitte des 18. Jahrhunderts vorwiegend and die Frau, vgl. PS xxix.

[10] Newton, Sarah Emily. “Wise and Foolish Virgins: “Usable Ficiton” and the Early American Conduct Tradition.” Early American Literature 25 (1990):139-167, hier S. 143.

[11] Vgl. Brown, S. 3-4.

[12] Petter, Henri. The Early American Novel. Columbus: Ohio State UP, 1971. Hier S. 5-7.

[13] Der Vorwurf der Imitation erwies sich als durchaus berechtigt, denn aufgrund einer fehlenden eigenen Identität und der immer noch engen kulturellen und sprachlichen Bindung an Europa, sahen sich einige Autoren dazu gezwungen, englische Konzepte zu übernehmen, vgl. Cowie, Alexander. The Rise of the American Novel. NY: American Book Company, 1951, S.3.

[14] Vgl. Cowie, S. 3-7.

[15] Elliot, Emory et al., eds. The Columbia History of the American Novel. NY: Columbia UP, 1991, S. 15.

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Details

Titel
Die Rezeption des Romans in den USA des späten 18. Jahrhunderts dargestellt am Beispiel von William Hill Browns "The Power of Sympathy"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V164291
ISBN (eBook)
9783640791040
ISBN (Buch)
9783640790876
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeption, Romans, Jahrhunderts, Beispiel, William, Hill, Browns, Power, Sympathy
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Die Rezeption des Romans in den USA des späten 18. Jahrhunderts dargestellt am Beispiel von William Hill Browns "The Power of Sympathy", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164291

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