Die gesellschaftlichen Entwicklungen und innerhalb dieser die Entwicklungen in der Paarbeziehung gehen im Verlauf der letzten Jahrzehnte deutlich in Richtung Individualisierung, Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit des Individuums. Ziel dieser Arbeit ist es erstens darzustellen, welche Funktionen der Partner als eine Komponente des Selbstkonzepts für die Konstruktion des Selbst eines Individuums einnehmen kann. Zweitens soll ein Überblick gegeben werden, welche Risiken für das Selbst aus der Partnerschaft heraus entstehen können, wenn diese für die Konstruktion des Selbst eine wesentliche Bedeutung einnimmt. Als Funktionen des Partners in dieser Hinsicht werden die Selbstergänzung durch Selbstwerterhöhung und Stilisierung nach außen, die Bildung der persönlichen Identität sowie das Dienen als Projektionsfläche für Wünsche und Ideale beschrieben. Mögliche Risiken bei der Bewahrung des Selbst werden in der Abhängigkeit vom Partner, dem Selbstbetrug durch Idealisierung des Partners und der Diskrepanz zwischen Anpassung und Ausleben eigener Bedürfnisse identifiziert. Im Falle einer Trennung ist sehr wahrscheinlich mit einem Bruch des Selbstkonzepts zu rechnen, falls dem Partner innerhalb dessen ein großer Raum zugeteilt war. Dieser Bruch bietet die Chance auf Neuorientierung und Selbsterkenntnis mit der Konsequenz der Ausbildung eines veränderten Selbstkonzepts. Abschließend wird als Quintessenz der Abhandlung festgehalten, dass in der heutigen postmodernen Gesellschaft eine stabile Partnerschaft ohne ein solides, vom Partner weitestgehend unabhängiges Selbstkonzept schwer zu realisieren und aufrecht zu erhalten sein wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Abstract
2 Einleitung
3 Die Konstruktion des Selbst
4 Funktionen des Partners für das Selbst
4.1 Selbstergänzung
4.1.1 Steigerung des Selbstwertgefühls
4.1.2 Außengerichtetes Stilmittel
4.3 Projektionsfläche für Wünsche und Ideale
5 Faktoren der Bedrohung des Selbst in der Partnerschaft
5.1 Abhängigkeit vom Partner
5.2 Unbewusster Selbstbetrug durch Idealisierung
5.3 Diskrepanz zwischen Anpassung und eigenen Bedürfnissen
6 Chancen und Risiken im Falle einer Trennung vom Partner
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern der Lebenspartner als wesentliche Komponente das Selbstkonzept eines Individuums beeinflussen kann und welche psychologischen Risiken mit dieser Verknüpfung einhergehen. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Funktionen des Partners zur Selbstergänzung, Identitätsbildung und Projektion sowie auf die Gefahren bei einer Trennung.
- Konstruktion und Dynamik des Selbstkonzepts
- Partner als Instrument zur Selbstergänzung und Selbstwerterhöhung
- Symbolische Bedeutung des Partners als Statussymbol
- Gefahren durch Idealisierung und emotionale Abhängigkeit
- Auswirkungen von Trennungen auf die Stabilität des Selbst
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Steigerung des Selbstwertgefühls
Die in Kapitel 3 vorgestellte Definition nach James (1983) beschreibt das Selbstwertgefühl als die Relation zwischen Erfolgen und Ansprüchen (vgl. S. 296). Je größer die entsprechende Diskrepanz, desto geringer fällt laut Higgins (1987) das Selbstwertgefühl einer Person aus (vgl. S. 334). Gemäß der Theorie des Selbstwertschutzes ist jedoch das Individuum bemüht, den eigenen Selbstwert zu erhalten oder zu erhöhen (vgl. Dauenheimer et al. 2002: 159).
Bezieht man den Partner als Komponente der Selbstergänzung zur Bildung des Selbstkonzeptes mit ein, so kann er als vervollständigendes Merkmal fungieren, indem er stellvertretend die Diskrepanz der eigenen Erfolge mit den Ansprüchen reduziert. Durch Verringerung dieser Diskrepanz mittels des Partners erreicht das Individuum auf diese Weise eine Erhöhung seines subjektiv empfundenen Selbstwerts. Diese Form der Selbstergänzung wird vor allem bei Frauen häufig beobachtet. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass das Selbstwertgefühl von Frauen stark auf der Verbundenheit mit signifikanten Anderen basiert und sie so in stärkerem Maße als das männliche Geschlecht andere Personen in ihr Selbstkonzept einschließen (vgl. Josephs et al. 1992: 399).
Eine weitere Erkenntnis in dieser Hinsicht ist die, dass sehr wohl beide Geschlechter nach sozialer Verbundenheit streben, die Frau allerdings eher als der Mann diese in einer Dyade sucht, wohingegen der Mann sich an einem weiteren sozialen Umfeld nach Selbstwertquellen orientiert (vgl. Baumeister und Sommer 1997: 39). In einer Studie von Schütz konnte beobachtet werden, dass Frauen, die bereits über ein hohes Selbstwertgefühl verfügen, mitunter eine andere Strategie anwendeten, um mithilfe des Partners ihr Selbstwertgefühl zu steigern: Im öffentlichen Kontext traten sie mit dem Partner in Wettstreit und werteten ihre eigene Person in der kompetitiven Darstellung auf seine Kosten auf (vgl. Schütz 2003: 93).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Abstract: Zusammenfassung der Zielsetzung, der untersuchten Funktionen des Partners, der Risiken einer zu engen Bindung und der Chancen einer Neudefinition bei Trennung.
2 Einleitung: Darstellung der gesellschaftlichen Veränderungen durch Individualisierung und der daraus resultierenden Herausforderung für die persönliche Stilbildung und Identität.
3 Die Konstruktion des Selbst: Theoretische Herleitung des Selbstkonzepts als Prozess aus Kognition, Emotion und Motivation unter Einbeziehung von Selbstbild und Selbstwert.
4 Funktionen des Partners für das Selbst: Analyse, wie der Partner als Komponente zur Selbstergänzung, Identitätsbildung und als Projektionsfläche für Wünsche fungiert.
4.1 Selbstergänzung: Erläuterung der Theorie, dass der Partner als Symbol zur Schließung von Lücken im Selbstkonzept dienen kann.
4.1.1 Steigerung des Selbstwertgefühls: Untersuchung der reduzierten Diskrepanz zwischen Ansprüchen und Erfolgen durch die Partnerbindung.
4.1.2 Außengerichtetes Stilmittel: Analyse des Partners als Statussymbol und dessen Bedeutung für das soziale Ansehen.
4.3 Projektionsfläche für Wünsche und Ideale: Beschreibung der Übertragung von eigenen, nicht erreichten Idealen auf den Partner.
5 Faktoren der Bedrohung des Selbst in der Partnerschaft: Darstellung der Gefahren für das symbolische Ich durch Abhängigkeit, Selbsttäuschung und Anpassungsdruck.
5.1 Abhängigkeit vom Partner: Untersuchung der Risiken bei einer zu starken Koppelung des eigenen Wertes an die Paarbeziehung.
5.2 Unbewusster Selbstbetrug durch Idealisierung: Erläuterung der Gefahren, die aus der Aufrechterhaltung einer Scheinrealität durch Idealisierung entstehen.
5.3 Diskrepanz zwischen Anpassung und eigenen Bedürfnissen: Analyse der Folgen von Selbstverstellung aus Angst vor Beziehungsverlust.
6 Chancen und Risiken im Falle einer Trennung vom Partner: Bewertung der Trennung als sowohl traumatische Erschütterung als auch als Chance zur Neudefinition des Selbst.
Schlüsselwörter
Selbstkonzept, Partnerschaft, Selbstergänzung, Selbstwertgefühl, Identitätsbildung, Projektion, Abhängigkeit, Idealisierung, Trennung, Stilbildung, Selbstbild, Beziehungsdynamik, Individuum, Selbsttäuschung, Postmoderne Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die psychologische Rolle des Lebenspartners als aktive Komponente bei der Konstruktion des eigenen Selbstkonzepts und untersucht die daraus resultierenden wechselseitigen Dynamiken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die psychologischen Modelle des Selbst, die Funktionen der Partnerschaft (Selbstergänzung, Projektion), sowie die Risiken emotionaler Abhängigkeit und Idealisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein Partner als "Stilmittel" oder Komponente der Selbstvervollständigung eingesetzt wird und welche Risiken für das Individuum entstehen, wenn die Partnerschaft zu einer zentralen Säule des Selbst wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine theoretische Analyse psychologischer und soziologischer Literatur, um Modelle zur Selbstkonstruktion in den Kontext von Partnerschaftsbeziehungen zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die stützenden Funktionen des Partners als auch die spezifischen Gefahren bei der Bedrohung des "symbolischen Ichs" in der Partnerschaft sowie der Umgang mit Trennungen beleuchtet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstkonzept, Selbstwertgefühl, Selbstergänzung, Projektion und die Herausforderung der Neudefinition des Selbst nach einer Trennung.
Inwiefern beeinflusst das Geschlecht die Selbstergänzung?
Die Arbeit weist darauf hin, dass Frauen häufiger zur Dyadenbildung neigen und ihr Selbstkonzept stärker auf die Verbundenheit mit dem Partner ausrichten als Männer, die sich eher an einem weiteren sozialen Umfeld orientieren.
Was passiert, wenn die Idealisierung des Partners auffliegt?
Das Auffliegen der Idealisierung kann zu einem entwurzelnden Moment führen, da das Individuum erkennt, dass es sich selbst getäuscht hat, was die Neukonzeption des Selbst massiv erschweren kann.
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- Jasmin Dittmar (Autor), 2010, Der Partner als Komponente des Selbstkonzepts, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164334