Die Verlegung einer Hauptstadt - Ein geostrategischer und politischer Schachzug

Eine wissenschaftliche Untersuchung an Hand des Beispiels Astana


Bachelorarbeit, 2009
58 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1.Einleitung
1.1 Vorschungsstand und Materiallage
1.2 Definitionen
1.2.1 Hauptstadt
1.2.2 Geostrategie

2. Kasachstan und seine Bevölkerung
2.1 Territorium
2.2 Einwohner & Religion
2.3 Wirtschaft
2.3.1 Erdöl und Erdgas

3. Geschichtlicher Rückblick Kasachstans
3.1 Horden, Business-Klans und Regionen
3.2 Business-Klans
3.3 Regionen
3.4 Kasachstan in der Sowjetzeit

4. Der Aufstieg Nasarbaevs
4.1 Innenpolitik unter Präsident Nasarbaev

5. Außenpolitische Beziehungen
5.1 Politische Beziehungen zu Russland
5.2 Politische Beziehungen zu China
5.3 Politische Beziehungen zum Westen

6. Die Hauptstadtverlegung: Eine neue Repräsentation des Staates Kasachstan
6.1 Geschichte der Hauptstadt
6.2 Haupstadtverlegungen
6.4 Exkurs: St. Petersburg
6.3 Astana- von der besetzten Stadt zur Hauptstadt

7. Die Verlegung einer Hauptstadt – ein geostrategischer Schachzug?

8. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Eine Hauptstadt zu erschaffen heißt, der Geschichte einer Nation ein neues Kapitel hinzuzufügen.“[1]

Am 20. Oktober 1997 wird Astana die neue Hauptstadt der Republik Kasachstan.[2] Damit wird das im Süden gelegene Almaty von seinen Funktionen als wirtschaftliches und politisches Zentrum offiziell enthoben. Bei der Verlegung einer Hauptstadt handelt es sich, was das eingangs angeführte Zitat unterstreicht, um ein Ereignis von entscheidender historischer Bedeutung. So reichen die Motive von regionalplanerischen Ausgleichsbemühungen, über autokratische Selbstverwirklichungsphantasien bis hin zu geomantischen Bedrohungsgefühlen.[3]

Was aber sind die Gründe für die Verlagerung in Kasachstan?

Dieses Ereignis ist in verschiedenen Kontexten zu betrachten und zu interpretieren, was sich die vorliegende Arbeit zur Aufgabe macht. Dazu ist es nötig die Bedeutung, die Aufgabe und die Eigenschaften einer Hauptstadt ganz allgemein zu erörtern und diese in Relation zu den nationalen geostrategischen Zielen zu setzen. Zuvor ist eine ausführliche Nennung der Rahmenbedingung im Bezug auf, unter anderem, die Geschichte, die Bevölkerung und die internationalen Beziehungen vorzunehmen, da diese helfen ein Profil des Landes zu erstellen.

Im Vergleich zu anderen Hauptstadtverlegungen der jüngeren Geschichte fällt es im Fall Kasachstan schwer umfangreich begründende und befriedigende Motive zu nennen, die zum einen Akmola[4], bzw. Astana als neue Hauptstadt prädestiniert und zum anderen Almaty als Hauptstadt nicht länger ausreichend erscheinen lassen.

Dieser Umstand bewegt die Forschung zur Untersuchung anderer Beweggründe, die im Umfeld des dominierenden Präsidenten und seiner Zielsetzungen und Motivationen zu suchen sind. Diese Thematik ist und muss Gegenstand dieser wissenschaftlichen Arbeit sein und wird durch die ausführliche Darstellung der politischen Veränderungen der Jahre nach 1990 in Kapitel 4 betrachtet.

Zur Einschätzung der genannten Faktoren der Hauptstadtverlegung, die teilweise ihre Wurzeln in der Geostrategie haben, ist ein Vergleich mit einer anderen Hauptstadtverlegung von Interesse und bei der Bewertung dieses Untersuchungsgegenstandes von Bedeutung. Dieser Vergleich wird am Beispiel St. Petersburg im sechsten Abschnitt dieser Arbeit angestellt. Zuvor wird noch die Geschichte der Hauptstadt beleuchtet. Fragen wie: Seit wann existieren Hauptstädte und warum sind sie entstanden? Werden behandelt. Kapitel 6.2 setzt sich konkret mit Hauptstadtverlegungen in der Geschichte kurz auseinander.

Internationale Beziehungen Kasachstans auf politischer und wirtschaftlicher Ebene sind ebenfalls Gegenstand der Betrachtungen und werden an den Fällen Russlands, Chinas und der westlichen Länder untersucht, da bei diesen Interdependenzen ein großer Einfluss auf die Politik und die Entwicklung des Landes zu konstatieren ist.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit ist der Umzug der kasachischen Hauptstadt abgeschlossen. Die Gestaltung der Stadt, die ganz besonders dem Anspruch der Repräsentation Kasachstans genügt, ist international ausgeschrieben und von japanischen Architekten durchgeführt worden. Das zeitweilige Bild einer modernen Geisterstadt hat sich nun allmählich mit Leben gefüllt und neben Staatsdienern und den hier ursprünglich lebenden Kasachen und Russen finden Mitarbeiter der durch Investitionsanreize angelockten Unternehmen aus In- und Ausland einen neuen Mittelpunkt ihres Lebens und des Landes.

1.1 Forschungsstand und Materiallage

Zu der Thematik Kasachstan existieren wertvolle Vorarbeiten zur Geschichte und zur aktuellen Situation. Große Aufmerksamkeit in der Literatur hat Kasachstan für seine neue geostrategische Bedeutung um das Kaspische Meer erhalten. Diese Materie wird von Dominique Böhme in „Die geostrategische Bedeutung des Raumes um das Kaspischen Meer im 21. Jahrhundert“ aufgearbeitet und bietet darüber hinaus hilfreiche Informationen zu den Machtstrukturen in Kasachstan.

Jedoch gibt es kaum wissenschaftliche Artikel, die sich explizit dem Themengebiet der Hauptstadtverlegung in Kasachstan widmen. Bisher ist hier nur ein kurzes Essay „Astana – der Traum des Präsidenten in der Steppe Kasachstans“ von Beate Eschment erschienen. Viele Autoren erwähnen die Hauptstadtverlegung in einem kurzen Nebensatz ohne weiter auf die Thematik einzugehen. Es existieren jedoch eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten, die sich allgemein dem Thema Hauptstadt und Hauptstadtverlegungen zuwenden. Zu nennen wären hier die Aufzeichnungen von Kristof Dascher, der sich vor allem der Verlegung der Hauptstadt von Bonn nach Berlin widmet. Einen wertvollen Beitrag leistet auch Wolfgang Sonne, der die Hauptstadtplanungen von 1900 bis 1914 untersucht. Die verschiedenen Begriffserklärungen zur Hauptstadt sind unterschiedlich zu beurteilen. So bietet Friedrich Metz als Erster eine Synopse des Themas Hauptstadt. Metz führt zwar an das Thema heran, doch leider sind seine Aufzeichnungen veraltet und nur noch bedingt von Wert. In der Vielzahl der Definitionen erweist sich die Zusammenfassung von Jens Kröger als hilfreich. Aufschlussreich ist auch der Beitrag von Jens Kirsch „Hauptstadt/ Zum Wesen und Wandel eines nationalen Symbols“, der sich im Gegensatz zu Metz, Kröger und Dascher, in seinen Arbeiten explizit dem Phänomen der Hauptstadtverlegung widmet.

Zur Geopolitik bzw. Geostrategie gibt es in der deutschen Literatur wenige Einblicke, die für diese Betrachtung relevant sind. Ausführlich widmet sich Heinz Brill in seinem Buch „Geopolitik –Deutschlands Chance?“ dem Stand der Forschung und der Aufgabe der Geopolitik. Allgemein herrscht kein Konsens über Definitionen der Geopolitik und Geostrategie und was sie zum Inhalt haben. Viele Erklärungsversuche scheinen unvollständig oder sind für die vorliegende Arbeit nicht anwendbar. Hervorragend eignet sich die Studie in Webster’s New Encyclopedic 1990, da sie die Geopolitik nicht nur auf die Außenpolitik eines Staates beschränkt. Vor allem aber wird in der Arbeit mit den Erläuterungen aus Meyers Lexikon gearbeitet, da sie alle wichtigen Kernelemente zur Geostrategie beinhalten.

Zur kasachischen Innen- und Außenpolitik und Kasachstan in der Sowjetzeit findet man eine unüberschaubare Anzahl an Untersuchungen. Einen ersten sehr guten Überblick geben Roland Götz und Uwe Halbach mit ihrem „Politischen Lexikon GUS.“

Zu den Entwicklungen in Kasachstan in den letzten Jahren wurden für diese Arbeit vor allem die Veröffentlichungen von Sally Cummings verwendet, sowie die Untersuchungen von Rolf Peter „Zwischen Konflikt und Kalkül“.

Bei der Recherche ist oft festgestellt worden, dass Angaben aus der deutschsprachigen Literatur nicht immer übereinstimmen. Das betrifft vor allem die Angaben zu den Jahreszahlen. Für die Arbeit werden teilweise offizielle russische Internetseiten benutzt, um aktuelle Daten und Zahlen aus Kasachstan zu erhalten.

1.2 Begriffsdefinitionen

1.2.1 Hauptstadt

In der Literatur gibt es keine einheitliche Definition, was unter dem Begriff Hauptstadt verstanden werden kann. So ist die nationale und internationale Hauptstadtforschung, die bei Friedrich Metz in den zwanziger Jahren begonnen hat, zu keiner klaren Definition des Hauptstadtbegriffes gekommen.[5] Jedoch ist man sich einig, welche Eigenschaften eine Hauptstadt ausmachen. Optimale Merkmale der Hauptstadt nach Metz werden wie folgt zusammen gefasst[6]:

Die Hauptstadt soll:

1. die politische Mitte des Staates sein;
2. den Staat repräsentieren;
3. von allen Teilen des Landes ohne Schwierigkeiten erreichbar sein und nach außen gleichmäßig ausstrahlen können, damit regional verschiedene Interessen kompensiert werden können;
4. ein Wahrzeichen für die Eigenart des Staates und des Staatsvolkes sein;
5. weiterhin die zentrale Kontaktstelle mit den Staaten weltweit sein;
6. Verantwortung für den Schutz des Staatsbürgers tragen können;
7. die zentrale Pflegestätte für Traditionen sein.

Neben diesen Merkmalen sind noch Einrichtungen und Gebäude wie die Residenz des Staatsoberhauptes, Botschaften, Presseagenturen, Banken, internationale Hotels, Hochschulen, Theater und Museen bedeutende Kennzeichen einer Hauptstadt. Diese Bestimmungen von Metz gehen allerdings auf das Jahr 1920 zurück und können teilweise als veraltet angesehen werden. Anders dagegen definiert Jean Gottmann den Hauptstadtbegriff: “A capital city is the seat of central government of a separate political unit. “[7] Damit ist der Begriff “Hauptstadt” politisch definiert und nimmt ein Charakteristikum an, das sie von anderen Städten unterscheidet.[8] Auch diese Definition ist weniger geeignet, da sie recht einseitig den Hauptstadtbegriff definiert.

Neben der politischen Geographie nach Metz, verweist Gottmann auf die Bildung von Regierungsbezirken, die eine entscheidende Rolle in der Hauptstadt spielen: “Capitals differ from other cities: the capital function secures strong and lasting centrality; it calls for a special hosting environment to provide what is required for the safe and efficient performance of the functions of government and decision-making characteristic of the place. “[9] Für ihn hängt auch das Funktionieren der Politik von der Ruhe und Beständigkeit des Standorts ab. So Gottmann: “The belief seems well entrenched in the human mind that the political process needs stability and security and it may be safer, more virtuous, and more efficient in a well-planned sort of political ivory tower.”[10] Beispiele hierfür sind die Residenzen Versailles oder Sanssouci. Neben diesen Hauptstadteigenschaften, sollen Hauptstädte vor allem „den politischen Willen nach außen repräsentieren.“[11] Die Architektur von politischen Einrichtungen soll symbolisch nach außen getragen werden. Der belgische Architekt Hubert Marcq formuliert das folgendermaßen: “L’étude porters à donner aux quartiers de l’administration du pays, pour la ville capitale, un point intéressant par l’ampleur et la majesté; ce quartier sera bien placé, au point le plus culminant, si le terrain le permet, où l’on arrivera par de larges boulevards verdoyants. Sur une éminance dominat tout, on placera le palais de la législation: le capitole.”[12] Majestätisch soll das Verwaltungsviertel sein, auf einem Hügel gelegen. Auf großen Boulevards soll man es erreichen können und überragt werden von einem Kapitol.

Es gibt also eine ganze Reihe von Ansätzen den Hauptstadtbegriff zu bestimmen und welche Attribute sie auszeichnen. Oft besteht die Vorstellung, die Hauptstadt soll die größte Stadt des Landes sein. So stellt Kristof Dascher fest: „Insgesamt scheint die Hauptstadtrolle der größten Stadt die Regel.“[13] So verfügt Südafrika über drei Hauptstädte, aber Johannesburg, die größte Stadt des Landes, gehört nicht dazu. Prüft man nun, inwieweit die oben genannten Anforderungen auf die Hauptstädte anwendbar sind, wird schnell deutlich, dass nicht viele Hauptstädte den Ansprüchen gerecht werden. So sind beispielsweise viele Hauptstädte Hafenstädte, zu nennen sind hier Ankara, London oder Tokyo.

Peter Iblher filtert aus den Kriterien und Begriffen eine geeignete Hauptstadtdefinition heraus. „Hauptstadt ist demnach die territoriale Einheit, die andere Städte zumindest im Hinblick auf einen der drei Funktionsbereiche Politik, Wirtschaft und Integration aufgrund der Zahl und Qualität der in ihr ansässigen Einrichtungen übertrifft.“[14] Er fügt außerdem hinzu, dass es für einen modernen Staat wichtig ist, dass eine Hauptstadt dazu bestimmt wird Hauptstadt zu sein.[15] Ohne diesen Hoheitsakt wäre Astana niemals Hauptstadt geworden.

1.2.2 Geostrategie

Der Begriff der Geostrategie fällt unter den Begriff der Geopolitik, sie gilt als „jüngere Schwester“ der Geopolitik.[16] Es gibt verschiedene Auffassungen darüber, was Geopolitik und Geostrategie zum Inhalt haben. „Der Begriff der „Geopolitik“, der bis zum Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Rolle in der politischen Publizistik, in der Geographie und der Geschichtswissenschaft gespielt hat, war nach 1945 in öffentlichen Diskussionen über internationale Beziehungen insbesondere in Deutschland lange tabuisiert.“[17] Der Begriff wird von der Führung des Dritten Reichs missbraucht und hinterlässt in Deutschland bis heute starke Berührungsängste. Seit den 80er Jahren erlebt die Geostrategie eine Renaissance und stellt in der politischen Theorie und Praxis ein wiederentdecktes Arbeitsfeld dar.

Gerd Weidenhausen fasst die Geopolitik wie folgt zusammen: „Geopolitik als Raumpolitik ist seit Friedrich Ratzel, Rudolf Kjellén, Halford Mackinder, Nicholas Spykman und Karl Haushofer eine Ende des 19. Jahrhunderts aus der Geographie hervorgegangene Herrschaftswissenschaft, deren Prämissen auf einer Verbindung von Raum und Ethnie, Macht- und Territorialpolitik und der Vorstellung des Überlebenskampfes der Nationen im Wettstreit um Raum, Ressourcen und Einfluss beruhen.“[18]

Der Begründer der deutschen geopolitischen Schule, Karl Haushofer, sieht in der Geopolitik das Studium der Auswirkungen der geographischen Lage auf die Politik der Nation. In Deutschland gibt es seit Haushofer mehrere Versuche die Geopolitik wiederzubeleben, auch ist es Ulrich Noack und Adolf Grabowsky nicht gelungen sie zur „politischen Hilfswissenschaft und bloßen Methode“[19] zu machen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, Großbritannien oder den USA, hat sie in der Bundesrepublik wenig wissenschaftliche Bedeutung. Eine Definition aus heutiger Sicht geben Klaus Schubert und Martina Klein, indem sie die Geopolitik wie folgt definieren: „Wissenschaftliches Bemühen, bestimmte Aspekte der Geographie, Geschichte, Bevölkerungs- und Staatswissenschaft zur Erklärung des Verhältnisses zwischen Raum und Politik zu nutzen.“[20] Diese Definition ist kurz und übersichtlich, doch vergisst sie die Aspekte der Wirtschaft, die ebenfalls einen wesentlichen Einfluss auf die Politik eines Staates nimmt. Treffender ist hier die Definition aus Webster’s New Encyclopedic Dictornary 1990: „Geopolitik ist die Untersuchung des Einflusses von Faktoren wie Geographie, Ökonomie und Bevölkerungszahl auf die Politik, insbesondere die Außenpolitik.“[21] Und damit stellt sich auch das erste Problem der Geopolitik. In der Literatur wird weitestgehend die Geopolitik in Verbindung mit Außen- und Sicherheitspolitik gebracht. Es werden Epochenbegriffe von den Führungsmächten USA und Großbritannien wie „Balance of Power“ und „Containment-Politik“ geprägt. Auch die französische Doktrin der „natürlichen Grenzen“, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgt wird, ist im internationalen Kontext zu sehen und spielt auch heute noch eine Rolle im französischen Sicherheitsdenken.[22]

Geopolitik wird vor allem als Politik eines Staates in der Welt verstanden und erklärt. Für Andrea Riemer ist vor allem der „Krieg gegen den Terror“ das konzeptprägende Thema der modernen Geopolitik.[23]

Hier in der vorliegenden Arbeit soll nun aber die geostrategischen Aspekte für die Verlegung einer Hauptstadt, also Astanas, untersucht werden. Fraglich ist nun, ob der Begriff der Geostrategie auch auf diesen Sachverhalt anwendbar ist? Zunächst wird noch einmal festgehalten, dass Geostrategie unter den Begriff der Geopolitik fällt.

Findet sich keine einheitliche Begriffserklärung zur Geopolitik, findet sich auch keine allgemeine Definition für Geostrategie. Viele Erklärungen unterstreichen die Kombination von strategischen Betrachtungen mit geopolitischen Faktoren. So erklärt Meyers Lexikon die Geostrategie als „Komponente der Gesamtstrategie eines Staates, eines Staatenbündnisses beziehungsweise einer Mächtegruppierung, mit der politische, wirtschaftliche und militärische Interessen zu den Geofaktoren (geografische Lage, Bodenschätze, Klima) in Beziehungen gesetzt werden. In der Geostrategie kommt es darauf an, die Geofaktoren für die Erreichung eigener Ziele zu nutzen.“[24] Zu untersuchen gilt, welche Faktoren die Verlegung der Hauptstadt beeinflusst haben und wer welche Ziele mit Hilfe von Geofaktoren nutzt. Die Definition aus Meyers Lexikon scheint sich am besten für eine Analyse zu eignen. Durch die Aufspaltung der Geostrategie in einzelne Geofaktoren, die im Laufe der Arbeit untersucht werden sollen, lässt sich am besten Nachvollziehen aus welchen Gründen die Hauptstadt verlegt wurde. Folgende Grafik zur Geostrategie soll einen kurzen Überblick über die möglich entscheidenden Faktoren geben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das obere Schaubild soll die Systematik der Geostrategie, wie sie dieser Arbeit zugrunde liegt, veranschaulichen. Die Geostrategie wird dabei in die Gesamtstrategie eines Staates bzw. eines Staatenbündnisses eingegliedert. Im Bezug auf die Relation zu dieser Arbeit wird nur die Strategie eines Staates, explizit Kasachstans, untersucht und dabei auf die Verlegung der Hauptstadt im Kontext der Geostrategie geachtet. Diverse Interessen haben dabei Einfluss auf die Entscheidungsfindung darüber, was das Ziel bzw. was die Ziele des Staates, respektive der Geostrategie sein sollen. Hier seien allgemein die politischen, die wirtschaftlichen und die militärischen Interessen genannt. Zur Erreichung der genannten Ziele gilt es die Geofaktoren zu nutzen. Zu untersuchen gilt im Folgenden, welche wirtschaftlichen, militärischen und politischen Interessen die Verlegung der Hauptstadt gefördert haben? Ein Faktor, der nicht ausdrücklich in der Definition zur Geostrategie genannt wird, ist die Umwelt. Sie soll auf Grund ihrer Bedeutung jedoch mit in die Grafik eingefügt werden.

Fraglich bleibt, welche Geofaktoren auf die Wahl des neuen Hauptstadtstandortes eingewirkt haben. Hat beispielsweise der Faktor Klima Einwirkungen auf die Wahl Astanas und fördert das mildere Klima die Verwirklichung der wirtschaftlichen Interessen?

2. Kasachstan und seine Bevölkerung

2.1 Territorium

Im Zentrum des eurasischen Kontinents gelegen ist Kasachstan mit einer Fläche von 2,7 Millionen km² das neungrößte Land der Erde.[25] Die Republik erstreckt sich vom 47 bis zum 87 Grad östlicher Länge und vom 41 bis zum 55 Grad nördlicher Breite, von der Wolga im Westen bis zum Altai-Gebirge im Osten. Im Süden bildet der Tien Shan-Gebirgszug, der Aralsee und die Kysylkum-Wüste die natürliche Begrenzung, während im Norden vor allem das Bild der Steppenlandschaft dominiert und ohne natürliche Grenze in das Westsibirische Tiefland hineinreicht. Im Norden und Westen grenzt Kasachstan an Russland, im Südosten an die Volksrepublik China, und im Süden an Kirgistan, Usbekistan und Turkmenistan. Das Kaspische Meer bildet die südwestliche Grenze. Die größten Flüsse, die auch für die kommerzielle Schifffahrt genutzt werden können, fließen nicht durch das Landesinnere sondern verstärkt an den Randbereichen des Landes. Hierzu zählen die Irtysch, Ischim und Tobol. Im Zentrum Kasachstan dominieren abflusslose Flüsse, die im Sommer vorwiegend trocken liegen.

Die neue Hauptstadt Astana liegt territorial im Oblast Akmola und damit im nördlichen Zentralkasachstan, am Ufer des Ischim. Der Oblast Almaty mit seiner ehemaligen Hauptstadt Almaty liegt im äußersten Südosten des Landes.[26] Almaty liegt am Hochgebirge Transili-Alatau. Die Stadt ist durch die bergige Umgebung territorial nicht weiter ausbaufähig und gilt als akut erdbebengefährdet.[27] Zahlreiche diplomatische Vertretungen stellen auf ihren Seiten Anleitungen für das Verhalten bei Erdbebengefahr zur Verfügung. 1887 und 1911 wird die Stadt fast vollkommen von Erdbeben zerstört.[28]

Das letzte starke Beben erfolgt am 01.12.2003 und fordert mit einem Wert von 5,9 auf der Richterskala einige Tote und Verletzte. Das Epizentrum liegt nur 250 km von Almaty entfernt.[29] Naturkatastrophen können die Entscheidung für die Verlegung der Hauptstadt rechtfertigen.

Ein weiteres Problem in Almaty ist die räumliche Begrenztheit. Im Süden umschließt die Bergkette Alatau, was zu Deutsch scheckige Berge heißt, die ehemalige Hauptstadt. Hier versucht man in den letzten Jahren die Berghänge zu bebauen weil kein Platz für das Wachstum der Stadt zur Verfügung steht. Ein Ausbau der Stadt nach Norden würde ebenfalls theoretisch in Frage kommen, jedoch nur auf Kosten der Agrarflächen, die die Nahrungsversorgung der Menschen gewährleisten und somit diese Möglichkeit der Ausweitung unmöglich werden lassen. Eine Ausdehnung der Stadt nach Westen und Osten ist ebenfalls nicht ausführbar, da sich hier die Städte Kaskelen und Talgar befinden und nicht viel freien Raum bereithalten.

Hinzu kommt, dass der Generalplan der Stadt Almaty eine Bevölkerung von 400.000 Einwohnern vorsieht, mittlerweile hat Almaty längst die Millionen Grenze überschritten und leidet an demografischer Überforderung.[30] Kein Platz für Menschen, kein Platz für Industrie, kurzum: die Stadt kann sich nicht weiterentwickeln. Sie gibt als Stadt keine neuen Impulse. Von Fortschritt keine Spur. Im Gegensatz dazu bietet Astana genügend Platz für Bevölkerungswachstum, stellt eine moderne leistungsstarke Infrastruktur zur Verfügung und bietet eine gefahrenfreie Umgebung.

Erschwerend für Almaty für ist, dass hier ein gravierendes Umweltproblem vorherrscht. Eine Überzahl an veralteter Autos und Lastkraftwagen drängt sich Tag für Tag durch die dreispurigen Straßen, ein Bild, dass man immer wieder in Ländern der ehemaligen Sowjetunion vorfindet. Eine andere Problematik stellt die Radioaktivität in der einstigen Hauptstadt dar. Durch die in Lop Nor stattfindenden Atomwaffentest, aber auch durch die Deponien aus der Sowjetzeit, ist die Belastung in Almaty ungewöhnlich hoch.[31]

Nun könnte man argumentieren, dass auch viele andere Hauptstädte mit starker Luftverschmutzung, einem Erdbebenrisiko und Verkehrsüberlastung zu kämpfen haben, dort aber eine Hauptstadtverlegung nicht erwogen wird. Als Beispiel sei hier Tokyo genannt, dass die genannten Probleme ebenso aufweist. Ob dies die einzigen Gründe für die Verlagerung der Hauptstadt sind, wird sich im weiteren Verlauf der Arbeit zeigen.

Kasachstan gliedert sich administrativ in 14 Verwaltungsgebiete (Oblasti): Almaty, Zhambyl, Südkasachstan, Kyzylorda, Mangystau, Atyrau, Westkasachstan, Aktobe, Kostanaj, Nordkasachstan, Pawlodar, Akmola, Ostkasachstan und Karaghandy.[32] Astana und Almaty haben als Städte dabei einen eigenen administrativen Status und gehören nicht zu den Oblasti. Eine Sonderrolle nimmt der Sonderbezirk Baikonur ein, der nicht zu den 14 Oblasti zählt. Der Präsident setzt die einzelnen Gouverneure (Akim) ein, die mit ihrer Gebietsregierung (Akimat) das Territorium selbständig leiten. Die Gebiete und die beiden gebietsfreien Städte sind in 167 Kreise (Rajons) unterteilt, wobei jeder Rajon wiederum seinen Akim und ein Akimat besitzt.[33]

Neben der Oblasti lässt sich Kasachstan auch in drei große Regionen aufteilen, die durch eine Steppenlandschaft im Kern des Landes getrennt werden. Im Süden, an der einstigen Seidenstraße, befindet sich Almaty. Die zweite Region, der Norden, wird mit den Stadtgründungen zur Zarenzeit und zur Sowjetzeit entlang der transsibirischen Eisenbahnlinie besiedelt und ist bis zum Hauptstadtumzug mehrheitlich russisch geprägt. In diesem Siedlungsgebiet liegt Astana verhältnismäßig weit im Süden. Die dritte Region, mit der Stadt Atyrau, befindet sich im Westen des Landes Nahe dem Kaspischen Meer. Bedeutung hat diese Region vor allem durch die Ölfelder.

Mit der Verlegung der Hauptstadt kommt es nun zu einem Ausgleich. Astana liegt an einem strategisch wichtigen Punkt. Von dort aus ist eine schnelle Verknüpfung mit umliegenden Provinzen möglich. Zudem liegt Astana an der Schnittstelle bedeutender Transportmagistralen des Landes.[34]

Der Osten, vor allem das Gebiet Semipalatinsk, ist durch die Kernwaffentests der Sowjetunion radioaktiv verseucht. Zwischen 1949 und 1991 werden in Semipalatinsk 456 nukleare Tests durchgeführt.[35] 1991 wird das Gelände geschlossen, jedoch leidet die Bevölkerung unter Gesundheitsschäden und der Verseuchung von Böden und Gewässern.[36] Eine Verlegung der Hauptstadt in dieses Gebiet wird von vornherein ausgeschlossen.

Durch die Verlegung der Hauptstadt, ist es für Präsident Nasarbaev besser möglich, das riesige Land von einem zentral gelegenen Ort aus zu verwalten und so regierbarer zu machen. Desweiteren können die wirtschaftlichen und politischen Prozesse zwischen den einzelnen Gebietskörperschaften des Landes besser koordiniert werden. Man verspricht sich weiterhin von der Hauptstadtverlegung, dass die Entwicklung der rohstoffreichen zentralen und nordkasachischen Regionen fortan neue Impulse bekommen.

Wie die Karte 1[37] demonstriert befinden sich die Kohlvorkommen in Kasachstan im Norden des Landes, so zum Beispiel das Steinkohlen-Tagebaurevier bei Ekibastus. Vorwiegend Kokskohle wird um Karaganda gefördert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Nazarbaev: Im Herzen Eurasiens. J & D Dagyeli Verlag 2006. S. 9

[2] Ebd. S. 43

[3] Vgl. Kirsch, Jens: Hauptstadt/ Zum Wesen und Wandel eines nationalen Symbols. LIT 2005. S. 9

[4] Ursprünglicher Name Astanas

[5] Vgl. Engler, Harald: Die Finanzierung der Reichshauptstadt. Walter de Gruyter 2004. S. 5

[6] Vgl. Schwind, Martin; Schmithüsen, Josef; Obst, Erich: Lehrbuch der allgemeinen Geographie. Walter de Gruyter 1972. S. 159.

[7] Sonne, Wolfgang: Hauptstadtplanungen 1900-1914/ Die Repräsentation des Staates in der Stadt. Abhandlung zur Erlangung des Titels Doktor der technischen Wissenschaften. Dissertation ETH Nr. 14098 2001. S. 5

[8] Vgl. ebd.

[9] Ebd.

[10] Dascher, Kristof: Warum sind Hauptstädte so groß? Eine ökonomische Interpretation und ein Beitrag zur Geographie der Politik. Heft 502 Dunker & Humblot 2000. S. 145

[11] Ebd. S. 17

[12] Sonne, Wolfgang: Hauptstadtplanungen 1900-1914. S. 7

[13] Dascher: Warum sind Hauptstädte so groß? S. 18

[14] Krüger, Jens: Die Finanzierung der Bundeshauptstadt Bonn. Walter de Gruyter 2006. S. 13

[15] Ebd.

[16] Vgl. Böhme, Dominique: Die geostrategische Bedeutung des Raumes um das Kaspische Meer im 21. Jahrhundert. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Dr. rer. Pol. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock 2007. S. 24

[17] Brill: Geopolitik Heute. Deutschlands Chance? Ullstein 1994. S. 20

[18] http://www.diedrei.org/Heft_4_08/04%20Weidenhausen-Geopolitik.pdf (20.11.2008/15:00Uhr)

[19] Vgl. Brill, Heinz: Geopolitik Heute. Deutschlands Chance? Ullstein 1994. S. 24

[20] Schubert, Klein: Politiklexikon. Bundeszentrale für politische Bildung, J.H.W. Dietz 2006. S. 120

[21] Vgl. Brill, Heinz: Geopolitik Heute. Deutschlands Chance? Ullstein 1994. S. 20

[22] Vgl. ebd. S. 88

[23] Vgl. Riemer, Andrea K.: Geopolitik und Strategie am Beginn des 21. Jahrhunderts. Peter Lang 2006. S.162

[24] http://lexikon.meyers.de/wissen/Geostrategie (20.11.2008/ 17:01Uhr)

[25] Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/01-Laender/Kasachstan.html (01.12.2008, 13:26Uhr)

[26] Vgl. Eschment, Beate: Astana- der Traum des Präsidenten in der Steppe Kasachstans., in Zeitschrift für Weltgeschichte 2001. S. 99

[27] Vgl. Strohbach, Dr. Uwe: Kasachstan/ Wirtschaftsprofil der neuen Hauptstadt Astana, Bundesstelle für Außenhandelsinformationen 1999. S. 6

[28] Vgl. Eschment, Beate: Astana- der Traum des Präsidenten in der Steppe Kasachstans. S. 99

[29] Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik,

www.zamg.ac.at/fix/geophys/K03-12.pdf, 17.12.09, 12Uhr

[30] vgl. Nazarbaev, Nursultan: Im Herzen Eurasiens. S. 44

[31] Vgl. Eschment, Beate: Astana- der Traum des Präsidenten in der Steppe Kasachstans. S. 99

[32] Vgl. Schreiber, Dagmar: Kasachstan entdecken. Trescher Verlag 2003. S. 59

[33] Vgl. ebd.

[34] Vgl. Strohbach, Dr. Uwe: Kasachstan/ Wirtschaftsprofil der neuen Hauptstadt Astana, Bundesstelle für Außenhandelsinformationen 1999. S.6

[35] Vgl. Shiryayev, Boris: Großmächte auf dem Weg zur neuen Konfrontation/ Das „Great Game“ am Kaspischen Meer: eine Untersuchung der neuen Konfliktlag am Beispiel Kasachstan. Schriften zur internationalen Politik Band 24. Verlag Dr. Kovač 2008. S. 49

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. Bahro, Gundula/ Lindemann, Inge, Teuer bezahlter Reichtum/Umweltzerstörung am Kaspischen Meer. in: Sapper, Manfred; Weichsel, Volker; Huterer, Andrea (Hrsg.), Machtmosaik Zentralasien 2007. Einschub IV

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Details

Titel
Die Verlegung einer Hauptstadt - Ein geostrategischer und politischer Schachzug
Untertitel
Eine wissenschaftliche Untersuchung an Hand des Beispiels Astana
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik und Verwaltungswissenschaften)
Autor
Jahr
2009
Seiten
58
Katalognummer
V164433
ISBN (eBook)
9783640795161
ISBN (Buch)
9783640795178
Dateigröße
2677 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kasachstan;, Geostrategie;, Nasarbaev;, Hauptstadt
Arbeit zitieren
Henriette Becker (Autor), 2009, Die Verlegung einer Hauptstadt - Ein geostrategischer und politischer Schachzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164433

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