Eine Untersuchung sozialisatorischer Einflussfaktoren im Fall des Jürgen Bartsch


Hausarbeit, 2005

32 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Gliederung

1 . Einleitung

2 . Sozialisation
2.1 Begriff
2.2. Ebenen und Phasen des Sozialisationsprozesses
2.2.1 Ebenen des Sozialisationsprozesses
2.2.2 Phasen des Sozialisationsprozesses
2.2.2.1 Primäre Sozialisation
2.2.2.2 Sekundäre Sozialisation
2.2.2.3 Tertiäre Sozialisation
2.3 Erklärungsmodelle der Sozialisation
2.3.1 Entwicklungspsychologisches Modell
2.3.2 Sozialisation als „Triebschicksal“
2.3.3. Phasenmodell nach Erikson
2.4 Bindungstheorien
2.4.1 Bindungstheorie nach John Bowlby
2.4.2 Bindungstheorie nach Mary Ainsworth

3 . Lebenslauf von Jürgen Bartsch
3.1 Geburt und Adoption
3.2 Die ersten fünf Jahre
3.3 Kindergarten / Schulzeit
3.4 Leben nach der Schule
3.5 Seine Taten
3.5.1 Unzuchtstaten zwischen 1960 und 1962
3.5.2 Morde zwischen 1962 und 1966

4 Analyse und Beurteilung des Sozialisationsprozesses von Jürgen Bartsch
4.1 Bindungsverhalten während der ersten elf Monate
4.2 Primäre Sozialisation in der Familie
4.3 Sekundäre Sozialisation in Kindergarten / Schulen / Heimen
4.4 Fazit

5 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Geburtsurkunde
Anhang 2: Augsburger Allgemeine vom 24. Juni 1966
Anhang 3: Augsburger Allgemeine vom 25. März 1971

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb . 1: Augsburger Allgemeine vom 22 . Juni 1966

Es war kaum fassbar, was hier geschrieben stand. Die Bevölkerung war er- schüttert und schockiert.

Der 19jährige Metzgergeselle Jürgen Bartsch wurde am 21. Juni 1966 in der Wohnung seiner Adoptiveltern verhaftet. Ihm wurde zur Last gelegt, vier Bu- ben im Alter von 8, 13, 12, und 11 Jahren sexuell missbraucht und danach be- stialisch ermordet zu haben.

Bei seinen ersten Verhören offenbart er detailliert seine Morde, gibt zu Proto- koll, dass es sein Begehr gewesen wäre, die Jungen bei lebendigem Leib zu zerschneiden, insbesondere den Bauch zu öffnen, um durch das Zwerchfell das noch schlagende Herz zu sehen.

In Deutschland sorgte kein anderer Prozess, der im November 1967 begann, für soviel Aufsehen wie der gegen den „Kirmesmörder“. Selbst die Verfahren gegen die ehemaligen Schergen des NS-Regimes, die Jahre zuvor selbst noch jede erdenkliche Untat begangen hatten, fanden weitaus weniger Beachtung.

Vermutungen gehen dahin, dass die damalige Empörung über die Morde mit den Verdrängungsmechanismen der Nachkriegszeit zusammenhängen (Eister- mann 2004).

Worin liegen die Ursachen, die Jürgen Bartsch dazu geführt haben, solche Verbrechen zu begehen? Häufig wird ein solches Verhalten mit fehlender, fal- scher oder schlechter Erziehung in Zusammenhang gebracht. Auch das Vorlie- gen eines Sozialisationsdefizits wird als Ursache in Erwägung gezogen (Mün- zel 2002, S. 1).

War Jürgen Bartsch selbst ein Opfer defizitärer Sozialisation im Kindes- und Jugendalter und wurde er dadurch zu seinen Taten getrieben oder war er auf- grund seiner hohen Intelligenz voll verantwortlich für seine Taten?

Die Antwort darauf wird wohl nie gänzlich beantwortet werden können. Man kann nur versuchen, die Fakten zu rekonstruieren, um sich dadurch ein gewis- ses Abbild von der Wirklichkeit zu verschaffen.

In dieser Hausarbeit soll daher untersucht werden, welche sozialisatorischen Faktoren auf das Handeln des Jürgen Bartsch Einfluss genommen hatten.

Es sollen Tatsachen herausgestellt und untersucht werden, jedoch keine Ent- schuldigungen gesucht werden. Noch weniger geht es darum, Verständnis oder Rechtsfertigungsgründe für seine Taten zu finden.

2 Sozialisation

2.1 Begriff

Sozialisation ist ein zentraler Begriff der Sozial- und Erziehungswissenschaf- ten. Dieses Thema wurde in Deutschland Ende der 50er Jahre relevant. Mit diesem Begriff bezeichnet Émile Durkheim1 (1973, zitiert nach Zimmermann 2003, S.10) den Vorgang der Vergesellschaftung des Menschen.

Geulen und Hurrelmann (1982, zitiert nach Reif 2003b, S. 1) definieren Sozia- lisation als „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei die Frage, wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet.“

In dieser Definition sind Begriffe enthalten, die es zunächst nähe zu erläutern gilt:

- P ersönlichkeit: „ist das spezifische Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften

Einstellungen und Handlungskompetenzen, das einen einzelnen Menschen

kennzeichnet“ (Zimmermann 2003, S. 17).

- Entwicklung: beschreibt die ganzheitliche Veränderung eines Menschen.

Eingeschlossen hierin sind Reifung, Lernen und Wachstum.

- Reifung: sind die endogenen genetisch gesteuerten Bereiche der Ent-

wicklung

- Lernen: verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltungs-

änderung durch Erfahrung führen (Häcker & Stapf 1998, S. 493).

- W achstum: ist die Größen- und Massezunahme des Körpers.

Somit ist mit Sozialisation die Summe der gesellschaftlichen Einflüsse auf die Entwicklung und Veränderung der menschlichen Persönlichkeit gemeint.

Zentraler Aspekt ist die Frage, wie sich aus dem Neugeborenen ein autonomer, gesellschaftlich handelnder Mensch entwickeln kann.

Die Struktur des Sozialisationsprozesses lässt sich auf verschiedene Weise dar- stellen, so z. B. in Ebenen und Phasen.

2.2 Ebenen und Phasen

Die Entwicklung der Persönlichkeit findet zwischen dem Subjekt und der Ge- sellschaft statt.

Hieraus ergibt sich die Strukturierung des Sozialisationsfeldes in Ebenen.

2.2.1 Ebenen des Sozialisationsprozesses

Durch Interaktion und Kommunikation vollzieht sich die Vermittlung zwischen der inneren und äußeren Wirklichkeit. In diesem Zusammenhang zeigt sich die äußere Realität (also die Gesellschaft) im Zuge der Sozialisation nicht in ihrer Gesamtheit, sondern sie wird immer nur „portionsweise“, in Teilwelten darge- boten.

Tillmann (1989, zitiert nach Zimmermann 2003, S. 18) unterscheidet in seinem „Strukturmodell von Sozialisationsbedingungen“ vier Ebenen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb . 2: Strukturmodell von Sozialisationsbedingungen von Tillmann

Erläuterung (nach Zimmermann 2004, S. 18)

Auf der ersten Ebene geht es um die Entwicklung der Individuen, Erfahrungs- muster, Einstellungen, Wissen und emotionale Strukturen, also um die Persön- lichkeitsmerkmale. Diese Merkmale entstehen über die Aneignung von Erfah- rungen, Wissen usw. Diese Aneignung wiederum geschieht stets im Austausch mit anderen Menschen.

Deshalb wird die zweite Ebene als Interaktionen und Tätigkeiten bezeichnet. Interaktionen und Tätigkeiten umfassen die unmittelbare sozialisatorische Umwelt, die wiederum überwiegend in Institutionen wie Kindergarten und Schule eingebettet ist.

Diese Institutionen bilden die dritte Ebene. Sie sind zum Teil ausschließlich zum Zweck der Sozialisation eingerichtet worden, d.h. Kinder und Jugendliche werden in ihnen auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vorbereitet. All dies ist auf der vierten Ebene Teil eines gesamtgesellschaftlichen Systems. Hierdurch wird deutlich, wie Prozesse der Mikroebene (Subjekt) mit den Ab- läufen der Makroebene (Gesamtgesellschaft) verknüpft sind.

2.2.2 Phasen des Sozialisationsprozesses

Durch die Analyse des Gesellschaftsgefüges wurde der Sozialisationsprozess in Ebenen unterteilt.

Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess. Daher kann aus der Betrachtung des Lebenslaufes und –alters die Einteilung in Phasen vorgenommen werden. Zu- nächst erfolgt eine Differenzierung des Sozialisationsverlaufes in

- primäre Sozialisation
- sekundäre Sozialisation
- tertiäre Sozialisation.

2.2.2.1 Primäre Sozialisation

Die primäre Sozialisation (auch: frühkindliche Sozialisation) findet überwie- gend in der Familie statt. Sie dauert von der Geburt bis etwa zum Schuleintritt.

Der Austausch mit den ersten Bezugspersonen (wie Mutter, Pfleger, Erziehe- rin) ermöglicht die Entstehung und Aneignung erster Sozialkompetenzen. Es werden grundlegende Persönlichkeitsmerkmale, Sprach- und Handlungskapazi- täten herausgebildet. Das Kind entwickelt motorische sowie kognitive Fähig- keiten (Laufen, Sprechen, räumliche Orientierung) und lernt, Unterscheidungen zu treffen und sinnvoll zu kommunizieren.

Instanzen dieser Phase sind vorwiegend Mutter und Vater, wobei die Mutter mehr die pflegerischen Aufgaben erledigt, während der Vater überwiegend spielerisch mit dem Kind umgeht.

Im größeren Familienverband (Mehr-Generationen-Haushalt) können als In- stanzen noch die Großeltern und zum Teil auch Geschwister hinzukommen.

Fehlt im Haushalt ein Elternteil, so müssen bestimmte Aufgaben durch andere Personen wie Tagesmutter wahrgenommen werden.

2.2.2.2 Sekundäre Sozialisation

Die sekundäre Sozialisation findet hauptsächlich in den ausserfamilialen sozia- len Gebilden und Institutionen von Bildung und Freizeit statt.

In dieser Phase wird das Kind mit den Rollenerwartungen der Gesellschaft konfrontiert. Die Fähigkeit, neue Rollen einzunehmen, wird entwickelt. Instanzen dieser Sozialisationsphase sind in erster Linie die Kindergarten und Schule.

Die schulische Sozialisation ist ein formaler Prozess, der sich vorwiegend am Lehrplan orientiert. Darüber hinaus werden auch Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, die außerhalb des Lehrplanes (sog. Sozialisation durch den „heimli- chen Lehrplan“) liegen, so z.B. Unterdrückung spontaner Bedürfnisartikulation und Einfälle, Verinnerlichung von Geboten (Ulich 1976, zitiert nach Zimmer- mann 2003, S. 131).

Weitere Instanzen sind peer-groups[2], Medien, Kirche, Vereine, usw.

2.2.2.3 Tertiäre Sozialisation

Die tertiäre Sozialisation (auch: Erwachsenensozialisation) beginnt im Er- wachsenenalter und endet mit dem Tod des Menschen. Während dieser Phase entwickelt sich die Persönlichkeit entgültig zur vollen Reife, verschiedene Rol- len werden erlernt und entsprechend gewichtet, die Bewältigung von komple- xen Krisen wird verinnerlicht.

Die Instanzen der tertiären Sozialisation sind vorwiegend der Arbeitsplatz, Bil- dungs- und Ausbildungseinrichtungen. Außerberuflich gehören dazu: Vereine, Verbände, Militär, Freundeskreis, aber auch Krankenhäuser, Heime und Ans- talten.

2.3 Erklärungsmodelle der Sozialisation

2.3.1 Entwicklungspsychologisches Modell

Ebenfalls ein an Lebenslauf und Alter orientiertes Modell stammt aus der Ent- wicklungspsychologie. Hierbei erfolgt die Phasenzuordnung am Lebensalter des Individuums:

[...]


[1] Durkheim, David-Émile; franz. Soziologe, *15.04.1858 (Epinal/Vosges) † 15.11.1917 (Paris)

[2] peer-group = Gruppe von Kindern desselben Alters, die auf Freundschaft beruht

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Eine Untersuchung sozialisatorischer Einflussfaktoren im Fall des Jürgen Bartsch
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
bestanden
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V164446
ISBN (eBook)
9783640805648
ISBN (Buch)
9783640805716
Dateigröße
1735 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, untersuchung, einflussfaktoren, fall, jürgen, bartsch
Arbeit zitieren
DiplVerwaltungsWirt (FH) Helmut Dudla (Autor), 2005, Eine Untersuchung sozialisatorischer Einflussfaktoren im Fall des Jürgen Bartsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164446

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