Die erotischen Konnotationen in Frauenlobs Marienleich


Essay, 2010

14 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Motive für die erotischen Konnotationen in Frauenlobs Marienleich

2. Alanus von Lilles Einfluss auf Frauenlobs Minneleich
2.1. Alanus ab Insula (Alanus von Lille)
2.2. Heinrich von Meissen Frauenlob

3. Selbstverlust durch Liebe - Die Rolle der personifizierten Minne in Frauenlobs Lied7

4. Das Ritterideal bei Heinrich von Meissen Frauenlob
4.1. Der Ritter und die höfischen Ideale – ein historischer Abriss
4.2. Das ritterliche Ideal in Frauenlobs Würgendrüssel

5. Minnegefangenschaft, Minnebrand und Minnekrankheit
5.1. Heinrich Frauenlob
5.2. Heinrich von Morungen

6. Frauenlobs Minneleich: Allegorie von Frau und Natur
6.1. Zusammenfassung des Leichs:
6.2. „Vrouwe ist ein boum“

1. Motive für die erotischen Konnotationen in Frauenlobs Marienleich

Viele Metaphern und Bilder in Frauenlobs Marienleich sind so augenfällig sexuell konnotiert, dass man von einer Konnotation im eigentlichen Sinne gar nicht mehr sprechen kann. Es stellt sich nur die Frage nach der Intention, geht man einmal nicht von Pfannmüller[1] aus, der Frauenlob reinen Selbstzweck unterstellt.

Die Frage stellt sich insbesondere, da die Kirche im Mittelalter einer solchen erotischen Schilderung kritisch gegenüberstand, der – zugegebenermaßen sehr strenge – Zisterzienserorden verbrannte in Frankreich um 1200 sogar Übersetzungen des kanonischen Hohelieds, das ja immerhin die Hauptquelle Frauenlobs für seinen Marienleich war.

Hier bietet sich aber bereits ein erster Anhaltspunkt, denn das Hohelied stand zwar in der Bibel, jedoch war der Text für die Zeitgenossen inakzeptabel und erforderte daher eine allegorische Aus- und Umdeutung. Genau hier setzt die moderne Forschung an, indem sie vermutet, dass Frauenlob sich dieses exegetischen Automatismus‘ bewusst bediente, um den Rezipienten die Bedeutung Marias deutlicher zu machen.

So seltsam diese These auch anmutet, sie hat doch Berührungspunkte mit der Liturgie der Zeit. So waren etwa in den Predigten Bertholds von Regensburg Beispiele aus dem täglichen Leben gang und gäbe. Sie wurden eingesetzt, um eine Visualisierung der Predigtinhalte zu erreichen, indem man sich des Erfahrungsschatzes des Adressaten bediente. Zudem nimmt die Erotisierung der Marienverehrung ab Bernhard von Clairvaux zu, der mit seinem Mysthizismus das Motiv Gottes als Bräutigam populär machte.

Dass diese Erotisierung in Frauenlobs Marienleich einen Höhepunkt erreicht hatte, sollen einige Beispiele zeigen. So schreibt Frauenlob in Versikel 11, Zeile 8: „ich slief bi drin, [...].“ in 20,12 „der vater ummehelset mich.“, womit er die Unbefleckte Empfängnis als Empfängnis durch Beischlaf mit dem dreifaltigen Schöpfer darstelle, um, laut Jackson[2], das Verhältnis von Maria und Gott verstehbarer zu gestalten. An anderer Stelle gehe Frauenlob sogar soweit, den Zeugungsakt als eine gewalttätige Handlung zu inszenieren: „die wile ich des slafes phlac gen der naturen min behuren muoste er vlehten unde zunen. // Der smit von oberlande warf sinen hamer in mine schoz und worhte siben heiligkeit.“[3] Warum sich Frauenlob eines solchen Bildes bedient haben soll bleibt unklar, vielleicht um auf die geistliche Legendendichtung anzuspielen, was Maria so zu allem anderen noch zur Märtyrerin stilisieren würde. Was Frauenlob aber mit seiner Gegenüberstellung von theologischen und sexuellen Bildern intendiere, sei möglicherweise die Loslösung des Rezipienten von der Ebene dieser Bilder, indem dieser nach zusätzlichen Bedeutungen suchen und so die Thematik für sich selbst erschließen und vertiefen müsse.

Da demnach also die Erotisierung zur Intensivierung oder Variierung des Gesagten diene, sehe ich – dieser Argumentation folgend - die erotischen Bilder als Mittel zur Visualisierung der Liebe und Hingabe der Christen zu Maria, Marias zu Gott und wiederum auch Gottes zu Maria.

Obwohl sich die oben referierte Forschungsmeinung auf Belege zu stützen scheint, zeigt allein das in Anmerkung 1 angeführte Beispiel, wie subjektiv und wackelig diese Belege als Grundlage jedweder Mutmaßungen bleiben müssen.

„Warum aber die Verwendung sexuell konnotierbarer Motive in religiösem Schrifttum? Eine endgültige Antwort wird auch dieser Aufsatz schuldig bleiben müssen.“[4]

Eine Antwort kann auch dieses Logbuch nicht liefern, wohl aber eine weitere Idee ins Spiel bringen, wenn auch Zeit, Rahmen und Forschungslage keine weitere Beschäftigung mit dieser zulassen: Die erotisierte Inszenierung des Marienpreises könnte auch schlicht der Unterhaltung gedient haben, schließlich zeigen spätere Beispiele aus anderen geistlichen Genres, vor allem die Osterspiele, eine deutliche Profanisierung der geistlichen Thematik. Warum sollte diese Tendenz nicht schon vor Frauenlob eingesetzt und ihn beeinflußt haben? Da er sich selbst als größten Dichter seiner Zeit ansah, kann es kaum verwundern, dass er auch das Sexuelle in seinem Marienpreis auf die Spitze trieb.

2. Alanus von Lilles Einfluss auf Frauenlobs Minneleich

2.1. Alanus ab Insula (Alanus von Lille)

Alanus von Lille wurde wohl um 1128 geboren und starb 1202 oder 1203, also etwa 100 Jahre vor Frauenlob und ist der einzige namentlich erwähnte Autor in dessen Werk: „Sprich diner fantasien zu, waz feien sach Alanus uf der glanzen gru und wie gebriset was ir ordentlicher zesem, // Ir wat und ouch ir ertlich sege, weistuz? [...]“[5]

Seine meist rezipierten poetischen Schriften waren das Liber de planctu Naturae, eine Klage der Natur über die sündige Menschenwelt und der Anticlaudianus. In diesem will die Natur selbst einen neuen Menschen schaffen, einen divinus homo, der über die Lasterhaftigkeiten der Welt obsiegen soll. Dazu sendet sie Boten aus, um von Gott eine Seele zu erhalten und schafft dieser einen Körper.

In der Forschung wird ihm ein besonderes Stil- und Sprachgenie nachgesagt, und so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass er zum Vorbild für viele Dichter wurde, die sich gleichzeitig mit Theologie, Philosophie und Poesie beschäftigten, da er zudem in der Einführung und Gestaltung der Naturallegorien eine entscheidende Rolle spielte. Einige der bekanntesten dieser Dichter waren im nicht-deutschen Sprachraum Dante, Jean de Meung, der Autor des Roman de la Rose und Chaucer.

Alanus Stellung macht zu einem Großteil seine Geltung als Schöpfer einer Idee-Form-Relation aus, die aus der Vorstellung resultierte, dass die materielle, fühlbare Welt ein Abbild einer geistigen sei. Die von ihm verwendeten Bilder sind handwerklicher Natur wie Binden, Knüpfen, Kleiden, Schneidern, Malen, Münzprägen, Siegeln, Matrizieren, Schmieden. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Rezeption dieser Bilder bei Frauenlob bildet der 14. Versikel des Marienleichs: „Ein snider sneit mir min gewant, sin sin den spehen list ervant: do mich gebriset het sin hant, er sach mich an und kos min cleider, als ein meister kiesen sol. ...“[6]

[...]


[1] Vgl. Pfannmüller, Ludwig: Frauenlobs Marienleich. Quellen und Forschungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker. Hrsg. von Brandl. A./Schröder, E./Schulz, F. Heft 120. Karl J. Trübner, Strassburg, 1913.

[2] Jackson, Timothy R.: Erotische Metaphorik und geistliche Dichtung. Bemerkungen zu Frauenlobs Marienleich. In: Wst 10, 1988. S. 80-86.

[3] „Während ich schlief, gegen die Natur konnte er mich überwältigen (kaufen, erwerben) konnte ineinanderflechten und umzäunen. // Der Schmied vom Himmel warf seinen Hammer in meinen Schoß und wirkte sieben Sakramente.“

zitiert nach: Wuth, Henning: die got begoz mit sinem himeltouwe. Zur Funktion sexueller Konnotationen in religiös orientierten Texten des Mittelalters. In: OBST 58 1999. S. 38.

Interessant ist an dieser Stelle, dass sie auch mit einer ganz abderen Bedeutung denkbar ist. So gibt Wachinger die Zeilen mit anderem Wortlaut wieder, daher differieren hier sowohl Übersetzung als auch damit einhergehend die Interpretation: „Die wile und ich des slafes pflag, gein der naturen min behuren muste er vlechten unde ziunen. // Der smid von oberlande warf sinen hamer in mine schoz. Ich worchte siben heiligheit.“ und übersetzt: „Während ich schlief, mußte er, dass ich ihm lieb wurde, gegen die Natur mit Zaun und Flechtwerk schützen. // Der Schmied vom Oberland warf seinen Hammer in meinen Schoß. Ich machte sieben Sakramente.“

Vgl.: Heinrich Frauenlob: Ei ich sach in dem trone = GA1 (Marienleich). In: Lyrik des späten Mittelalters. Hg., übers. und komm. von Burghart Wachinger. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt am Main 2006, S 364-395.

[4] Wuth, Henning: die got begoz mit sinem himeltouwe. Zur Funktion sexueller Konnotationen in religiös orientierten Texten des Mittelalters. In: OBST 58 1999. S 32-50. Hier S. 37

[5] „Flüstere deiner Vorstellungskraft ein, welche Fee Alanus auf der glänzenden grünen Wiese sah und wie ihr geordnetes Firmament, ihr Gewand und auch ihr angenhmes Seidenfutter gefältelt war. Weißt du es?“

Vgl. GA III,4 Minneleich

[6] „Ein Schneider schnitt ein Kleid mir zu, sein Geist erdachte das schöne Kunstwerk. Als seine Hand mich gekleidet und genschnürt hatte, sah er mich an und prüfte meine Kleider, wie ein Meister sie prüfen soll. ...“

Vgl. GA I,14 Marienleich

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Details

Titel
Die erotischen Konnotationen in Frauenlobs Marienleich
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Ältere deutsche Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Frauenlob
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V164458
ISBN (eBook)
9783640794621
ISBN (Buch)
9783640794881
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenlobs, Marienleich, Maria, Minnesang, Minne, Hieros Gamos, Hohelied, Mediavistik, Germanistik, Deutsch
Arbeit zitieren
Martin Kramer (Autor), 2010, Die erotischen Konnotationen in Frauenlobs Marienleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164458

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