Vom Agent ohne Auftrag zum entrepreneurial Supervisor?

Die Rolle der Europäischen Kommission im Bologna-Prozess


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

39 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Europäische Kommission im Kontext der Prinzipal-Agent-Theorie
2.1. Der Prinzipal-Agent-Ansatz
2.2. Die EU-Kommission als kollektiver Agent, Supervisor und Prinzipal der Europäischen Integration?

3. Die Europäische Kommission und der Bologna-Prozess
3.1. Vorgeschichte: Europäische Hochschulpolitik bis 1998
3.2. Die Sorbonne-Erklärung und die Initiierung des Bologna-Prozesses
3.3. Der Wendepunkt: Die Lissabon-Strategie und das Prager Kommuniqué
3.4. Der Bologna-Prozess nach 2001: Die Europäische Kommission als entrepreneurial Supervisor
3.4.1. Berlin 2003
3.4.2. Bergen 2005
3.4.3. London 2007
3.4.4. Leuven 2009 und Budapest/Wien 2010
3.4.5. Zwischenfazit: Der Bologna-Prozess 2002-2010

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Einleitung

“For many years, the European Commission has been supporting the Bologna Process. Its objectives are fully in line with the EU’s modernisation agenda for universities. The Bologna vision of a European Higher Education Area without borders owes a great deal to the Erasmus mobility programme, launched in 1987, and to related EU initiatives and tools such as European Credit Transfer and Accumulation System. In turn, Bologna has inspired many EU initiatives in the area of higher education.” (Vassiliou 2010: 3)

Das Bekenntnis der 29 europäischen Bildungsminister zur Errichtung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes markierte mit der Bologna-Erklärung im Jahr 1999 einen einschneidenden Wendepunkt in der europäischen Hochschulpolitik. Erstmals verpflichteten sich die europäischen Bildungsnationen auf eine gemeinsame Koordinierung und Synchronisierung ihrer vergleichsweise heterogenen Hochschullandschaften. Bis zum Jahr 2010 sollte innerhalb Europas im Zuge des so genannten Bologna-Prozesses ein kohärentes und kompatibles Hochschulsystem sowie ein einheitlicher europäischer Bildungsraum (European Higher Education Area, EHEA) geschaffen werden.[1] Die Zahl der Bologna-Teilnehmerländer ist im Laufe der Jahre auf nunmehr 47 Staaten[2] angestiegen, was deutlich macht, dass der Bologna-Prozess, entgegen einiger publizistischer und journalistischer Darstellungen, weit über den Mitgliedschaftsraum der Europäischen Union (EU) hinausreicht und keinen genuinen EU-Integrationsprozess darstellt, sondern als „ein auf Gesamteuropa bezogener, multinationaler und multilateraler Koordinierungsprozess“ verstanden werden muss (Walter 2006: 14). Trotz des intergouvernementalen Charakters und dem Beharren der Teilnehmerländer auf ihrer bildungspolitischen Souveränität, wurde der Prozess von Beginn an von diversen supranationalen Organisationen und Institutionen (EU, OECD, UNESCO, Europarat) begleitet. Insbesondere die Europäische Union war darum bemüht, die integrative Dynamik des Bologna-Prozesses nach dem Vorbild anderer, bereits vergemeinschafteter Politikfelder (u.a. Wirtschaft, Finanzen, Umwelt) auszuweiten. Allerdings verwehrten die Bologna-Teilnehmerstaaten der EU zu Beginn des Prozesses, mit Blick auf die im EG-Vertrag festgehaltenen Handlungsbeschränkungen und unter Berufung auf die Souveränität der Nicht-EU-Länder, eine koordinierende oder gar regulierende Rolle (vgl. Maassen/Neave 2007, Becker/Primova 2009). Erst auf dem Ministertreffen 2001 in Prag wurde die EU-Kommission als vollwertiges Mitglied des Bologna-Prozesses aufgenommen. Als supranationales Organ kommt der EU-Kommission dabei eine Sonderstellung im intergouvernementalen Integrationsprozess des europäischen Hochschulsektors zu.

In diesem Zusammenhang ist zu konstatieren, dass es der EU-Kommission eindrucksvoll gelungen ist, die eigenen ordnungspolitischen Ideen zur Europäisierung der Hochschulpolitik in den Bologna-Diskurs einzubringen und größeren Einfluss auf die Ausgestaltung der europäischen Hochschulpolitik zu nehmen (vgl. Martens/Wolf 2006, Walter 2006). Einen entscheidenden Aspekt des hochschulpolitischen Bedeutungsgewinns der EU-Kommission bildet die Lissabon-Strategie. Im März 2000 verabschiedete der Europäische Rat ein Reformprogramm mit dem Ziel, die EU bis 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt“ zu machen.[3] Korrespondierend zur EHEA sollte dabei u.a. die so genannte European Research and Innovation Area (ERIA) errichtet werden. Zum Ende der Dekade liest sich die Bilanz dieses doppelten bildungspolitischen Integrations- und Transformationsprozesses beachtlich. Neben der Einführung der zweistufigen Studienabschlüsse (Bachelor/Master), des Leistungspunktesystems (European Credit Transfer System, ECTS) und des Diplomzusatzes (Diploma Supplement), wurden auch die Mobilitäts- und Austauschprogramme ausgeweitet (u.a. ERASMUS), sodass man heute, trotz der weiterhin bestehenden nationalen Unterschiede, im Hochschulsektor berechtigterweise von einem zunehmend konvergenten Europäischen Hochschul- und Forschungsraum (EHEA/ERA) sprechen kann. Wie das Eingangszitat der EU-Bildungs- und Kulturkommissarin Androulla Vassiliou deutlich macht, stammt eine Vielzahl dieser hochschulpolitischen Neuerungen aus den Reihen der EU-Kommission. Demzufolge ließe sich die funktionale Rolle der Kommission bei der Europäisierung der Hochschulpolitik als Prinzipal-Agent-Verhältnis definieren (vgl. Nagel 2006: 86). Im Zentrum der Prinzipal-Agent-Theorie (Agenturtheorie) steht die Verteilung und Übertragung von Entscheidungskompetenzen bzw. Verfügungsrechten zwischen einem Auftraggeber (Prinzipal) und einem Auftragnehmer (Agent) (vgl. Seifert 2004: 141). Ausgehend von dem institutionenökonomischen Paradigma der rationalen Nutzenmaximierung[4] (Rational-Choice) findet die Prinzipal-Agent-Theorie in jüngster Zeit, insbesondere in stark supranationalisierten Policy-Sektoren wie der europäischen Wirtschaftspolitik (vgl. Tallberg 1999, Pollack 2003, Michalowitz 2004), große Resonanz bei der Analyse der Europäischen Integration.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, auf Grundlage der Prinzipal-Agent-Theorie die Rolle der EU-Kommission und ihre handlungspolitische Bedeutung im Kontext des Bologna-Prozesses zu untersuchen. Dabei gilt es zunächst den Ansatz der Agenturtheorie zu skizzieren und auf die spezifische Konstellation innerhalb des europäischen Hochschulsektors zu übertragen. Darauffolgend werden anhand der Verlaufsform des Bologna-Prozesses die konkurrierenden Interaktions- und Integrationsorientierungen sowie die sich verändernden Einflussdominanzen im Verhältnis der Bologna-Teilnehmerländer und der EU-Kommission betrachtet.[5] Hierbei werden zwei These vertreten, die es zu überprüfen gilt:

(T1) Die handlungspolitische Rolle der EU-Kommission lässt sich im Verlauf des Bologna-Prozesses, in Anlehnung an die Prinzipal-Agent- bzw. Prinzipal-Supervisor-Agent-Theorie (vgl. Tallberg 1999, 2003), sukzessive als die eines entrepreneurial Supervisors[6] konzeptionalisieren.

(T2) Die informelle und kaum formalisierte Gestalt des Bologna-Prozesses ermöglicht der EU-Kommission, anders als in der Prä-Bologna-Ära, die eigenen hochschulpolitischen Integrations- und Synchronisierungsvorstellungen wirkmächtig in den Prozess einzubringen, zu vermarkten und durchzusetzen.

Die Frage inwieweit diese beiden Thesen miteinander vereinbar sind und ob sich Rolle der EU-Kommission im Bologna-Prozess wirklich als Prinzipal-Agent-Verhältnis charakterisieren lässt oder nur unter der Inkaufnahme gewisser Konzessionen Anwendung findet, soll in der Schlussbetrachtung der Arbeit kritisch erörtert und generalisierend zusammengeführt werden.

2. Die Europäische Kommission im Kontext der Prinzipal-Agent-Theorie

2.1. Der Prinzipal-Agent-Ansatz

Seit Mitte der 1980er Jahre greifen die Sozialwissenschaften, insbesondere Vertreter des Rational-Choice-Ansatzes, verstärkt auf die Theorieansätze der Neuen Institutionenökonomik zurück, um u.a. die Delegationsproblematik der nationalstaatlichen Interessen in internationalen Institutionen oder die Konvergenz bzw. Divergenz der Mitgliedsstaaten mit den Policy-Outputs supranationaler Regime und Organisationen erklärbar zu machen (vgl. Tallberg 1999: 49 f.; Michalowitz 2004: 44). Einen der wirkmächtigsten Ansätze bildet hierbei die Prinzipal-Agent-Theorie. Im Kern geht es bei der Prinzipal-Agent-Theorie um die Delegationsproblematik und das Transaktionskostenverhältnis zwischen zwei oder mehreren Vertragspartnern:[7]

„Es handelt sich hier (bei der Prinzipal-Agent-Theorie, Anm. d. Verf.) also um eine spezifische Form der sozialen Interaktion – die „Delegation“ – zwischen – vorerst – zwei Akteuren, in der der „Prinzipal“ (also der Auftraggeber) einen „Agenten“ (der Auftragnehmer) beauftragt, gegen irgendeine Belohnung einen Dienst zu verrichten, der zu seinem Vorteil gereicht.“ (Gilardi/Braun 2002: 147)

Ausgehend von diesem institutionenökonomischen Paradigma wurde die Prinzipal-Agent-Theorie als sparsamer und höchst generalisierbarer Theorieansatz auch in der Politikwissenschaft zunehmend rezipiert. Insbesondere die breite Anwendungsmöglichkeit des Ansatzes in Bezug auf Machtdelegation als Basiskonzept politischen Handelns (u.a. Bürokratieforschung, Parlamentarismusforschung, Wahlforschung, Europäische Integration, Global Governance, demokratische Regierungssysteme und Vergleichende Politikwissenschaft) macht die Prinzipal-Agent-Theorie zu einem attraktiven Modell zur Erklärung politischer Prozesse (vgl. Shepsle/Bonchek 1997). Das Standardproblem, welches sich aus dem Delegationsverhältnis zwischen Prinzipal und Agent ergibt, lässt sich als gegenseitiges Abhängigkeitsdilemma bezeichnen. Einerseits handelt es sich bei einer Prinzipal-Agent-Beziehung um eine Autoritätsbeziehung, da der Prinzipal als Auftraggeber jederzeit das Recht hat, Sanktionsmechanismen gegenüber dem Agenten anzuwenden, z.B. Strafzahlungen anzusetzen oder die Kooperation zu beenden. Andererseits besteht ein starkes Abhängigkeitsverhältnis des Prinzipals vom Agenten, da „eine adäquate und effiziente Bearbeitung der vielfältigen und komplexen Aufgaben [...]“ nicht zu bewerkstelligen wäre, „ohne auf die Expertise von Agenten zurückzugreifen, die auf die Bereitstellung bestimmter Leistungen spezialisiert sind“ (Oppermann 2008: 78).

Diese aus der spezifischen Konstellation entstehenden Abhängigkeitsprobleme zwischen Prinzipal und Agent greift der Prinzipal-Agent-Ansatz auf und versucht, mögliche Lösungsansätze zu generieren. Das Hauptproblem dieses Interaktionverhältnisses ist dabei der Informationsvorsprung des Agenten gegenüber Prinzipal und die daraus resultierende Informationsasymmetrie (vgl. Tallberg 1999: 56; Kaiser 2007: 129). Der Prinzipal versucht sich das Know-how des Agenten zur Durchsetzung der eigenen Interessenorientierung zu Nutze zu machen, jedoch hat dies den nichtintendierten Nebeneffekt, dass es dem Prinzipal kaum möglich ist zu beurteilen, ob der Agent auch ordnungsgemäß die geforderten Leistungen erbringt und die gestellten Aufgaben bestmöglich zu Gunsten des Prinzipals erledigt (vgl. Braun 1999: 163 ff.). Im Geiste des Rational-Choice-Ansatzes geht die Prinzipal-Agent-Theorie davon aus, dass eine Interessendivergenz zwischen Prinzipal und Agent besteht und der Agent daher versucht ist, den Informationsvorsprung und die damit gewonnene Handlungsautonomie im eigenen Interesse kostenreduzierend und ertragsmaximierend zu nutzen (= shirking). Inwieweit und zu welchem Grad der Agent eine solche Strategie („Drückebergerei“) zur Durchsetzung der Eigeninteressen verfolgt, ist maßgeblich von der Risikoneigung (risikoavers vs. risikofreudig) des Agenten und den vom Prinzipal geschaffenen Anreizstrukturen zur Minimierung der Opportunitätskosten abhängig (vgl. Krapp 2000: 6). Unvermeidlich ist in allen Prinzipal-Agent-Konstellationen jedoch das strukturelle Problem, dass es dem Prinzipal nahezu unmöglich macht, objektiv zu kontrollieren, in welcher Art und Weise der Agent die delegierten Aufgaben wahrnimmt. In der Fachterminologie bezeichnet man dieses Dilemma als „moral hazard“-Problematik (vgl. Gilardi/Braun 2002: 147). Zudem kann der Prinzipal aufgrund der vorhandenen Informationsasymmetrie bei der Selektion eines Agenten nur schwer das tatsächliche Leistungsvermögen des Agenten einschätzen. Das Problem der „falschen Selektion“ (= adverse selection) komplettiert somit die Reihe der agency-Probleme, mit denen sich der Prinzipal konfrontiert sieht.[8]

Folglich befasst sich die Prinzipal-Agent-Theorie hauptsächlich mit der Entwicklung von Strategien, welche es dem Prinzipal ermöglichen, möglichst wirksam die Tätigkeit des Agenten zu kontrollieren und mögliche Risiken, welche aufgrund der Informationsasymmetrie gegeben sind, zu minimieren (vgl. Waterman/Meier 1998: 194). Die daraus entstehenden Kontrollkosten, bezeichnet man als Agenturkosten (= agency costs). Sie entstehen bei dem Versuch Unsicherheiten auf Seiten des Prinzipals zu mindern und treten in verschiedener Form auf. Ziel des Prinzipals muss es somit sein, durch geschickte Verhandlungen und Vorabinformation die entstehenden Kontrollkosten durch moral hazard und adverse selection so gering wie möglich zu halten (vgl. Pollack 2003: 26 ff.; Wonka 2007: 51). Zudem bietet ein klug entwickeltes Leistungs- und Anreizsystem die Möglichkeit, „shirking“ und opportunistische Verhaltensweisen des Agenten frühzeitig zu erkennen und prophylaktisch vorzubeugen:

„Hieraus folgt nun, dass, um die Unsicherheit für den Prinzipal zu reduzieren, Verträge geschlossen werden können, die festhalten, welche Leistungen der Agent zu erbringen hat und wie er dafür entlohnt wird, aber auch, welche Kontrollmaßnahmen vorgesehen sind, um zu überprüfen, ob die Leistungen erbracht wurden.“ (Gilardi/Braun 2002: 148)

Die Konzeption und Art des Vertrages zwischen Prinzipal und Agent bildet somit die Grundlage für eine erfolgreiche Kooperation. Die Neue Institutionenökonomik unterscheidet in drei unterschiedliche Vertragsarten: den klassischen, den neoklassischen und relationalen oder unvollständigen Vertrag (vgl. Pollack 2003: 22 f.; Seifert 2004: 147 ff.). Durch den Vertrag werden die zu erbringenden Leistungen, die Verfügungsrechte, Kontroll- und Sanktionsmaßnahmen (monitoring[9]) sowie die Entlohnung festgelegt. Funktionalistische Motive mögen im Rahmen eines Vertragsschlusses zwar notwendige, aber sicherlich nicht gänzlich hinreichende Erklärungsvariablen für die Entstehung und den Erfolg bzw. Misserfolg einer Prinzipal-Agent-Kooperation sein. Hier unterliegt die Prinzipal-Agent-Theorie wie alle Rational-Choice-Modelle der Gefahr, unterkomplexe Erklärungsansätze für soziales und politisches Handeln zu produzieren. Die Hauptkritikpunkte beziehen sich dabei vor allem auf die simplifizierende Argumentationslogik, die fundamentale Faktoren neu entstehender und sich verändernden Kontextbedingungen (u.a durch historische Perspektive, Werte, Normen, Einstellungen) ausklammert (vgl. Peters 1999: 47; 61). So können „weiche“ Faktoren wie Vertrauen maßgeblichen Einfluss auf das Verhältnis von Prinzipal und Agent nehmen (vgl. Gilardi/Braun 2002: 156 ff.).

Neben dem Vorwurf der Unterkomplexität wurde in den letzten Jahren Kritik an der einseitigen Fokussierung auf die „Opferrolle“ des Prinzipals laut (vgl. ebd.: 158). Die Prinzipal-Agent-Debatte hatte sich (auch in der Politikwissenschaft) über die Jahre zunehmend auf die Optimierung der Kontrollmechanismen des Prinzipals verengt. Hierbei wurde unter der Annahme fester Interessenpräferenzen u.a. ausgeklammert, dass der Prinzipal ebenso wie der Agent die Option besitzt, „shirking“ zu betreiben. Im Zuge dessen hat man sich von der unrealistischen Annahme einer undiskontierten Wiederholung der Prinzipal-Agent-Beziehung unter festen Interessenpräferenzen verabschiedet und greift nun vermehrt auf dynamische Prinzipal-Agent-Modelle zurück, in denen Kontextfaktoren wie Zeit und wechselnde Interessenorientierung miteinbezogen werden. Ebenso wurde die dyadische Grundstruktur der Prinzipal-Agent-Theorie zugunsten von Multi-Agenten-Modellen aufgebrochen (vgl. Saam 2002: 38; 50). Diese Erweiterung erlaubt es, die Perspektive des Prinzipal-Agent-Ansatzes als (politikwissenschaftliches) Analyseinstrument von (machtbasierten) Delegations- und Kooperationsbeziehungen weiter scharf zu stellen. Im Kontext der vorliegenden Arbeit bezieht sich das analytische Interesse vor allem auf die Frage, in welchem Umfang Agenten autonome Handlungsspielräume zur Umsetzung eigener Interessen besitzen und bewahren können und inwieweit diese in Abhängigkeit der Effektivität der Kontroll- und Steuerungsmaßnahmen des Prinzipals variieren (vgl. Oppermann 2008: 79).

2.2. Die EU-Kommission als kollektiver Agent, Supervisor und Prinzipal der Europäischen Integration?

In der Europäischen Integrationsforschung wurde der Prinzipal-Agent-Ansatz als alternatives Erklärungsmodell[10] des Europäischen Integrationsprozesses bzw. als Analysekonzept supranationaler Delegationsmechanismen innerhalb der EU erst mit dem Ende der 1990er Jahre zunehmend rezipiert. Im Kontext des europäischen Integrationsprozesses werden dabei in der Regel die EU-Mitgliedsstaaten als Prinzipale und die supranationale EU-Organe[11] wie die EU-Kommission als Agenten konzeptualisiert. Die Hauptforschungspunkte sind neben der allgemeinen Analyse der Funktionalität des Delegationsverhältnisses und den administrativen Kontrollmechanismen der Mitgliedsstaaten (u.a. EU-Budget, Personalentscheidungen, Gesetzesinitiativen) die Untersuchung des Handlungspotentials der Kommission sowie Kontraktbedingungen und Verfügungsrechte (Maastricht 1992, Amsterdam 1997, Nizza 2001, Lissabon 2007), welche die Prinzipal-Agent-Beziehung vorstrukturieren und massiven Einfluss auf Kontrollmöglichkeiten, Sanktionsmechanismen und die Risikoneigung der Akteure nimmt. Innerhalb der Delegationsdebatte wurde die Aufmerksamkeit zunehmend auch auf Multi-Agenten-Modelle innerhalb der EU gelenkt, z.B. in Bezug auf die intra-institutionelle Struktur der EU-Kommission als kollektives nationalstaatliches Agenten-„Kabinett“[12] (vgl. Wonka 2008: 60 ff.), in der inter-institutionellen Untersuchung des Verhältnisses zwischen Kommission, Parlament und Gerichtshof bzw. zwischen Kommission, den Generaldirektionen und den EU-Agenturen. Die Frage inwieweit Kommission und Kommissare als kollektive bzw. korporative Akteure mit homogener Interessenorientierung („mehr Europa“) angesehen werden können oder doch als verlängerter Arm der direkten politischen Einflussnahme seitens der Mitgliedsregierungen auftreten („Multi-Organisation“), hängt maßgeblich vom Policy-Sektor, dem Gestaltungsspielraum und Agenda-Setting-Potential der Kommission, dem Grad der mitgliedsstaatlichen Interessenkonvergenz sowie den spezifischen Kontroll- und Steuerungsmaßnahmen der nationalstaatlichen Prinzipale ab (vgl. Pollack 2003: 34 ff.; 84 ff.; Kopp-Malek/Koch/Lindenthal 2009: 45 f.). Hier wird deutlich, dass die Kommission u.a. bei der Umsetzung und Verwaltung von Unionsprogrammen durch die EU-Exekutivagenturen[13] selbst als Prinzipal auftritt. Tallberg greift den Aspekt der funktionalen Rollenverschiebung in seinem modifizierten Principal-Supervisor-Agent-Modell auf und entwickelt ein dynamisches Delegationsmodell der Europäischen Integration:

„In the simple P-S-A model […] the member governments of the EU (multiple principals) assign the Commission and the Court (Supervisors) the task of enforcing the implementation of and compliance with the EC law, as delegated to the individual member states (multiple agents). Member states are thus conceived of as both principals and agents […]. The supranational institutions, for their part, function as supervisors engaged by national governments for the purpose of monitoring actual member state behaviour and enforcing compliance with Community rules. (Tallberg 1999: 77 f.)

Der Vorteil des Prinzipal-Supervisor-Agent-Modell liegt dabei in der theoretischen Einbindung des Einflusses der EU-Kommission bzw. der EU-Organe bei der Implementierung und Durchführung von supranationalen Policies in der „post-decisional phase“ (vgl. ebd. 76). Beispielsweise lassen sich so die „shirking“-Strategien auf Seiten der EU-Mitgliedsstaaten bei der Umsetzung von EU-Normen oder die monotoring-Instrumente der EU-Kommission in den Analyseprozess rückkoppeln. Dennoch unterliegt Tallbergs P-S-A-Modell der impliziten Annahme, dass die Kommission eine klassische Transmissionsriemenfunktion besitzt und lediglich durch den intendierten Nebeneffekt der mitgliedsstaatlichen Selbstbindung bei der Überprüfung der nationalen Implementierungsleistungen als konkurrierender Akteur auftritt. Behält man jedoch im Hinterkopf, dass die Kommission in den vergemeinschafteten Bereichen u.a. das uneingeschränkte Initiativrecht als institutionelles Faustpfand gegenüber dem nationalstaatlich geprägten EU-Ministerrat besitzt, so scheinen die Konstellationen der Akteure und ihre jeweiligen Rollen im Integrationsprozess situativ zu changieren. Da sich der Fokus der Arbeit jedoch vornehmlich auf die horizontale Dimension (Teilnehmerstaaten vs. EU-Kommission) des Bologna-Prozesses bezieht und die konkrete Implementierung der Bologna-Vorgaben in den einzelnen Teilnehmerstaaten (vertikale Dimension) sowie die Prinzipal-Agent-Beziehungen zwischen Kommission und Kommissionsmitgliedern bzw. Kommission und EU-Bürokratie (vgl. Spence/Edwards 2006; Fleischer 2007: 224 f.) weitestgehend ausklammert, ist der Rahmen für eine Supervisorfunktion der Kommission im Fall des Bologna-Prozesses nicht klar umrissen.

Entlang der „klassischen“ Kenngrößen[14] der Prinzipal-Agent-Theorie soll daher im Folgenden die Rolle der EU-Kommission, die Verlaufsform und die Handlungsstruktur des Bologna-Prozesses analysiert werden. Es ist davon auszugehen, dass die Variablen Formalisierungsgrad der Kooperation (Vertragsart, Ausgestaltung des Vertrages) und Informationsasymmetrie/Know-how entscheidende Faktoren für die Generierung von Handlungsautonomie seitens der EU-Kommission darstellen, während das monotoring-Potential und die Höhe der Transaktionskostenersparnis den Handlungsspielraum der Kommission tendenziell im Sinne der Prinzipale (Teilnehmerstaaten) beschränken. Bei der Variablen Zielkomplementarität ist die Zuweisung abhängig vom Grad der Interessenkonvergenz zwischen der Kommission und den Mitgliedsregierungen. Je höher die Interessenkonvergenz, desto größer die Handlungsautonomie der Kommission und umgekehrt. Bevor jedoch der Bologna-Prozess im analytischen Rahmen des Prinzipal-Agent-Ansatzes betrachtet und auf den Einfluss der EU-Kommission hin untersucht wird, gilt es zunächst die wichtigsten Eckpunkte der Prä-Bologna-Ära und die Vorgeschichte der EU-Bemühungen auf dem Feld der Europäischen Hochschulpolitik bis zum Vorabend der Sorbonne-Erklärung im Jahr 1998 zu skizzieren.

[...]


[1] vgl. Gemeinsame Erklärung der Europäischen Bildungsminister (1999): Der Europäische Hochschulraum.

URL: http://www.bmbf.de/pub/bologna_deu.pdf (31.03.2010)

[2] Als letzter Staat wurde Kasachstan im März 2010 im Rahmen der Bologna-Jubiläumskonferenz in Budapest und Wien als neues Mitglied des Bologna-Prozesses aufgenommen. Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2010): Der Bologna-Prozess. URL: http://www.bmbf.de/de/3336.php#stand_umsetzung (31.03.2010)

[3] vgl. Europäischer Rat (2000): Lissabon-Strategie. URL: http://www.europarl.europa.eu/summits/lis1_de.htm (31.03.2010)

[4] Peter Thiery definiert den Rational-Choice-Ansatz gemäß des wissenschaftlichen Konsens als subjektive Handlungstheorie: „Jedes Individuum entscheidet und handelt in jeder Situation rational, d.h. es wählt immer die Alternative die den höchsten Nutzen verspricht oder mit den geringsten Kosten verknüpft ist (Prinzip der ökonomischen Rationalität)“ (Thiery 2001: 231).

[5] Der Fokus der Arbeit richtet sich ausschließlich auf die horizontale Dimension (Kommission vs. Teilnehmerländer) des Bologna-Prozesses. Die Implementation der Bologna-Vorgaben in den einzelnen Teilnehmerstaaten (vertikale Dimension) wird nicht thematisiert.

[6] Siehe 3.4.

[7] Die Begriffe Prinzipal-Agent-Theorie und Prinzipal-Agent-Ansatz werden im Folgenden synonym verwandt.

[8] In der Literatur werden neben den Begriffen moral hazard, shirking und adverse selection ebenso die Termini hidden information, hidden action und hidden characteristics verwendet. Während Letzterer als Synonym für das Problem der adverse selection verstanden werden kann, könnte man die Handlungsmuster von hidden informations und hidden actions als Bestandteile des moral hazard - Problems kategorisieren (vgl. Krapp 2000: 2 ff.; Seifert 2004: 141 ff.).

[9] Unter monitoring versteht man die Handlungsmöglichkeiten, welche dazu führen, die Informationsasymmetrie zwischen Prinzipal und Agent zu verringern. Man unterscheidet dabei in zwei Formen des monitoring. Der Polizeistreifen-Mechanismus und der Feueralarm-Mechanismus (vgl. Tallberg 1999: 60 ff.). Monitoring im Sinne des Feueralarm-Mechanismus geschieht, wenn der Agent nicht vom Prinzipal allein, sondern von anderen Akteuren kontrolliert wird, welche bei Verstößen des Agenten den Prinzipal darüber informieren. Bedingung für erfolgreiches monitoring dieser Art ist, dass die Dritten ein wirkliches Interesse an der Aufdeckung von Verfehlung des Agenten haben. Der Polizeistreifen-Mechanismus dagegen, bezeichnet lediglich die aktive und kontinuierliche Kontrolle des Agenten durch den Prinzipal selbst (vgl. Oppermann 2008: 80).

[10] Die Europäische Integrationsdebatte wird trotz zahlreicher theoretischer Modifikationen und „Brückenschläge“ immer noch von den klassischen Integrationstheorien dominiert und formiert sich weiterhin zwischen den Polen Intergouvernementalismus, Neo-Funktionalismus und Supranationalismus (vgl. Tsebelis/Garrett 2001).

[11] Die klassischen supranationalen Organe der EU sind die EU-Kommission, der Europäischer Gerichtshof (EuGH) und das Europaparlament.

[12] Wonka (2008) weist dabei auf die Komplexität der Prinzipal-Agent-Konstellationen im Kontext der EU-Kommission hin, die einerseits von der Delegationsproblematik zwischen Mitgliedsstaaten und Kommission (u.a. Nominierung von Kommissaren und Kommissionspräsident) und andererseits von multiplen intra- und inter-institutionellen Prinzipal-Agent-Beziehungen (Kommission vs. Parlament, Kommissar vs. Generaldirektion etc.) geprägt sind (vgl. ebd.: 54 ff.).

[13] Exekutivagenturen sind Organisationen, die mit bestimmten Aufgaben bei der Verwaltung von Gemeinschaftsprogrammen beauftragt werden. Derzeit gibt es sechs Agenturen - Bildung und Kultur (EACEA), Forschung (REA) und Forschungsrat (EFR), Verkehr (Ten-T EA), Gesundheit und Verbraucher (EAHC) und Wettbewerb/Innovation (EAWI). Vgl. EU (2003): Verordnung (EG) Nr. 58/2003 des Rates. URL: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2003:011:0001:0008:DE:PDF (10.04.2010)

[14] In nahezu der gesamten politikwissenschaftlichen P-A-Literatur wird das Prinzipal-Agent-Verhältnis weitestgehend durch folgende Begrifflichkeiten definiert bzw. kategorisiert und konzeptionalisiert: Transaktionskostenreduzierung, monotoring-Potential, Informationsasymmetrie/Know-how, Formalisierungsgrad der Kooperation (Verträge) und Zielkomplementarität (Interessenorientierung).

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Vom Agent ohne Auftrag zum entrepreneurial Supervisor?
Untertitel
Die Rolle der Europäischen Kommission im Bologna-Prozess
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
39
Katalognummer
V164496
ISBN (eBook)
9783640795611
ISBN (Buch)
9783640795376
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Agent, Auftrag, Supervisor, Rolle, Europäischen, Kommission, Bologna-Prozess
Arbeit zitieren
Torben Fischer (Autor), 2010, Vom Agent ohne Auftrag zum entrepreneurial Supervisor?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164496

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