Über Ludwig Tiecks Leitprinzip in "Der getreue Eckart und der Tannenhäuser"

"Wir leben wahrlich in einer wunderbarlichen Zeit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Wunderbare und das Gewöhnliche

3. Erster Abschnitt: Eckart
3.1. Das Gewöhnliche: Formfragen
3.1.1. Eckart, der getreue Held?
3.1.2. Archaismus und Anachronismus
3.2. Das Wunderbare
3.2.1. Das erzählte Wunderbare
3.2.2. Das reale Wunderbare

4. Zweiter Abschnitt: Tannenhäuser
4.1. Das Wunderbare als subjektives Erlebnis
4.1.1. Der ‚wunderbare’ Tannenhäuser
4.1.2. Das Märchen der Natur
4.1.3. Wunder und Venusberg
4.2. Widersprüche
4.2.1. Tannenhäuser und Friedrich
4.2.2. Tannenhäusers Familie: Geister und Träume
4. 3. Die Wahrheitsfrage

5. ‚Der getreue Eckart und der Tannenhäuser’ im ‚Phantasus’
5.1. Rahmen-Kontext: Das gemachte Werk
5.2. Märchen-Kontext

6. Exkurs: Nachruhm

7. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter den sieben ‚Märchen’[1], die Ludwig Tieck in seinem ‚Phantasus’ versammelt hat, irritiert die „bislang von der Forschung wenig beachtete[…]“[2] Erzählung ‚Der getreue Eckart und der Tannenhäuser’[3] durch eine besonders scharfe Zäsur, die auf den ersten Blick fast zwei Einzelgeschichten mit nur oberflächlichen Verbindungen entstehen lässt. „Der Tannenhäuser des zweiten Teils ist ein Nachfahre eines so benannten Knappen des ersten Teils […] und der getreue Eckart kommt als Sagenfigur und Hüter des Venusbergs im zweiten Teil vor“,[4] fasst Meißner die wenigen offensichtlichen Klammern zusammen. Eckart und Tannenhäuser sind die Hauptfiguren jeweils eines extra abgegrenzten Abschnitts mit inhaltlich und auch stilistisch abweichenden Eigenschaften.[5] Die Spaltung in markierte Abschnitte trennt einerseits,[6] verbindet aber gleichzeitig auch, da die einzelnen Teile als Elemente eines Gesamtwerkes kenntlich werden. Daher „sollte man sie nicht auseinanderdividieren, sondern ihre Einheit ernst nehmen und eine integrale Lektüre als Herausforderung verstehen“[7] – was also trennt und was verbindet die zwei Abschnitte wirklich? Ist ‚Eckart und Tannenhäuser’ tatsächlichen eine Erzählung, sind es zwei grob verbundene? Oder hat Tieck hier schlicht eine schlechte Arbeit abgeliefert, was allerdings seiner eigenen Hochschätzung gerade für dieses Werk entgegensteht - noch 1822 lobte er es ausdrücklich.[8]

Die in der Forschung auszumachenden Tendenzen, die Zweiteilung der „Doppelerzählung“[9] als Gegensatz aber auch als gegenseitige Ergänzung unter christlich-moralischen[10] oder psychoanalytischen[11] Vorzeichen zu deuten, wobei allerdings die Deutung selten mit einer breiteren Argumentation untermauert wird, sollen in dieser Arbeit nicht explizit weiter verfolgt werden. Stattdessen soll besonderes die Erzählkonstruktion untersucht werden, für die die als konstituierendes Prinzip in seinem literarischen Gesamtwerk von Tieck selbst immer wieder betonte Dichotomie des Gewöhnlichen und des Wunderbaren als zentral angenommen werden kann. Ziel dieser Arbeit soll es sein, nach den Verbindungslinien ebenso zu suchen wie nach dem Trennenden, um schließlich ein klareres Bild zu gewinnen.

2. Das Wunderbare und das Gewöhnliche

„Ich bilde mir ein, eigentlich unter uns diese Dichtart erst aufzubringen, indem ich das Wunderbare immer in die sonst alltäglichen Umstände und Verhältnisse lege“,[12] schreibt Tieck über ‚Die Reisenden’ von 1822 und umreißt dabei ein „steuerbares Phänomen, in dem sich das schöpferische Potential des Künstlers verwirklicht“[13] und das sich in ähnlichen Formulierungen über 25 Jahre hinweg in seinem Werk ausdrückt: schon in der Jugenderzählung ‚Die Freunde’ (1797)[14] und noch in der Novelle ‚Der Geheimnisvolle’ (1822).[15] Auch im ‚Phantasus’ spielt Tieck auf dieses Prinzip ausdrücklich an: in den Märchen ‚Der blonde Eckbert’[16] wie auch in ‚Der Runenberg’;[17] im Rahmengespräch erläutert Ernst diese Auffassung, der spätere Erzähler von ‚Eckart und Tannenhäuser’.

Es sei Naturbetrachtung,[18] die ihn zu „Natur-Mährchen“[19] führt, die „dann freilich nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen [können]“[20] und in denen „sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem Kindischen [mischt]“[21]. Dagegen bleibt Ernsts Bekenntnis zur Allegorie eher schwammig. „Wie wir es nennen wollen“,[22] antwortet er auf Claras Frage, ob seine Märchen „allegorisch“[23] seien. Offenbar geht er von einer Vorstellung der Allegorie als unvermeidlicher Hintergrund jeden Kunstwerkes aus, denn „[e]s giebt vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden ihres Wesens hätte“,[24] wobei das Gegensatzpaar von ‚wunderbar’ und ‚gewöhnlich’ in der Allegorie seine Auflösung finde.[25] Kronzeugen sind ihm dabei Dante und Novalis.[26]

Natürlich bleibt unklar, wie sehr Ernst hier Vertreter der Ansichten Tiecks ist, der im Gegensatz zu Ernst wohl selbst „keine [Überzeugung] in Hinsicht auf das Allegorische“[27] hatte und für den auch eher Shakespeare eine herausragende Rolle spielte.[28] Auffällig ist jedenfalls, dass Ernsts Ausführungen direkt vor dem ‚Phantasus’-Gedicht stehen, das dem Gesamtwerk Titel und Ton gibt.[29] Es sei daran erinnert, dass Ernsts Erläuterungen im ‚Phantasus’ vor seiner Geschichte stehen, Tieck diesen Rahmen aber erst nachträglich verfasst hat.[30]

Wesollek geht davon aus, dass das „Wunderbare als Grauenhaftes, Dämonisches“[31] typisch für einen Teil der Texte Tiecks sei und die „Zweiteilung des Werkes in Hinblick auf die Behandlung des Wunderbaren“[32] auch quer durch den ‚Phantasus gehe.[33] Wie Althaus am Beispiel des ‚Runenberg’ zeigt, hat es darüber hinaus große Auswirkungen, ob ein ‚Phantasus’-Text als ‚Märchen’, ‚Novelle’ oder – was wohl am besten ist – als ‚Märchennovelle’ gelesen wird.[34]

3. Erster Abschnitt: Eckart

Das Wunderbare und das Gewöhnliche im Eckart-Abschnitt scheint relativ klar abgrenzbar.[35] Die Handlung lässt sich in zwei Stränge unterteilen, wobei die dominierende Thematik um Eckart und den Herzog im Bereich des Glaubwürdigen und durchaus Erklärbaren bleibt, also als ‚gewöhnlich’ aufgefasst werden kann. Dagegen stellt der andere Bereich um Venusberg und Spielmann etwas ‚Wunderbares’, da offensichtlich naturwissenschaftlich nicht Erklärbares, dar. Beide Stränge kreuzen sich nur abschnittsweise an zwei Stellen: im Treffen Eckarts mit dem alten Mann[36] und im großen Endkampf.[37]

3.1. Das Gewöhnliche: Formfragen

3.1.1. Eckart, der getreue Held?

Ein markanter Unterschied der beiden Abschnitte besteht in dem nur im ersten Abschnitt auftretenden auffälligen Wechsel von Passagen in Prosa und in Versform.[38] Der Beginn mit vierzeiligen Strophen ohne weitere Einführung[39] präsentiert als erste Figur den „edle[n] Herzog groß / Von dem Burgunder Lande“,[40] der jedoch namenlos und undatierbar bleibt. Eckart findet erstmals in der dritten Strophe Erwähnung, als der verzweifelte Herzog nach ihm ruft, doch bleibt gerade durch die versifizierte Form unklar, ob sich das Fragezeichen und damit der Zweifel des Herzogs auf das „Wo“ bezieht oder auf „Eckart der treue Mann?“.[41] Eckart jedenfalls kommt im letzten Moment, verliert seinen Sohn Heinz und ‚opfert’ ihn dem Herzog.[42] Selbst im Angesicht des Verlustes bewahrt „der starke Held“[43] seine Härte und Treue.[44]

Tieck bedient sich hier der Volksliedstrophe, die auf den Minnesang bzw. auf die mittelalter-liche Heldenepik zurückgeführt wurde.[45] Allerdings wird der Abschnitt im Nachhinein als Lied eines „alten Landmannes“[46] enthüllt, also als eine erzählerische Analepse eines homo-diegetischen und intradiegetischen Erzählers;[47] gleichzeitig liegt innerhalb der Diegese aber auch eine Art archaischer ‚Geschichtsschreibung’ durch eine künstlerisch überhöhte Darstellung des ‚realen’ Zeitgenossen Eckart vor, der bereits zu Lebzeiten Figur von sagenhaften Gesängen ist und die Hochschätzung des Volkes erfährt. Im Gegensatz zum Anfangslied werden alle anderen versifizierten Abschnitte keiner erzählenden Figur zugeschrieben.[48]

3.1.2. Archaismus und Anachronismus

Auffällig ist ein gewisser „archaisierende[r] Sprachgestus“[49] der Verse, die sich in der Wort-wahl wie in einem uneinheitlichen Reimschema zeigt und der – gerade auch im Hinblick auf die Überarbeitungen für den ‚Phantasus’[50] – nicht als reine Nachlässigkeit abgetan werden kann.[51] Die Annahme scheint berechtigt, dass Tieck die Form bewusst mittelalterlich bzw. volkstümlich gestaltet hat, um die Ansiedlung der Eckart-Geschehnisse in einer vergangenen Sagenwelt zu unterstreichen.[52] Auch die Namen der Kinder, Conrad[53], Heinz[54] und Dietrich[55] sind wohl bewusst so gewählt, dass sie ‚mittelalterlich’ klingen und an Kaiser, Könige und Sagengestalten erinnern.[56] Daher ist der Bruch auffällig, den das Lied des jüngsten Eckart-Sohnes Conrad vollzieht,[57] das in anachronistischen Freien Rhythmen gestaltet ist, wurden die Freie Rhythmen als Variation antiker bzw. antikisierender Versmaße doch erst im

18. Jahrhundert von Klopstock erfunden und erfreuten sich großer Beliebtheit im Sturm und Drang.[58] Ob Eckart mit seiner Treue tatsächlich „die Haltung der alten Zeit“[59] vertritt, wird von Begemann durchaus begründet bestritten.[60] Trotzdem ist wohl anzunehmen, dass die „zeitliche Distanz“ der beiden Abschnitte „auch poetisch verdeutlicht“ werden soll, indem „die entscheidenden Partien des ersten Teils […] in Balladenform dargestellt [sind]“.[61] Das andererseits Elemente auftauche, die auf spätere Zeiten verweisen, verrückt den Abschnitt in eine undatierbare, unhistorische, gewissermaßen ‚märchenhafte’ Welt.[62]

[...]


[1] Der in diesem Zusammenhang nicht unproblematische ‚Märchen’-Begriff „für eine epische Form, die den Romantikern als Kanon der Poesie galt“ (Marianne Thalmann: Ludwig Tieck. Der romantische Weltmann aus Berlin. München: Lehnen 1955 (= Dalp-Taschenbücher Band 318). S. 74) soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Vgl. dazu Karl Rosenkranz: Ludwig Tieck und die romantische Schule (1838). In: Ludwig Tieck. Hrsg. von Wulf Segebrecht. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1976 (= Wege der Forschung Band CCCLXXXVI). S. 1-44, hier S. 32-36; Marianne Thalmann: Ludwig Tieck. Der romantische Weltmann. S. 35-53 und S. 74-96; Marianne Tahlmann: Das Märchen und die Moderne. Zum Begriff der Surrealität im Märchen der Romantik. Stuttgart: Kohlhammer 1961 (= Urban-Bücher Band 53). bes. S. 35-58 über das „Tieck-Märchen“; Paul Gerhard Klussmann: Die Zweideutigkeit des Wirklichen in Ludwig Tiecks Märchennovellen (1964). In: Ludwig Tieck. Hrsg. von Wulf Segebrecht. S. 352-385; Hans Schuhmacher: Narziß an der Quelle. Das romantische Kunstmärchen. Wiesbaden: Athenaion 1977; Helmut Arntzen: Tiecks Märchenerzählungen oder die Ambiguität der romantischen Poesie. Ein Vortrag. In: MLN 103,3 (April 1988). S. 632-647; Walter Münz: Nachwort. In: Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“. Hrsg. von Walter Münz. Stuttgart: Reclam 2003 (= Universal-Bibliothek Nr. 18240). S. 285-350, bes. S. 285-295 und S. 333-344. Eine Systematik der Tieck-Märchen „nach dem Grad der Stoffumbildung“ hat Gundolf versucht (vgl. Friedrich Gundolf: Ludwig Tieck (1929). In: Ludwig Tieck. Hrsg. von Wulf Segebrecht. S. 191-265, hier S. 231f.).

[2] Ethel Matala de Mazza: Die Kraft der Einbildung oder wie erfindet sich ein romantischer Autor? Zwei Lektionen in zwei Lektüren von Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann. In: Bild und Schrift in der Romantik. Hrsg. von Gerhard Neumann und Günter Oesterle. Würzburg: Königshausen & Neumann 1999 (= Stiftung für Romantikforschung Band VI). S. 255-277, hier S. 256. Vgl. auch Dwight A. Klett: Ludwig Tieck. An Annotated Guide to Research. New York / London: Garland 1993. S. 86f.

[3] Der Erstdruck erschien in: Romantische Dichtungen von Ludwig Tieck. Erster Theil. Jena: Friedrich Frommann 1799. S. 423-492; zur Entstehung (nach Köpke) vgl. Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1985 (= Ludwig Tieck. Schriften in zwölf Bänden. Band 6). S. 1268f.; vgl. auch Ludwig Tieck. Band 9/I. Hrsg. von Uwe Schweikert. München: Heimeran 1971. S. 217-220; Ernst Ribbat: Ludwig Tieck. Studien zur Konzeption und Praxis romantischer Poesie. Kronberg/Ts.: Athenäum 1978. S. 90-95; König der Romantik. Das Leben des Dichters Ludwig Tieck in Briefen, Selbstzeugnissen und Berichten. Vorgestellt von Klaus Günzel. Berlin: Verlag der Nationen 1981. S. 185-191; Achim Hölter: Das produktive Manifest zur Jahrhundertwende? Ludwig Tiecks „Romantische Dichtungen“ (1799/1800). In: „lasst uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig seyn! - “. Ludwig Tieck (1773-1853). Hrsg. vom Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin unter Mitarbeit von Heidrun Markert. Bern u. a.: Peter Lang 2004 (= Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik. N. F. Band 9). S. 113-128. Für diese Arbeit wird zitiert nach Ludwig Tieck: Der getreue Eckart und der Tannenhäuser. In: Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“. Hrsg. von Walter Münz. S. 52-86 (zur Textgestalt vgl. Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“. Hrsg. von Walter Münz. S. 269f.). Diese Phantasus-Version wurde von Tieck v. a. im Eckart-Abschnitt stilistisch gegenüber dem Erstdruck stark überarbeitet (vgl. Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. S. 1277-1281). Die Abweichungen sollen in dieser Arbeit aber nicht berücksichtigt werden.

[4] Thomas Meißner: Erinnerte Romantik. Ludwig Tiecks „Phantasus“. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007 (= Stiftung für Romantikforschung. Band XXXVII). S. 308, Anm. 34.

[5] Wie Meißner zusammenfasst: „der zweite Teil [ist] ungleich dichter, psychologischer, ‚moderner’, während der erste bewußt altertümlich angelegt ist, epische Verserzählung mit Prosastücken abwechselt“ (ebd. S. 308). Dieser Befund hat die Forschung sogar mitunter veranlasst, nur eine Hälfte zu betrachten und dabei praktisch als eigenständig zu behandeln; vgl. z. B. Gerburg Garmann: Die Traumlandschaften Ludwig Tiecks. Traumreise und Individuationsprozeß aus romantischer Perspektive. Opladen: Westdeutscher Verlag 1989. S. 119-131. Die Praxis Garmanns, statt vom „Tannenhäuser“ prinzipiell immer vom „Tannhäuser“ zu sprechen, ist in der Forschung häufiger anzutreffen, z. B. bereits bei Korff (vgl. Hermann August Korff: Das Emporsteigen der Romanischen Welt. Tieck (= Zweites Kapitel). In: Geist der Goethezeit. Versuch einer ideellen Entwicklung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte. III. Teil Romantik: Frühromantik. Leipzig: J. J. Weber 1940. S. 478-552, bes. S. 491-497).

[6] Neben dem Untertitel „In zwei Abschnitten“ steht jedem Teil noch extra der Hinweis „Erster Abschnitt“ bzw. „Zweiter Abschnitt“ voran (vgl. Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 52 und 74). Die von Thalmann festgestellte Zweiteilung der ‚Phantasus’-Märchen lässt sich hier aber nur bedingt übertragen; wohl nicht ohne Grund berücksichtigt sie gerade ‚Eckart und Tannenhäuser’ nicht (vgl. Marianne Tahlmann: Das Märchen und die Moderne. S. 48f.).

[7] Thomas Meißner: Erinnerte Romantik. S. 308.

[8] Vgl. Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. S. 1277. Die Beurteilung Tiecks war im Laufe der Zeit durchaus Schwankungen unterworfen. Dem Zeitgenossen Rosenkranz gilt er als „der Mittelpunkt der romantischen Schule“ (Karl Rosenkranz: Ludwig Tieck und die romantische Schule (1838). S. 4); dagegen verreißt Gundolf gleichermaßen Leben, Charakter und Werk Tiecks (vgl. Friedrich Gundolf: Ludwig Tieck (1929). S. 191-265). 1937 stellt Minder fest: „Der Literaturgeschichte ist seit mehr als 100 Jahren seine Romantik fragwürdig erschienen“ (Robert Minder: Ludwig Tieck, ein Porträt (1937). In: Ludwig Tieck. Hrsg. von Wulf Segebrecht. S. 266-278, hier S. 272) und zählt Tieck „unter die Geister zweiten Ranges“ (ebd. S. 278). Fast gleichzeitig „beginnt“ für Korff „mit Tieck die romantische [Dichtung]“ (Hermann August Korff: Das Emporsteigen der Romantischen Welt. S. 478), „in der leichtfertigen, oberflächlichen Art“ gerade des ‚Eckart und Tannenhäuser’ erblickt er allerdings auch Schwächen (ebd. S. 492). Vgl. auch Emil Staiger: Ludwig Tieck und der Ursprung der deutschen Romantik (1960). In: Ludwig Tieck. Hrsg. von Wulf Segebrecht. S. 322-351: „Er war und blieb ein hochbegabter, doch oberflächlicher Literat und wurde als solcher auch von einigen seiner Gefährten ein wenig belächelt. Dennoch […] erschien er als der dichterische Mittelpunkt des frühromantischen Kreises“ (ebd. S. 346). Vgl. grundlegend Roger Paulin: Ludwig Tieck: Leben und Werk. In: „lasst uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig seyn! - “. S. 13-24.

[9] Gert Ueding: Klassik und Romantik. Deutsche Literatur im Zeitalter der Französischen Revolution 1789-1815. München / Wien: Hanser 1987 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart Band 4). S. 565.

[10] „In der Gestalt des treuen Eckart nämlich hat Tieck dem der Unterwelt verfallen Tannhäuser [!] einen Heiligen der Treue und der Charakterfestigkeit gegenübergestellt, der überall gegen die Dämonen und für den Himmel streitet und besonders auch die Dämonen in der eigenen Brust besiegt“ (Hermann August Korff: Das Emporsteigen der Romanischen Welt. 494f.); „Ganz dem Gegensatz von christlichen Überweltglauben und heidnischer Naturgläubigkeit ist das Märchen vom getreuen Eckart und dem Tannenhäuser gewidmet“ (Hans Schuhmacher: Narziß an der Quelle. S. 58).

[11] „Der getreue Eckart avanciert […] zum Hüter des patriarchalischen Gesetzes und zum Heros der strategischen Triebabwehr […]. Tannhäuser dagegen bildet das Muster erotischer Verfallenheit“ (Hartmut Böhme: Romantische Adoleszenzkrisen. Zur Psychodynamik der Venuskult-Novellen von Tieck, Eichendorff und E. T. A. Hoffmann. In: Literatur und Psychoanalyse. Vorträge des Kolloquiums am 6. und 7. Oktober 1980. Hrsg. von Klaus Bohnen u. a. Kopenhagen / München: Wilhelm Fink 1981 (= Kopenhagener Kolloquien zur deutschen Literatur. Band 3; Text & Kontext Sonderreiche. Band 10). S. 133-176, hier S. 141); vgl. auch Gerburg Garmann: Die Traumlandschaften Ludwig Tiecks. S. 213-239 und S. 253f; Christian Begemann: Eros und Gewissen. Literarische Psychologie in Ludwig Tiecks Erzählung Der getreue Eckart und der Tannenhäuser. http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/ PDF/db/wiss/tieck/eckart_begemann.pdf (22. September 2010) [Erstpublikation in IASL 15,2 (1990). S. 89-145].

[12] Ludwig Tieck an Friedrich Tieck; Dresden, Ende Oktober 1822 (zit. nach Ludwig Tieck. Band 9/I. Hrsg. von Uwe Schweikert. S. 304f.).

[13] Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“. Hrsg. von Walter Münz. S. 274, Anm. zu 16,1ff.

[14] „Er hatte vergessen, daß es Frühling war, daß sein Freund krank sei; er horchte auf die wunderbaren Melodieen, die zu ihm wie von fernen Ufern herübertönten, das Seltsamste gesellte sich zum Gewöhnlichsten; seine ganze Seele wandte sich um“ (Ludwig Tieck: Die Freunde [1797]. In: Ludwig Tieck’s Schriften. Vierzehnter Band. Erzählungen und Novellen. Berlin: Georg Reimer 1829. S. 141-160, hier S. 146); vgl. schon ebd. S. 143: „Wie Gesang von jedem Zweige schallt, rief er aus; die Töne der Vögel vermischen sich lieblich mit dem Flüstern der Blätter, und ich höre aus der Ferne doch die Seufzer des Kranken durch das süße Conzert“.

[15] „Die beiden Freunde umarmten sich herzlich; alles Sonderbare, rief Karl aus, alles Seltsame wird gewöhnlich“ (Ludwig Tieck: Der Geheimnisvolle [1822]. In: ebd. S. 253-382, hier S. 380).

[16] „[D]as Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten“ (Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“. Hrsg. von Walter Münz. S. 49).

[17] „[D]as Seltsamste und das Gewöhnliche war so in einander vermischt, daß er es unmöglich sondern konnte“ (ebd. S. 96).

[18] „[S]elbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen […] durch unsere Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehen […] Gedichte und Mährchen“ (ebd. S. 15).

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd. Vgl. auch Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. S. 25f.

[22] Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“. Hrsg. von Walter Münz. S. 15. Auf die Frage, ob seine Märchen dem skizzierten Programm der Vermischung folgen, hat Ernst auch nur ein nichts sagendes „Vielleicht“ als Antwort (ebd).

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] „Gut und böse ist die Erscheinung, die schon das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht […]. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das Gewöhnliche wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient“ (ebd. S. 15f).

[26] Vgl. Ebd. S. 16.

[27] Marianne Tahlmann: Das Märchen und die Moderne. S. 37.

[28] Vgl. Paul Gerhard Klussmann: Die Zweideutigkeit des Wirklichen (1964). S. 352-385.

[29] Vgl. dazu Walter Münz: Nachwort. S. 288-295. Ernst ist allerdings nicht die einzige Figur, die Gedanken dieser Art äußert: „Manfred verheiratet? rief Theodor aus; er, […] der es zu seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen Leben auf innigste zu verbinden“ (Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. S. 23f.); „Wir geraten auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Rätsel und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen, am Ende von selbst wieder in das Gewöhnliche zurück“ (ebd. S. 84).

[30] Vgl. dazu unten.

[31] Peter Wesollek: Ludwig Tieck oder Weltumsegler seines Innern. Anmerkungen zur Thematik des Wunderbaren in Tiecks Erzählwerk. Wiesbaden: Franz Steiner 1984. S. 83.

[32] Ebd.

[33] ‚Eckbert’, ‚Runenberg’, ‚Liebeszauber’ und ‚Eckart und Tannenhäuser’ rechnet Wesollek zu dieser Kategorie, während ‚Magelone’ zu einer „Spielart“ gehöre, „in der das Wunderbare zwar den Charakter des Nichtalltäglichen […] beibehält, zugleich aber das Grauenhafte […] verliert“ (ebd. S. 83; vgl. auch ebd. S. 145f.). Den ‚Phantasus’ und seine Konstruktion behandelt Wesollek allerdings nicht.

[34] Vgl. Thomas Althaus: Doppelte Erscheinung. Zwei Konzepte der Erzählprosa des frühen Tieck, zwei notwendige Denkweisen um 1800 und zwei Lektüren von Tiecks Märchennovelle Der Runenberg. In: Die Prosa Ludwig Tiecks. Hrsg. von Detlef Kremer. Bielefeld: Aisthesis 2005 (= Münstersche Arbeiten zur Internationalen Literatur. Band 1). S. 95-114; vgl. auch Helmut Arntzen: Tiecks Märchenerzählungen. S. 632-647, der anmerkt: „Die Tieckschen Märchenerzählungen […] sind in besonderer Weise mit der Novellistik verbunden, insofern alle drei einen plötzlichen Umschlag des Geschehens kennen, allerdings einen, der in der Begegnung der Hauptfigur mit Wunderbarem oder doch ans Wunderbare grenzendem Irritierendem besteht. Ansonsten aber bleibt das Geschehen […] im Bereich des Wahrscheinlichen“ (ebd. S. 632f.). Ergänzend dazu: Thomas Meißner: Erinnerte Romantik. S. 368-373; Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins. Kunstbegriff und literarische Form in der Romantik von Novalis bis Nietzsche. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann 1991 (= Das Abendland. N. F. 19). S. 224-232 und die in Fußnote 1 genannte Literatur.

[35] Wie Wesollek gezeigt hat, ist nicht von einem einheitlichen Begriff des ‚Wunderbaren’ in Tiecks Gesamtwerk auszugehen (vgl. Peter Wesollek: Ludwig Tieck oder Weltumsegler seines Innern. bes. S. 76-119 und S.228-238); die daher problematische Schlussfolgerung, Tieck habe „die Macht des Wunderbaren“ mit dem „Vermögen der Liebe“ gleichgesetzt (ebd. S. 237, vgl. auch ebd. S. 228-238), ist für diese Arbeit allerdings nicht praktikabel (vgl. auch Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. S. 42f. und S. 93). Meißner stellt fest, dass es „das ‚Wunderbare’ erst jeweils neu zu bestimmen und es nicht als von vornherein gegeben anzusehen oder von seiner Einheitlichkeit auszugehen“ gelte (Thomas Meißner: Erinnerte Romantik. S. 372). Klussmann unterscheidet „zwischen dem Gewöhnlichen als dem einfachen Wirklichen und dem Wunderbaren als dem durch die Phantasie gesteigerten und neu geschaffenen Wirklichen“ (Paul Gerhard Klussmann: Die Zweideutigkeit des Wirklichen. S. 355). Arntzen spricht von „der Sphäre des Wunderbaren als des Unbekannten und Ungesicherten“ (Helmut Arntzen: Tiecks Märchenerzählungen. S. 633).

[36] Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 58-60.

[37] Ebd. S. 69-74.

[38] Vers: ebd. S. 62f., 65f. 68, 69-74; Prosa: ebd. S. 54-62, 63f., 66-68, 68f. Ausführlich untersucht von Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins. S. 232-240.

[39] Der Vollständigkeit halber kann angemerkt werden, dass Titel und Untertitel natürlich noch auf den extradiegeschen Erzähler des Gesamtmärchens zurückgehen.

[40] Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 52.

[41] Ebd. S. 52. Vielleicht deutet sich in diesem Punkt schon das Misstrauen des Herzogs an, was der heldenhaften Szenerie des Anfangs einen gewissen Unterton gibt.

[42] „Ich schenke dir den Sohn“ (ebd. S. 53).

[43] Ebd.

[44] „Der Eckart weinet fast“, mehr Schmerz zeigt er nicht (ebd.). Dagegen „bricht“ dem Herzog „[s]ein edles Herze“ und „[e]r weint die hellen Zähren“ (ebd. S. 54). Erstaunlich ist daher, dass Eckart bei seinem ersten Auftritt in der ‚Realität’ „laut“ vor sich hin „weint“ (ebd. S. 54) und damit so gar nicht mehr der eigenen Legende entspricht! Dass gerade der kleine Conrad in voller Naivität an die überhöhte Darstellung seines Vaters glaubt (vgl. ebd. S. 55), stellt fast schon eine Ironisierung der lebenden Legende Eckart dar. Dass die Feindschaft des Herzogs gar nicht auf tatsächlichen Taten Eckarts beruht, sondern nur darauf, dass der Herzog eben die Geschichten um diesen zu ernst genommen hat, treibt das Wechselspiel auf die Spitze (vgl. ebd. S. 56: „Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen laut, daß er mir Reich und Leben zu danken […]; das kann er nicht leiden“). So kann es nicht überraschen, dass Conrad mit dem Versuch scheitert, die ‚Vergangenheit’ zurückzubringen (vgl. ebd. S. 57: „ich will ihm alles, was du gethan […] in die Seele zurück rufen, und er wird wieder seyn, wie ehemals“). Vgl. auch Neumann: „Allerdings wird, in der Ballade wie auch im folgenden Text, so viel geweint wie nur je in einem Werk der Empfindsamkeit; ob Tieck sich dieses Anachronismus bewußt war, ist fraglich“ (Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins. S. 232)

[45] Vgl. Hans Peter Neureuter: Volksliedstrophe. In: In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Band III. P – Z. Hrsg. von Jan-Dirk Müller u. a. Berlin / New York: Walter de Gruyter 2003. S. 797-799.

[46] Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 54.

[47] Als unbeteiligter Beobachter/Erzähler.

[48] Es kann jedenfalls nicht jedes Mal der Landmann sein, es sei denn, er hätte sich selbst zu Beginn der Erzählung ‚miterzählt’. In der späteren Aufnahme des Märchens in den ‚Phantasus’ ‚rückt’ natürlich der Rahmen-erzähler Ernst nach. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass der Anfangsabschnitt als Bericht einer Figur der Diegese eine erzählerische Ebene tiefer anzusiedeln ist als die anderen Vers-Passagen! „Jetzt aber steht die Ballade auf derselben Ebene wie das unmittelbar zuvor in Prosa erzählte. Damit rückt die ganze Eckart-Geschichte in die Nähe einer balladesken Sage“ (Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins. S. 235).

[49] Thomas Meißner: Erinnerte Romantik. S. 314, Anm. 47.

[50] Vgl. Fußnote 3.

[51] Vgl. Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 52: Reimschema: abab / cddc / efef / ghgh (und dann immer Kreuzreim). „Der kurze, dreihebige Vers, sinnwidrige Versfüllungen […], Inversionen […] und veraltete Wortformen […] – all dies trägt dazu bei, der Ballade einen volkstümlich-märchenhaften Ton zu verleihen“, bemerkt Neumann (Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins. S. 232). „Einzelne Verse schmeicheln sich ein, kaum je aber ganze Gedichte“, urteilt Staiger skeptisch über Tiecks eingelegte Lyrik in Geschichten und Schauspielen insgesamt (Emil Staiger: Ludwig Tieck und der Ursprung der deutschen Romantik (1960). S. 338; vgl. ebd. S. 338-346). Vgl. auch Friedrich Gundolf: Ludwig Tieck (1929). S. 236-238.

[52] „Die ihm [Eckart] gewidmete Erzählung nähert sich kunstvoll dem altertümlichen Volksbuchton und erinnert in den versifizierten Einlagen von ferne an das Metrum der alten Nibelungenstrophe, die freilich holzschnitthaft derb und oft nur in assonierendem Reim gehalten ist“ (Ludwig Tieck. Phantasus. Hrsg. von Manfred Frank. S. 1274). „Unterschiedliche entstehungsgeschichtliche oder stilistische Deutungen der Variationsmöglichkeiten stimmen zumindest darin überein, daß die Freiheit der Kandenzbildung ebenso wie die gelegentlich unreinen Reime zu den altertümlichen Formelementen gehören“, schreibt Curschmann über das ‚Nibelungenlied’ (Michael Curschmann: ‚Nibelungenlied’ und ‚Klage’. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 6. Hrsg. von Kurt Ruh u. a. Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter. Berlin / New York: Walter de Gruyter 1987. Sp. 926-969, hier Sp. 955). So sah es offensichtlich bereits Tieck! Vgl. auch ebd. Sp. 926-969, bes. Sp. 954-958 und Ursula Schulze: Epenstrophe. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Band I. A – G. Hrsg. von Klaus Weimar u. a. 3., neubearbeitete Auflage. Berlin / New York: Walter de Gruyter 1997. S. 453-455.

[53] Der alte deutsche Vor- und Kaisername kommt von „Kuonrad“ (aus ahd. kuoni „mutig, kühn“ + rat „Unterstützung, Rat“), vgl. auch Wendungen wie „Armer Konrad“ als Verkörperung der Bauern und „Hinz und Kunz“ (= Heinrich und Konrad) (Ernö und Renate Zeltner: Konrad, Conrad. In: Dies.: Who’s who der Vornamen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999. S. 165-167).

[54] Kommt vom alten deutschen Vorname Heinrich, einem Namen von Königen und Kaisern; er ist wohl sächsischen Ursprungs (Heimerich) oder kommt vom ahd. Haganrich (ahd. hag „umfriedeter Bezirk“ + rihhi „mächtig, reich“) (Ernö und Renate Zeltner: Heinrich. In: ebd. S. 121-123).

[55] Der alte deutsche Vorname kommt vom ahd. thiot (Volk) + rihhi (Herrschaft), also „Volksherrscher“; v. a. ist an Dietrich von Bern zu denken (Ernö und Renate Zeltner: Dietrich. In: ebd. S. 63-65).

[56] Was auch für den Friedrich des zweiten Abschnitts gilt. Der seit dem Mittelalter verbreitete deutsche Königs- und Kaisername kommt von gotisch Frithareiks, ahd. Fridurich (von ahd. fridu „Friede, Schutz vor Waffen“ + rihhi „reich, mächtig“) (Ernö und Renate Zeltner: Friedrich, Frederike. In: ebd. S. 99-101). Vgl. auch die Zeitgenossen Tiecks (Friedrich der Große, Schiller, Schlegel, Bruder Friedrich Tieck – und natürlich Friedrich von Hardenberg). Nicht zuletzt gibt es auch in der Rahmennovelle einen Friedrich (vgl. dazu Marianne Thalmann: Ludwig Tieck. Der romantische Weltmann. S. 42f.). Selbst der Name des Erzählers im ‚Phantasus’, Ernst, liegt auf dieser Linie - der alte deutsche Vorname kommt von ahd. Ernust „Ernst, Eifer, Entschlossenheit“; Name von Adeligen und Heiligen (Ernö und Renate Zeltner: Ernst, Erna. In: Dies.: Who’s who der Vornamen. S. 78-81).

[57] Vgl. Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 55. Es scheint dabei fast zynisch, dass Conrad hier unwissend seine Bewunderung für den Feind seines Vaters und Mörder seiner Brüder ausdrückt. Wie die dramatischen Ereignisse der Vorgeschichte völlig ohne Wissen Conrads geschehen konnten, bleibt freilich rätselhaft.

[58] Vgl. Sabine Doering: Freie Rhythmen. In: Reallexikon. Band I. S. 629-631. Es sei angemerkt, dass Tieck auch bei den Freien Rhythmen entgegen der üblichen Praxis Reime benutzt. Fast scheint er schon auf dem Weg zu den erst viel später aufkommenden Freien Versen (vgl. Dieter Lamping: Freie Verse. In: ebd. S. 631f.). Neumann sieht in Conrads Gesang allerdings „eine Art alten Spruchs, dessen zweihebige Kurzzeilen […] einen wilden, urtümlichen Eindruck erwecken“ (Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins. S. 233). Ein anachronistisches „bürgerliche[s] Selbstbewußtsein“ (Walter Münz: Nachwort. S. 309) sieht Münz auch in den fürstenkritischen Äußerungen Eckarts, der seinen Reimspruch zum Thema allerdings als „den alten Spruch“ ankündigt (Ludwig Tieck: Eckart und Tannenhäuser. S. 56). Als „Mensch […] des […] fortgeschrittenen bürgerlichen 18. Jahrhunderts“ begreift Begemann Eckart gerade in seinem Treueverständnis (Christian Begemann: Eros und Gewissen. Blatt 8). Schuhmacher vergleicht den Baron mit einem „barocke[n] Tyrann[en]“ (Hans Schuhmacher: Narziß an der Quelle. S. 58). Ein „antifeudalistisches Element“ entdeckt Tebben (Karin Tebben: Die Misere des Erwählten. Zum frühromantischen Kunst- und Künstlerverständnis Ludwig Tiecks. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2006. S. 209-243, hier S. 227).

[59] Johannes P. Kern: Ludwig Tieck: Dichter einer Krise. Heidelberg: Lothar Stiehm 1977 (= Poesie und Wissenschaft XVIII). S. 90.

[60] Der Herzog habe durch sein Verhalten das auf Gegenseitigkeit basierende Lehensverhältnis gebrochen (vgl. Christian Begemann: Eros und Gewissen. Blatt 7f.).

[61] Hans Schuhmacher: Narziß an der Quelle. S. 58. Vgl. auch Ernst Ribbat: Ludwig Tieck. S. 144f. „Daß der erste Teil von literaturhistorischer Signifikanz ist, ein wichtiges Beispiel für Tiecks Experimentieren mit archaisierender, ‚altfränkischer’ Sprache darstellt, ist jedenfalls evident“, schreibt Meißner (Thomas Meißner: Erinnerte Romantik. S. 308).

[62] Es ist ziemlich rätselhaft, wieso Tebben den Eckart-Abschnitt auf den „Beginn des 15. Jahrhunderts“ (Karin Tebben: Die Misere des Erwählten. S. 224) und den Tannenhäuser-Teil auf die „Zeit Tiecks“ (ebd. 230) datieren zu können glaubt.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Über Ludwig Tiecks Leitprinzip in "Der getreue Eckart und der Tannenhäuser"
Untertitel
"Wir leben wahrlich in einer wunderbarlichen Zeit"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Hauptseminar "Ludwig Tiecks Phantasus"
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
36
Katalognummer
V164529
ISBN (eBook)
9783640798964
ISBN (Buch)
9783640799299
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Venusberg, Tieck, Ludwig Tieck, Phantasus, Der getreue Eckart und der Tannenhäuser, Tannhäuser, Romantik, Eckart, Romantische Dichtung, Jena
Arbeit zitieren
Stefan Krause (Autor), 2010, Über Ludwig Tiecks Leitprinzip in "Der getreue Eckart und der Tannenhäuser", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164529

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