Narzissmus in Claude Seignolles "Isabelle"


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Mythos Narziss im Wandel der Zeit

2. Mythologischer Narziss
2.1. Narzissmotivik in Claude Seignolles Isabelle
2.2. Ovids Narcissus als Leitmotiv bei Platon und Rousseau

3. Narzissmus unter der Lupe der Psychoanalyse
3.1. Sigmund Freud: Anzeichen einer psychischen Störung beim Grafen
3.2. Weiblich-männlicher Narzissmus und Komplementärnarzissmus

4. Schluss und Ausblick: Erzeugung des unheimlichen Gefühls durch Elemente der Gothic Novel

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unzählige Male wurde der Mythos vom Narziss in der Literatur aufgegriffen. Man müsste bei Ovids Verwandlungen anfangen, in diesem Werk wird die Geschichte von Narziss und Echo zum ersten Mal erzählt, und könnte eigentlich in jeder Epoche der Literaturgeschichte mehrere Beispiele für Narzissmotivik finden. Die Denker der Antike, wie auch des Mittelalters greifen diese Geschichte auf und versuchen sie zu deuten. In der Romantik wird der Narziss dann zum Inbegriff der unglücklichen Liebe. Mit dem Aufkommen der Psychoanalyse gewinnt dieser Mythos an neuen Aspekten. Sigmund Freud prägt Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Begriff der narzisstischen Persönlichkeitsströrung und gibt somit vor, wie sich die Autoren dieses Jahrhunderts dem Thema Narziss nähern werden. Die neusten Trends auf diesem Gebiet gehen in Richtung der Untersuchung der ganzen Gesellschaft auf ihr narzisstisches Verhalten und der Kristallisation eines Menschen mit narzisstischen Zügen als einen neuen Sozialisationstypus.

In der hier vorliegenden Arbeit will ich mich zuerst der Mythologie widmen und die Geschichte von Claude Seignolle auf die Narzissmotive untersuchen, die man in Ovids Verwandlungen findet. Des Weiteren ziehe ich Parallelen zu Autoren wie Platon und Rousseau, die von Ovids Mythos inspiriert, sich ihrerseits des Themas annahmen. Claude Seignolle tritt mit seiner Geschichte teilweise die Nachfolge dieser beiden Autoren an, aber auch zahlreicher anderer, wie Giovanni Boccaccio, Francis Bacon und Friedrich von Schlegel. Im zweiten Abschnitt dieser Arbeit befasse ich mich mit der Psychoanalyse, die bei den Deutungsansätzen von Claude Seignolles Isabelle eine große Rolle spielt, da diese Geschichte aus dem Jahr neunzehnhundertsechsundsechzig bereits im Zeitalter der Psychoanalyse verfasst wurde und somit eine psychoanalytische Deutung nicht wegzudenken ist. In diesem Zusammenhang will ich auf die Unterscheidung zwischen dem weiblichen und dem männlichen Narzissmus eingehen, aber viel mehr noch auf den so genannten Komplementärnarzissmus. Dieser bezeichnet die Suche eines Narzissten nach einem Komplementärnarzissten, welcher ihn ergänzen würde.

Zum Schluss beleuchte ich noch kurz die Art und Weise wie Claude Seignolle in der uns hier vorliegenden Geschichte Isabelle beim Leser ein unheimliches Gefühl erzeugt. Zum Beispiel lassen sich hier verschiedene Elemente der Gothic Novel ausmachen.

2.1. Narzissmotivik in Claude Seignolles Isabelle

In Metzler Lexikon literarischer Symbole finden wir, unter anderem, folgende Information zu der Blume Narzisse: „Symbol tödlicher Eigenliebe. […] Die mythologische Figur, als Inbegriff des schönen Jünglings[…] symbolisiert im Rückgriff auf den für Ovid zentralen Selbstbezug verschiedene bis zur Selbstzerstörung führende Formen autistischer Eigenliebe.“[1]

Ruft man sich nun die Geschichte vom Narcissus in Ovids Verwandlungen ins Gedächtnis, so kann man gewisse Parallelen zu Claude Seignolles Erzählung Isabelle ziehen . Das wohl wichtigste Motiv in der Geschichte von Narcissus ist das Spiegelmotiv. Ovid beschreibt folgendermaßen den Augenblick, in dem sich der Narcissus zum ersten Mal in einem Quell erblickt „Und während er den Durst zu stillen trachtete, wuchs in ihm ein anderer Durst. Während er trinkt, erblickt er das Spiegelbild seiner Schönheit, wird von ihr hingerissen, liebt eine körperlose Hoffnung, hält das für einen Körper, was nur Welle ist.“[2]

Bei Seignolle fungiert das Bild der schönen Isabelle als Spiegel und zeigt dem Monsieur de R. ein Spiegelbild, welches ihn genauso wie den mythologischen Narziss in seinen Bann zieht und nicht mehr loslässt. Zu dieser Annahme wird man allein schon durch die Tatsache verleitet, dass Graf de R. sich als den Schöpfer der Isabelle bezeichnet „Ich würde mich dem Vergnügen hingeben können, sie neu zu schaffen.“[3]

Er liebt dann das, was er selbst geschaffen hat oder sich selbst in dem Bild, welches er unter der Schicht des Farbmantels entdeckt. Wir finden in Metzler Lexikon literarischer Begriffe folgende Definition für Fleck/Befleckung „Symbol des moral. Makels, der Schuld und der Schande.“[4] So verwendet der Graf selbst oft die Begriffe „Verunreinigung“ und „beschmiert“, womit er seine eigene Haltung gegenüber der Überpinselung des Bildes zum Ausdruck bringt. Er versucht fieberhaft das Bild von dieser Verunreinigung zu befreien, wobei der Gedanke an die Rettung der Frau auf der Leinwand schon an eine fixe Idee grenzt. Die ockergelbe Farbe, mit welcher das Bild übermalt ist, verbirgt den Körper der Isabelle, aber das nicht übermalte Gesicht reicht aus, um den Grafen bei der Auktion in den Bann zu ziehen und in sein Verderben zu stürzen. Genauso wie der Narcissus das für einen Körper hält, was nur Welle ist, hält der Graf das für einen Körper, was nur Farbe ist.

An einer Stelle im Text bezeichnet sich der Graf als einen leidenschaftlichen Sammler und das Bild der schönen Isabelle als eine „Errungenschaft“[5]. Man sieht eine klare Selbstbezogenheit in seiner Haltung. Diese Selbstbezogenheit tritt später noch stärker zu Tage als er Isabelle eine „Eroberung“[6] nennt, da er sich damit noch mehr in die Position des egozentrisch denkenden Narzissten rückt.

Als Isabelle dann zum Leben erwacht und ihn nachts aufsucht, wird sie für den Grafen zu einer Art Obsession. Er trachtet danach Isabelle zu besitzen und in diesem Wunsch geht er so weit, dass er die Leinwand zerstört, welche ihr am Tage als Zuflucht dient. Damit überschreitet er eine Grenze, die er als ein Narzisst als solche gar nicht wahrnimmt, da er nicht in der Lage ist sich in einen anderen hineinzufühlen. Der Graf denkt auch in dem Moment, in dem er die Leinwand zerstört nicht an die Folgen, was wiederum den Mangel an Einfühlungsvermögen bestätigt. Die Egozentrik des Grafen und sein Größenwahn sind Zeichen seines Narzissmus, genauso wie die Abwendung von der Außenwelt, welche wir als nächstes Motiv ein bisschen näher betrachten wollen.

Der Beschreibung des Restaurators können wir entnehmen, dass Monsieur de R. sehr zurückgezogen lebt und keine Kontakte zur Außenwelt pflegt:

Wenige Monate zuvor hatte ich mich zum Schloß von C. begeben, das zwischen zwei Wäldern versteckt liegt. […] Ich hatte Mühe, meine Bestürzung zu verbergen, obwohl ich von seinem geheimen Leiden unterrichtet war, dessen Wesen und Ursache niemand kannte, da er seine Tür verschlossen und ein für allemal sämtliche Ärzte und Bedienten davongejagt und nur seinen Stallknecht behalten hatte[…][7]

Hier lässt sich wieder an den mythologischen Narziss anknüpfen, welcher sich ähnlich wie der Graf, in die Wälder zurückzieht und die Gesellschaft der Nymphen meidet. Die Weltabgewandtheit dieser beider Narzissten resultiert aus ihrer Selbstbezogenheit. Da der Graf genauso wie der Narcissus einem Trugbild verfallen ist, wird für ihn die Außenwelt zu einem störenden Faktor, den es zu eliminieren gilt.

Ein weiterer Aspekt den wir sowohl bei Seignolle, wie auch bei Ovid finden ist die Magerkeit der beiden Helden. So wird bei Seignolle der Graf vom Restaurator wie folgt beschrieben:

[...]


[1] Vgl. Günter Butzer und Joachim Jacob: Metzler Lexikon literarischer Begriffe. Stuttgart 2008, S.248.

[2] Vgl. Ovid : Verwandlungen. In: Mythos Narziß Texte von bis Jacques Lacan. Hrsg. v. Almut-Barbara, Stuttgart 2008, S. 49.

[3] Vgl. Claude Seignolle: Isabelle. In : Das Zimmer der Träume. Wundersame Geschichten aus Frankreich. Hrsg. v. Klaus Möckel, Berlin 1989, S.58.

[4] Butzer, Metzler Lexikon literarischer Begriffe, S. 105.

[5] Seignolle, Isabelle, S.58.

[6] Ebd., S.59.

[7] Ebd., S.51-52.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Narzissmus in Claude Seignolles "Isabelle"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V164546
ISBN (eBook)
9783640797370
ISBN (Buch)
9783640797141
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narzissmus, Claude, Seignolles, Isabelle
Arbeit zitieren
Maria Sachs (Autor), 2010, Narzissmus in Claude Seignolles "Isabelle", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164546

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