Mit dem Schlagwort „Fundamentalismus“ wird allgemeinhin die moderne Erscheinung gesellschaftlich-politisch mobilisierter radikal-traditionalistischer Tendenzen innerhalb der sogenannten Weltreligionen belegt. Seit Beginn der 90er Jahre taucht diese Bezeichnung auch in Bezug auf Strömungen innerhalb der russischen Orthodoxie auf: sie wird hier vor allem mit Konservativismus, Antidemokratismus und Antisemitismus verbunden.
Nach der Perestrojka durchläuft Russland eine Phase radikalen gesellschaftlichen Wandels, die zum Teil zu einer Rückbesinnung auf die eigene Tradition führt. Davon ist insbesondere die Orthodoxie betroffen, die als Bewahrerin der russischen Seele schlechthin gilt. Sie bekommt ungewollt Zulauf von insbesondere patriotischen bis faschistischen Gruppierungen, die sich im Laufe der 90er Jahre zunehmend radikalisieren und mobilisieren. Die fundamentalistische Bewegung ist dann besonders in den politisierten Bruderschaften zu erkennen, die das Moskauer Patriarchat mit seiner eher liberalen Einstellung zu zentralen Themen wie Oekumene und Judentum zunehmend in Bedrängnis bringen. Dabei muss sich die Kirchenleitung mit dem Erscheinen der rivalisierenden orthodoxen Auslandskirche zudem einem drohenden Schisma stellen.
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erscheinung des Fundamentalismus in der russischen Orthodoxie der 90er Jahre unter besonderer Berücksichtigung seiner Ideologie. Sie leistet damit einen Beitrag zum besseren Verständnis der Russischen Orthodoxen Kirche und ihrer heutigen Anschauungen, die sich vor dem Hintergrund der umwälzenden politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der 90er Jahre ergeben.
Inhaltsverzeichnis
I. Aufgabenstellung und Vorgehensweise
II. Die Situation der russischen Orthodoxie nach der Perestrojka
1. Der politische und gesellschaftliche Rahmen
2. Die innerkirchliche Situation
III. Die Fundamentalisten in der russischen Orthodoxie
1. Das Erscheinungsbild des russisch-orthodoxen Fundamentalismus
2. Die Ideologie des russisch-orthodoxen Fundamentalismus
IV. Auswertung im Sinne einer Fundamentalismustheorie
1. Fundamentalismus und russisch-orthodoxer Fundamentalismus
2. Mobilisierung zum Fundamentalismus im Fall Russland
V. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Fundamentalismus innerhalb der russischen Orthodoxie, insbesondere in der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) und der Russisch-Orthodoxen Auslandskirche (ROA), unter Berücksichtigung ideologischer Hintergründe und gesellschaftspolitischer Mobilisierungsprozesse in Russland nach der Perestrojka.
- Historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen der ROK nach 1990
- Ideologische Merkmale des russisch-orthodoxen Fundamentalismus (Literalismus, Traditionalismus, Verschwörungstheorien)
- Analyse der Akteure, Bruderschaften und medialen Einflussnahme
- Übertragung fundamentalismustheoretischer Ansätze auf den russischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Die „Pan-Häresie“ Ökumene als Beginn der säkularisierten „neuen Weltära“
In der Missachtung der Tradition liegt nach fundamentalistischem Verständnis der Grund für den Abfall von der „einen orthodoxen und katholischen Kirche“, der sich in den (somit als häretisch zu betrachtenden) nicht-orthodoxen christlichen Gemeinschaften zeigt. Ökumene ist (dem Vorbild der Hl. Väter folgend) abzulehnen, da sie die Häretiker nicht aus ihrer Verirrung herausführt, sondern bestärkt. Ökumene ist „Pan-Häresie“, denn die Ablehnung der Tradition hat alle häretischen Vergehen zur Folge. Wer diese All-Häretiker als Partner in theologischen Gesprächen akzeptiert, verneint damit ebenfalls das Fundament der Vätertradition und verfällt selbst den daraus folgenden Häresien. Andersherum wird deshalb jede einzelne Neuerung (insbesondere die Kalenderumstellung) als erster Schritt zur Angleichung an die Häresien des Westens empfunden, die zwangsläufig das Ende der Orthodoxie bedeuten würde.
Ökumene wird als Element der säkularisierten westlichen Kultur angesehen, deren Ziel für die „neue Weltära“ eine Aufhebung aller Unterschiede und die Schaffung eines Einheitsmenschen ist. Ökumene ist Freimaurerei, da sie ihre Aufgabe darin sieht, „alle Religionen als Erscheinung ein und derselben geistlichen Substanz zu erklären“ und letztlich zu einer einzigen Weltreligion zu machen. Zudem wird in der Ökumene wie in der westlichen Kultur insgesamt die diesseitige Welt über die jenseitige gestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Aufgabenstellung und Vorgehensweise: Einleitung in die Thematik des russisch-orthodoxen Fundamentalismus und Darlegung der methodischen Vorgehensweise.
II. Die Situation der russischen Orthodoxie nach der Perestrojka: Untersuchung der politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der innerkirchlichen Spannungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
III. Die Fundamentalisten in der russischen Orthodoxie: Darstellung der Akteure, Ideologien und des öffentlichen Auftretens fundamentalistischer Strömungen.
IV. Auswertung im Sinne einer Fundamentalismustheorie: Theoretische Einordnung der Phänomene und Analyse der Mobilisierungsfaktoren im russischen Kontext.
V. Zusammenfassung und Ausblick: Fazit der Ergebnisse und Einschätzung der weiteren Entwicklung der fundamentalistischen Strömungen in Russland.
Schlüsselwörter
Russische Orthodoxie, Fundamentalismus, ROK, ROA, Nationaler Konsens, Ökumene, Pan-Häresie, Orthodoxe Monarchie, Verschwörungstheorie, Antisemitismus, Modernität, Traditionalismus, Perestrojka, Identität, Bruderschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung, Ideologie und Mobilisierung fundamentalistischer Tendenzen innerhalb der russischen Orthodoxie seit den 1990er Jahren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die innerkirchliche Situation, das Verhältnis von Kirche und Nationalidentität sowie die fundamentale Ablehnung westlicher Werte und ökumenischer Bestrebungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den fundamentalistischen Widerstand gegen die Modernisierung Russlands zu beschreiben und diesen in den Kontext allgemeiner Fundamentalismustheorien einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung basiert auf einer Auswertung von Publikationen, Medienberichten und Dokumenten, ergänzt durch einen theoretischen Abgleich mit den Typologien von Martin Riesebrodt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Akteure und Medien analysiert, die ideologische Ausrichtung (z.B. Verschwörungsmythen) erläutert und die Ursachen für die Mobilisierung der Traditionalisten untersucht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie religiöser Fundamentalismus, orthodoxe Identität, Anti-Ökumenismus und politisierter Traditionalismus definiert.
Welche Rolle spielt der Antisemitismus in der untersuchten Ideologie?
Antisemitismus fungiert innerhalb der untersuchten fundamentalistischen Weltanschauung als dualistisches Element, das den „Zionismus“ als Teil einer Verschwörung gegen die russische Orthodoxie darstellt.
Inwiefern beeinflusste die Rede von Patriarch Aleksij II. in New York die Entwicklung?
Die Rede wird als entscheidender Auslöser für den offenen Widerstand konservativer Kreise identifiziert, der den Mobilisierungsprozess der Fundamentalisten maßgeblich beschleunigte.
- Quote paper
- Christopher Selbach (Author), 1999, Fundamentalismus in der russischen Orthodoxie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16461