Vergleichende Gedichtinterpretation - Gryphius und Eichendorff

"Morgensonett" und "Morgengebet" im Vergleich


Referat / Aufsatz (Schule), 2010

8 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Vergleichende Gedichtinterpretation

Das Barock und die Romantik sind zwei Stilepochen, die nicht nur ein beachtlicher zeitlicher Abstand trennt, sondern die sich auch in ihren Kunstauffassungen stark unterscheiden, so steht zum Bespiel das Barock mit seiner poetologischen Forderung nach Formgebundenheit in starker Abgrenzung zur Romantik, die diese auflöst. Trotz der Unterschiede der äußeren Form und der inhaltlichen Struktur gibt es eine Gemeinsamkeit beider Gedichte, die Religiosität. Sowohl Andreas Gryphius „Morgen Sonett“ und Joseph von Eichendorffs „Morgengebet“ liegt ein starker religiöser Grundgedanke zugrunde, da beide lyrischen Sprecher angesichts des Morgens in Dialog mit Gott treten.

Beginnend mit Gryphius „Morgen Sonett“ offenbart sich dem Leser bereits beim alleinigen Lesen der Überschrift ein barocktypisches Merkmal: das Sonett, welches sich durch seine strenge Form, die aus zwei Quartetten und zwei Terzetten besteht, auszeichnet und durchgängig im 6-hebigen Jambus geschrieben ist. Allerdings weicht im vorliegenden Gedicht das Reimschema in den Terzetten etwas vom klassischen Muster ab (ccd/eed). Auffallend sind auch die unreinen Reime (verschlissen-grüßen, küssen-Füssen, umgibt-betrübt), welche nicht typisch für das Sonett sind. An diesem meist sehr strengen Schema lässt sich der zu dieser Zeit weit verbreitete Wunsch nach klarer Struktur und Ordnung erkennen, der auf die Verwüstungen, Zerstörungen und die politischen Unklarheiten des 30 jährigen Krieges zurückzuführen ist. Desweiteren geht aus der Überschrift hervor, dass das Gedicht den Morgen thematisiert, was im Leser eine Vielzahl von Assoziationen hervorruft, beispielsweise der Gedanke an Wiedergeburt, die Unschuld und Unberührtheit des neuen Tages und vieles mehr. Trotz alledem wirkt die Überschrift durch das einfache Nennen zweier Worte ohne davorstehenden Artikel sehr allgemeingültig, als wäre kein bestimmter Morgen sondern der Morgen oder auch der Neuanfang im Allgemeinen gemeint.

Der anbrechende Tag wird mit allen Freuden beschrieben. Der Tag beginnt, die Zeichen der Nacht, Sterne und Mond, verblassen, der Himmel graut, es weht ein leichter Wind und die Vögel machen sich auf den neuen Tag zu begrüßen. Der Tagesanbruch wird auf eine sehr metaphorische Weise beschrieben und durch die Personifizierung der Naturelemente wie z.B. „die Morgenrötte lacht“ (V. 2) wird die Eigenständigkeit der Natur deutlich. Das Fehlen von Menschen lässt die Szenerie fast göttlich erscheinen, was auch durch die Verwendung von Allegorien unterstützt wird, nämlich mythologische Figuren die bezeichnend für Dinge stehen (z.B. Diane, die Mondgöttin als Stellvertreterin des Mondes). Die reiche Aufzählung von Naturerscheinungen lassen auf die Signaturenlehre schließen, welche ausschlaggebend in barocker Literatur war. Das Leben als offenes Buch liegt dem „Leser“ zur Deutung vor und stellt für den christlichen Menschen den Weg zu Gott als Autor, dessen Sprache die Erscheinungen der Erde sind, dar. Die Natur wird also durch Gott verlebendigt, erhält somit eine Seele und kann dadurch zum Menschen sprechen. Dies erinnert fast an pantheistische Vorstellungen vom göttlichen Prinzip, jedoch sind diese im Barock nicht sehr verbreitet. Die barocken Dichter verwenden einfach mit Vorliebe mythologische Figuren, vermutlich um dem Trandszendenzbewusstsein gerecht zu werden.

Der umarmende Reim unterstützt die Vorstellung vom Einklang der Sonne mit der Welt, da ihre Strahlen die Welt zu umarmen scheinen. Die Gleichmäßigkeit des Präsens und des 6-hebigen Jambus, die sogenannten Alexandriner, welche sich durch das gesamte Gedicht ziehen und die sich in den ersten beiden Quartetten wiederholenden weiblich, männlich, männlich, weiblichen Kadenzen haben eine beruhigende Wirkung auf den Leser und unterstreichen somit den Eindruck vom harmonischen Übergang von der Nacht zum Tag.

Das erste Quartett hat eine antithetische Wirkung auf den Leser. Indem es den Morgen als lachenden, sanften, freundlichen Tagesbegin zeigt, assoziiert der Leser, dass die Nacht unheilvoll, langwierig und leidbringend ist, was sich im späteren Verlauf des Gedichts bestätigt.

Die „ewig-helle Schaar“ (V. 1) verbildlicht die Sterne, deren Schein nun langsam verblasst und verdeutlicht, dass die Dunkelheit der Nacht der lachenden Morgenröte weicht („die Morgenrötte lacht“ (V. 2)). Die antithetischen Personifikationen „Diane steht erblasst“ und „die Morgenröte lacht“ lassen erkennen, dass das lyrische Ich den Wechsel von der Nacht zum Tag als einen Triumph des Tages im Spiel der göttlichen Mächte empfindet.

Das Lachen kann einerseits als triumphierende Schadenfreude des Tages gegenüber der Nacht verstanden werden und andererseits lässt es auf die fröhliche und erleichterte Stimmung am Morgen schließen. Das „Federvolck“ (V. 4), das metaphorisch für die Vögel steht, macht sich auf den neuen Tag zu begrüßen und weist auf das erwachende Leben hin. Die sinnliche Wahrnehmung des lyrischen Sprechers wird erweitert. Die verblassenden Zeichen der Nacht konnte es sehen, den „sanfften Wind“ (V. 3) fühlen und die zwitschernden Vögel nun hören.

[...]

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Details

Titel
Vergleichende Gedichtinterpretation - Gryphius und Eichendorff
Untertitel
"Morgensonett" und "Morgengebet" im Vergleich
Note
1-
Autor
Jahr
2010
Seiten
8
Katalognummer
V164633
ISBN (eBook)
9783640796892
ISBN (Buch)
9783640796489
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Sekundärliteratur
Schlagworte
Gedichtinterpretation, Gedichtvergleich, Gryphius, Eichendorff, Morgensonett, Morgengebet
Arbeit zitieren
Lynn Schmökel (Autor), 2010, Vergleichende Gedichtinterpretation - Gryphius und Eichendorff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164633

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