Schiller im 21. Jahrhundert - Die Schillerfeiern 2005 und 2009


Bachelorarbeit, 2010

45 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schiller im 19. und 20. Jahrhundert
2.1. Schillers Bedeutung nach seinem Tod
2.2. Die Arbeiterbewegung und die Schillerfeiern 1905
2.3. Friedrich Schiller im Dritten Reich
2.4. Die Schillerfeiern 1955 und 1959

3. Die Schiller-Jubiläen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
3.1. Das Schillerjahr 2005
3.1.1 Schiller in der Literatur
3.1.2 Feierlichkeiten zu Ehren Friedrich Schillers
3.2 Das Schillerjahr 2009
3.2.1 Schiller in der Literatur
3.2.2 Exkurs: Das Jubiläum an der FSU Jena
3.2.3 Feierlichkeiten zu Ehren Friedrich Schillers

4 Schillers Potenzial für das 21. Jahrhundert

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf.“

Schiller im 9. Brief über die „Ästhetische Erziehung des Menschen“

Etwas schaffen, das ihn und seinen kranken Körper überlebt, Dramen schreiben, historische Schriften und Balladen, die auch noch gelesen werden, wenn er selbst schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilt. Friedrich von Schiller wollte sich selbst ein Denkmal setzen, wollte Aufmerksamkeit, wollte Achtung. Und er wollte wenigstens 50 Jahre alt werden. Letzteres hat er nicht geschafft. Der von Krankheiten geplagte Dichter starb am 9. Mai 1805 - im Alter von gerade einmal 45 Jahren.

Gleichzeitig hat er sich doch seinen größten Traum erfüllt. Der Schriftsteller bekam Aufmerksamkeit, er wurde geachtet - und er setzte sich mit seinen Werken selbst ein Denkmal. Nein, vergessen wurde Schiller nach seinem Tod nicht. Im Gegenteil. Immer wieder wurde und wird er zitiert, rezipiert und vor allem interpretiert. Und das geschah in den letzten zwei Jahrhunderten in völlig unterschiedlichen Weisen. Betrachtet man die unzähligen Deutungen der Schillertexte von Beginn des 19. Jahrhunderts über die Zeit des Zweiten Weltkrieges bis hin zum geteilten Deutschland, fällt auf, wie viele Facetten Schiller hatte - besser gesagt: wie viele ihm nachgesagt wurden. Friedrich Schiller schien da zu sein, wenn man ihn brauchte, wenn er politisch verwertbar war. Besonders auffällig zeigt sich das in der Größe und Art der Gedenkfeiern, die anlässlich seines Geburts- und Todestages veranstaltet wurden.

„Schiller-Gedenkjahre werden seit 1859 regelmäßig begangen, meist im Abstand von fünfzig Jahren, nach politischer Bedürfnislage auch häufiger“, schrieb Ute Frevert 2007.1 Doch wie ist es eigentlich heute? Die letzten beiden Schillerjahre sind noch gar nicht lange vorbei. 2005 jährte sich der Todestag des Dichters zum 200. Mal, im vergangenen Jahre wäre Schiller 250 Jahre alt geworden. Zwei gute Zeitpunkte also, um sich wieder intensiver mit dem Dichter auseinander zu setzen. In dieser Arbeit wird die Frage verfolgt, welche Bedeutung Schillers politische Dimension im bisherigen 21. Jahrhundert hat, wie wurde und wird er rezipiert? Es scheint, so die zentrale These, dass der Dichter nach einer langen Phase politischer Indienstnahme nun völlig entpolitisiert wurde.

Denn die Schillerfeiern waren in der Vergangenheit häufig von Propaganda geprägt. Deshalb wird auch ihnen im zweiten Kapitel dieser Arbeit Rechnung getragen. Nach einer Übersicht über den Umgang mit Schiller im 19. und 20. Jahrhundert wird schließlich untersucht, wer Schiller denn eigentlich im neu angebrochenen Jahrhundert ist, welche politische Bedeutung ihm zugesprochen wird. Wie wird er dargestellt, wie interpretiert, wie - vielleicht sogar - benutzt. Dafür werden die Schillerfeiern 2005 und 2009 und auch die in den vergangenen Jahren erschienene Literatur betrachtet, um festzustellen: Wird Schiller überhaupt noch gebraucht? Daran schließt sich eine zweite Fragestellung an: Hat er denn überhaupt Antworten auf die Probleme der Moderne? Welches Leistungsvermögen sich für die heutige Zeit in seinen Werken verbirgt, ist Gegenstand des Abschnittes „Schillers Potenzial im 21. Jahrhundert“.

Zu den Feierlichkeiten im Jahre 2009 wird zudem ein kurzer Exkurs angeführt. Die Friedrich-Schiller-Universität feierte nicht nur den Geburtstag des Namengebers, sondern auch die 75-jährige Umbenennung. Denn erst seit 1934 trägt die Uni den Namen des Dichters. Sie bekam ihn also zu einer Zeit, als die Nationalsozialisten die Führung übernahmen. Wie an der Universität mit dieser vermeintlichen Last umgegangen wurde, wird in diesem Teil der Arbeit gezeigt.

Literatur über Schiller gibt es aus den letzten Jahren indes nicht nur an der Friedrich- Schiller-Universität eine Menge. Es erschienen zahlreiche Biografien, Sammelbände und Zeitungsberichte. Auch im Fernsehen gab es Sondersendungen zu den beiden Schillerjahren. Besonders beliebt ist die Darstellung des Menschen Friedrich Schiller. Zahlreiche Publikationen über seine Krankheiten, seine Liebesbeziehungen und auch seine Wohnstätten wurden herausgebracht. Auch die Rezeptionsgeschichte Schillers wird häufig aufgegriffen. Da es im Rahmen dieser Arbeit unmöglich ist, auf alle erschienenen Werke und begangenen Veranstaltungen einzugehen, sollte sie deshalb als ein Überblick gesehen werden und eine erste Orientierung geben, wo es mit Schiller im 21. Jahrhundert hingeht.

2. Schiller im 19. und 20. Jahrhundert

2.1 Schillers Bedeutung nach seinem Tod

Die Nachricht von Schillers Tod machte 1805 in ganz Deutschland schnell die Runde - der Dichter war bereits ein bekannter Mann, wenn er auch nie den Rang des Politikers und Freundes Goethe erreichte und stets um sein finanzielles Auskommen bangen musste. Wenn er auch kein Amt inne hatte, Schiller wurde durchaus politisch wahrgenommen. Schon zu Lebzeiten reihte er sich bei jenen „Literaturpatrioten ein, die seit dem späten 18. Jahrhundert von einer deutschen Nation und einem deutschen Vaterland zu schwärmen begannen“, wie es Ute Frevert formulierte.2

Sein Reiterlied aus Wallensteins Lager wurde zudem bei Soldaten, die 1806 in die antinapoleonischen Kriege zogen, schnell zur Hymne und. Schiller „zum Idol einer ersten politisch motivierten Jugendbewegung“3. In dem Lied wurde „ein neues Modell der Begeisterungsinszenierung für eine sich erneut militarisierende Nation geschaffen“4. Schon zu dieser Zeit entwickelte sich eine Art der Schillerrezeption, die auch in den nachfolgenden beiden Jahrhunderten den Umgang mit dem Dichter bestimmt: Hochselektiv werden nur wenige Werke, wenn nicht gar nur einzelne Zitate, verwendet.

Während der Befreiungskriege des 19. Jahrhunderts errang Schiller mehr und mehr den Stellenwert eines Nationaldichters. Trotzdem blieb die politische Bedeutung nach seinem Tode erst einmal gering. Nicht aber seine Anerkennung: Seine Anhänger bestanden vehement auf eine neue Beisetzung des Dichters, der „1805 lediglich im städtischen Beinhaus deponiert worden“5 war. 1827 erfolgte schließlich die offizielle Bestattung des Toten - in der Fürstengruft zu Weimar. Daran hatte nicht nur Schillers Freund Goethe einen großen Anteil. Es gab auch einen enormen öffentlichen Druck aus der Bevölkerung. Als 20 Jahre nach Schillers Tod das erste Schiller-Fest stattfand, versammelten sich vor den Toren von Stuttgart am 9. Mai 1925 zahlreiche Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Sie wollten gemeinsam mit dem Stuttgarter Männergesangsverein „Liederkranz“ des Dichters gedenken.6

Die Verehrung Schillers wurde also hoch gehalten und erreichte einen Höhepunkt, als 1839 in Stuttgart ein Schiller-Denkmal von Thorwaldsen eingeweiht wurde. 30.000 Teilnehmer sollen es damals gewesen sein. Zu dieser Zeit war Schillers politische Dimension längst wieder aufgegriffen worden. Denn mit der zunehmenden „europäischen Demokratiebewegung seit 1830 zeigte sich, dass es in Deutschland auch politische Veranlassung gab, auf Schiller zurückzukommen“7. Der Verleger Julius Campe veröffentlichte 1832 die Schrift Schillers politisches Vermächtnis. Ein Seitenstück zu Börnes Briefen aus Paris, mit der er sich gegen einen Prozess wehrte, der ihm wegen der oppositionellen Briefe aus Paris gemacht wurde. Er aktualisierte Schiller und legte so den Grundstein für dessen große Bedeutung in einer politischen Bewegung, „die bis zur Revolution von 1848 nicht mehr abreißen sollte“8.

Otto Dann beschreibt in einer 2005 erschienenen Sonderausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte im Hinblick auf das Stuttgarter Fest, dass nach dem Hambacher Fest von 1832 das erste Massenfest mit national-politischem Hintergrund stattfand, die Wirkung des Dichters folgendermaßen:

„Das Schiller-Fest einer Stadt war zum Nationalfest geworden. Der Nimbus Schillers war imstande, bisher getrennt lebende Stände, Konfessionen und Regionen zu einer nationalen Festgemeinschaft zu vereinigen, denn alle waren - mit Schiller, wie man überzeugt war - von gleichen Grundvorstellungen geprägt.“9

Und auch danach blieb das Interesse an dem Dichter groß. Auch zum 100. Geburtstag Schillers im November 1859 wurde in etwa 500 Orten Deutschlands, Europas und Amerikas gefeiert. In Deutschland war es wahrscheinlich sogar „das größte Massenfest des 19. Jahrhunderts“10.

Schiller war zu einer Symbolfigur für die freiheitlichen Demonstrationen geworden. Diese war nicht unbedingt auf einer rein literarischen Basis und der Kenntnis seiner Texte aufgebaut. Vielmehr war es ein Mythos, der sich im Rahmen der Schillerverehrung entwickelt hatte. Die Schiller-Feste der national-demokratischen Bewegung müsse man als kreative, eigenständige Form des Erinnerns verstehen und akzeptieren, „dass auch eine politische Würdigung Schillers ihre Berechtigung hat, die nicht in der Kenntnis seiner Werke begründet ist“, schrieb Dann über die Begeisterung für Schiller in der Mitte des 19. Jahrhunderts.11 Doch wenn die Kenntnisse der Werke fehlten, so stellt sich die Frage - die auch Dann aufwarf: „Schiller wurde zum Katalysator einer sich als Nation konstituierenden Gesellschaft. […] Wurde er damit missbraucht?“12 Die Antwort gibt der Autor nur zwei Sätze später selbst: „Einer politischen Gesellschaft, einer Nation jedoch steht es frei, sich auf einen Dichter wie Schiller zu berufen, der politisch aussagekräftig ist.“13

Die politische Aussagekraft änderte sich mit den politischen Umbrüchen allerdings enorm. Schiller stand für den Wunsch nach Nationalstaaten - und die begannen sich nun zu bilden. Die Konkurrenz dieser neuen Einheiten „verführte zu Nationalismus und Imperialismus. Die europäischen Gesellschaften befanden sich in permanenter Krise und Transformation. Schiller war ihre kulturelle Tradition, und es war offen, wie sie unter gewandelten Umständen mit ihr umgehen“14. Auch Deutschland war ab 1870 ein Nationalstaat, Schiller hatte damit eigentlich ausgedient. Trotzdem „wurde das Erbe und das Erinnern Schillers zur öffentlichen Aufgabe“15. In der Schule wurde er zum Pflichtprogramm, hochstilisiert zum „Großen Deutschen“16. Obwohl sich in seinen Texten sogar eher skeptische Äußerungen über einen deutschen Nationalstaat finden lassen17, war Schiller der Nationaldichter. Als Grund hierfür sieht Dann auch Goethes Ausspruch „Denn er war unser!“. Dass damit wohl nur die Weimarer gemeint waren, störte nicht. Goethes Vers wurde „zum beliebten Leitmotiv für die vielfältige Inanspruchnahme“18.

Nach der Reichsgründung sank die Bedeutung und herausragende Stellung Schillers allerdings - denn das Ideal der deutschen Einheit war längst Realität. Daneben wuchs außerdem eine von Nietzsche stark beeinflusste Generation heran, die sich von Schiller, der nun eher ein Fall für die Großeltern war, abwendete. „Auf die ‚brennenden Fragen der Zeit‘, also Sozialismus, Geschlechterkonflikt, Sexualmoral, schien Schiller seit den 1890er Jahren keine Antwort mehr geben zu können.“, schreibt Ute Frevert.19 Schiller konnte nach seiner Glanzzeit also zurück in das Bücherregal. Dort holte ihn schließlich die Arbeiterschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder heraus.

2.2 Die Arbeiterbewegung und die Schillerfeiern 1905

Mit der Jahrhundertwende wurden vor allem die Sozialdemokraten auf Friedrich Schiller aufmerksam. Zum 100-jährigen Todestag des Dichters sind es die Arbeiter, „die sich seiner erinnernd annehmen und versuchen, sein Erbe für die Gegenwart zu bergen“20. Schiller wurde von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung als einer „von ihnen“21 gefeiert.

Der gefürchtete und kritisierte Tyrann, den Schiller in mehreren Werken darstellt, war nun bei den Verehrern nicht mehr der despotische Staat, sondern die kapita- listische Klassengesellschaft. „Sie gelte es aus den Angeln zu heben - und wieder lieferte Schiller die zündenden Parolen“22, wieder konnte der Dichter in einem neuen Sinne interpretiert werden. Doch das Ausmaß und die Bedeutung der bürgerlichen Feiern der 1850er Jahre erreichten die Feierlichkeiten der SPD 1905 längst nicht. Den Sozialdemokraten gelang es auch nicht, einen eigenen Zugang zu dem Dichter zu finden. „Der Historiker dieser Arbeiter-Schillerfeiern stellt ernüchtert fest: ‚1905 werden die Sozialdemokraten über nur wenige Topoi verfügen, die nicht schon 1859 erwähnt worden waren‘.“23

Dass sich die Arbeiter auf „ihren Schiller“ beriefen, bedeutete aber nicht, dass das Bürgertum Abstand von Schiller nahm. Aber „seine Position als zentrale bürgerliche Orientierungs- und Identifikationsfigur“24 hatte der Dichter trotzdem eingebüßt.

Denn das, wofür Schiller im 19. Jahrhundert eingestanden hatte, nämlich für die na- tionale Einheit, war längst eingetreten. Im Blickpunkt von Festen und neuen Denk- mälern des Bürgertums standen nun jene, die für diese Einheit gesorgt hatten. Außerdem lief Goethe seinem Freund zu dieser Zeit den Rang ab. Denn für die nun einsetzende „Identitätssuche der Deutschen […] wurde Goethe, vor allem sein Faust, ungleich wichtiger“25.

Von einem völligen Bedeutungsverlust Schillers ist allerdings nicht zu sprechen. Nur die Stellung als „Liebling des Bürgertums“ hatte der Dichter verloren. Weiterhin war er in den Lehrplänen der Schulen präsent, ebenso auf den Bühnen Deutschlands. Schiller war also „dauerhaft und universell jubiläumsfähig geworden“26, allerdings für verschiedene Teile der Gesellschaft, die längst sozial, konfessionell und politisch auseinander triftete. „Eine Zerklüftung, die während der Ersten Weltkrieges, nach anfänglichem Einheitsrausch noch weit dramatischere Formen annahm.“27 Das Kaiserreich zerfiel schließlich 1918 - was folgte, war die Weimarer Republik.

Und auch hier sieht Frevert einen Bezug zu Schiller:

„Auch die Weimarer Republik trug Schiller im Gepäck - nicht zufällig waren die Parlamentarier 1919 an den Hauptort der deutschen Klassik geflüchtet, um eine demokratische Verfassung auszuarbeiten. […] Die Weimarer Kleinstadt stand nicht nur für Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie stand auch für den Geist des Idealismus, der Vernunft, der kraftvollen Begeisterung, den die Republik, die erste auf deutschem Boden, bitter benötigte.“28

Doch „die Integrationskraft des Weimarer Dioskuren-Denkmals blieb begrenzt“29. Nicht einmal nennenswerte Schiller-Jubiläen hätten zu dieser Zeit zur „republikanischen Traditionsbildung“ beitragen können. Frevert weiter:

„Schiller blieb ein Dichter für viele Geschmäcker - und für viele Konzepte einer deutschen Nation. Die Linke hielt sich an die Räuber und erhob Karl Moor zum Kämpfer gegen Willkür und Ausbeutung; liberale ‚Vernunftsrepublikaner‘ beriefen sich auf Don Carlos und Fiesco, völkische Gymnasiallehrer erklärten Schiller zum Palladin deutscher Sittlichkeit gegen ‚jüdische Erotik‘.“30

Die Polarisierung und Spaltung, politisch wie auch im Hinblick auf die Sichtweisen auf Schillers Werke, war also nicht behoben wurden. Das versuchten wenige Jahre später andere, denn auch die Verfechter des Dritten Reiches fanden „ihren Schiller“.

2.3 Friedrich Schiller im Dritten Reich

Mehr und mehr begannen in den 1920er Jahren die Nationalsozialisten, die politische Interpretation Schillers zu formen. „Man betonte seinen Nationalismus und Antisemitismus, seine heroische Männlichkeit und seinen kriegerischen Geist.“31 Dass es also an entsprechenden Schiller-Feiern nicht mangeln durfte, war zu erwarten. Zu Schillers 175. Geburtstag am 21. Juni 1934 kamen 18.000 Jungen nach Marbach, „um dem ‚Paten des 3. Reiches‘ (Völkischer Beobachter) zu huldigen“32. Ein 600-köpfiger Knabenchor sang zudem das Reiterlied aus dem Wallenstein. In der Reichschillerwoche hielt Propagandaminister Josef Goebbels „eine Festrede, in der Schiller zum Vorläufer Hitlers stilisiert wurde“33. Der Reichskanzler war selbst anwesend - nicht in seiner gewohnten Parteiuniform, sondern stilecht im Frack.

Neben der Festwoche wurden auch zahlreiche weitere Schiller-Feiern veranstaltet: „Zu ihnen gehörte die ‚Schillerhuldigung der deutschen Jugend in Marbach a. N. Zur Sonnenwende am 21. Juni 1934‘: ein von der Reichsjugendführung und dem Reichs- Rundfunk veranstalteter Staffellauf, bei dem, so die Propaganda, ‚tausend und abertausend frische blonde und braune Jungen‘ von vier Punkten an den äußeren Reichsgrenzen und dem Schlageter-Denkmal bei Kasierwerth aus sternförmig nach Marbach liefen.“34

In der nationalsozialistischen Auslegung von Schillers Schriften ging es wieder um Einheit und Einigkeit - „die ‚heroische Willensgemeinschaft‘ der ‚Volksgenossen‘ äußerte sich im Rütli-Schwur des Wilhelm Tell. Aber auch der Freiheitsbegriff […] fand im Lexikon der Nationalsozialisten einen prominenten Platz“35. Hitler selbst nannte in seinem Hauptwerk von 1926 Schiller den „größten Freiheitskämpfer“ des deutschen Volkes, denn in Wilhelm Tell sei der Tyrannenmord verherrlicht worden, „während das ‚republikanische Gemüt schuldbewusster kleiner Lumpen‘ eine solche Tat als verabscheuenswürdig betrachte“36.

Als Hitler in den 1930er Jahren allerdings selbst der Machthaber war, hatte er Mühe, diese Rezeption des Tells „wieder in eine geordnete Spur zu lenken“37. Denn das Freiheitsmotiv, speziell das des Wilhelm Tell konnte auch anders, nämlich gegen das Regime, verstanden werden. Ab 1941 wurde deshalb das Stück verboten. Anders war die Handhabung mit Posas Forderungen nach Gedankenfreiheit (Don Karlos). Da eine „allzu enge politische Vereinnahmung des Dichters eher kontraproduktiv war“38, durfte das Stück weiterhin gezeigt werden. So wollte man die vermeintliche Gedankenfreiheit im Dritten Reich zur Schau stellen.

Kurz vor Schillers 180. Geburtstag 1939 war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen - die Propaganda passte sich entsprechend an: „Die Presse wurde angewiesen, Schiller-Zitate zur Untermauerung der außenpolitischen Situation einzusetzen: Mit Zitaten aus der Jungfrau von Orleans und Demetrius sollte England als materialistisch, Polen als kriegstreiberisch denunziert werden.“39

Auch wenn Hitler es vehement versuchte, oppositionelle Kreise und Widerstandskämpfer ließen sich von seiner speziellen Art der Interpretation Schillers nicht abschrecken. Auch sie sahen den Dichter weiterhin „als unbedingten Freiheitskämpfer. […] Selbst in der uniformierten Volksgemeinschaft des Dritten Reiches setzte sich folglich keine uniforme, homophone Schiller-Rezeption durch“40. Die Diskussionen wurden nun allerdings weniger offen ausgetragen.

Und auch nach dem Krieg tat der Missbrauch Schillers durch die Nationalsozialisten der Begeisterung für den großen deutschen Dichter keinen Abbruch. Im Gegenteil:

Im geteilten Deutschland ging der Drang nach einer politischen Verwertbarkeit des Dichters weiter. Nach dem Krieg entstanden nicht nur zwei unterschiedliche Staaten, sondern auch zwei verschiedene Schiller-Bilder.

2.4 Die Schillerfeiern 1955 und 1959

Ute Frevert betitelte - wie bereits in einem vorderen Abschnitt erwähnt - 2007 einen ihrer Texte mit dem Namen Ein Dichter für viele deutsche Nationen. Damit meinte sie nicht nur ein sich zeitlich wandelndes Bild des Dichters. Denn wie bereits zu den Ausführungen zur Jahrhundertwende und der Zeit des Nationalsozialismus kurz skizziert, gab es durchaus auch zur gleichen Zeit mehrfach sehr konträre Schiller- Bilder. So schrieb Frevert:

„Nationaldichter war Schiller also nicht etwa deshalb, weil sich die ganze Nation im ritualisierenden Gleichklang auf ihn besann; Nationaldichter war er, indem er die in dieser Nation vorhandenen Brüche und Spaltungen abbildete und kulturell integrierte.“41

Doch so stark wie zu den Schillerfeiern der 1950er Jahre zeigte sich das selten.42 Nach dem Zweiten Weltkrieg war die deutsche Nation gespalten, die beiden entstandenen Staaten gehörten gar verfeindeten Militärblöcken an. Und wie schon bei Feierlichkeiten zuvor wurde der Einheitsdichter Schiller beschworen. Der dem Rütlischwur vorausgehende Vers „Wir sind ein Volk, und einige wollen wir handeln“ aus dem Wilhelm Tell wurde von DDR und BRD aufgegriffen.43 Doch die wahrhaft einigende Wirkung, die Schiller hätte haben können, wurde nicht genutzt. Eigentlich wurde sie noch nicht einmal gewollt. Denn es war nicht wirklich die deutsche Einheit das oberste Gebot. Vielmehr erweckten beide Staaten den Eindruck eines „Alleinvertretungsanspruchs“44 - beide zeigten „ihren“ Schiller.

[...]


1 Frevert, Ute, Ein Dichter für viele deutsche Nationen, In: Bürger, Jan (Hrsg.), Friedrich Schiller: Dichter, Denker, Vor- und Gegenbild, Marbacher Schriften, neue Folge 2, Marbach 2007, S. 57.

2 Frevert, Nationen, S. 59.

3 Dann, Otto, Schiller, in: Francois, Etienne/ Schulze, Hagen, Deutsche Erinnerungsorte. Teil 2, München 2001, S. 178.

4 Brenner, Peter J. (Hrsg.), Schillers politischer Nachruhm, in: Rill, Bernd, Zum Schillerjahr 2009 - Schillers politische Dimensionen, München 2009, S. 146.

5 Dann, Otto, Friedrich Schiller in Deutschland und Europa, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 09-10/2005), Bonn 2005, S. 25.

6 Vgl. Dann, Schiller in Deutschland, S. 26.

7 Ebd., S. 25.

8 Ebd., S. 26.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Dann, Schiller in Deutschland und Europa, S. 27.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 So heißt es in einem Vers: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“ Dann zitiert hier aus Xenie, Deutscher Nationalcharakter, Musen-Almanach 1797.

18 Dann, Schiller in Deutschland und Europa, S. 27.

19 Frevert, Nationen, S. 540.

20 Brenner, Schillers politischer Nachruhm, In: Rill, Bernd, Zum Schillerjahr 2009 - Schillers politische Dimensionen, München 2009, S. 151.

21 Frevert, Nationen, S. 64.

22 ebd.

23 Brenner, Nachruhm, S. 151. Brenner zitiert hier aus Hagen, Wolfgang: Die Schiller-Verehrung in der Sozialdemokratie. Zur ideologischen Formation proletarischer Kulturpolitik vor 1914, Diss. FU Berlin 1977, S. XXIX.

24 Frevert, Nationen, S. 64.

25 Ebd., S. 65.

26 Ebd., S. 66.

27 Ebd.

28 Ebd.

29 Ebd., S. 67.

30 Frevert, Nationen, S. 67.

31 Ebd., S. 68.

32 Ebd., S. 68.

33 Dörr, Volker, Friedrich Schiller, Frankfurt am Main 2005, S. 135.

34 Ebd., S. 136. Dörr zitiert hier nach Zeller, Bernhard (Hrsg.), Klassiker in finsteren Zeiten 1933 - 1945: Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar, Bd. I, Stuttgart 1983, S. 166 ff.

35 Frevert, Nationen, S. 69.

36 Brenner, Nachruhm, S. 153. Der Autor zitiert hier aus Hitler, Adolf, Mein Kampf, zwei Bände in einem Band, ungekürzte Ausgabe, 1. Bd: Eine Abrechnung, Bewegung, 123-124. Aufl., 1934, S. 609.

37 Brenner, Nachruhm, S. 153.

38 Frevert, Nationen, S. 69.

39 Dörr, Schiller, S. 137.

40 Frevert, Nationen, S. 70. 2. Bd: Die nationalsozialistische

41 Frevert, Nationen, S. 58.

42 Vgl. Ebd., S. 57.

43 Vgl. Matuschek, Stefan, Das Ende der Nationalfigur. Schiller-Feiern der fünfziger Jahre in Ost und West, in: Manger, Klaus/ Willems, Gottfried (Hrsg.), Schiller im Gespräch der Wissenschaften, S. 11. Hier heißt es auch: Bereits „Im 19. Jahrhundert trägt er (der Vers, Anm. d. Verf.) die Botschaft von Antifeudalismus und demokratischer Einigung, im 20. Jahrhundert wird er in den widersprüchlichsten Kontexten adaptiert.“ So fand er auch in den nationalsozialistischen Feierlichkeiten seinen Platz.

44 Vgl. ebd., S. 11.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Schiller im 21. Jahrhundert - Die Schillerfeiern 2005 und 2009
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
45
Katalognummer
V164755
ISBN (eBook)
9783640799688
ISBN (Buch)
9783640799985
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Jahrhundert, Schillerfeiern, Thema Friedrich von Schiller
Arbeit zitieren
Katrin Martin (Autor), 2010, Schiller im 21. Jahrhundert - Die Schillerfeiern 2005 und 2009, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164755

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