Von der Fackel zur Titanic - Satirische Formen der Pressekritik im Vergleich


Seminararbeit, 2009

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Sprachkritik als Pressekritik
1.2 Macht und Ohnmacht der Satire

2. Die FACKEL
2.1 Daten und Fakten
2.2 Motivation und Feindbilder
2.3 Karl Kraus’ Sprachlehre – Pressekritik in der Fackel

3. Titanic – Das endgültige Satiremagazin
3.1 Daten und Fakten
3.2 Motivation und Feindbilder
3.3 Briefe an die Leser – Pressekritik in der Titanic

4. Vergleich und Fazit

5. Anhang

6. Quellenverzeichnis

1. Einführung

1.1 Sprachkritik als Pressekritik

Die Massenmedien – und stellvertretend für diese die Presse – werden oft als ‚vierte Gewalt im Staat’ bezeichnet. Im Idealfall stellen sie eine zusätzliche unabhängige Kontrollinstanz für politische und gesellschaftliche Vorgänge dar. Dass dieses Rollenbild nicht immer der Realität entspricht, zeigt die nie enden wollende öffentliche Kritik an Arbeitsweise und Anspruch der Presse. So schreibt Johanna Bertsch treffend:

„Sich über die Presse zu beklagen, hat Tradition. Die Liste der Beschwerden ist lang, ihre Punkte sind vielfältig. Ein Aspekt, der immer wieder auftaucht, ist die Sprachkritik.“[1]

Wie hier schon angedeutet, steht vor allem die Pressesprache immer wieder im Fokus der Kritik. Der Begriff ‚Sprachkritik’ ist jedoch nicht immer trennscharf einzugrenzen, kann er doch je nach Verwendung und Zielsetzung des entsprechenden Kritikers entweder „Stilkritik oder Textkritik, Fremdwörterkritik oder Kritik an den prinzipiellen Möglichkeiten der Sprache“ umfassen.[2] Eine sprachkritische Annäherung an Presseerzeugnisse kann aus wissenschaftlicher Perspektive entweder auf sprachpuristischer, sprachhistorischer oder linguistischer Ebene erfolgen. Sprachpuristen sehen es als ihre Aufgabe an, „der deutschen Sprache mehr Geltung zu verschaffen und sie von ‚überflüssigen’ Fremdwörtern zu ‚reinigen’“.[3] Sprachhistoriker betreiben hingegen die „wissenschaftliche Rekonstruktion und Analyse von früheren Sprachzuständen“[4], Ziel moderner Linguistik ist „die unparteiische Deskription des jeweiligen sprachlichen Zustands“ ohne jegliche Wertung.[5] Um eine Zusammenfassung sprachkritischer Forschungen soll es hier jedoch nicht gehen, interessanter scheint eher eine Beschäftigung mit der Frage, wie innerhalb des ‚Systems Presse’ von Publizisten und Redaktionen Sprachkritik an Kollegen und Konkurrenten geübt wird und welches Selbstverständnis der jeweils verantwortlichen Kritiker dem zugrunde liegt. Aufgrund des dargelegten Bedeutungspluralismus des Begriffs ‚Sprachkritik’ und den daraus resultierenden vielfältigen Motivierungsmöglichkeiten dieser Form der Pressekritik würde eine umfassende Analyse der auf sprachlicher Ebene geübten Kritik an und in deutschen Presseerzeugnissen den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Im Folgenden soll deshalb vielmehr anhand zweier bekannter und bedeutender satirischer Zeitschriften eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen der Sprach- bzw. Pressekritik erfolgen. So soll zunächst eine Analyse der pressekritischen Beiträge in der vom Sprachkritiker Karl Kraus herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel und dem Satiremagazin Titanic vorgenommen werden und anschließend in einem Vergleich Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich Selbstverständnis und Darstellungsweise der Pressekritik aufgezeigt werden.

1.2 Macht und Ohnmacht der Satire

Satirische Formen der Pressekritik lassen nicht immer sofort die dahinter stehende Motivation erkennen. ‚Satire’ meint in der Regel die ironisch übertriebene bzw. verzerrte Darstellung der Realität in Bild oder Schrift, um auf diese Weise auf das Fehlverhalten von Personen oder gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Sie „wird dabei meist als tiefsinnige, politische, kritische und daher besonders wertvolle Form des Komischen dargestellt“.[6]

Satirische Pressekritik muss sich allerdings immer fragen lassen, welchen Zweck sie verfolgt. Auf der einen Seite existiert die idealistisch motivierte Satire, welche die Reflektion und Veränderung ihrer jeweiligen Realitätsreferenz zum Ziel hat. Eine der positiven Veränderung der jeweils kritisierten Umstände zuträgliche Satire beraubt sich, sollte sie Erfolg haben, selbst ihres Gegenstands; sie wird überflüssig. Ihr gegenüber steht die meist polemisch und negativistisch zur Schau gestellte, lediglich dem Selbstzweck dienende Spottsatire, die kein Interesse an Veränderungen hat – gerade der Status Quo ist es schließlich, der ihr Vorlagen liefert. Die Möglichkeit, durch satirische Verzerrung die öffentliche Meinung beeinflussen zu können, zeugt von nicht zu unterschätzender Macht. Jedoch darf hierbei nicht außer acht gelassen werden, dass eben jene ‚Macht des Lächerlichmachens’ immer auch ein Zeichen von Ohnmacht ist, die bestehenden Verhältnisse durch Teilhabe und Eigenleistung zu verändern. Erfolgt eine zu scharfe Distanzierung von den Schaffensprozessen, die kritisiert werden, wird riskiert, sich auf diese Weise als fachkundiges Organ der Kritik selbst zu disqualifizieren. Für alle Formen der Satire gilt andererseits: Treffen sie den Zeitgeist und überzeugen zudem durch Witz und Frechheit, stellt sich Erfolg in Form von Aufmerksamkeit, wachsenden künstlerischen Freiräumen und damit verbundenem steigendem gesellschaftlichen Einfluss ein. Beide Analysebeispiele, sowohl Fackel als auch Titanic, haben es geschafft, sich trotz ihrer nicht immer meinungskonformen Positionierung und nicht selten polemischen Kritik über Jahrzehnte auf dem Zeitschriftenmarkt zu behaupten und so zu Institutionen des öffentlichen Diskurses über die Presse und ihre Rolle in der Gesellschaft zu werden.

2. Die FACKEL

2.1 Daten und Fakten

Bei der Fackel handelt es sich um eine vom österreichischen Schriftsteller und Sprachkritiker Karl Kraus herausgegebene satirische Zeitschrift. Kraus gilt als einer der einflussreichsten Autoren des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und prägte nachhaltig den Diskurs über die Rolle der Presse und die von ihr verwendete Sprache. Die Fackel erschien von April 1899 bis Februar 1936 in loser Folge und ist eng verbunden mit Leben und Werk ihres Autors und Herausgebers Kraus.[7]

Karl Kraus wurde am 28. April 1874 als Sohn eines jüdischen Papierfabrikanten in Jitschin in Böhmen geboren, siedelte jedoch 1877 mit seiner Familie nach Wien um. Nach ersten Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wurde er 1898 fester Mitarbeiter der Zeitschrift Die Wage und brach daraufhin sein Studium der Rechtswissenschaft, Philosophie und Germanistik ab. Ab 1899 konzentrierte sich Kraus fast ausschließlich auf die Produktion seiner eigenen Zeitschrift Die Fackel. Diese erschien im Eigenverlag in Wien und beinhaltete sprach- und gesellschaftskritische Beiträge von Kraus und zahlreichen weiteren Autoren. Von der Erstausgabe vom ersten April 1899 wurden innerhalb von zwei Wochen ca. 30.000 Exemplare verkauft. Die folgenden Ausgaben besaßen jeweils einen Umfang von ca. 24 bis 32 Seiten und erschienen in loser Folge etwa dreimal pro Monat.[8] Gegen Ende des Jahres 1911 beendete Kraus die Kooperation mit den anderen Fackel-Autoren und wurde alleiniger Produzent und Herausgeber. Karl Kraus nutzte die Fackel zur Veröffentlichung annähernd aller seiner Aufsätze, Theaterstücke, Gedichte und Kritiken. Insgesamt umfassen die bis zu Kraus’ Tod im Juni 1936 erschienenen 922 Ausgaben der Fackel über 20.000 Seiten Text.

Zahlreiche Beiträge aus der Fackel und einige Niederschriften seiner insgesamt genau 700 gehaltenen Vorlesungen veröffentlichte Kraus zusätzlich in Buchform. Dies betrifft unter anderem seine Aufsätze zur ‚Sprachlehre’, die 1937 posthum in dem Sammelband ‚Die Sprache’ zusammengefasst und publiziert wurden und die Basis für die in dieser Arbeit vorgenommene Analyse bilden.

2.2 Motivation und Feindbilder

Karl Kraus ist bekannt als akribischer Sprachbeobachter und -kritiker, der sich sein Leben lang immer wieder tadelnd und oftmals polemisch beschimpfend öffentlich zu Wort meldete und zu diesem Zweck Die Fackel als Sprachrohr nutzte. Zum Verständnis der Motivation hinter diesem fast schon militant anmutenden Hang zum Verriss trägt eine nähere Auseinandersetzung mit der puristischen Sprachauffassung Kraus’ bei.

Kraus’ Ansicht nach stellt die Sprache die höchste irdische Ordnungsmacht dar. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft und somit gleichwohl ein Schlüssel zur Erkenntnis des Guten und des Bösen. Daraus folgt, dass falscher Sprachgebrauch sowohl Symptom als auch Auslöser gesellschaftlicher Missstände ist und unbedingt bekämpft werden muss, was Kraus auch konsequent tut – abseits konkreter politischer Interessen:

„Meinungen, Richtungen, Weltanschauungen – es kommt doch zuerst und zuletzt auf nichts anderes an als auf den Satz.“[9]

Im Zentrum der Sprachkritik standen die zeitgenössische Massenpresse und ihre Erzeugnisse. Kraus sah in der kommerziell ausgerichteten Presse, die die Sprache als Mittel zur Informationsvermittlung und nicht als Zweck ihres Schaffens betrachtete, das größtmögliche Übel und kommunizierte dies auch recht drastisch. So beschimpfte er Journalisten u.a. als „Tintenstrolche“, „Pressmaffia [sic!]“ oder „Fanghunde der öffentlichen Meinung“.[10] Bedingt durch „seinen extremen Haß [sic!] auf die (nicht nur sprachlichen) Zustände in der modernen Presse […] ist Kraus’ Pressekritik an Härte und Kompromißlosigkeit [sic!] kaum zu überbieten“.[11] Bevorzugtes Ziel seiner Kritik war die ‚Neue Freie Presse’, eine auf das Revolutionsjahr 1848 zurückgehende liberale Wiener Tageszeitung. Des weiteren „werden von Kraus vor allem das ‚Neue Wiener Tagblatt’ und das ‚Neue Wiener Journal’ angegriffen, ohne daß [sic!] sich die Kritik wesentlich […] unterschiede […].“[12] Die Bedeutung, die Kraus dem Kampf gegen die „Journaille“[13] beimaß, wird anhand des folgenden Zitats deutlich:

[...]


[1] Bertsch, Johanna (2000): Wider die Journaille. Aspekte der Verbindung von Sprach- und Pressekritik in der deutschsprachigen Literatur seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main: Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 9.

[2] Ebd., S. 17.

[3] Ebd., S. 17.

[4] Ebd., S. 19.

[5] Ebd., S. 20.

[6] Klaus Cäsar Zehrer: Dialektik der Satire. Zur Komik von Robert Gernhardt und der „Neuen Frankfurter Schule“, S. 3.

[7] Vgl. Böhm, Hermann; Lunzer, Heinz (2006): Karl Kraus: Ein Leben. In: Lunzer, Heinz; Lunzer-Talos, Victoria; Patka, Marcus G. (Hrsg.): Was wir umbringen. Die Fackel von Karl Kraus. Wien: Mandelbaum Verlag, S. 32.

[8] Böhm; Lunzer (2006): Karl Kraus. Ein Leben, S. 43.

[9] Zitiert nach: Zohn, Harry (1990): Karl Kraus. Frankfurt am Main: Verlag Anton Hain, S. 73.

[10] Weigel, Hans (1968): Karl Kraus oder Die Macht der Ohnmacht. Wien/Frankfurt/Zürich: Verlag Fritz Molden. S. 125.

[11] Lensing, Leo A.; Lunzer, Heinz; Scheichl, Sigurd Paul (2006): Die Fackel, ein Anti-Medium. In: Lunzer, Heinz; Lunzer-Talos, Victoria; Patka, Marcus G. (Hrsg.): Was wir umbringen. Die Fackel von Karl Kraus. Wien: Mandelbaum Verlag, S. 110.

[12] Ebd.

[13] Weigel: Karl Kraus oder Die Macht der Ohnmacht, S. 125.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Von der Fackel zur Titanic - Satirische Formen der Pressekritik im Vergleich
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Medien und Kommunikation)
Veranstaltung
Sprachkritik und Massenmedien
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V164931
ISBN (eBook)
9783640803521
ISBN (Buch)
9783640803736
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pressekritik, Satire, Pressesatire, Titanic, Satiremagazin, Satiremagazin Titanic, Die Fackel, Karl Kraus, Satirische Pressekritik, Briefe an die Leser, Sprachkritik und Massenmedien, Sprachkritik, Medienlinguistik, Kommunikationswissenschaft, Publizistik, Sprachlehre, Pressegeschichte, Journalismus, Journalistik, Journalismuskritik, Pressesprache, Mediensprache, Sprache der Massenmedien, Medienkritik
Arbeit zitieren
Jan Horak (Autor), 2009, Von der Fackel zur Titanic - Satirische Formen der Pressekritik im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164931

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Von der Fackel zur Titanic - Satirische Formen der Pressekritik im Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden