Friedrich der Große im Urteil der borussischen Historiographie


Seminararbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung Friedrichs bei den borussischen Historikern
2.1 Leopold von Rankes Idealisierung Friedrichs
2.2 Heinrich von Treitschke und Friedrich als Reichsgründer
2.3 Vergleich der Ansichten Rankes und Treitschkes

3. Reaktion auf die nationalpolitische Vereinnahmung am Beispiel Onno Klopps

4. Schlussbetrachtung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich II. von Preußen bleibt bis heute eine vieldeutige und umstrittene historische Figur. Von seiner Nachwelt wurde er sehr unterschiedlich bewertet. Eine besondere Rolle in der Rezeption Friedrichs des Großen nimmt die borussische Historiographie des 19. Jahrhunderts ein, welche das Fundament zahlreicher Vereinnahmungen des preußischen Königs formte.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht jene borussische Geschichtsschreibung mit ihren Hauptvertretern und Grundaussagen, es geht besonders um die deutschnationale Beeinflussung der Historiker und die Instrumentalisierung Friedrichs zum Begründer eines deutschen Nationalstaates.

Es haben sich bislang einige Historiker mit dem widersprüchlichen Bild des Königs und dessen Darstellung in der Historiographie auseinandergesetzt und sich um eine objektivere und differenziertere Betrachtungsweise bemüht. Insbesondere seien hier die Aufsätze von Walter Bußmann, der sich mit dem wechselhaften europäischen Urteil über Friedrich auseinandersetzt, Frank-Lothar Kroll, welcher sich ebenfalls mit dessen Beurteilung im europäisch-kulturellen Kontext beschäftigt und Stephan Skalweit mit seiner Problematik von Recht und Macht genannt. An ihnen orientiert sich diese Arbeit, um sich ebenfalls für eine kritische Auseinandersetzung mit Vergröberungen des Friedrichbildes und seiner politischen Vereinnahmung einzusetzen.

Den Schwerpunkt der Untersuchung stellen die borussischen Historiker aus dem 19. Jahrhundert dar. Ihre Urteile über Friedrich werden nachgezeichnet und es wird untersucht, was diese Betrachtungsweisen beeinflusste. Ebenso werden aber auch Preußengegner und Kritiker der kleindeutschen Geschichtsschreibung nicht vernachlässigt. Schließlich sollen Antworten auf die Kernfrage, wie der preußische König zum Begründer eines deutschen Nationalstaates erhoben werden konnte, gefunden werden. Der Blick gilt der Bewertung Friedrichs aus Leopold von Rankes und Heinrich von Treitschkes Sicht, zwei der wichtigsten borussichen Historiker, welche sich jedoch auch durch Unterschiede und spezifische Betrachtungsweisen auszeichnen. Im Gegensatz dazu steht Onno Klopp, vielleicht der schärfste Kritiker Friedrichs II., der exemplarisch für den Protest gegen die deutschnationale Historiographie aufgegriffen wird. Insgesamt werden aber nicht nur die Aussagen der Historiker, sondern auch deren Hintergründe und Beweggründe untersucht und in den historischen Zusammenhang eingeordnet.

Letztendlich stellt sich weniger die Frage, ob König Friedrich II. von Preußen nun mehr Anerkennung oder Verurteilung verdient, sondern es geht vielmehr darum, inwieweit diese historische Persönlichkeit einer politischen Instrumentalisierung unterlag und warum sein vielschichtiger Charakter, je nach persönlichem Hintergrund, nach historischem Kontext und vorherrschender politischer Strömung dafür dienen konnte. Es soll auf den Entstehungszusammenhang der Bemächtigung seiner Figur eingegangen werden und auf die Entwicklung, die ihn in einen nationaldeutschen Zusammenhang stellte, was Friedrich später zum Sündenbock deutscher Vergangenheit machte.

Die borussische Historiographie schuf dabei eine zentrale Grundlage, weil sie sich trotz gründlicher archivarischer Forschungen nicht vom aufkommenden Nationalismus lösen konnte und Friedrich in einen nationalen Dienst stellte, was alle seine späteren Beurteilungen beeinflusste. Diese Arbeit möchte durch die Untersuchung der Hintergründe und durch das Bemühen um eine politisch losgelöste Betrachtung dazu beitragen, dass seine Biographie heute nicht für ideologische Zwecke missbraucht, sondern durch eine vielseitigere historische Betrachtung zu einem Gesamtbild zusammengefügt wird, welches seiner vielfältigen Persönlichkeit gerecht werden kann.

2. Die Darstellung Friedrichs bei den borussischen Historikern

Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Darstellung Friedrichs immer mehr zu einer nationalpolitischen Inanspruchnahme seiner Person. Nach der Revolution von 1848 vollzog sich ein „Wandel vom menschheitlich-freisinnigen zum national-deutschen Paradigma im liberalen Friedrich-Bild“[1]. Bei den borussischen Historikern erschien der preußische König vermehrt als nationaldeutscher Held, welcher die Einigung Deutschlands vorbereitet habe.

2.1 Leopold von Rankes Idealisierung Friedrichs

Leopold von Ranke (1795-1886) gehörte zu den bedeutendsten deutschen Historikern, mit dessen Werken ein Anfang in der wissenschaftlichen Bearbeitung des Friedrichbildes geschaffen wurde. Besondere Bedeutung maß Ranke dem „große[n] Zusammenhang von Geschichte und Politik“[2] bei.

Der Berliner Professor beschäftigte sich zunächst mit den „großen Mächten“, den europäischen Nationen, um deren „Dasein und die innere und äußere Selbstbehauptung“[3] es gehe. In den Staaten erkannte er „besondere Prinzipien ihres Daseins“ und die Nationalität als „moralische Kraft“[4]. Ferner brachte er seine religiöse Grundhaltung zum Ausdruck, denn der Ursprung lag für ihn bei Gott, die Staaten seien „geistige Wesenheiten […] Gedanken Gottes“[5] und alles von einer obersten Idee abzuleiten. So sah er seine Aufgabe als Historiker vor allem in der Erkenntnis der geistigen Gesetze, denen alles zu Grunde liege. Für Ranke war die Geschichtsschreibung ein Weg, „die große Geschichte der Menschheit aufzurollen“[6].

Diese Geschichtsauffassung wirkte sich auf seine Neun Bücher Preußischer Geschichte[7] aus, in denen er sich intensiv mit Friedrich II., dessen Verdienste er in der Erlangung und Vollendung der Weltstellung Preußens und der bestehenden europäischen Friedensordnung seiner eigener Zeit sah, beschäftigte.[8] Ausgehend von seiner Weltanschauung, dass die Mächteordnung von 1815 sowohl europäische als auch nationale Bedürfnisse berücksichtige[9] und die staatliche Entwicklung an einem Ruhepunkt angelangt sei, verfasste Ranke die preußische Geschichte mit Friedrich im Mittelpunkt.[10] Dessen Beurteilung fiel äußerst mild und harmonisierend aus. In Rankes Auffassung war der König die „höchste und glücklichste Verkörperung aller in der politischen und geistigen Struktur des preußischen Staates angelegten Möglichkeiten“[11]. Die innere Notwendigkeit des Hergangs und die überindividuelle Macht des Staatsinteresses rechtfertigten die Taten des preußischen Königs.[12] Im Überfall auf Schlesien erkannte Ranke keine moralisch verwerfliche Handlung, sondern die Natur der Dinge und das gute Recht Preußens aufgrund alter Erbansprüche. Er entschuldigte Friedrichs Verhalten als Präventivhandlung[13], da die Kriege der Selbstständigkeitsbehauptung Preußens, was das höchste Ziel und gleichzeitig Friedrichs Pflicht gewesen sei, dienten.[14] Als erster Diener des Staates habe er diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorübergehen lassen können, ohne sein Andenken bei der Nachwelt zu gefährden.[15]

Ferner bemühte sich Ranke, das angebliche Werk Friedrichs für die deutsche Nation hervorzuheben. Seine Kriege und der deutsche Fürstenbund seien bedeutende Schritte für das Entstehen eines Nationalgefühls gewesen und er habe sich um die deutsche Sache verdient gemacht.[16] Zwar konnte Ranke Friedrichs Österreich-feindliche Politik kaum leugnen, doch in dem Glauben, dass Deutschlands nationales Dasein in einem friedlichen Dualismus zugleich deutscher und europäischer, aber auch preußischer und österreichischer Mächte gesichert sei, versuchte er, die Bedeutung der Feindschaft mit Österreich abzuschwächen.[17] Entgegenstehende Tatsachen, welche seiner harmonisierenden Auffassung widersprachen, wurden verschleiert.[18] So stellte Ranke das Verhältnis der beiden Großmächte als Nebeneinander dar, was einen gewichtigen Unterschied zu den Auffassungen späterer Historiker zeigt. Nicht Österreich zu übertreffen sei Friedrichs Ziel gewesen, sondern die Gleichberechtigung Preußens im europäischen Staatensystem zu erlangen und zu festigen. Er behauptete sogar, Friedrich habe damit das alte Reich retten wollen.[19]

[...]


[1] Kroll, Friedrich der Große, S. 189.

[2] Hofmann, Einführung, S. VIII.

[3] Ebd., S. XVIII.

[4] Ebd., S. XIX.

[5] Ranke, Politisches Gespräch, S. 99.

[6] Ders., Epochen der neueren Geschichte, S. 143.

[7] Veröffentlichung des 1. Bandes: 1848, später zu Zwölf Büchern Preußischer Geschichte erweitert.

[8] Bußmann, Wandel des europäischen Urteils, S. 380.

[9] Skalweit, Problem von Recht und Macht, S. 92.

[10] Bußmann, Wandel des europäischen Urteils, S. 380.

[11] Skalweit, Problem von Recht und Macht, S. 94.

[12] Skalweit, Problem von Recht und Macht, S. 95.

[13] Vgl. Ranke, Friedrich II. König von Preußen, S. 364: „Immer in der Anschauung der von allen Seiten drohenden Gefahr bewegt sich seine Politik.“

[14] Vgl. ebd., S. 359: „Er wollte nur eben den Anspruch durchführen, den er von seinen Altvordern überkommen hatte […] und so mächtig genug werden, um eine unbedingte Selbständigkeit zu behaupten […]“.

[15] Vgl. Ranke, Zwölf Bücher, S. 330: „Was würden die späteren Jahrhunderte von Friedrich sagen, hätte er die Dinge gehen lassen, wie sie mochten, ohne sich einzumischen!“

[16] Vgl. ders., Friedrich II. König von Preußen, S. 407: „Der nationalen Einheit wurde weitere Bahn gemacht, und die Herrschaft dieses Gedankens in künftigen Zeiten vorbereitet.“

[17] Bußmann, Wandel des europäischen Urteils, S. 381.

[18] Ebd., S. 381.

[19] Vgl. Ranke, Die deutschen Mächte, S. 159: „Womit sich König Friedrich von Anfang seiner Regierung an getragen, […] die großen Interessen des deutschen Reiches mit dem Bestand und Wachsthum seines Staates zu vereinigen, das wurde jetzt möglich und dringend für beide Theile.“

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Friedrich der Große im Urteil der borussischen Historiographie
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Preußen unter Friedrich dem Großen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V164962
ISBN (eBook)
9783640801015
ISBN (Buch)
9783640800766
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Große, Urteil, Historiographie
Arbeit zitieren
Nadja Häckel (Autor), 2007, Friedrich der Große im Urteil der borussischen Historiographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164962

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