Die Mitschuld der Gewerkschaften am Ender der Weimarer Republik an der Machtergreifung Hitlers

Nur Beitrag zum Zusammenbruch der Demokratie oder möglicher Retter in letzter Sekunde?


Hausarbeit, 2008
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

II. Einleitung

III. Das Querfrontprinzip des Generals von Schleicher
1. Die Konzeption
2. Das Scheitern der Querfrontpläne

IV. Aufruf zum Generalstreik

V. Fazit

VI. Bibliographie

II. Einleitung

„In der letzten Vergangenheit sind die Gewerkschaften stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Betrachtung gerückt. […] Dieses gesteigerte Interesse der Öffentlichkeit erklärt sich unschwer aus der gesamtpolitischen Situation Deutschlands. […]“[1] - so schildert Bruno Broecker, seit 1925 Mitarbeiter des ADGB in der sozialpolitischen Abteilung, im ersten Artikel der Gewerkschaftszeitung »Die Arbeit« vom Februar 1933 die Stellung der deutschen Gewerkschaften. Zur Verteidigung der Republik schien auf den ersten Blick der ADGB die bedeutsamste Massenorganisation darzustellen. Die Mitarbeit in den republiktreuen Kampfverbänden des Reichsbanners und der Eisernen Front verstärkten diese Rollenzuschreibung durch Mitglieder wie auch Außenstehende.[2]

In dieser Arbeit möchte ich den Zusammenhang zwischen den Gewerkschaften der Weimarer Republik und dem Zusammenbruch des demokratischen Systems im Januar 1933 erläutern. Mein Hauptaugenmerk wird dabei der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) bilden, da dieser die einflussreichste und mitgliederstärkste Gewerkschaft zum Ende der ersten deutschen Republik darstellte und trotz dieser Eigenschaft die Auflösung der Demokratie nicht verhindern konnte. Ich möchte aufzeigen, dass der AGDB und dessen Führungsspitze mit seinen Entscheidungen nur wenig zum Scheitern der noch relativ jungen Demokratie beigetragen hat und welche Möglichkeiten und Spielräume sich den Gewerkschaften geboten hat, die zum Erhalt der Weimarer Republik geführt hätten. An zwei Beispielen soll dies veranschaulicht werden – dem Querfrontprinzip des Generals von Schleicher und dem Nichtaufruf zum Generalstreik nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. Die Quellenlage zu diesem Thema erweist sich als sehr ausgiebig, da alle Protokolle von Gewerkschaftssitzungen in einem Quellenband abgedruckt wurden. Als weitere Primärquelle existiert auch die gesamte Ausgabe der Gewerkschaftszeitung »Die Arbeit« im Internet. Zum Thema Querfront findet sich alles Wissenswerte in Militärdiktatur mit Massenbasis ? - die Querfrontkonzeption der Reichswehrführung um General von Schleicher am Ende der Weimarer Republik “ von Axel Schildt.

II. Das Querfrontprinzip des Generals von Schleicher

1. Die Konzeption

Der Begriff »Querfront« ist ein Schlüsselbegriff für strategische Überlegungen am Ende der Weimarer Republik, die vor allem darauf abzielten, NSDAP und Gewerkschaften als Massenbasis für eine auf der Macht der Reichswehr basierende Präsidialregierung zu funktionalisieren.[3]

Nachdem Franz von Papen am 17. November 1932 zurücktrat, da er sich sowohl die Feindschaft der Reichswehr als auch sämtlicher Parteien zugezogen hatte und somit über keine parlamentarische Mehrheit verfügte, wurde Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher, der im Kabinett Papen als Wehrminister fungierte, am 2. Dezember 1932 zum Reichskanzler.[4] Da Schleicher ebenfalls parteilos war suchte er Rückhalt in Massenorganisationen, insbesondere dem ADGB, um sich damit eine möglichst breite gesellschaftspolitische Basis zu verschaffen und so das Grundproblem der Politik Papens zu überwinden versuchte.[5],[6] Dabei verfolgte Schleicher das sogenannte »Querfrontprinzip«, welches die Gewerkschaften mit dem linken Flügel der NSDAP unter Gregor Strasser vereinen sollte. Der AGDB-Vorstand erhoffte sich durch Verhandlungen mit Schleicher einen Beitrag zur Verhinderung des Regierungsantrittes der NSDAP unter Adolf Hitler zu leisten.[7] So gab es bereits im Juli 1932 ein geheimes Treffen zwischen der Führung des ADGB und Strasser, um eine gemeinsame Basis für nationales Handeln zu finden. Strasser gab der Gewerkschaftsspitze jedoch schon zu diesem Zeitpunkt zu verstehen, dass es nur im Falle einer Abspaltung von der SPD zu einer Zusammenarbeit mit der NSDAP kommen würde.[8]

Am 28. November fand ein persönliches Gespräch zwischen Reichskanzler Schleicher und den ADGB-Vorstandsmitgliedern Leipart und Eggert statt, die sich damit öffentlich gegen die Haltung des SPD-Vorstandes stellte, welcher Schleicher als »Reaktionär« und Republikfeind betrachtete. Der ADGB machte deutlich, dass eine Zusammenarbeit mit dem späteren Reichskanzler von Schleicher möglich wäre, da dieser die Aufhebung der sozialpolitischen Teile der Notverordnung vom 4. September 1932, die Aufhebung der Notverordnung vom 5. September, die Verbesserung der Sozialleistungen und Arbeitsbeschaffung durch Vergabe öffentlicher Arbeiten billigte.[9] Diese Punkte der gemeinsamen Politik wurden vom ADGB in einem Brief an Schleicher festgehalten. Durch Schleichers Unterredung mit Leipart und Eggert wurde die Entscheidung, selbst die Führung der Regierung zu übernehmen, durch den positiven Ausgang erleichtert.[10]

2. Das Scheitern der Querfrontpläne

Jedoch scheiterten die Schleicherschen Pläne bereits an der Grundidee. Der Hauptgrund für das Scheitern des Querfrontkonzeptes war primär das Verhalten von ADGB und SPD. Nachdem Leipart in einem Interview für den französischen »Excelsior« die Unterstützung Schleichers durch den ADGB bekanntgab, kam es zu einer, wahrscheinlich unter Druck der SPD-Spitze entstandenen, „Richtigstellung“ im »Vorwärts«, dem Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie.[11] Trotz der Einstellung zu Schleicher zeigte sich die SPD in ihrer offiziellen Oppositionshaltung durchaus als verhandlungsbereit. Am gleichen Tag der Unterredung zwischen Leipart und Eggert empfing Schleicher auch Breitscheid als Vertreter der SPD-Spitze. Man versuchte auf eine gemeinsame Handlungsbasis zu gelangen und vor allem eine erneute Auflösung des Reichstages zu verhindern.[12] Anders als beim ADGB war man bei der SPD vor allem an Zugeständnissen in der Preußen-Frage interessiert. Zu einem der letzten Versuche der Annäherung zwischen Schleicher und der SPD kam es, als er sich am 6. Januar 1933 mit Otto Braun, dem preußischen Ministerpräsidenten traf. Dieser machte folgenden Vorschlag:

[...]


[1] Broecker, Bruno: Gewerkschaften und politische Willensbildung, in: Leipart, Theodor [Hrsg.]: Die Arbeit – Zeitschrift für Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde: Berlin, Ausgabe Februar 1933, S. 1.

[2] Vgl. Peter Jahn/ Detlev Brunner (Bearb.): Die Gewerkschaften in der Endphase der Republik 1930 – 1933, in: [Hrsg.] Hermann Weber / Klaus Schönhoven / Klaus Tenfelde: Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 4, Köln 1988, S. 16.

[3] Vgl. Schildt, Axel: Militärdiktatur mit Massenbasis? - die Querfrontkonzeption d. Reichswehrführung um General von Schleicher am Ende d. Weimarer Republik: Frankfurt, 1981: S. 7.

[4] Vgl. Braunthal, Gerard: Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund: Köln, 1981: S. 82 f.

[5] Ebd. S. 82.

[6] Vgl. Jahn/Brunner: Gewerkschaften in der Endphase der Republik 1930 – 1933, S. 45.

[7] Vgl. Deppe, Frank: Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: Köln, 1978: S. 209

[8] Vgl. Braunthal: ADGB, S.82.

[9] Vgl. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED: Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: Berlin, 1966: S.303.

[10] Vgl. Schildt: Militärdiktatur mit Massenbasis?, S. 166.

[11] Vgl. Ebd. S. 168.

[12] Vgl. Ebd. S. 169.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Mitschuld der Gewerkschaften am Ender der Weimarer Republik an der Machtergreifung Hitlers
Untertitel
Nur Beitrag zum Zusammenbruch der Demokratie oder möglicher Retter in letzter Sekunde?
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V164983
ISBN (eBook)
9783640801923
ISBN (Buch)
9783640802340
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gewerkschaften nsdap hitler weimarer republik mitschuld schuld, ADGB querfrontprinzip
Arbeit zitieren
Martin Kersten (Autor), 2008, Die Mitschuld der Gewerkschaften am Ender der Weimarer Republik an der Machtergreifung Hitlers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164983

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