Gewalt im Nahen Osten

Die palästinensische Hamas zwischen politischer Partizipation und Asymmetrischer Kriegsführung


Seminararbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Vorwort

2.Einleitung

3.Gründungsjahre der Hamas und Hintergründe zur Entstehungsgeschichte

4.Historischer Rückblick über Suizidanschläge im Nahen Osten
4.1. Entwicklung und Entstehung der Hamas - Suizidanschläge
4.1.1. politisch und gesellschaftlich bedingte Motive
4.1.2. Religion als Motiv

5.Jassir Arafats Tod als Chance einer demokratischen Entwicklung

6. Nachbetrachtung

7. Literaturnachweis

1. Vorwort

Der internationale Terrorismus gilt spätestens seit den Anschlägen in New York im Jahr 2001 als eine der größten Gefahren für die internationale Stabilität. Wurde zuvor Terrorismus in erster Linie mit nationalistischen und politischen Zielen in Verbindung gebracht, man denke nur an Nord Irland und das Baskenland, oder die Bewegungen Südamerikas, so wird der Terminus heute in einem überwiegenden Maße mit religiös motivierten Anschlägen und Kriegen gleichgesetzt. Genauer könnte man sagen, dass es im Mainstream der westlichen Wahrnehmung mit sogenannten islamistischen Terrororganisationen gleichgesetzt wird, wobei Osama Bin Laden und die von ihm Gegründete Al Kaida, die Überorganisation aller terroristischen Aktivitäten bildet. Der Begriff Terrorismus ist jedoch nie genau definiert worden, bzw. wird von den jeweiligen Akteuren als Mittel zur Rechtfertigung des eigenen Vorgehens, gegen sogenannte terroristische Organisationen eingesetzt. Es handelt sich somit um die jeweilige Kontextualisierung und Definition, wer nun Terrorist ist und bei wem es sich um einen Unabhängigkeitskämpfer, oder Widerstandskämpfer handelt.

Diese kurze Arbeit soll ausschnitthaft auf die Hintergründe von Suizidanschlägen im Zusammenhang mit der palästinensischen Hamas eingehen. Hierbei ist es mein Ziel, eine Darlegung der Entstehungsgeschichte der Hamas und deren Aktionen und Ausrichtungen, in Verbindung zu den politischen Rahmenbedingungen zu setzen. Es soll dadurch ermöglicht werden, eine Unterscheidung zu treffen, inwieweit Religion ein Motiv für Suizidanschläge ist und was Menschen dazu bewegt, ihr eigenes Leben zu opfern, um anderen Schaden zuzufügen. Nur durch eine Überwindung des gängigen Kontextes, in welchem die Gewalt im Nahen Osten in europäischer Berichterstattung erscheint, kann es gelingen die dahinter stehenden Strukturen zu erkennen und den Einfluss von Krieg, Hoffnungslosigkeit, Politik und Religion angemessen zu gewichten.

Eine wertfreie und objektive Herangehensweise ist eine Grundvoraussetzung für dieses Thema, doch mir ist bewusst, dass diese in einer gewünschten Form nicht bestehen kann und auch nicht möglich ist. Es zeigt sich schon im Begriff des Suizidanschlages, wie sehr dieses Wort, oder zumindest was damit beschrieben wird, überfrachtet ist, schließlich ist es ein gewisser Unterschied, ob man von Suizidanschlag, Selbstmordattentat, oder Selbsttötungsanschlag spricht.

Als Bestandteil, zu einer größtmöglichen Annäherung an die gewünschte Objektivität, habe ich bei der Auswahl meiner verwendeten Literatur versucht, ein breites Spektrum abzudecken, um möglichst viele Einflüsse einzubauen. Jedoch möchte ich auch darauf hinweisen, dass es sich hierbei um keine theologische Arbeit handelt. Ich habe mit Absicht keine Quellen des Glaubens herangezogen, da dieser Herangehensweise meiner Meinung nach nicht genügend Platz zur Verfügung stehen würde, aber noch vielmehr, da ich persönlich finde, dass der Interpretation von heiligen Schriften anderswo Platz einzuräumen sei und es zielführender ist, die daraus folgenden Konsequenzen zu erörtern.

Des weiteren konzentriere ich mich in dieser Arbeit alleinig auf die Hamas, Aktionen und Handlungen anderer palästinensischer Akteure, des Staates Israel, oder der internationalen Gemeinschaft, werden nur soweit erwähnt, wie sie direkt die Hamas beeinflusst haben.

2. Einleitung

Der palästinensisch - israelische Konflikt ist einer der größten Problemfelder internationaler Stabilität. Seit der Gründung des israelischen Staates gelang es nicht, trotz vieler Vermittlungsversuche, die Gegensätze und das Misstrauen zwischen den beiden Konfliktparteien abzubauen. Ein Versuch der Analyse dieses Krieges und der involvierten Parteien, zeigt die Inhomogenität auf palästinensischer und auf israelischer Seite auf, ein Umstand der eine Lösung weiter erschwert.

Augenscheinlich wir dies bei den Palästinensern, bei welcher auf der einen Seite die Fatah politisch anerkannt und in die Friedensgespräche eingebunden ist Die westlichen Akteure unterstützen ebenso die Fatah, demgegenüber steht die Hamas. Als Gewinner der demokratischen Wahlen in den Palästinensergebieten, wird diese bis heute nicht von Israel und der internationalen Gemeinschaft als Verhandlungspartner anerkannt. In europäischen und amerikanischen Medien grenzt es an ein Paradoxon, dass eine radikal - islamische Gruppierung, welche in der Berichterstattung alleinig durch Terroranschlägen und dem Ziel der Vernichtung des jüdischen Staates in Erscheinung tritt, in der Bevölkerung dennoch einen derartigen Rückhalt vorfindet, dass sie freie Wahlen gewinnen konnte. Doch wie kommt es, dass Menschen einer radikalen Organisation beitreten, diese Unterstützen und freiwillig für sie kämpfen, in dem Wissen, dass sie als Selbstmordattentäter nicht mehr zurückkehren werden? Europäische Massenmedien, aber auch sogenannte Qualitätsmedien und wissenschaftliche Publikationen, begründen dies lapidar mit einfachen Begriffen wie „Fanatismus“, „Hass gegen den Westen“, und immer wieder das Motiv, der Islam als Grundstock und Basis für blinde Gewalt gegen andere Religionen.

Doch reicht dies als Erklärungsmuster, oder sind diese Begriffe nicht eher die Auswirkungen und Resultate tiefergehender Konfliktfelder? Verhindern diese Erklärungsmuster nicht einen differenzierteren Blick auf die Ursachen und die tatsächlichen Vorgänge in einem seit Jahrzehnten politisch und militärisch umkämpften Gebiet? Fanatismus, Islam als Ursache, „Hass gegen den Westen“, derartige Aussagen führen zu einer Kontextualisierung hin zu einem Bild einer tief religiösen palästinensischen Gesellschaft, mit welcher es aufgrund ihres radikalen Glaubens unmöglich wäre, einen Frieden zu finden. Ein differenziertes Betrachten der Situation, ist jedoch nur mit der Entstehungsgeschichte der Hamas möglich, um in der Folge ihre heutigen Aussagen und Aktionen verstehen zu können.

3. Gründungsjahre der Hamas und Hintergründe zur Entstehungsgeschichte

Die Gründung der Hamas ist mit der ersten Intifada anzusetzen, welche in den Jahren 1987 bis 1993 zu einem Aufstand gegen die Israelischen Truppen führte. Der Name Hamas ist eigentlich ein Akronym und steht für „ Harakat al-muq ā wama al-isl ā miyya “, was soviel wie „Islamische Widerstandsbewegung“ bedeutet und ein arabisches Wort für „Eifer“ ist. Die Entstehung datiert man deshalb mit dem Beginn der ersten Intifada, da der Name damals das erste Mal auf Flugblättern auftauchte.1

Ihre ideologischen und strukturellen Wurzeln rühren von der „Muslim Brotherhood“, welche 1928 von Hasan al - Banna in Ägypten gegründet wurde. 1935 begann die „Muslimbruderschaft“ auch in Palästina aktiv zu werden, 1946 eröffnete sie danach in Jerusalem ihre erste ständige Niederlassung in den palästinensischen Gebieten.2 Die Bruderschaft setzte sich in erster Linie für eine Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung ein, direkte politische Aktivitäten, oder bewaffneter Widerstand lehnte sie ab.3 In Ägypten wurde die Muslimbruderschaft 1949 verboten, die daraus resultierende Illegalität, in welcher sie operierte, führte zu einer internen Radikalisierung der Vereinigung. Im Gegensatz dazu konnte sie in Jordanien und der Westbank, als Unterstützer des haschemitischen Königshaus offen ihre Ziele verfolgen und nahm in der Folge auch an den Parlamentswahlen teil. Nach 1967 und der Niederlage im sechs Tage Krieg der arabischen Staaten gegen Israel konzentrierte sich die Bruderschaft verstärkt auf die Palästinensergebiete, in welchen sie sich auf ihre Hauptaufgabe als sozialreformerische Institution stützte. Trotz eines Verbotes wurde sie von der israelischen Führung geduldet, da man in ihr einen Gegensatz zu den nationalistischen, palästinensischen Kräften sah.4 Innerhalb der palästinensischen Organisationen wurde die Muslimbruderschaft stark für ihre passive Rolle im Kampf gegen Israel kritisiert, sie erkannte offiziell den Staat Israel zwar nicht an, setzte aber auch keine antiisraelitischen Aktionen. Dies begann sich mit der Revolution im Iran (1979) zu ändern, als innerhalb der Organisation immer stärkere Kritik aufkam, dass das Ziel einer Islamisierung der Gesellschaft von unten nicht möglich sei, solange Israel bestehen würde. Als Reaktion auf diese internen Diskussionen spaltete sich ein Teil der Bruderschaft ab und Gründete den Islamischen Jihad. Die Bruderschaft geriet in der Folge unter Druck, da sich die palästinensische Bevölkerung mit den Zielen und dem militärischen Aktionen des Jihad besser identifizieren konnte, eine Folge aus dem Stillstand und der Stagnation der ökonomischen Lage. Als 1987 die erste Intifada ausbrach, sah sich die „Muslim Brotherhood“ dazu gezwungen, auch eine aktivere Rolle im Widerstand gegen die israelischen Truppen zu übernehmen, woraufhin, um die Organisation nicht zu gefährden, die Hamas gegründet wurde.5

Heute bezeichnet die Hamas diese Periode der ersten Intifada als Vorbereitungsphase zur Transformation der Bruderschaft von einer Vereinigung des passiven Widerstandes, hin zu einer aktiven Rolle im Kampf gegen Israel, auf militärischer und politischer Ebene.

Die Führer der Hamas stammen in der Mehrzahl ursprünglich aus der palästinensischen Küstenregion und mussten 1948 ihre Heimatstädte verlassen. Im Gegensatz zu den anderen großen palästinensischen Widerstandsbewegungen, wie MAN und Fatah, waren die Hamas - Aktivisten somit in die palästinensische Bevölkerung integriert, bzw. ein Teil von ihr, ein Umstand, der ihr eine größere Akzeptanz und Vertrauensbasis einbrachte. Gleichzeitig kamen die Hamas - Führer überwiegend aus unteren Mittelklassenfamilien, hatten jedoch studiert und sich dadurch langsam in der Gesellschaft empor gearbeitet.6

Die äußere Struktur der Hamas entstand am 18. August 1988, einige Monate nach ihrem ersten öffentlichen Auftreten, mit der Veröffentlichung einer eigenen Charta. Darin wurden die politischen Ziele dargelegt und die Verbundenheit zur „Muslim Brotherhood“ Vereinigung betont. Beide Organisationen verstehen sich als antikolonialistisch, antizionistisch und ablehnend gegenüber den beiden Machtblöcken des kalten Krieges.7 Des weiteren, bezeichnet sich die Hamas als ein Flügel der Bruderschaft, so heißt es in Artikel 2 der Satzung:

“ The Islamic Resistance Movement is one of the wings of Moslem Brotherhood in Palestine. Moslem Brotherhood Movement is a universal organization which constitutes the largest Islamic movement in modern times. It is characterised by its deep understanding, accurate comprehension and its complete embrace of all Islamic concepts of all aspects of life, culture, creed, politics, economics, education, society, justice and judgement, the spreading of Islam, education, art, information, science of the occult and conversion to Islam. ” 8

In Artikel eins der Charta sagt die Hamas, ihr Programm sei inhaltlich identisch mit dem Islam selbst, das Ziel sei eine Bewegung, nach den Kriterien des Islam. Die Untermauerung und Hinterlegung der Charta mit religiösen Begriffen ist eines der auffälligsten Merkmale dieser Niederschrift. Im Hinblick auf das Verhalten der Hamas gegenüber Israel und möglichen Friedensverhandlungen zwischen Palästinensern und Israeliten wird im öffentlichen Diskurs immer wieder Artikel sechs der Charta genannt, in dem über den Konflikt mit Israel geschrieben steht:

“ It strives to raise the banner of Allah over every inch of Palestine, for under the wing of Islam followers of all religions can coexist in security and safety where their lives, possessions and rights are concerned. In the absence of Islam, strife will be rife, oppression spreads, evil prevails and schisms and wars will break out. ” 9

Der Bezug zum Heimatland, zur Schaffung einer sicheren Zone für die Gläubigen aller Religionen, daher eine explizite Miteinbeziehung von Christen und Juden, solange diese neue Herrschaft eine islamische sei ist ein wichtiges Kernelement. In Artikel 13 findet die Hamas deutliche Worte für die Eventualität eines Friedensschlusses mit dem Staat Israel und in der Folge gibt sie dadurch Auskunft über ihre Ansichten bezüglich einer Anerkennung des israelischen Staates.

Initiatives, and so-called peaceful solutions and international conferences, are in contradiction to the principles of the Islamic Resistance Movement.

[...]


1 Vgl. Schneider, Friedrich / Hofer, Bernhard (2007): Ursachen und Wirkung des weltweiten Terrorismus. Eine Analyse der gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen und neue Ansätze zum Umgang mit dem Terror. Berlin: DUV - Verlag, S. 61

2 Vgl. Tai, Andreas (1998): Widerstand im Namen Allahs - Hamas als politischer Faktor im Friedensprozess. In: Ibrahim, Ferhad / Ashkenasis, Abraham (Hrsg.): Der Friedensprozess im Nahen Osten. Eine Revision. Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient Band I Hamburg - Münster - Berlin: LIT - Verlag. S. 143 - 157. S. 144

3 Vgl. Baumgarten, Helga (2005): The Three Faces/Phases of Palestinian Nationalism, 1948-2005, in: Journal of Palestine Studies, Berkeley, S. 25-48, S. 37

4 Vgl. Shadid, Mohammed (1988): The Muslim Brotherhood movement in the Westbank and Gaza. In: Third World Quarterly, Vol. 10, Nr. 2, April 1988. S. 658 - 682. S. 674 f.

5 Vgl. Tai, Andreas (1998): Widerstand im Namen Allahs S. 145 f.

6 Vgl. Baumgarten, Helga (2005): The Three Faces/Phases of Palestinian Nationalism. S. 38 6

7 Vgl. Baumgarten, Helga (2005): The Three Faces/Phases of Palestinian Nationalism. S. 38

8 MidEast Web Historical Documents: The Covenant of the Islamic Resistance Movement (Hamas) In: http://www.mideastweb.org/hamas.htm

9 MidEast Web Historical Documents: The Covenant of the Islamic Resistance Movement (Hamas) In: http://www.mideastweb.org/hamas.htm

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gewalt im Nahen Osten
Untertitel
Die palästinensische Hamas zwischen politischer Partizipation und Asymmetrischer Kriegsführung
Hochschule
Universität Wien  (Internationale Entwicklung)
Veranstaltung
Hintergründe von Suizidanschlägen in verschiedenen kulturellen und religiösen Kontexten
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V165006
ISBN (eBook)
9783640912995
ISBN (Buch)
9783640912605
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fatah, politischer Islam, Islam, Terrorismus, Selbstmordanschläge, Suizidanschläge, Hamas
Arbeit zitieren
Florian Klimka (Autor), 2008, Gewalt im Nahen Osten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165006

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