Möglichkeiten und Grenzen der Hochbegabtenförderung durch die Jenaplan-Pädagogik


Diplomarbeit, 2010
93 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Begabungsforschung und Begabtenförderung
1.1. Definition Hochbegabung
1.2. Modelle der Hochbegabung
1.2.1. Drei-Ringe-Modell von Renzulli
1.2.2. Triadisches Interdependenzmodell der Hochbegabung von Mönks
1.2.3. Münchener Hochbegabungsmodell v. Heller, Perleth & Hany
1.2.4. Aktiotop-Modell als komplexe Handlungstheorie
1.3. Diagnostik der Hochbegabung
1.3.1. Objektive Identifikationsverfahren
1.3.2. Subjektive Identifikationsverfahren
1.3.2.1. Schulleistungen
1.3.2.2. Beobachtungsverfahren
1.3.2.3. Lehrerurteil
1.3.2.4. Peernomination
1.3.2.5. Elternurteil
1.3.2.6. Selbstrating und -nomination
1.4. Schulische Förderung von Hochbegabung
1.4.1. Notwendigkeit der schulischen Begabtenförderung
1.4.2. Begabtenpädagogik
1.4.2.1. Öffnung der Schule und Unterricht
1.4.2.2. Begabungsförderndes Lernen
1.4.2.3. Altersgemischte Jahrgangsklassen
1.4.3. Formen der schulischen Begabtenförderung
1.4.3.1. Integration versus Selektion
1.4.3.2. Akzeleration
1.4.3.3. Enrichment
1.4.3.3.1. Unterrichtsinternes Enrichment
1.4.3.3.2 Schulinternes Enrichment
1.4.3.3.3 Außerschulische Enrichment-Möglichkeiten
1.5. Rolle des Lehrers in der Begabtenförderung

2. Petersen – Jena-Plan
2.1. Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Grundlagen
2.1.1. Prinzip der Stammgruppe
2.1.2. Führungslehre – Pädagogik des Unterrichts
2.1.3. Lernraum
2.1.4. Eltern und Schule
2.1.5. Leistungsbeurteilung
2.2. Begabte

3. Begabtenförderung und Jenaplan-Pädagogik
3.1. Bedeutung der Beobachtung in der Diagnostik
3.2. Jahrgangsmischung und Hochbegabung
3.3. Bedeutung des offenen Unterrichts und das begabungs- fördernde Lernen für Hochbegabte
3.4. Förderung verschiedenster Begabungsformen
3.5. Prinzip der ganzheitlichen Förderung
3.6. Grenzen der Begabtenförderung in der Jenaplan-Pädagogik

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: 3-Ringe-Modell von Renzulli

Abbildung 2: Modell der Triadischen Interdependenz

Abbildung 3: Münchener Hochbegabungsmodell v. Heller, Perleth & Hany

Abbildung 4: Komponenten eines Aktiotops

Abbildung 5: Modell einer sequentiellen Entscheidungsstrategie in der Hochbegabungsdiagnostik

Abbildung 6: Ausgewählte Eigenschaften und Fähigkeiten Hochbegabter sowie Merkmale des üblichen Schulunterrichts in der Gegenüberstellung

Abbildung 7: Stammgruppenaufteilung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Programm zu internationalen Schülerbewertung)

„Die Schule kann gewiss das Genie nicht schaffen; aber sie kann es ertöten oder doch schwer schädigen; sie soll es aber pflegen und ihm Bedingungen der Entwicklung so günstig wie möglich gestalten.“

(Hugo Gaudig, 1860 -1923, Reformpädagoge und Schuldirektor)

„Nichts ist ungerechter als die gleiche Behandlung Ungleicher.“

(Paul F. Brandwein, 1912 – 1994, amerikanischer Psychologe)

Einleitung

Seit den 70er Jahren unterliegt die Gesellschaft einem relativ schnellen Zuwachs an technischen Neuheiten und neuen Kommunikationsentwicklungen. Neben diesen Neuerungen haben sich auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geändert: Jetzt gibt es die Globalisierung und dadurch bedingt ein hoher Grad an Arbeitsteilung in den einzelnen Nationen und Abhängigkeiten unter den Nationen. Die Folgen dieser Entwicklungen bringen einschneidende weltweite Veränderungen mit sich, nicht nur in Wirtschaftssystemen, sondern auch in Beschäftigungs- und Bildungssystemen und nicht zu vergessen in der Familie. Bildungssysteme müssen auf die veränderten Anforderungen reagieren und sich anpassen. Bildungsziele, einmal durch die PISA-Studie angestoßen und verstärkt durch die Medien diskutiert, werden neu überdacht, deren Grundlage erforscht und daraus neue Konzepte entwickelt. Neue Ideen, wie die Ganztagsschule, die Umstellung vom 13jährigen auf das 12jährige Gymnasium in Bayern werden diskutiert und teilweise erfolgte auch schon die Umsetzung. Momentan ist der Fokus des wissenschaftlichen Diskurses weitgehend auf sozial schwache, minderbegabte Kinder und Kinder aus Einwanderfamilien beschränkt. Eine kleine, aber dennoch sehr bedeutende Gruppe wird äußerst selten in den Mittelpunkt der Diskussionen gestellt: die Hochbegabten.

„Unsere Einstellung gegenüber Hochbegabung und hochbegabten Kindern sind voll von Paradoxien und Widersprüchen. Wir erkennen Hochbegabung als eine wertvolle menschliche Qualität an, weigern uns aber, ernsthafte Maßnahmen für ihre Identifikation und Förderung zu ergreifen; wir schätzen die Produkte von hochbegabten Menschen hoch ein, betrachten aller Wahrscheinlichkeit nach aber die begabte Person mit Argwohn; wir freuen uns über die intellektuellen Leistungen hochbegabter Kinder, glauben aber, dass kluge Kinder sonderbare Kinder sind.“[1]

Hochbegabung wurde bis in das Jahr 1985 zwar hin und wieder von Pädagogen und Wissenschaftlern diskutiert, aber ein Interesse der Politik und Öffentlichkeit fand nicht statt. Dies ändert sich im Jahr 1985 als die 6. Weltkonferenz für hochbegabe und talentierte Kinder in Hamburg stattfand. Das Medieninteresse an dieser Konferenz war sehr hoch. Hochbegabung wurde bis dahin „mit einem gehäuften Auftreten von Problemen in Verbindung gebracht.“[2] Angestoßen durch die Weltkonferenz hat eine zunehmende Akzeptanz der Hochbegabten, sowie ein verstärktes Interesse von Seiten der Wissenschaft und Politik stattgefunden.

Der Bildungsausschuss verfasste im Jahr 1990 im Auftrag der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung folgendes Konzept:

„Aufgabe des Bildungswesens ist es, allen Kindern und Jugendlichen, eine ihre Fähigkeiten entsprechende Bildung zu vermitteln. …Auftrag an die Schule, jeden jungen Menschen gemäß seinen individuellen Begabungen und Neigungen zu fördern. Daher müssen besondere Begabungen frühzeitig erkannt und gefördert werden….Besondere Fördermaßnahmen sind erforderlich, um auch denjenigen die volle Entfaltung ihrer Begabung zu ermöglichen, die über das schulische Angebot hinausgehende Beratung und Förderung benötigen…“[3]

Seit diesem Zeitpunkt werden Ressourcen in die Förderung von Hochleistungen verwendet. Ein Teil dieser Ressourcen fließt in die Hochbegabtenforschung, die heute eine Grundlagenwissenschaft sowie eine angewandte Wissenschaft darstellt, deren Aufgabe darin besteht Konzepte und Programme zu entwickeln, die zur Identifikation und Förderung von Begabten genutzt werden können.[4]

Die Identifizierung und Förderung von Hochbegabten kann durch eine Selbst-, Eltern-, Lehrkraftnominierung sowie durch psychologische Fachkräfte stattfinden. Für die schulische Förderung stehen viele Ansätze zur Verfügung. Neben kostenneutralen Maßnahmen, wie z.B. die vorzeitige Einschulung und das Überspringen von Jahrgangsstufen, gibt es auch kostenintensive Programme, wie z.B. Sonderschulen und Internate. Nicht außer Acht gelassen werden dürfen die reformpädagogischen Schulen, die zahlreiche Ansätze zur gezielten Förderung von Hochbegabten forcieren. Peter Petersen verfasste schon im Jahre 1916 ein Sammelband mit dem Titel: Der Aufstieg der Begabten. „Es waren Reformpädagogen, wie Petersen und Montessori, die die Individualität des Kindes in den Mittelpunkt des Unterrichts rückten.“[5]

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist der Nachweis der Existenz von verschiedenen Begabungsniveaus und damit verbunden das Vorkommen von besonders leistungsfähigen Schülern in allen Jahrgangsstufen.

„Nur wenige Beobachter werden verleugnen, dass es auf jeder Stufe in jeder Klasse eine kleine Anzahl von Individuen gibt, die sich durch spezifische Charakteristika und Eigenschaften wie schnelles Auffassungsvermögen für Ideen, hohe Konzentrationsfähigkeit, ungewöhnliche effektive Organisation und Verfügbarkeit von Informationen auszeichnen.“[6]

Im Zusammenhang mit der Förderung von Begabten wird das im Grundgesetz verankerte Recht auf Chancengleichheit diskutiert.

„Nicht Chancengleichheit, sondern Chancengerechtigkeit ist zu fordern, bei der jedes Kind nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten die ihm gemäße Behandlung erhält.“[7]

Chancengerechtigkeit im Bildungswesen könnte mindestens eine fairere Startbedingung herstellen. Die Forderung nach differenzierten schulischen Curricula und Instruktionsstrategien geraten in den Fokus der Begabtenförderung, da nicht alle Unterrichtsmethoden bzw. didaktische Konzepte für alle Schüler gleichermaßen geeignet sind.[8]

Ziel dieser Arbeit ist es den reformpädagogischen Ansatz von Peter Petersen mit den geforderten Förderansätzen der Wissenschaft und Pädagogen in Bezug auf Hochbegabte zu diskutieren. Ausgehend von dieser Diskussion stellt sich die Frage, ob eine Begabtenförderung durch die Jenaplan-Pädagogik gewährleistet werden kann und wo diese an ihre Grenzen stößt.

Dazu muss im Vorfeld der Begriff Hochbegabung definiert und Diagnosetechniken sowie momentane Förderungsmöglichkeiten beschrieben werden. Anschließend wird der Jenaplan von Peter Petersen vorgestellt und im letzten Kapitel wird die Idee von Peter Petersen, die Jenaplan-Pädagogik, mit den Anforderungen an einer angemessenen Hochbegabtenförderung, die im ersten Kapitel aufgeführt sind, gemessen.

1. Begabungsforschung und Begabtenförderung

Eine Identifikation von hochbegabten Kindern ist notwendig, damit den Kindern eine ihren Fähigkeiten entsprechende Förderung ermöglicht werden kann. Hierzu gibt es in der Praxis unterschiedliche Diagnoseverfahren, die abhängig von der Sichtweise der Begriffsdefinition von Hochbegabung angewendet werden.

1.1. Definition Hochbegabung

Die Hochbegabtenforschung hat im Laufe der Jahre unterschiedliche Begriffsverständnisse zur Hochbegabung entwickelt. Diese Vielzahl an Definitionen ist bedingt durch den Kontext derjenigen, die diesen Begriff verwenden, wie Pädagogen, Psychologen, Wissenschaftler und Praktiker.

In der Antike und im frühen Mittelalter wurden die ersten Versuche unternommen Begabung und Talente zu beschreiben. Begabte Kinder wurden als Kinder mit einer göttlichen Abstammung beschrieben oder es war eine Gnadengabe, die ihnen durch Gott zu Teil wurde. Im Römerbrief 12,6 steht: „Wir haben unterschiedliche Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.“ Das Christentum deutete Begabung als nicht angeboren und nicht erwerbbar, sondern als verliehene Gabe. Bedingt durch die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhundert wurde der Begriff Begabung umgedeutet. Im Vordergrund stand nun, dass jeder vernunftbegabt ist und dadurch in der Lage ist aus eigener Kraft sich neue Erkenntnisse anzueignen.

Der Begriff Genie wurde bis ins 20. Jahrhundert genutzt, um besonders leistungsfähige Kinder zu bezeichnen, aber dann erfolgte eine Ablösung und die Begriffe Begabung und Hochbegabung wurden für dieses Phänomen eingesetzt. Im englischen Sprachraum wird teilweise zwischen den Begriffen „talented“ und „gifted“ unterschieden. Ein talentierter Mensch ist mit einer spezifischen Begabung, z.B. musisch begabt, ausgestattet, dagegen bezeichnet der Begriff „gifted“ eine intellektuelle Begabung. Anfang der 80er Jahre konnten sich in Deutschland die Begriffe Hochbegabung oder Begabung und im englischen Sprachraum der Begriff „gifted“ durchsetzen.[9]

Im Mittelhochdeutschen findet sich die etymologische Bedeutung von dem Wort ´begaben` und bedeutet eine Person mit Gaben und Fähigkeiten auszustatten. Der Wortursprung zielt darauf ab, dass Betreuende die Verantwortung haben die Kinder mit Gaben auszustatten.[10]

Mittlerweile gibt es zahlreiche und in sich unterschiedliche Definitionen von Hochbegabung. Diese unterscheiden sich sehr gravierend, abhängig von der wissenschaftlichen Disziplin – psychologisch, pädagogisch, soziologisch – was zum einen zu Kommunikationsproblemen in der Hochbegabungsforschung und zum anderen bei der Identifikation von Hochbegabten zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann.

Die Ex-post-facto-Definition von Hochbegabung sagt aus, dass nur der als besonders begabt gilt, der durch herausragende Leistungen aufgefallen ist und deswegen von seinen Mitmenschen geschätzt wird. Die Hochbegabung wird hierbei nachträglich festgelegt.“[11] Diese Beschreibung wurde bis in das Jahr 1920 genutzt. Bei der Anwendung dieser Definition fallen Kinder und Jugendliche heraus, die z.B. aufgrund von Nichtförderung ihre Hochbegabung nicht anwenden bzw. noch keine Chance hatten ihre Begabung zu nutzen.

Im Jahre 1926 entwickelte Terman eine andere Definition von Hochbegabung. Bei ihm galten alle diejenigen als hochbegabt, die zu den drei besten Schülern zählten und gleichzeitig die Jüngsten in einer Klasse waren, aber trotzdem einen IQ von mindestens 140 erzielten. Die Einstufung dieser begabten Kinder wurde durch die Lehrkraft durchgeführt.[12] Somit fand der Intelligenztest Einzug in die Hochbegabtenforschung und dient heute noch als Grundlage für die Feststellung von Hochbegabung. Schüler mit nicht-kognitiven Begabungen werden hierbei nicht zu den besonders begabten Kindern und Jugendlichen gezählt. Aus diesem Grund wird die reine Bestimmung von Begabung, ausschließlich gemessen am Kriterium der Intelligenz, von einigen Wissenschaftlern abgelehnt.

In der Psychologie wird Begabung für die Beschreibung des Phänomens und als Erklärung verwendet. Grundlage sind zwei Forschungsparadigmen, zum einen die Erfassung von quantitativen inter- und intraindividuellen Fähigkeitsdifferenzen und zum anderen die Untersuchung von qualitativen Prozesskomponenten des Denkens.[13]

Sternberg versucht den Begriff Hochbegabung umfassender zu definieren, d.h. eine Person ist dann hochbegabt, wenn sie in der Lage ist eine zuverlässig und gültig nachweisbare Leistung zu erbringen, die dann im Verhältnis zu einer Bezugsgruppe exzellent, selten, produktiv und wertvoll ist. Neu ist hier der Verweis auf die Bedeutung gesellschaftlicher Werte.[14]

Nach dieser Definition muss ein besonders Begabter folgende Kriterien erfüllen:

- Exzellent, d.h. die Person muss einer anderen Personen auf einem Gebiet leistungsmäßig voraus sein;
- Selten, damit ist gemeint, dass der Begabte eine Eigenschaft besitzt, die im Verhältnis zu anderen hoch ausgeprägt ist;
- Produktiv, d.h. die besonders leistungsfähige Person ist befähigt durch die Begabung eine besondere Handlung durchzuführen oder ein spezielles Produkt herzustellen;
- Beweisbar beispielsweise durch Tests; hier kann der Begabte willentlich seine Fähigkeiten unter Beweis stellen;
- Wert, d.h. die Begabung einer Person muss für die Gesellschaft als wichtig erachtet werden und geschätzt.[15]

Die Auflistung der unterschiedlichen Sichtweisen von Begabung zeigt, dass sich die Definitionen zum Teil überschneiden, sich jedoch auch in anderen Bereichen wesentlich unterscheiden. Einigkeit besteht lediglich im Verständnis von Begabung und Leistung. Begabung ist die Kompetenz die in der Person liegt, die Leistung dagegen ist die Performanz die der Begabte zeigt. Heller wendet sich gegen Definitionen, die Begabung mit herausragender Leistung gleichsetzen, da hier die Gefahr besteht diejenigen Begabten zu übersehen, die aufgrund eines ungünstigen Umfeldes oder nichtkognitiver Persönlichkeitsmerkmale daran gehindert werden, ihr Begabungspotential ausreichend zu entwickeln.[16]

Momentan gibt es keine allgemein gültige Definition des Begriffs Hochbegabung und damit verbunden auch keinen anerkannten Katalog der menschlichen Begabungen. Das führt natürlich dazu, dass gerade in der Diagnostik und den daraus abzuleitenden Förderungsmaßnahmen Probleme entstehen können. Wichtig ist aber das Bewusstsein zu haben, dass es Begabungen in den unterschiedlichsten Bereichen gibt und in vielen Facetten auftreten können. Deswegen ist es notwendig alle möglichen Faktoren, die einen Einfluss auf den Begabten haben, zu finden, um eine frühestmögliche Förderung zu gewährleisten. Untersuchungen belegen, dass eine Früherkennung und eine Frühförderung begabter Kinder außerordentlich wichtig sind, da nur so eine optimale Lernumgebung gewährleistet werden kann. Die Begabungsentwicklung selber sollte als Interaktionsprozess gesehen werden.[17]

1.2. Modelle der Hochbegabung

Psychologen und Wissenschaftler diskutieren in Bezug auf Hochbegabung, inwieweit dieses Phänomen angeboren ist oder inwieweit die Umwelt eine tragende Rolle bei der Entwicklung von Hochbegabung spielt. Aus diesem Grund wurden in den letzen Jahren unterschiedliche Hochbegabungsmodelle entwickelt.

„Im Hinblick auf die Begabtenförderung beinhalten multiple Begabungs- und Kreativitätskonzepte sowie entsprechende mehrdimensionale Diagnoseansätze deutliche Vorteile gegenüber eindimensionalen Modellen.“[18]

Selbst Stern und Petersen vermuteten, dass für die Hochbegabung auch noch zusätzliche Faktoren, wie Interesse, Fleiß, Ausdauer, Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, Ehrgeiz, soziale Gesinnung, familiäre Herkunft und eine angemessene schulische Förderung hohen Einfluss auf die individuelle Entwicklung der Begabung haben.[19] Fünf Jahrzehnte nach den angedachten Erkenntnissen von Stern und Petersen entwickelte zuerst Renzulli ein mehrdimensionales Modell, dass in den darauf folgenden Jahren von anderen Wissenschaftlern modifiziert wurde. Einige dieser Modelle werden nun beschrieben.

1.2.1. Drei-Ringe-Modell von Renzulli

Renzulli entwickelte in den 70er Jahren als erster ein Modell, das von einer Mehrdimensionalität der Hochbegabung ausgeht. Renzulli lehnt eine Diagnostik ab, die nur auf einen IQ-Test basiert. Er ist der Meinung, dass Hochbegabung nicht angeboren ist, sondern dass durch die Entwicklung bedingt hochbegabtes Verhalten entsteht. Somit hat Renzulli keine statische Sichtweise von Hochbegabung, sondern eher eine dynamische. Eine statische Position beziehen diejenigen Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass die Begabung eine angeborene Disposition für spezielle Leistungen ist. Wissenschaftler, die den dynamischen Begabungsbegriff vertreten, erweitern das statische Bild um das Zusammenspiel von Familie und sonstigen Umwelteinflüssen, denen die Kinder regelmäßig ausgesetzt sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: 3-Ringe-Modell von Renzulli[20]

Renzulli beschreibt durch das 3-Ringe-Modell, dass die Begabung eine Schnittmenge aus der überdurchschnittlichen Fähigkeit, der Aufgabenverpflichtung und der Kreativität ist. Überdurchschnittliche Fähigkeiten umfassen die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten. „Unter Kreativität versteht Renzulli eine Form des Lösungsverhaltens für Aufgaben, nämlich originelles, produktives, flexibles und individuell-selbständiges Vorgehen.“[21] Aufgabenverpflichtung meint die Fähigkeit sich mit der Aufgabe intensiv und länger zu beschäftigen, d.h. es müssen kognitive, emotionale und motivationale Fähigkeiten zum Tragen kommen.

Kritisch an diesem Modell ist, dass Renzulli Begabung und Leistung gleichsetzt, d.h. Renzulli übersieht die Tatsache, dass es Hochbegabte gibt, die ihre Begabung nicht als Leistung sichtbar werden lassen, die sogenannten „underachiever“. Hiermit sind die potentiell hochbegabten Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeint, die ihre Leistungen nach außen hin nicht offensichtlich zeigen.[22] Außerdem besteht die Kritik, dass Renzulli die Umweltfaktoren komplett außen vor lässt. Mönks warnt in diesem Zusammenhang, dass die Auffassung von Hochbegabung nicht darin besteht, „das man hat oder nicht hat, das sich durchsetzt, allen Widerständen zum Trotz. Es ist das Ergebnis eines günstigen Zusammenwirkens von inneren und äußeren Faktoren.“[23] Auf Grundlage von Renzullis Modell entwickelte Mönks sein Triadisches Interdependenzmodell.

1.2.2. Triadisches Interdependenzmodell der Hochbegabung von Mönks

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Modell der Triadischen Interdependenz[24]

Das Modell der Triadischen Interdependenz von Mönks beinhaltet im Kern drei Persönlichkeitsmerkmale, die zusammenhängen: hohe intellektuelle Fähigkeiten, Kreativität und Motivation. Diese Merkmale werden flankiert von den Faktoren Familie, Schule und Peers. Mönks ist der Meinung, dass eine Begabung sich nur dann entwickelt, wenn die drei Sozialisationsbereiche günstig ausgeprägt sind, da eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen den einzelnen Faktoren besteht.[25]

„Daher sprechen wir auch erst dann von Hochbegabung, wenn alle sechs Faktoren in richtiger Weise ineinander greifen, so dass sich eine harmonische Entwicklung vollziehen kann.“[26]

Die Familie ist wichtig für die soziale und emotionale Entfaltung des Kindes. Die Lehrkräfte in den Schulen sind durch die Hochbegabten vor große Probleme gestellt, da die besonders Begabten ein höheres Lerntempo haben. Die Peers stellen die gleichaltrigen Kinder dar, zu denen die Begabten Beziehungen pflegen.

Das Modell soll die Frage beantworten, wie die Entwicklung von hochbegabten Kindern optimiert werden kann und inwieweit dazu neben inneren auch äußere Antriebe nötig sind. Aber genau dieser Entwicklungsansatz wird von Tettenborn kritisiert, da das Modell nicht beschreibt, „wie und zu welchen Zeitpunkten in der Entwicklung des Kindes sich welche Interaktionen auf die kognitive und psychosoziale Entwicklung von Hochbegabten auswirken.“[27] Eine weitere Kritik kommt von Ziegler, der zum einen anmerkt, dass dieses Modell empirische Bewährungsproben noch nicht bestanden hat und zum anderen seien die ausgewählten Variablen umstritten. So ist die Kreativität ein psychologisches Konstrukt, dessen Brauchbarkeit von vielen angezweifelt wird; reliable Messverfahren existieren nicht.[28]

Jedoch ist festzuhalten, dass durch Mönks die Bedeutung der Umweltfaktoren für die Entwicklung von Hochbegabung hervorgehoben wurde. So wird noch einmal deutlich, dass es nicht nur die genetischen Anlagen sind, die eine Hochbegabung ausmachen, sondern die Entwicklung von Hochbegabung von günstigen Einflussfaktoren abhängt.

1.2.3. Münchener Hochbegabungsmodell v. Heller, Perleth & Hany

Das derzeit bekannteste Modell im deutschsprachigen Raum ist das Münchener Hochbegabungsmodell von Heller, Perleth und Hany. Das Münchener Hochbegabungsmodell ist ein multifaktorielles Fähigkeitskonstrukt und unterscheidet zwischen unterschiedlichen Begabungsdimensionen: Intelligenz, Kreativität, sozialer Kompetenz, Musikalität, Psychomotorik, künstlerische Fähigkeiten und praktischer Fähigkeit. Eine weitere Besonderheit im Vergleich zu den bisherigen Modellen ist, dass nicht nur von einer Begabung gesprochen wird, sondern von verschiedenen Begabungsfaktoren: Prädikatoren (Begabungsvariablen), Kriteriums- oder Leistungsvariablen und Moderatoren. Moderatoren stellen die Beziehung zwischen den Begabungs- und Kriteriumsvariablen dar, die durch die Moderatoren variieren können.[29]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Münchener Hochbegabungsmodell v. Heller, Perleth & Hany[30]

Die Stärke des Modells liegt in der sehr übersichtlichen Darstellung aller möglichen Einflüsse auf die menschliche Leistungsfähigkeit. Kritik an diesem Modell ist, dass zum Bestimmen der Begabungsfaktoren IQ-Tests die Grundlage bilden und es keine geeigneten Diagnoseinstrumente von künstlerischen, musikalischen und psychomotorischen Fähigkeiten gibt und somit der empirische Nachweis der Mehrdimensionalität von Hochbegabung noch aussteht.

1.2.4. Aktiotop-Modell als komplexe Handlungstheorie

In den bisherigen Modellen wurden die Person und die Situation als zwei unabhängige Variablen betrachtet. Ziegler dagegen fasst 2005 seine neuen Überlegungen zusammen „und formuliert als Paradigmenwechsel, dass Begabungen nicht mehr als Personenmerkmale aufzufassen sind, sondern als Paket von herausragenden Handlungen in einer Domäne, die eine Person in bestimmten Umwelten aktuell ausführen kann.“[31]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Komponenten eines Aktiotops[32]

Das Aktiotop-Modell nutzt systemische Überlegungen, d.h. Hochbegabung ist nicht nur eine Eigenschaft einer Person, sondern ein Ergebnis aus der Interaktion zwischen Umwelt und Person.[33] Um nach diesem Modell Leistungsexzellenz zu erlangen, muss eine enorme Anpassungsleistung an eine Talentdomäne gelingen.[34] Dabei steht im Mittelpunkt das persönliche Handlungsrepertoire.

Das Aktiotop-Modell besteht aus fünf Komponenten:

- Handlungen: diese werden beeinflusst durch die Umwelt und durch die Person selbst (Ziele, subjektiver Handlungsraum, Handlungsrepertoire).
- Handlungsrepertoire: darunter versteht Ziegler die objektiv feststellbaren Handlungsmöglichkeiten einer Person, die durch genetische Faktoren und durch perzeptuelle und motorische Fähigkeiten bedingt sind.
- Subjektiver Handlungsraum: damit ist gemeint, dass jede Person alternative Handlungsmöglichkeiten hat und sich dann durch Abwägen für eine bestimmte Handlung entscheidet.
- Ziele: jeder Mensch, ob bewusst oder unbewusst, handelt stets im Hinblick auf die Erreichung bestimmter Ziele.
- Umwelt: Aspekte der Umwelt sind die sozialen Akteure, die Ressourcen und das Setting.[35]

Diese fünf Komponenten bilden ein System, das Veränderungen unterworfen ist und durch Interaktionen der Komponenten ein Gleichgewicht anstrebt. Dies benötigt eine gewisse Flexibilität der Person, damit auf Veränderungen reagiert werden kann und eine gewisse Stabilität, damit die Anpassungen erfolgreich durchgeführt werden können.

Der wesentliche Unterschied zu den bisherigen Begabungstheorien ist der Weg zur Leistungsexzellenz. Ziegler geht davon aus, dass wenn ein Lernschritt gemeistert wurde, ein neues Lernziel gesetzt werden muss, das sich wiederum auf den nun folgenden Lernschritt bezieht. Dazu wird eine passende Lernumwelt benötigt. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Aufrücken in die nächste Jahrgangsstufe. Ziegler versteht als Leistungsexzellenz nicht nur das „Kopfwissen“, sondern das System einer Person, indem sie mit ihrem Talent interagiert. Wichtig im Aktiotop-Modell ist die gleichzeitige und ganzheitliche Entwicklung der einzelnen Komponenten.[36]

Ziegler fordert fünf Interaktionsfaktoren, die er aus der progressiven Adaption ableitet:

- Identifikation effizienter und ineffizienter Handlungen
- Identifikation von Lernsituationen
- Generierung von Handlungsvarianten
- Antizipation
- Existenz effektiven Feedbacks und von Feedforwards.[37]

Im Aktiotop-Modell wird nicht nur die Intelligenz als Faktor der Hochbegabung gesetzt, sondern das Vorgängerprinzip favorisiert, das davon ausgeht, dass der „nächste Lernschritt nicht durch basale Eigenschaften des kognitiven Systems begrenzt wird, sondern dadurch, dass eine notwendige vorangegangene Lernstufe nicht gemeistert wurde.“[38] Wird also z.B. in der Mathematik eine gewisse Problematik nicht verstanden, kann dieses nicht vorhandene Wissen nicht genutzt werden und somit die nächste Lernstufe auch nicht erreicht werden.

Das Vorgängerprinzip stellt an die Pädagogen eine hohe Anforderung, da deren Aufgabe darin besteht effektive Lernsettings zu schaffen, geeignetes Feedback zu gewähren, gute Instruktionen zu geben und alles im Sinne für den Ausbau des Handlungsrepertoires des lernenden Individuums zu vergrößern.[39]

Grassinger und Stöger sagen aus, dass nach Ziegler nicht diejenigen hochbegabt sind, „die eine hohe Ausprägung einer Eigenschaft besitzen, sondern jene, für die ein Lernpfad zu Leistungsexzellenz identifiziert werden konnte.“[40]

Die hier vorgestellten Modelle haben alle die Auffassung, dass Hochbegabung nicht nur ein Phänomen von überdurchschnittlichen Fähigkeiten ist, sondern ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Faktoren (Persönlichkeitsmerkmale, Motivation, Umwelt) in einer günstigen Konstellation. Das Ergebnis ist hier auch nicht eine Hochbegabung, sondern unterschiedliche Begabungsfacetten (soziale, kreative, musikalische, psychomotorische, etc.).

Im Zusammenhang mit der Identifikation und den daraus abzuleitenden Förderungsmaßnahmen stellt sich das Problem, dass Persönlichkeits- und Umweltfaktoren nur schwer messbar sind. Die umfassenden Hochbegabungsmodelle führen u.a. dazu, dass der Begabungsbegriff sehr komplex und unpräzise ist und zur Erfassung von Hochbegabung in der Praxis unterschiedliche Diagnoseverfahren zum Einsatz kommen.

1.3. Diagnostik der Hochbegabung

Da es keine wissenschaftlich präzise und allgemein anerkannte Definition von Hochbegabung gibt, ist es sehr schwierig Verfahren einzusetzen, die mit absoluter Zuverlässigkeit Kinder und Jugendliche erfassen, die eine Hochbegabung vorweisen.

„Wer sich mit Fragen der Hochbegabungsdiagnostik beschäftigt, muss zunächst Klarheit über den Erfassungsgegenstand gewinnen. Die häufig anzutreffende - naive – Vorstellung, wonach Hochbegabung an und für sich existiert, ist wissenschaftlich betrachtet nicht haltbar.“[41]

[...]


[1] Getzels, 1982, S. 42

[2] Feger & Prado, 1998, S. 6

[3] Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, 1990, S. 3 - 4

[4] vgl. Ziegler A., 2008, S. 7

[5] Mönks F., 2006, S. 15

[6] Wieczerkowski & Cropley, 1986, S. 11

[7] Stapf, 1997, S. 228

[8] vgl. Heller, 2008, S. 70

[9] vgl. Freund-Braier, 2001, S. 20

[10] vgl. Spahn, 1997, S. 84

[11] vgl. Traumtmann, 2005, S. 11

[12] vgl. Fels, 1999, S. 39

[13] vgl. Heller, 2008, S. 8

[14] vgl. Sternberg, 1993, S. 185

[15] vgl. Ziegler, 2008, S. 14

[16] vgl. Heller, 2000, S. 40

[17] vgl. Heller, 2008, S. 11

[18] Heller, 2008, S. 49

[19] vgl. Stern, 1916, S. 110 - 111

[20] Renzulli, 1978, S. 182

[21] Holling & Kanning, 1999, S. 8

[22] vgl. Wittmann & Holling, 2001, S. 118

[23] Mönks, 1987, S. 216

[24] Mönks, 1995, S. 16

[25] vgl. Mönks, 1998, S. 21

[26] Mönks, 1998, S. 23

[27] Tettenborn, 1996, S. 13

[28] vgl. Ziegler, 2008, S. 50

[29] vgl. Heller, 2008, S. 67

[30] Heller, 2001, S. 24

[31] Grassinger, 2009, S. 102

[32] Ziegler, 2008, S. 55

[33] vgl. Grassinger, 2009, S. 102

[34] vgl. Ziegler, 2007, S. 124

[35] vgl. Grassinger, 2009, S. 104 - 105

[36] vgl. Ziegler, 2007, S. 124 - 125

[37] vgl. Grassinger, 2009, S. 104 - 105

[38] Ziegler, 2008, S. 53

[39] vgl. Ziegler, 2008, S. 53

[40] Ziegler, Grassinger & Stöger, 2007, S. 101

[41] Heller, 2008, S. 94

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen der Hochbegabtenförderung durch die Jenaplan-Pädagogik
Hochschule
Wissenschaftliche Hochschule Lahr
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
93
Katalognummer
V165033
ISBN (eBook)
9783640811403
ISBN (Buch)
9783640811663
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochbegabung, Hochbegabte, Pädagogik, Förderung, Jenaplan
Arbeit zitieren
Silke Haas (Autor), 2010, Möglichkeiten und Grenzen der Hochbegabtenförderung durch die Jenaplan-Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165033

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