Internet als Chance für die Demokratie

Eine historische Betrachtung


Projektarbeit, 2010
12 Seiten, Note: "keine"

Leseprobe

Hofmann Klaus

Internet als Chance für die Demokratie

Einleitung

Die Formen menschlichen Zusammenlebens waren seit jeher von kommunikativer Interaktion bestimmt. Egal ob in frühzeitlichen Gesellschaften oder in modernen Demokratien, die Vermittlung von Kommunikation und die Bereitstellung von Plattformen für den Meinungsaustausch waren immer schon die zentralen Elemente allgemeiner Politisierung. War für die Römer das Forum Romanum zentraler Punkt gesellschafts-politischen Diskurses, waren es im Mittelalter die Märkte und für die Menschen im 20. Jahrhundert Presse und Rundfunk. In den letzten 30 Jahren haben die Möglichkeiten für den politischen Meinungsaustausch noch einmal eine fundamentale Veränderung erfahren: mit dem Aufkommen der quartären Medien[i] erfuhr dieser Prozess noch einmal einen enormen Modernisierungsschub. Neben der allgemeinen Tendenz zu demokratischen Staatsformen ist dabei der Meinungsaustausch selbst auch noch einmal demokratisiert worden. Demokratisiert im Hinblick auf schnellere Verfügbarkeit und bessere Transparenz politischer Kommunikation.

Doch warum bedarf es überhaupt derartiger kommunikativer Foren, um den Meinungsaustausch demokratisch zu organisieren? Und welche Bedingungen muss ein Forum erfüllen, um im Sinne der Demokratieentwicklung tauglich zu sein?

Dieser Essay widmet sich der zentralen Bedeutung von Medien im politischen Prozess. Dabei soll zunächst der Frage nachgegangen werden, welche Rolle ein Medium bei der Entwicklung hin zur Demokratie einnehmen kann?

In einem ersten Schritt soll die Bedeutung von Kommunikation und vor allem die des Neins, das letztlich dafür verantwortlich war, dass wir uns in Demokratien befinden, erläutert werden. Präziser formuliert soll das Verhältnis der Möglichkeiten der Kommunikation von Herrschenden auf der einen und Beherrschten auf der anderen Seite den Gegenstand bilden. Dabei soll aufgezeigt werden, wie die ersten Herrscher Macht kommuniziert haben und wie sich die Bevölkerung dazu verhalten hat, resp. im weiteren Verlauf der Entwicklung dann davon emanzipierte.

Es soll ferner ein Vergleich der verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungsstufen anhand ihres wechselseitigen Verhältnisses von medialen Möglichkeiten der Teilnahme am politischen Prozess einerseits und politischer Herrschaft andererseits skizziert werden. Mit anderen Worten soll beiden, den Herrschenden und den Beherrschten ein politisch-kommunikatives Profil in folgenden verschiedenen Gesellschaftstypen erstellt werden:

1. Frühzeitlichen Gesellschaften
2. Hierarchischen Gesellschaften
3. Modernen Gesellschaften

In einem zweiten Teil soll dann darauf aufbauend das politische Potential von Gegenkommunikation erörtert werden und schließlich in die Frage münden, ob das Internet letztlich die ultimative Form eines kommunikativen Forums darstellt? Die Beantwortung dieser Frage wird sich daran zu bemessen haben, in welcher Breite das Internet die Möglichkeiten der politischen Partizipation und des kommunikativen Meinungsaustausches im historischen Vergleich auf sich vereinen kann.

Die Bedeutung des Neins

Die Entstehung der ersten Gesellschaften bis hin zu den modernen Demokratien der Gegenwart war immer schon eng an Kommunikation gebunden. Seit sich die ersten Menschen zu Klein- und Kleinstgruppen zusammengeschlossen haben, also erste gesellschaftliche Strukturen schufen, nahm Kommunikation in dieser Entwicklung eine tragende Rolle ein. Man denke nur an die Gemeinschaften der Jäger und Sammler. Wie nur hätte die Jagd von Erfolg gekrönt sein können, wenn man sich nicht einig über die zu jagende Beute gewesen wäre? Mit der Bildung dieser ersten kleinen Gruppierungen beginnt nun auch eine Entwicklung in der Kommunikation, die an die Probleme der jeweiligen Zeit angepasst ist. Vermutlich reichten damals ein paar Laute in Verbindung mit Körpersprache aus, um die eigene Absicht seinen Mitmenschen mitzuteilen. Mit zunehmenden Bevölkerungszahlen steigt aber dann auch die Komplexität der sozialen Interaktionen.[ii] Die ursprünglich schriftlosen Gesellschaften benötigten nun neue Möglichkeiten, oder genauer: neue Foren, um weiterhin jedes Mitglied kommunikativ erreichen zu können. Das erfordert eine Veränderung in der Kommunikation. Dabei bildeten Speicher- und Orientierungsfunktion anfänglich die wesentlichsten Veränderungen.

Da Veränderungen in der Gesellschaft immer im Zusammenhang mit den kommunizierenden Menschen stehen – egal ob auf politischer Ebene oder auf Stammtischebene – und da Kommunikation als „anthropologische Konstante“[iii] betrachtet werden kann (also als eine typisch menschliche Eigenschaft), ist das Zurückführen von Veränderungen in der Gesellschaft auf Veränderungen in der Kommunikation nicht von der Hand zu weisen. Wie eingangs schemenhaft skizziert, ist die Bedeutung von Sprache bei der Bildung der ersten Gruppierungen ganz wesentlich. Doch weit wichtiger als die Tatsache, dass Menschen immer schon gesprochen haben, ist die Möglichkeit, nein zu sagen. Eine Möglichkeit, die beispielsweise Tiere nicht besitzen. Können doch mit dieser Möglichkeit der Ablehnung von einem Vorschlag neue Alternativen gefunden werden, die sich letztlich für alle Beteiligten vorteilhafter auswirken. Man kann sich das ungefähr folgendermaßen vorstellen: Paul und Tom sind zwei Freunde. Oft unternehmen sie gemeinsam etwas, gehen ins Kino, fahren gemeinsam auf Urlaub, gehen in die Disco, was eben junge Leute so machen. Doch die Rollen sind nicht ganz gleich verteilt: Paul, immer schon einen halben Kopf größer als Tom und auch etwas kräftiger, fühlt sich seinem Freund überlegen. In den meisten Fällen enden Diskussionen damit, dass Paul seinen Kopf durchsetzt, denn Tom lässt sich immer wieder einschüchtern. Doch irgendwann beginnt Tom regelmäßig Kampfsport zu trainieren und ins Fitnesscenter geht er obendrein. Und so kommt es, dass Tom nach und nach den vermeintlichen Nachteil der fehlenden Körpergröße mit anderen Mitteln kompensieren kann. Auch Paul merkt, dass sein Freund immer stärker wird. Und mit jedem Trainingstag, den Tom mehr hat, wird er selbstbewusster. Bald schon lässt er sich von Paul nichts mehr sagen. Ganz im Gegenteil sagt er immer öfter nein und so werden die Diskussionen immer gleichberechtigter. Und so passiert es dann auch, dass die beiden Freunde mal das machen, was Tom will, und mal das, was Paul will.

Genau so, wie bei Paul und Tom das Nein die Kommunikation gerechter macht, genau so läuft die Kommunikation in der Politik ab. Wenn ein Machthaber nie mit Ablehnung konfrontiert wird, so wird er denken, dass seine Entscheidungen ohnehin richtig und gut sind. Sobald er aber im beherrschten Volk merkt, dass da manche seiner Entscheidungen angezweifelt werden, sollte er versuchen, etwas zu ändern. Ist er ein dominanter Herrscher, der sein Volk einschüchtern kann, wird er allerdings nichts ändern. Ist das Volk hingegen organisiert und kann eigene Botschaften wirkungsvoll in einem Forum vermitteln, dann wird der Herrscher einen Kompromiss eingehen müssen.

Von Anfang an haben Menschen versucht, nein zu sagen. Doch waren sie nicht immer schon so stark, dass die herrschende Elite auf sie eingegangen wäre. In jeder Epoche hat es andere Möglichkeiten gegeben, Kommunikation auszuüben. Einerseits Kommunikation von den Herrschern an die Beherrschten. Und andererseits die Gegenkommunikation, von den Beherrschten an die Machthaber.

In modernen, demokratischen Gesellschaften stellt dieser Mechanismus ablehnender Kommunikation die zentrale Komponente dar. Hierbei sorgt er im parlamentarischen Betrieb für (gewollte) Konflikte und wird so „zu einer treibenden Kraft zur weiteren Demokratisierung“[iv].

Frühzeitliche Gesellschaftsformen – Der Beginn von Politik

Unsere Geschichte beginnt 9000 v.Chr. in einer Zeit, in der die Menschen beginnen sesshaft zu werden und sich zu kleinen Einheiten von maximal 100-150 Menschen zusammenschließen, um so in einer Gemeinschaft zu leben. Diese Gesellschaften zeichnen sich durch eine besondere Form des zwischenmenschlichen Umgangs aus, also die Form der Kommunikation unter den Menschen. Die einzelnen Einheiten können ihre Konflikte selbst lösen. Sie brauchen also keine Entscheidung eines Außenstehenden. Die Gesellschaft orientiert sich nur an der eigenen Einheit, alles andere – die beobachtbare Umwelt – liegt außerhalb und ist somit zweitrangig. Aufgrund dieser Struktur, die einen Zusammenschluss der einzelnen Einheiten zu einem allgemeinen Gesellschaftsverbund (eine Gesellschaft, so wie wir sie heute kennen) verhindert, fehlt auch eine zentralisierte politische Instanz wie beispielsweise ein Monarch oder ein Präsident. Kommunikationen verlaufen innerhalb der Menschen von einer Einheit, und hier vor allem wieder innerhalb von Verwandtschaftsstrukturen. Konflikte werden kommunikativ durch alle oder einen möglichen Ältestenrat gelöst.[v] Ein gemeinsames Konfliktlösungsmanagement ist für diese Gesellschaftsform typisch. Ein zentraler Ort, an dem sich alle gemeinsam versammeln ist zugleich das zentrale Forum, um Konflikte besprechen zu können.

[...]


[i] Unter quartären Medien versteht man solche Medien, die für den Kommunikationprozess einen Computer und/oder eine Onlineverbindung benötigen (z.B. Internet).

[ii] Mit der mathematischen Formel n²-n/2 lassen sich solche Beziehungen quantitativ ausdrücken.

[iii] Vgl. Wilke, Jürgen (2002): Entwicklungsstufen und Determinanten der Kommunikationsgeschichte. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 53. Jg. 2002. S. 410-423.

[iv]Rapoport, Anatol (1996): Vorwort. In: Wimmer, Hannes: Evolution der Politik. Von der Stammesgesellschaft zur modernen Demokratie. S. 14. Wien.

[v] Vgl. Baraldi, Claudio (1999): Glossar zu Niklas Luhmann. Theorie sozialer Systeme. S. 66. Frankfurt am Main.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Internet als Chance für die Demokratie
Untertitel
Eine historische Betrachtung
Hochschule
Universität Wien
Note
"keine"
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V165115
ISBN (eBook)
9783640807253
ISBN (Buch)
9783640807420
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internet, Demokratie, Kommunikation, politische Bildung
Arbeit zitieren
Magister Klaus Hofmann (Autor), 2010, Internet als Chance für die Demokratie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165115

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