"Café Berlin": Hinweise auf Menschen- und Gesellschaftsbilder im Roman Harold Nebenzals


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003

15 Seiten


Leseprobe

"C AFÉB ERLIN ": M ENSCHEN - UND G ESELLSCHAFTSBILDER IM R OMAN H AROLD N EBENZALS

CafÉBerlin: Images of Man and Society Wthin Harold Nebenzals Novel

[abstract]

In this essay the author, as a scholar of the sociology of art as well as a literary sociologist himself, discusses (i) the basic concept of the communication process according to literacy in general and the novel as an authentic literary art form especially, and (ii) sketches the very concept: author, book, and reader, to Harold Nebelzals well-know novel: CafÉBerlin (first edition 1992). According to this aesthetic piece Richard Albrecht works out two dimensions which are of general interest for any sociology of literature: images of men, and images of society. Moreover, the author in his outlook reminds on a specific function of creative authors opening up societal insight views under widened aspects of any sociology of knowledge when discussing CafÉBerlin as a literary piece by applying both interpretative and creative methods of sociological impressionism on a genuine documentary basis.

Franz Kafka soll einmal bemerkt haben: "Viele sogenannte Wissenschaftler transportieren die Welt des Dichters auf eine andere,wissenschaftliche Ebene und gelangen so zu Ruhm und Bedeutung"1. Und René König hat diesen wissenssoziologischen Hinweis gegeben: "I came to see much later that sociology is by no means the pioneer in opening up new fields of knowledge, but that most often it seeks to follow up and systematize the insights gained by poets and novelists"2.

Ende der 20er Jahre wird der 17jährige sephardische Jude Daniel Saporta aus Damaskus von seiner Familie zur praktischen Ausbildung als Gewürzhändler zu einem Geschäftspartner des Vaters in die damalige Reichsmetropole Berlin geschickt. Nach einem Jahr Lebenserfahrung und einem Verhältnis mit der Ehefrau des Berliner Kaufmanns muss sich der junge Mann allein zurechtfinden und wird, ohne dies geplant zu haben, plötzlich 18jähriger Nachtclubbesitzer und ein so erfolgreicher wie gefährdeter Geschäftsmann...3.

Wer die online-Suchmaschine google nicht für irgendwelches egghead-ranking ("Die 100 wichtigsten deutschen Intellektuellen": F.A.S. 27.1.2002), sondern ganz unideologisch- pragmatisch als Werkzeug und Zugang zum world-wide-web benutzt und "cafe berlin" eingibt wird 873 Gesamtnennungen, mehrfache eingeschlossen, erhalten: An erster Stelle steht nicht der hier interessierende Roman, sondern (auch bei Eingabe "I feel lucky" in: google.com) eine gleichnamige latinospanische Literaturzeitschrift, gefolgt von einem so benannten Berliner Café von/für HIV-Positive. An dritter Stelle verweist google dann auf den Roman. Die Eingabe des Autors, "harold nebenzal", ergibt (bei: google.de) 176 Gesamtverweise, die Kombination von Autor und Buch bringt schon eine erste online-Rezension des Romans mit diesem Kurzhinweis auf den Autor4:

"Harold Nebenzal, ehemaliger Captain im Marine-Corps, arbeitet als Drehbuchautor und Produzent, der sich auf internationale Filmprojekte spezialisiert hat. Er war am Oscarpreisträger Cabaret beteiligt sowie an Jorge Amodos Film Gabriela, den er in Portugal produziert hat. Café Berlin ist Nebenzahls erster Roman."5

Und schon geht´s um den triadischen Zusammenhang Autor - Buch - Leser: In der Tat war Café Berlin der 1992 erstveröffentlichte Roman des beim Erscheinen 70jährigen Autors: Harold Nebenzal wurde 1922 in Berlin als Sohn des Filmproduzenten und späteren US-Emigranten Seymour Nebenzahl (1897-1961) geboren. Der Schriftsteller Harold Nebenzal veröffentlichte bis heute zwei weitere Romane, die auch beide in lesbaren deutschen Übersetzungen vorliegen: Hafen der Düfte oder Die letzten Tage von Hongkong6 und Der Löwenkult7.

Anlässlich des 14. Internationalen Filmhistorischen Kongresses Mitte November 2001 im Hamburger CineGraph unter dem Motto "3 mal Nebenzal" trat der Filmemacher Harold Nebenzal selbst drei Mal öffentlich auf und las am Samstag, 17.November 2001, nachmittags aus seinem Roman Café Berlin. Angekündigt war diese Veranstaltung als Autorenlesung aus dem Roman, "dessen Verfilmung gerade von Wolfgang Petersen vorbereitet wird"8. Und auch wenn dies´ inzwischen übereinstimmend verschiedene deutsche Tageszeitungen meldeten - der ´Stand der Dinge´ ist nach wie vor:

"Seit Monaten geht das Gerücht, dass Wolfgang Petersen ("Das Boot") als Produzent in Berlin einen Film mit dem Titel "Cafe Berlin" drehen will. Inzwischen gibt es die 16. Drehbuchfassung..."9

Mir hier geht´s um einen Roman10 im allgemeinen als zeithistorisch-fiktionalen Text Café Berlin im besonderen; um einen im Medium Buch11 und in Buchform veröffentlichten Text, der typischerweise individuell und personal aufgenommen (perzipiert) und verarbeitet (rezipiert) wird. Dies meint auch: Jede/r Leser/in12 macht sich je eigne Bilder - und je intensiver und nachhaltiger, desto größer wird die personale und individuelle Enttäuschung, wenn diese nicht nur nicht übereinstimmen, sondern konträr gegenlaufen zu anderen Bildern anderer, etwa bei Romanverfilmung/en. Dies hängt weniger zusammen mit Stoff oder Gehalt. Vielmehr mit einem Romantext als auch sprachliches (Kunst-) Werk und mit der besonderen, auch ästhetisch komponierten, Form des literarischen Werks, das den/die Leser als aktiv eigene Bilder imaginierende/n, damit ideel Handelnde/n, anspricht. Insofern gibt es auch bei allen möglichen sogenannten Rezeptionsmissverständnissen letztlich keine "richtige" oder "falsche" literarisch- ästhetische Text- oder Werkrezeption. Weshalb erfahrene Romanautoren in Diskussionen mit "ihren" Lesern denn auch stets bekennen: Der Leser hat immer ´Recht´, wenn und insofern der durchs Medium Buch organisierte kulturelle Kommunikationsprozess erst durch produktive Rezeption des Lesers abgeschlossen ist. Dies gilt insbesondere für Autoren, deren Romanen - um Manès Sperber zu zitieren - jede "tröstliche Moral fehlt", der Autor mithin dem Leser nur anbieten kann, "mit ihm seine Einsamkeit zu teilen"13. Und auch unabhängig von der ´Moral von der Geschicht´ ist Romanlektüre typischerweise der literarästhetische Rezeptionsprozess, in dem ein vereinzelter einzelner personal und individuell aneignet und verarbeitet, was ein anderer vereinzelter einzelner als Fiktionaltext in der ´großen´ narrativen Form des Romans14 an Welterfahrung aufspeicherte und als kreatives Subjekt produktionsästhetisch gestaltete. Insofern drückt gerade Romanlektüre, die Konzentration und zeitweiliges Alleinsein voraussetzt, im Gegensatz zu kollektiven Aufnahme-, Rezeptions- und Wirkungsformen wie etwa Bühne/Theater, auch ein Moment des temporalen alltagsweltlichen Rückzugs aus - weshalb Leser, unerwartet angesprochen, auch oft abwehrend reagieren, wenn sie sich gestört fühlen15.

[...]


[1] Gustav Janousch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Ffm.: S.Fischer, 1968, erweiterte Ausgabe, 109

[2] René König, Sketches by a cosmopolitan German sociologist; in: International Social Science Journal, 23 (1973) 1/2, 57

[3] Harold Nebenzal, Café Berlin. Roman. A.d.Engl.v. Gertraude Krueger. München: Heyne-TB 9950, 4.Auflage, München 1997, 349 p. [zuerst amerikanisch 1992]. - Alle späteren Zitate mit Seitenangaben in () nach der deutschen Taschenbuchausgabe

[4] http://www.die-leselust.de/buch/neben001.htm

[5] Textidentisch mit der Autorenvita in der Heybe-TB-Ausgabe von Café Berlin; weitere biographische Hinweise bei: http://www.cinegraph.de/kongress/01/k14_01.html

[6] Harold Nebenzal, Hafen der Düfte oder Die letzten Tage von Hongkong. Zürich: Haffmanns, 1995, 221 p.; als Heyne-TB 10079 (München 1997)

[7] Harold Nebenzal, Der Löwenkult. Zürich: Haffmanns, 1999, 286 p.; als Heyne-TB 13223 (München 2000)

[8] http://www.cinegraph.de/kongress/01/ifkmat14.html

[9] Berliner Zeitung 6.3.2001, Lokales Berlin (http://berlinonline.de/wissen/berlinerzeitung/ archiv/2002/0306/lokales/0062); der Saarbrücker Zeitung erklärte Petersen in einem Interview: "Wir wollen in den nächsten fünf Jahren zehn Filme machen, die ich produzieren werde. Der erste ist Café Berlin" (http://sz-newslinede/aktion/stories/petersen.htm)

[10] Ektueller Begründungsversuch einer kulturalen Buchwissenschaft: Ursula Rautenberg; Dirk Wetzel, Buch. Tübingen: Niemeyer, 2001, 106 p. (=Grundlagen der Medienkommunikation 11); grundlegend Richard Albrecht, Buch und Leser in der Bundesrepublik Deutschland. Studien zur Morphologie eines kulturellen Kernbereichs unter spätkapitalistischen Bedingungen, Phil.Diss., Bremen 1977, 498 [und] XXXVI p.; engl. abstract in: DAI, sect. C, 1978; sowie daran anschließende literatursoziologische Beiträge (u.a.) in: Ästhetik und Didaktik (ed. Jürgen Landwehr/Matthias Mitzschke), Düsseldorf: Schwann, 198o, 132-149; Diskussion Deutsch, 11 (1980) 54, 434-443; Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 29 (1980) 4, 821- 825; Britisch Journal of Sociology, 32 (1981) 4, 483-492

[11] Für alle Kunst(werke) gilt die Möglichkeitskategorie. Also nicht: Ist das, was im Roman gestaltet wird, so geschehen. Sondern: Könnte es so geschehen (sein). Insofern geht´s nicht um empirische Faktizität. Sondern um fiktionalen "Möglichkeitssinn" (Robert Musil); als Anwendungsversuch für projektive empirische Sozialforschung und "cultural studies": Richard Albrecht, The Utopian Paradigm - A Futurist Perspective; in: Communications, 16 (1991) 3, pp. 283-318; zu Besonderheiten wissenschaftlicher und ästhetischer Aneignungs- und Denkformen bereits früher ders./Matthias MItzschke, Wissenschaftliche und künstlerische Aneignung des Alltags; in: Die Wissenschaft der Erkenntnis und die Erkenntnis der Wissenschaft (ed. Hans Jörg Sandkühler, Stuttgart: Metzler, 1978, 179-185). -Die antagonistische Differenz zwischen fiktionalen Möglichkeiten und empirischen Faktizitäten ist insofern zentral, weil es sich um jeweils alternierende Denklogiken handelt. Wer dies vermischt kommt freilich zu solchem hirnschrissigem Unsinn wie Vorwürfen an einen Romanautor, er verbreitete in "´Rosenfest´ [....] Fünftelwahrheiten über die RFA" (Lorenz Jäger: Feme und V-Leute; FAZ 19.10.2001, 31). Romanciers wie Leander Scholz haben andere Kompetenzen, Funktionen und Perspektiven als Reporter wie Stefan Aust, um dessen Bericht "Der Lockvogel" es im FAZ-Beitrag ging...insofern kann sowohl der Unterschied zwischen fact & fiction als auch die Problematik des Genre: faction nicht oft genug herausgearbeitet werden

[12] Folgend nur noch die maskuline Sprachform. Die /innen sind immer ideell mit dabei.

[13] Manès Sperber, Wie eine Träne im Ozean. Romantrilogie [1976]; München: dtv, 1980, Vorwort, 6

[14] Als kleine oder Vorformen des Genres gelten: Erzählung und Novelle

[15] Thomas Anz, Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen. München: Beck, 1998, 287 p.

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Details

Titel
"Café Berlin": Hinweise auf Menschen- und Gesellschaftsbilder im Roman Harold Nebenzals
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V16514
ISBN (eBook)
9783638213462
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Dr.phil., Dr.rer.pol.habil.) und lebt als Sozialpsychologe, Autor und Ed. von rechtskultur.de in Bad Münstereifel.
Schlagworte
Café, Berlin, Hinweise, Menschen-, Gesellschaftsbilder, Roman, Harold, Nebenzals
Arbeit zitieren
Dr. Richard Albrecht (Autor), 2003, "Café Berlin": Hinweise auf Menschen- und Gesellschaftsbilder im Roman Harold Nebenzals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16514

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