Heinrich von Kleist und die preußischen Reformer am Beispiel seines Dramas »Die Hermannsschlacht«


Seminararbeit, 2007
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Revolution, Krieg, Besatzung - Zum Hintergrund von Kleists »Die Hermannsschlacht«
2.1 PreuBenundFrankreich
2.2 Wider dem “Vatermordergeist” - Personlicher Hintergrund und Intention Heinrich von Kleists

3 Motive
3.1 Insurrektion und Guerillataktik
3.2 Propaganda und “Totaler Krieg”
3.3 Partikularismus

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

»Die Hermannsschlacht« von Heinrich von Kleist ist sicherlich das umstrittenste Werk des deutschen Dramatikers. Fur den britischen Historiker Gordon A. Craig ist Kleists Hermann einer der »unsympathischsten Heldenfiguren der deutschen Literature.1 Ein Protagonist welcher das Erreichen seiner Ziele uber alle geltenden RechtsmaBstabe und ethische Normen stellt. Daneben ist es auch die Rezeptionsge- schichte des Stucks, die den vorurteilsfreien Umgang mit ihm erschwert hat. Kleists Hermannsschlacht wurde in den letzten 150 Jahren von verschiedenen politischen Rich- tungen und Ideologien ge- und missbraucht. So galt Bismarck als ein groBer Bewunde- rer des Werks. Im Dritten Reich wurde Kleists Dramatisierung des germanischen Kampfes gegen die Romer zum Nationalepos. Des Weiteren missbrauchten die Nazis Kleists Hermann als fruhen Vorlaufer von Adolf Hitler. Und auch die DDR verstand es Kleists Hermannsschlacht fur ihre Zwecke zu nutzen. Hier war es Teil des ublichen He- roenkults.2 Die Frage, die sich mir gestellt hat ist, inwieweit sich das Stuck aktualisieren lasst. Oder ob es sich um ein Werk des Augenblicks handelt, welches den politischen Umstanden der Zeit seiner Entstehung geschuldet ist.

Ich werde in meiner Arbeit versuchen »Die Hermannsschlacht^ vor dem Hintergrund der politischen Situation in PreuBen am Anfang des 19. Jahrhunderts, sowie den Ein- fluss der Ideen der preuBischen Reformer um Wilhelm von Gneisenau, Heinrich vom Stein und Gerhard von Scharnhorst auf Heinrich von Kleist zu interpretieren. Hierfur werde ich Kleists Stuck unter besonderer Berucksichtigung von drei Motiven untersu- chen, welche sowohl im politischen Kontext des beginnenden 19. Jahrhunderts als auch in Kleists Werk eine besondere Rolle spielen. Das starkste Motiv ist das der Insurrekti- on, des bewaffneten Volksaufstands. Eng damit verbunden ist das Motiv der Propagan­da, sowie das Motiv des Partikularismus der deutschen Teilstaaten. Zu allen Motiven werde ich versuchen Entsprechungen oder Widerspruche in Kleists Stuck zu finden.

Meine Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil behandelt die politische Si­tuation PreuBens sowie die personliche Situation Kleists um 1800. Darauf aufbauend in- terpretiert der zweite Teil Kleists Stuck anhand der drei genannten Motive. AbschlieBend werde ich in einem Fazit meine Ergebnisse zusammenfassen.

Als Quelle dient mir die einbandige Taschenbuchausgabe samtlicher Werke und Schriften Heinrichs von Kleists welche von Helmut Sembner herausgegeben wurde.

Daruber hinaus waren mir die waren mir die Werke von Christiane Schreiber: Was sind dies fur Zeiten! Die preussischen Reformer und Heinrich von Kleist sowie von Wolf Kittler: Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie bei meiner Arbeit beson- ders hilfreich.

Revolution, Krieg, Besatzung - Zum Hintergrund von Kleists »Die Hermannsschlacht«

2.1 PreuBen und Frankreich

Kleists Epoche war eine bellizistische, welche durch die Revolutions- und Befrei- ungskriege gekennzeichnet war. Nachdem es in Frankreich 1789 zur Revolution gekom- men war, erhohten die anderen europaischen GroBmachte den Druck auf die junge Republik. Ziel war es die vorrevolutionaren Zustande wieder herzustellen. Dies fuhrte im Jahre 1792 zu einer Koalition fast aller europaischen Monarchien gegen Frankreich, die allerdings erfolglos blieb. Die franzosische Armee schaffte es sogar in die Offensive zu gehen.3 Frankreich und PreuBen einigten sich auf die Neutralitat der norddeutschen Staaten. Eine Entscheidung, die die fortschreitende Isolierung PreuBens zur Folge hatte. Nach weiteren franzosischen Siegen verschlechterte sich die Situation PreuBens soweit, dass es 1805 einem Bundnis mit Frankreich gegen England zustimmen musste.4 In Tei- len des preuBischen Adels machte sich eine anti-franzosische Stimmung breit, welche bis in die politische und militarische Fuhrung reichte. In diesem Zusammenhang sind besonders die Minister Karl August von Hardenberg und Heinrich vom Stein sowie die Militars Gerhard von Scharnhorst, Gebhard von Blucher und Ernst von Ruchel zu nen- nen.5

Nach dem Scheitern der Verhandlungen uber den Machtspielraum Frankreichs in PreuBen kam es am 14. Oktober 1806 zur Schlacht von Jena und Auerstedt, in der die preuBische Armee eine katastrophale Niederlage erlitt. Konig Friedrich Wilhelm III von PreuBen musste bei den Verhandlungen zum Frieden von Tilsit allen franzosischen For- derungen nachgeben. PreuBen verlor fast die Halfte seines Staatsgebiets und wurde von franzosischen Truppen besetzt.6

Die preuBischen Minister vom Stein und Hardenberg hatten schon langere Zeit er- kannt, dass die preuBische Armee wie auch der preuBische Staat dringend einer umfas- senden Reform bedurften. Allerdings machte erst die militarische Katastrophe ihre Meinung gesellschaftsfahig. Anders aber als in Frankreich war die Stimmung in Preu­Ben weit weniger revolutionar. Abgeschreckt von den Auswuchsen der Franzosischen Revolution hielt die Mehrheit der PreuBen, vor allem Beamte, Professoren, Studenten und Joumalisten die Revolution fur eine Gefahr.7 Daher kam die Intention zu Verande- rungen nicht von “unten”, sondern von “oben”.

Wahrend in PreuBen “Ruhe erste Burgerpflicht” war und die Besatzung durch die Franzosen in groBen Teilen der Bevolkerung stillschweigend hingenommen wurde, wehrten sich die Spanier mit einer neuen Art des Krieges gegen die franzosische Armee. Von den Briten unterstutzt, zermurbten sie die ihnen militarisch weit uberlegenen Besat- zer mit dem ersten Guerilla-Krieg der Geschichte. Eine Taktik, welche auch bei den preuBischen Militars auf groBes Interesse stieB.

2.2 Wider dem “Vatermordergeist” - Personlicher Hintergrund und Intention Heinrich von Kleists

Wie es sich fur einen jungen Adeligen gehorte war auch Heinrich von Kleist in die preuBische Armee eingetreten und hatte an den Revolutionskriegen von 1795 bis 1797 teilgenommen. 1799 hatte er die Armee auf eigenen Wunsch wieder verlassen.8 Er war kein uberzeugter Soldat gewesen. Besonders verabscheute Kleist die viel geruhmte Dis- ziplin in der preuBischen Armee, da sie vor allem auf der Angst vor der drakonischen Bestrafung von Fehlverhalten beruhte. Nach seinem Ausscheiden aus der Armee geriet Kleist in eine Krise. Er studierte und nahm an den Vorbereitungen zum Staatsdienst teil. Allerdings konnte er diesem ahnlich wenig abgewinnen wie der Armee und lehnte ein Stellenangebot des preuBischen Staates ab. Beeinflusst durch die politischen Ereignisse, Napoleon hatte 1803 Hannover besetzt und damit die Neutralitat PreuBens verletzt, ohne dass dieses reagiert hatte, begann auch Kleist sich wieder fur “seinen” Staat, dem er sie- ben Jahre lang gedient hatte, zu engagieren. Hatte er 1802 nochjegliches Interesse an Politik verneint, kritisierte er 1805 die Rolle PreuBens beim Ausbruch des 3. Koalitions- krieges scharf.

1808 schien Kleists Leben erneut in eine Sackgasse geraten zu sein. Sein von ihm und Adam Muller herausgegebenes Journal fur die Kunst drohte zu scheitern. Absatz- probleme sowie schlechte Rezensionen machten demjungen Blatt zu schaffen. Daneben beunruhigte ihn die franzosische Besetzung Deutschlands immer mehr. 1808 schrieb er seiner Frau Ulrike, in Berlin wurden: »nur noch Ubersetzungen kleinerer, franzosischer Stucke gegeben; und in Kassel ist gar das deutsche Theater ganz abgeschafft und ein franzosisches an die Stelle gesetzt worden.«9

Anders als Goethe, der in Napoleon mehr einen Mentor und Beschutzer deutscher Kultur sah, war Kleist voller Hass auf den franzosischen Kaiser. Mit dieser Meinung ge- horte er aber nicht unbedingt einer Mehrheit an. Zwar waren Arndts Geist der Zeit von 1806 und Fichtes Reden an die deutsche Nation Werke die zum Handeln gegen die Franzosen aufriefen, allerdings handelte es sich hier um Ausnahmen. Napoleon hatte sich gerade erst auf dem Furstentag in Erfurt des Wohlwollens vieler Monarchen und In- tellektueller, unter ihnen auch Goethe, versichern konnen.10

Kleists Hass auf den franzosischen Kaiser kann man fast schon manisch nennen. So nannte er ihn einen »der Holle entstiegener Vatermdrdergeist«11 oder einen »Sunder, den anzuklagen die Sprache der Menschen nicht hinreicht.«12 Sein Hass auf Napoleon spie- gelt sich auch in seinen Gedichten dieser Jahre wieder. So fordert er in seiner Ode Ger­mania an ihre Kinder den »Wolfe«13 totzuschlagen. Dass er Napoleon meint steht aufier Frage. Es soll nicht unerwahnt bleiben, das Kleist keinen grundsatzlichen Hass gegen die Franzosen hegte. Und auch ihrer Revolution stand er zu Anfang durchaus positiv ge- genuber.14 Dies anderte allerdings mit Beginn der expansiven Politik Napoleons.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Intention der Hermannsschlacht eindeutig. Kleist wollte mit dem Stuck das nationale Bewusstsein im Angesicht feindlicher Okku- pation wecken. Das sein Stuck nur fur diesen Zweck gedacht war zeigt seine Korrespon- denz mit seinem Bekannten und Wiener Hofsekretar Heinrich Joseph von Collins:

»Doch wie stehts, mein treuster Freund mit der Hermannsschlacht? Sie konnen leicht denken, wie sehr die Auffuhrung dieses Stucks, das einzig und allein auf die­sen Augenblick berechnet war, mir am Herzen liegt. Schreiben sie mir bald: es wird gegeben; jede Bedingung ist mir gleichgultig, ich schenke es den Deutschen; machen sie nur, daB es gegeben wird.«15

Ein weiterer Hinweis auf die “Aktualitat” welche das Stuck beansprucht, sind die groBen Ubereinstimmungen mit dem Inhalt eines Briefes des Freiherren vom Stein, wel- cher von den Franzosen abgefangen und in einer franzosischen Zeitschrift abgedruckt und kommentiert wurde. In diesem Brief lassen sich laut Samuel verschiedene Punkte finden, die Kleist in seinem Stuck verwendet. So zum Beispiel die Idee des Widerstands durch Insurrektion, heimliche Propaganda und der Einfluss des Aufstands der Spanier gegen die Franzosen.16 Kleists Idee, durch ein literarisches Stuck die Leute zu einem Umdenken zu bewegen, oder “Werbung” fur eine Politik zu machen, war nicht einem uberhohten Selbstbewusstsein seinerseits geschuldet. Auch der Freiherr vom Stein war sich des Einflusses und der Wirkung, die Schriftsteller auf die Stimmung im Land haben konnten, durchaus bewusst.17 Allerdings versuchten die Franzosen alles um solche Ten- denzen zu unterdrucken.

[...]


1 Vgl. Craig, Gordon A.: Die Politik der Unpolitischen. Munchen: Beck 1993., S. 96.

2 Vgl. Quattrochi, Luigi: Hermannsschlacht. Ein Streifzug durch die Heldengeschichte der Intoleranz.

In: Kritik und Geschichte der Intoleranz. Dietrich Harth zum 65. Geburtstag. Heidelberg: Synchron 2000., S. 329-350., S. 346.

3 Vgl. Echternkamp, Jorg: Kriegstheater in Deutschland. Zum historischen Hintergrund des Wirkens Heinrich von Kleists. - In: Heilbronner Kleist-Blatter 14 (2003) S. 16 - 33., S. 16.

4 Vgl. Ebd. S 18.

5 Vgl. Vierhaus, Rudolf: Kleist und die Krise der preuBischen Staates um 1800.- In: Kleist-Jahrbuch (1980), S.9- 34., S. 20.

6 Vgl. Echternkamp, Jorg: Kriegstheater in Deutschland. S. 16.

7 Vgl. Ebd.S.27.

8 Vgl. Vierhaus, Rudolf: Kleist und die Krise des preuBischen Staates um 1800. S.11.

9 Vgl. Ebd.S.26

10 Vgl. Schreiber, Christiane: “Was sind das fur Zeiten!“: Heinrich von Kleist und die preuBischen Re- formen.- In: Schmidt Wiegand, Ruth (Hrsg.) Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschich- te. Band 18. Frankfurt a.M u.a.: Lang 1991. S. 181.

11 Vgl. Michelsen, Peter: Wehe mein Vaterland, dir. Heinrich von Kleists Hermannsschlacht. - In: Kleist- Jahrbuch (1987), S. 115-136., S.

12 Vgl. Ebd. S. 119.

13 Vgl. von Kleist, Heinrich: Samtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Helmut Sembner. Bd. 1 -2. 9. ver- mehrte undrevidierte Aufl. Munchen: dtv 2001. Bd. 1. S. 27.

14 Vgl. Howe, Steven: The early Reception ofHeinrich von Kleist's "Die Hermannsschlacht" (1815 — 1848). - In: Immermann Jahrbuch 8/2007, S.9- 20.

15 Vgl. Schreiber: Was sind dies fur Zeiten! S. 180.

16 Vgl. Samuel, Richard: Kleists »Hermannsschlacht« und der Freiherr vom Stein. - In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 5 (1961), S. 64-102., S. 80.

17 Vgl. Kittler, Wolf: Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie.Freiburg: Rombach 1987, S. 190.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Heinrich von Kleist und die preußischen Reformer am Beispiel seines Dramas »Die Hermannsschlacht«
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Einführungsseminar Heinrich von Kleist
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V165152
ISBN (eBook)
9783640806577
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Napoleon, Preußen, Revolution, Preußische Reformer, Analyse, Nationalismus, Drama, Aktualisierung, Heinrich von Kleist, Hermann;, Hermannsschlacht;, Frankreich, Krieg, Volksaufstand, Armee, Germanistik, Scharnhorst, Gneisenau, vom Stein
Arbeit zitieren
Tobias Bergfelder (Autor), 2007, Heinrich von Kleist und die preußischen Reformer am Beispiel seines Dramas »Die Hermannsschlacht«, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165152

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