Berufliche Weiterbildung - Fluch oder Segen?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2008

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lernen oder nicht Lernen, das ist hier die Frage!
2.1. Ist Weiterbildung wichtig?
2.2. Normative Erwartung der Gesellschaft
2.3. Disparitäten in der geschlechterspezifischen Weiterbildung
2.4. Wenn Weiterbildung zur Belastung wird

3. Resümee und Ausblick

4. Literatur

1. Einleitung

„Bildung ist das Ergebnis biografischer Lernprozesse.“

(Siebert 2001, 142)

Aus- und Weiterbildung in Betrieben sind wichtige Faktoren in der heutigen Gesellschaft, die von ständigem Fortschritt geprägt ist. Eine wahre Flut laufend neuer Informationen stellt die Fähigkeiten der Menschen tagtäglich in vielen Situationen auf die Probe. Um die Anforderungen bewältigen zu können, bedarf es geschulten MitarbeiterInnen in Unternehmen. In den letzten Jahren ist eine verstärkte Weiterbildungsnachfrage zu bemerken, Bildungsinstitutionen erfahren einen immer stärkeren Zulauf. Zeitgleich postuliert die Europäische Kommission die Notwendigkeit des Lebenslangen Lernens. Nicht ohne Grund, denn die Entwicklung modernster Technologien ermöglicht rationellere Arbeitsabläufe als früher, koordiniert diese mit vernetzten Steuerungssystemen und plant gegebenenfalls noch global über drahtlose Kommunikation. Altes, über Generationen weitergegebnes Wissen verliert zum Teil an Bedeutung. Gefragt ist nunmehr ein Wissen, das der raschen globalen Veränderung Rechnung trägt.

Weiterbildung erhöht die Chancen auf soziale Sicherheit, so die indirekte Botschaft der Europäische Kommission (EK 2000, 4f.). Ohne ständige Weiterbildungsmaßnahmen ist für manche ein beruflicher Aufstieg, die finanzielle Absicherung oder ein gehobener, gesellschaftlicher Status kaum mehr zu erreichen. Andere wiederum versuchen mit Hilfe von Fortbildung den erreichten Status so gut als möglich zu halten und den alltäglichen Herausforderungen bestmöglich zu begegnen. Doch zu welchem Preis? Immer häufiger ist zu bemerken, dass sich Personen aktiv oder passiv gegen den vorherrschenden Weiterbildungswahn zur Wehr setzen. An sich kann Weiterbildung als wünschenswert gesehen werden, doch ist auch im Bildungsbereich nicht alles Gold was glänzt. Vielfach nützt Weiterbildung mehr den Unternehmen als den MitarbeiterInnen. Zudem wird die Schere zwischen Gebildeten und Ungebildeten ständig größer. Dies betrifft Frauen mehr als Männer und stellt ein globales Phänomen dar. Beispielsweise zeigt sich auch, dass das mühevoll angeeignete Wissen, infolge der starken Bildungsexpansion, immer mehr an Wert verliert.

Aus den genannten Gründen bearbeite ich in diesem wissenschaftlichen Aufsatz daher Bereiche, die Weiterbildung in einem etwas kritischen Licht erscheinen lassen sollen. Ich gehe der Frage nach, warum Weiterbildung eigentlich wichtig ist. Zudem versuche ich, die Erwartung der Gesellschaft zu beleuchten und sowohl geschlechterspezifische Ungleichheiten in der Weiterbildung als auch mögliche Folgen aufzuzeigen. Den Abschluss bilden ein Resümee sowie einen Übersicht der verwendeten Literatur.

2. Lernen oder nicht Lernen, das ist hier die Frage!

„Das Individuum ist potentiell lernfähig.“

(Meueler 1998, 81)

2.1. Ist Weiterbildung wichtig?

„Formales Lernen findet in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen statt und führt zu anerkannten Abschlüssen und Qualifikationen.“ (EK 2000, 9)

Mit diesen Worten definiert die Europäische Kommission in ihrem Memorandum über Lebenslanges Lernen den Begriff des formalen Lernens. Im Unterschied zu non-formalem sowie informellem Lernen (vgl. EK 2000, 9f.) stellt formales Lernen die derzeit einzige Möglichkeit dar, zu einem staatlich anerkannten Bildungsabschluss zu gelangen. Solche Weiterbildungsmaßnahmen werden österreichweit in den rund 1 755 bestehenden Institutionen[1] durchgeführt (vgl. Filla 2008, 22). Diese doch recht hohe Zahl lässt auf einen regen Zustrom von Lernwilligen schließen. Doch worauf beruht diese Tendenz, an (Aus- und Weiter-) Bildungsmaßnahmen teilzunehmen und sich neue Informationen anzueignen? Noch vor etwa 25 Jahren konnte der Inhalt für berufliche Weiterbildung standardisiert vermittelt werden, da dieser großteils gebündelt an den bestehenden Berufsbildern ausgerichtet war. Die globalen, ökonomischen Veränderungen bewirken nun eine Neuausrichtung, auch auf dem Gebiet der beruflichen Weiterbildung. Non-formale Lernkontexte treten immer mehr in den Vordergrund (vgl. Schiersmann 2007, 26).

Vor dem Hintergrund des Lebenslangen Lernens werden individuelle und gesellschaftliche Lernmöglichkeiten propagiert. Lebenslanges Lernen bezeichnet eine „konstante gesellschaftliche Modernisierung“ (Olbrich 1999, 170f.), wobei sich diese u. a. auf das alltägliche Lernen im Kontext von Sozialisationsprozessen bezieht. In Ergänzung zum normalen Bildungssystem sollen derartige Lernsituationen den Menschen ganz en passant helfen, mit den infolge der Globalisierung[2] auftretenden und sich verändernden Arbeitsbedingungen besser umzugehen (vgl. Schiersmann 2007, 30). Die derzeitige, ökonomische Entwicklung stellt eine solche Herausforderung dar. Dazu gehören beispielsweise der Rückgang der materialintensiven Produktionsweisen oder die Zunahme der wissensbasierten Tätigkeiten. Derartige Veränderungen gelten als Indikator dafür, dass wir im Zeitalter der Wissensgesellschaft leben und daher Lebenslanges Lernen in gewisser Weise unumgänglich ist (vgl. Holzer 2004a, 65f.). Ebenso ist die Notwendigkeit, sich um die eigene Arbeitskraft zu bemühen und diese mit Vehemenz als Ich-Marke anzubieten, größer denn je (vgl. Gruber 2001, 207).

Die Länderprüfung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Erwachsenenbildung in Österreich (2003) zeigt, dass 40 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren an Weiterbildungsmaßnahmen teilnimmt (vgl. Schlögl/Schneeberger 2003, 30). Im Rahmen einer Umfrage gaben in Deutschland 23 Prozent der 15 bis 64-jährigen an, sich in den letzten 12 Monaten an Weiterbildungskursen beteiligt zu haben (vgl. Bibb 2007, o. S.). Einer Studie von Livingstone (1998, 76) zufolge ist „[...] die Mehrheit der erwachsenen Kanadier an Fortbildungs- und Schulungskursen oder anderen Weiterbildungsformen [...]“ beteiligt.

Spiegeln solche Studien nun tatsächlich die ökonomische Landschaft wider? Und ist Weiterbildung denn auch weiter(hin) Bildung ? Dies scheint offenbar nicht so zu sein, denn in der heutigen Bildungslandschaft vollzog sich in der jüngsten Vergangenheit ein Wandel. Weiterbildung wird inzwischen in allgemeine Bildung und berufliches Lernen unterteilt (vgl. Meueler 1998, 163). Daher wird heute kaum noch von Bildung gesprochen. Dieser Begriff wird zunehmend diffuser und weist mit der ursprünglichen Bezeichnung nur mehr wenige Berührungspunkte auf. Der Trend geht in eine andere Richtung: „Nicht Bildung, sondern Wissen ist gefragt“, so Gruber (2001, 127). Auch Liessmann (2006, 53) teilt diese Meinung:

„Nicht um Bildung geht es, sondern um ein Wissen, das wie ein Rohstoff produziert, gehandelt, gekauft, gemanagt und entsorgt werden soll, es geht [...] um ein flüchtiges Stückwerkwissen, das gerade reicht, um den Menschen für den Arbeitsprozess flexibel und für die Unterhaltungsindustrie disponibel zu halten.“

Warum anstelle der Bildung nun Lebenslanges Lernen einen so großen Erfolg verbuchen kann, beschreibt Lenz (2007, 3) mit folgenden Worten:

„Kein Bedarf scheint an in sich ruhenden, selbstsicheren und selbstbewussten, an sich arbeitenden, sich selbst hervorbringenden – nämlich sich bildenden – Menschen zu bestehen. Gehuldigt wird einem Menschenbild des flexiblen, modernen, eiligen Menschen.“

Doch damit nicht genug: Je mehr einerseits gelernt und Wissen produziert wird, desto größer wird andererseits das Nichtwissen, so Siebert (2001, 149). Daher bedeutet Lernen nicht nur, sich „[...] neues Wissen anzueignen, sondern (auch), mit wachsendem Nichtwissen und zunehmender Kontingenz ‚umzugehen’.“ Zur Wissensaneignung stellt die Europäische Kommission mit dem Konzept des Lebenslangen Lernens eine Richtlinie auf und benutzt diese gleichzeitig, um auf die breite Masse sanften Druck auszuüben. Ständige Weiterbildung wird sukzessive zur Norm. Normen fungieren ihrerseits wiederum ein Instrument, mit dessen Hilfe ver¬schiedene Absichten zielgerichtet realisiert werden können.

[...]


[1] Weiterbildungseinrichtungen – im rechtlich selbstständigen Sinn – mit Organisationsstruktur.

[2] Ausführlich dazu: Beck, Ulrich (1998): Was ist Globalisierung? Irrtümer der Globalisierung – Ant­worten auf Globalisierung. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Berufliche Weiterbildung - Fluch oder Segen?
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V165358
ISBN (eBook)
9783640808809
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weiterbildung, Lebenslanges Lernen, Bildungswiderstand, Geschlechterdisparität
Arbeit zitieren
MMag. Herbert Adrian Ortner (Autor), 2008, Berufliche Weiterbildung - Fluch oder Segen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165358

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Berufliche Weiterbildung - Fluch oder Segen?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden