Das Kunstmärchen und die Ökonomie

Konstruktive Wirtschaftskritik bei Chamisso, Hauff und Keller


Examensarbeit, 2010

71 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Gesellschaft, Literatur und ihr Verhältnis zur Ökonomie
1. Das 19. Jahrhundert aus sozio-ökonomischer Perspektive
2. Der Teufelspakt, Faust und die Entstehung des ökonomischen Menschen

III. Das Kunstmärchen und die Ökonomie
1. Vorstellung der Werke
2. Der (subjektive) Mangel und die Macht des Eigeninteresses
> Synthese: ‚ Eigennutz ‘ und die ‚ unsichtbare Hand ‘ bei Adam Smith
3. Der Pakt mit dem ‚Teufel‘
a) Der Graue, Holländer-Michel und der Hexenmeister - Variationen eines teuflischen Verführers
b) Schatten, Herz und das eigene Leben gegen Geld und Gut - die Handelsgüter und ihr ‚Wert‘
> Synthese : Tauschwert und Gebrauchswert
c) Der Tausch als ‚Sündenfall‘ ökonomischen Denkens
4. Die Konsequenzen des Paktes
5. Alternativen zur ökonomischen Abhängigkeit
> Synthese: Strategien zur Z ä hmung des Geldes

IV. Schlussbetrachtung

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wer die Literatur danach befragt, was der Kapitalismus aus dem Menschen macht, kann sich bisweilen sicher sein: Er demütigt ihn dort mehr, als er es in der Realität vermag.“1

Was macht der Kapitalismus aus dem Menschen? Diese Frage stellte jüngst der Autor und Journalist Adam Soboczynski, der im Hinblick auf aktuelle Diskussionen um Wirtschaft und Finanzen die Rolle der Literatur beleuchtet. Sein Urteil beruht auf einer gängigen Gegenüber- stellung: der Konkurrenz von Geld und Poesie. Der Zeit-Redakteur verweist hierbei unter anderem auf Sophokles’ Antigone: „Denn kein so schmählich Übel, wie des Geldes Wert, / Erwuchs den Menschen“; und schlägt den Bogen bis zu Thomas Mann, der im Zauberberg nicht nur die „Satansherrschaft des Geldes“2 thematisiert. In einer Art literaturhistorischen Abriss werden Literaten zu Kritikern von Wirtschaft und Geld, gleichzeitig zu Bewahrern von Moral und Tradition. Doch hält diese Bewertung einer näheren Überprüfung stand? Steht die Literatur der Wirtschaft und ihren Ideen grundsätzlich ablehnend gegenüber? Und macht sie den Menschen dabei wirklich schlechter als er ist?

Der scheinbare Gegensatz dieser beiden Welten, der Welt der Poesie und der Welt des Geldes, wird auch bereits im Titel dieser Untersuchung angedeutet: Das Kunstmärchen, geradezu der Inbegriff des Spiels um Fiktion und Realität, wird mit einem Fachgebiet ver- knüpft, dessen lebensweltliche Bedeutung kaum größer sein könnte: der Wirtschaft. Doch lässt sich diese stereotypische Gegenüberstellung aufrechterhalten? Besteht hier wirklich eine Art Konkurrenzverhältnis von Poesie und Geldwirtschaft? Die strittige Beziehung zwischen literarischen und ökonomischen Konzepten dürfte sich wohl gerade in einer Gattung fokussieren, die sich allgemeinhin durch wunderbare, märchenhafte Elemente wie Zauber- kräfte, übernatürliche Fähigkeiten und fantastische Gegenstände auszeichnet. Was hat also eine Welt, in der Naturgesetze und die Regeln der menschlichen Existenz auf den Kopf ge- stellt werden, in der das Wunderbare alltäglich erscheint und Rationales mit Irrationalem ver- mischt wird, mit der Welt der Finanzen und Bilanzen zu schaffen? Was haben sprechende Katzen, Glückssäckel und Waldgeister mit Kapitalakkumulation, Profitstreben und Warenwerten zu tun? Debatten um das Verhältnis von Mensch und Ökonomie, von Geschäft und Moral sind keineswegs nur ein Phänomen unserer heutigen Zeit; vor allem in Zeiten von Krise und Wandel wirtschaftlicher Systeme wird durch Schreiben gesellschaftliche ‚Wirklichkeit‘ verarbeitet. Warum also nicht auch im Märchen?

Das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten, die des Geldes und die des Übernatürlichen, soll deshalb exemplarisch an einer Auswahl von drei Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts, also einer Zeit des beispiellosen industriellen Umbruchs, verdeutlicht werden: Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelbert von Chamisso, Das kalte Herz von Wilhelm Hauff und Spiegel, das K ä tzchen von Gottfried Keller sind nicht nur in thematischer Hinsicht durch die Problematik von Geld- und Tauschgeschäften miteinander verbunden, sondern teilen darüber hinaus zahlreiche inhaltliche Strukturen und Motive. Der zentrale Tauschakt, welcher in allen drei Werken die Handlung bestimmt, soll hierbei den Schwerpunkt der Analyse bilden. Welche Rolle spielt das berühmte Motiv vom Pakt mit dem Teufel? Aus welchen Gründen wird der Handel eingegangen und was genau wird wie getauscht? Welche Konsequenzen er- geben sich durch ihn? Und welche Alternativen werden angeboten? Neben dieser inhaltlichen und strukturellen Intertextualität zwischen den Werken, welche anhand einer vergleichenden Untersuchung erarbeitet wird, sollen die Ergebnisse darüber hinaus in einen gesellschaftlichen und wirtschaftstheoretischen Kontext eingebunden werden. Die eigenständige Gattung des Kunstmärchens, welche nicht selten auf ihren moralisierenden Charakter und ihre Elemente des Wunderbaren reduziert wird, soll deshalb nicht nur als ‚Spiegel der Zeit‘, indem ge- sellschaftliche Veränderungen aufgegriffen und literarisch verarbeitet werden, sondern darüber hinaus als Teil eines Diskurses3 um ökonomische Realitäten und Gedanken verstanden werden: Lassen sich etwa Anzeichen des gesellschaftlichen und industriellen Wandels nach- vollziehen, welcher die Entstehungsphase der Texte begleitet? Wird womöglich auf wirtschaftliche Konzepte und Vorstellungen Bezug genommen? Und wie positionieren sich die Texte aus dieser sozio-ökonomischen Perspektive?

Die Verbindung von textimmanenter Deutung und einem fokussierten Blick auf diskurs- analytische Verfahren folgt den Ideen des New Historicism4. Literatur wird in dieser Theorie- richtung als „Diskursverarbeitungsmaschine“5 verstanden, die mit gesellschaftlichem ‚Wissen‘ reflexiv umgeht: Es gehe darum, „den literarischen Text wieder mit einem Teil der ‚sozialen Energie‘ aufzuladen, mit der er zu seiner Zeit reichlich ausgestattet war.“ So werden „einzelne Diskursfäden“ aus dem Text hinaus und „in andere kulturelle Zonen“6 hinein verfolgt. Nicht die Erfassung des gesamten historischen Kontextes eines literarischen Textes ist Ziel dieser Bemühungen, sondern die selektive Verknüpfung einzelner Inhalte und Denkmuster. Kultur- ökonomische sowie diskursive Zusammenhänge werden so im Literarischen ausfindig ge- macht und in einem Bedeutungsgeflecht miteinander ‚vernetzt‘. In dieser ‚Poetik der Kultur‘, die davon ausgeht, dass jeder Text historisch geprägt ist, steht nicht einseitige sozialgeschicht- liche Interpretation, sondern vielmehr der gegenseitige Austausch von Texten und Gedanken im Vordergrund. Vor einem historisch-diskursiven Horizont sollen demnach Fragen gestellt werden, auf welche die Texte mögliche Antworten geben - in diesem Falle vor allem Fragen zur Ökonomie und deren Verankerung im gesellschaftlichen Diskurs.

Die Untersuchung legt deshalb weniger Wert auf eine präzise Einordnung der Autoren und Texte in Epochen oder Stilrichtungen; vielmehr sollen anhand des strukturellen Werkver- gleichs gemeinsame Motive und Grundmuster, ‚diskursive Grundstrukturen‘ herausgearbeitet werden, welche das literarische Schaffen einzelner Texte durchziehen. Nach einem kurzen Abriss sozialhistorischer und motivgeschichtlicher Hintergründe folgt daher ein ausführlicher Strukturvergleich, welcher Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Werke aufzudecken ver- sucht. Im Anschluss werden diese Ergebnisse im Sinne einer ‚Synthese‘, welche mehrere Elemente zu einer neuen Einheit verbindet, zusammengefasst und mit den Gedanken zeit- genössischer Ökonomen verknüpft. Der Begriff der Ökonomie soll in diesem Zusammenhang bewusst in seiner vollen Breite eingesetzt werden: Sowohl im Sinne des Austauschs von Waren und Werten im konkreten System als im theoretischen Sinn der allgemeinen Wirtschaftslehre. Die intertextuelle Verbindung von märchenhaften und ökonomischen Themen soll somit einerseits den scheinbaren Gegensatz der Disziplinen entkräften; andererseits aber auch als „Schlüssel zur Rekonstruktion der […] Mentalität“7 einer Gesellschaft dienen, die in Zeiten der zunehmenden Bedeutung ökonomischer Prinzipien ihre Umgebung literarisch reflektiert.

Allgemein hat sich die germanistische Forschung der Verbindung ökonomischer und literarischer Themen nur wenig angenommen. Mit Ausnahme sozialhistorischer Arbeiten findet erst seit wenigen Jahren eine intensivere Beschäftigung damit statt, wie Literatur das Thema Wirtschaft aufnimmt und behandelt. Im Gegensatz zur angelsächsischen Forschung wurde und wird noch immer die Verbindung beider Disziplinen nur wenig fruchtbar ge- macht.8 Die Aufsatzsammlung „Der literarische Homo oeconomicus“9 (1989) von Werner Wunderlich und Jochen Hörischs Überblickswerk „Die Poesie des Geldes“10 (1996) sind daher von den wenigen frühen Publikationen zu diesem Thema hervorzuheben. Auch das Werk „Kalkül und Leidenschaft“11 von Joseph Vogl, welcher ausgehend von Foucaults Ökonomieverständnis die ‚Poetik des ökonomischen Menschen‘ literaturhistorisch herauszu- arbeiten versucht, hat dazu beigetragen, wirtschaftliche Themen vermehrt in den Blickpunkt der Literaturwissenschaft zu rücken. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Forschungs- arbeiten zum Kunstmärchen und im Besonderen zu den hier ausgewählten Werken wider, welche sich jedoch auf knappe Bezüge zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen be- schränken. Vergleichende Beiträge, die strukturelle Verknüpfungen von Motiven und Themen innerhalb der ‚märchenhaften‘ Literatur vornehmen, bilden die große Ausnahme und be- gnügen sich meist mit der bloßen Benennung ähnlicher Stoffe und Sujets; Einzelbe- trachtungen und Darstellungen motivlicher und stofflicher Quellen bilden hier die große Mehrzahl. Dennoch finden auch in diesem literaturwissenschaftlichen Feld seit einiger Zeit vermehrt ökonomische Themen Einzug. In Bezug auf Anzahl und Umfang veröffentlichter Arbeiten sticht hier vor allem Peter Schlemihl hervor, der in zahlreichen Überblicksdarstellungen wie die von Fritz Breithaupt12 oder Christine Schlitt13 neu gewürdigt und in einen größeren Kontext gestellt wird. Auch neuere Beiträge zu Das kalte Herz, wie die von David Luther Smith14 oder Ulrich Scheck15, verweisen zunehmend auf ökonomische und gesellschafts- kritische Anspielungen in der Erzählung. Die Literatur zu Spiegel, das K ä tzchen, ein eher wenig beachtetes und unterschätztes Werk innerhalb der Dichtung Kellers, beschränkt sich auf einige grundlegende Arbeiten, zu denen die von Hans Richter16 und neuere Denkansätze von Benjamin Bühler17 und Christian Stotz18 zählen. Für die Darstellung wirtschaftswissenschaft- licher Ansätze und historischer Hintergründe werden in dieser Untersuchung vorwiegend Grundlagentexte verwendet. Insgesamt erscheint es umso erstaunlicher, dass trotz der nicht geringen Anzahl von Arbeiten zu den hier behandelten Kunstmärchen eine übergreifende Darstellung fehlt, die gemeinsame Strukturen und Motive wie die des Teufelspaktes aufgreift und in ihren sozio-ökonomischen Kontext einbettet.

II. Gesellschaft, Literatur und ihr Verhältnis zur Ökonomie

1. Das 19. Jahrhundert aus sozio-ökonomischer Perspektive

Literatur und Gesellschaft sind keine voneinander isolierten Bereiche. Literarische Produktion und gesellschaftliche Entwicklungen stehen vielmehr in einem wechselseitigen Verhältnis, das sowohl durch historische Bedingungen als auch durch die Rezeption literarischen Schaffens beeinflusst wird. Vor dem Hintergrund, dass der Mensch und die Gesellschaft sich selbst und ihre Umwelt produzieren, wird Literatur zur „gesellschaftliche[n] Arbeit“19 und zum Prozess der Bewältigung und Verarbeitung historischer Verhältnisse. Ein Blick auf die Einflüsse und Antriebe literarischen Schaffens scheint hinsichtlich der Themenstellung daher unerlässlich.

Das 19. Jahrhundert ist ein Zeitalter voller Umbrüche und Veränderungen. Nicht nur auf politischer, sondern auch auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene vollziehen sich hier Ent wicklungen, die das Leben der damaligen Gesellschaft grundlegend verändern und schließlich den ‚Weg in die Moderne‘ ebnen. Nicht zu Unrecht spricht die moderne Geschichts- schreibung vom ‚langen‘ 19. Jahrhundert, um eine Epoche zu markieren, dessen Grenzen sich nicht an bestimmen Zeitpunkten, sondern vielmehr an Prozessen und Entwicklungen orientieren.20 Ausgehend von den Umwälzungen der Französischen Revolution und ihren weitreichenden Folgen in ganz Europa wird ein „Zeitalter der Bewegung und des Wandels“21 eingeleitet, das europäische und welthistorische Entwicklungen maßgeblich beeinflussen sollte. In politischer Hinsicht ist dieser Zeitraum kaum einheitlich zu erfassen. Von den napoleonischen Befreiungskriegen, der Neugestaltung Europas durch den Wiener Kongress und dem Beginn der sogenannten ‚Restauration‘, über den Vormärz bis hin zu den ‚ge- scheiterten‘ Revolutionen in Frankreich 1830 und Deutschland 1848/49 und deren Folgen; die politischen Wechsel sind von einer Vielfalt gekennzeichnet, die einen umfassenden Blick auf das Jahrhundert unmöglich erscheinen lassen. Hans Mommsen spricht daher zu Recht von einer „Epoche des Übergangs, in der sich wechselnde und heterogene Einflüsse durch- kreuzen“22. Denn neben diesen politischen Umbrüchen wird die damalige Gesellschaft von einem kontinuierlichen Wandel erfasst, der sich quer durch alle Lebensbereiche zieht. Soziale und ökonomische Neuerungen führen zu einem Modernisierungsschub, der „das Gesicht der Welt“23 entscheidend verändern wird. Es ist eine „Zeit dramatischer Veränderungen“; Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche sowie die „Erfahrung vom unkalkulierbar be- schleunigten Fortschritt“24 prägen den Alltag damaliger Zeitgenossen. Die Bedeutung dieses Prozesses unterstreicht der Historiker und Soziologe Hans Freyer, wenn er behauptet, „daß mit dem Beginn der industriellen Ära, also um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, eine weltgeschichtliche Zäsur erster Ordnung eingetreten ist, an Größe vielleicht nur vergleichbar mit dem Übergang des Menschen zur Seßhaftigkeit.“25

Die Tragweite dieses Wandels ist nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz zu England ist die industrielle Entwicklung im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts zwar noch in der ‚Vor- bereitungsphase‘; doch obwohl sich ‚evidente‘ Anzeichen wie der sprunghafte Anstieg von Fabriken, der Eisenbahnbau oder die folgenreiche Massenarmut zunächst noch zurückhaltend zeigen, ist der schleichende Prozess des sich entwickelnden Industriezeitalters in vollem Gange. Die Zeit bis zur Mitte des Jahrhunderts, also bis zum ‚Take off‘26 ist vielmehr eine Phase, in der die Tendenzen der Ökonomisierung zunehmend sichtbar werden. Die politischen und sozio-ökonomischen Umwälzungen spitzen sich im Laufe des Jahrhunderts zur sogenannten „Doppelrevolution“27 zu und eröffnen, pointiert gesagt, „eine Entwicklungs- phase, in der die ‚alte Welt‘ unterging und die ‚Moderne‘ entstand“28. Die tiefgreifenden Ver- änderungen der Wirtschaftsweise gehen nicht nur mit einer Modernisierung der politischen und gesellschaftlichen Strukturen einher; sie beeinflussen in großem Maße auch Wertvor- stellungen und moralische Grundsätze. Denken und Handeln, Ideen und Werte bleiben von diesem Wandel nicht unberührt.29 Als Epoche des Übergangs ebnet das 19. Jahrhundert somit den Weg in die „bürgerlich-kapitalistische Welt“30 und lässt wirtschaftliche Themen und Prozesse wie Rationalisierung und Geldschöpfung verstärkt hervortreten. Die fortschreitende Industrialisierung geht mit „Teilprozessen der Modernisierung“31 einher, die auf Ideen wie der freien Selbstbestimmung, der Auflösung ständischer Formen, der individuellen Leistung und des bürgerlichen Eigentumsbegriffs beruhen. Die wachsende Dynamik aus Arbeitskraft, Kapitalakkumulation, Marktmechanismen und neuen Produktionsweisen setzt eine Energie in Kraft, die man als gesamtgesellschaftlichen Prozess bezeichnen kann. So gelangt die kapitalistische Wirtschaftsweise zum Durchbruch und „unterwirft immer größere Teile der Gesellschaft den ganz eigenen Gesetzen ihrer nur auf Gewinnakkumulation gerichteten un- erbittlichen Zweckrationalität“.32 Die schärfere Ausbildung von Klassendifferenzen führt zu einer Spaltung in Besitz-, Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, welche sich zunehmend von den ‚Unterschichten‘ abgrenzen.33 Aus diesen Entwicklungen ergeben sich nicht nur Konsequenzen, die in der Mitte des Jahrhunderts als ‚soziale Frage‘ in die Geschichte ein- gehen. Bereits während der ‚Anlaufperiode‘ der Industrialisierung, also von Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der die Wirtschafts- und Arbeitswelt grundlegend verändert und den Weg aus der Feudalgesellschaft eröffnet. Die Landwirtschaft beispielsweise wird mehr und mehr zu einem „mit Kapital arbeitenden, ge- winnorientierten Gewerbe“34, das sich nach Marktgesetzen ausrichtet. Der wirtschaftliche Wandel, der sich in immer schnellerem Tempo vollzieht, führt zu einer „Kapitalisierung der Gesellschaft“, zu „innovative[n] Formen der Kapitalbildung und -verwertung“35 und befördert die Unterschiede zwischen Kapital und Eigentum, zwischen Arbeit und Gewinn. Die strukturellen Veränderungen innerhalb der Wirtschaft, die beginnenden Wanderungs- bewegungen und das Aufkommen marktabhängiger Klassen fordern deshalb bereits zu Beginn des Jahrhunderts überlieferte Wertesysteme, Lebensformen und Denkhaltungen heraus.36 So ist das Landleben, wie es exemplarisch an Hauffs Märchen zu sehen sein wird, keineswegs vorindustrielle Idylle, sondern ebenso von der Modernisierung betroffen wie urbane Lebensbereiche. Der Markt als wirtschaftliche Organisationsform wird nicht nur in der Ökonomie zur dominierenden Kategorie, sondern entfaltet „auch gegenüber anderen Reali- tätsbereichen seine strukturprägende Kraft“.37 Auch der Buchmarkt bahnt sich mit seinen technischen Entwicklungen den Weg ins industrielle Zeitalter; doch nicht nur die Produktion ist von diesen Veränderungen betroffen: Die wachsende Zahl von Berufsschriftstellern38, die ausschließlich vom Ertrag ihres Schreibens leben, zeugt von diesem gesamtgesellschaftlichen Prozess.39

In dieser Zeit des Übergangs ist deshalb auch in literarischer Hinsicht nicht etwa ein Stil federführend, sondern im Sinne Ernst Blochs These der ‚Ungleichzeitigkeit des Gleich- zeitigen‘40 überlagern sich verschiedenste Strömungen und Ausdrucksformen: „Traditionen der Spätaufklärung, goethezeitliche Kunstperiode und radikaler Bruch mit ihr, Spätromantik, […] biedermeierliche Idyllik und vormärzliches Aufbegehren“41 und nicht zuletzt der auf- kommende Realismus und Naturalismus führen zu einer literarischen Vielfalt, die geradezu charakteristisch für eine Gesellschaft ‚an der Schwelle zum Industriekapitalismus‘ ist. Vor allem die erzählende Literatur greift in diesem Zeitalter des Wandels zunehmend wirtschaft- liche Themen auf und verarbeitet die gesellschaftlichen Veränderungen, was unter anderem zum Aufkommen des Gesellschaftsromans führt. Nicht nur in Frankreich mit Balzac und seinen Betrachtungen über Geiz und Geldgier und in England mit Dickens ‚herzloser‘ Figur des Geschäftsmannes Ebenezer Scrooge, sondern eben auch im deutschsprachigen Raum schlagen sich daher vermehrt sozio-ökonomische Themen in der Literatur nieder: Gustav Freytags Kaufmannsroman Soll und Haben, welcher zur sprichwörtlichen „Bibel des Bürger- tums“42 wurde, bildet hierbei lediglich einen Höhepunkt dieser Entwicklungen. Jeremias Gott- helf schildert beispielsweise in Uli der P ä chter die Wirkung der Geldgier in bäuerlicher Umwelt und das „Ringen um Selbstbehauptung in einer Welt, in der alles um Besitzerwerb und Be- sitzwahrung bzw. -mehrung geht“43 ; Kellers Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla entwirft um die fiktive Kleinstadt einen humoristischen Mikrokosmos gesellschaftlicher und ökonomischer Beziehungen und greift die satirischen Züge des aufstrebenden Bürgertums auf. Heinrich Heines Gedicht Die schlesischen Weber, das auf Ausbeutung und Lohnverfall der Arbeiterschaft aufmerksam macht, und Georg Weerths Hungerlied zeugen auch in lyrischer Form vom industriellen Wandel. Auch im Kunstmärchen lassen sich allegorische Anspielungen auf die zunehmende Dominanz des Geldes bereits zu Beginn des Jahrhunderts finden: Ludwig Tiecks Runenberg (1804) mahnt vor einem Wertesystems, in dem Gold wichtiger als menschliche Be- ziehungen scheinen, Friedrich de la Motte Fouqués Galgenm ä nnlein (1810) thematisiert in märchenhafter Weise die Problematik der Zins- und Geldwirtschaft, August Langbein spielt in Die schwarze Spinne (1819) mit der korrumpierenden Wirkung des Goldes auf die Mentalität der Kleinbürger und Theodor Storms Regentrude (1864) stellt dem Spekulationsgeist die Macht der Natur gegenüber.44

Die zunehmende Dominanz von Markt- und Wirtschaftsgeschehen im Laufe des 19. Jahr- hunderts schlägt sich somit auch in der literarischen Produktion nieder, wodurch öko- nomische und gesellschaftliche ‚Realitäten‘ über Gattungen und Strömungen hinweg in vermehrtem Maße zum Gegenstand literarischen Schaffens werden. Straffe Epochen- und Stil- grenzen erweisen sich daher als unzureichend für eine Zeit, die entscheidend durch die „Dialektik des Modernisierungsprozesses“45 geprägt ist. Bewegung und Fortschritt, gleichzeitig aber auch Beharrung und Verweigerung sind Merkmale, die sich schwerlich auf eng begrenzte Zeiträume reduzieren lassen. Die Spannung der vorindustriellen Phase dieses „Zeitalter[s] der industriekapitalistischen Vorbereitung“46 sowie deren Verarbeitung im literarischen Diskurs scheint daher nur erfassbar, indem gemeinsame Bezüge und Deutungsmuster exemplarisch beleuchtet werden.47

2. Der Teufelspakt, Faust und die Entstehung des ökonomischen Menschen

Auch das Verhältnis von Literatur und Ökonomie ist durch eine Gegenseitigkeit gezeichnet, deren Bedeutung und Relevanz häufig unterschätzt wird. Denn trotz des scheinbaren Gegen- satzes von Kunst und wirtschaftlicher Materie spielen ökonomische Verhältnisse und deren Verankerung im menschlichen Denken vielfach eine wesentliche Rolle im literarischen Ver- arbeitungsprozess. Denn zum einen weisen beide Disziplinen gemeinsame Themen wie bei- spielsweise die Rolle des Geldes auf, zum anderen lassen sich vor allem in literarischer Hin- sicht diskursive Bezüge finden, deren Herkunft nicht immer auf den ersten Blick eindeutig erscheint.

Gerade im (Volks-)Märchen48, das seinen moralisierenden Charakter häufig auf mensch- liches Fehlverhalten stützt, bilden ökonomische Konflikte häufig die Ausgangslage des Ge- schehens. Dennoch werden Motive wie die Gelderwerb und Reichtum nicht durchgehend als negativ dargestellt, wie Hans Rölleke, der das ökonomische Denken in der Grimmschen Märchensammlung49 untersucht hat, feststellt.50 Wünsche und Begehren materieller Art werden nicht von Grund auf als unmoralisch dargestellt, sondern lediglich deren Maßlosigkeit kritisiert, wie dies beispielsweise in der Erzählung Vom Fischer und seiner Frau 51 deutlich wird . Habgier und übermäßiges Streben nach ‚mehr‘ sind nicht selten die Ursache eines Konflikts, der zu schwerwiegenden Existenzproblemen führt. Diese Kritik an allgemein menschlichem Verhalten ist jedoch nicht unbedingt auf tatsächliche gesellschaftliche Umstände zurückzu- führen. Denn „in den Tauschvorgängen und den Formen freier Marktwirtschaft, wie sie viele Märchen darstellen, dürfen wir wohl Welthaltigkeit, nicht aber Weltspiegelung im Sinne von Abbildung einer bestimmten und konkreten historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit sehen.“52

Märchen im volkstümlichen Sinn betrachten und kritisieren somit weniger bestimmte ge- sellschaftlichen Umstände, sondern vielmehr menschliche Handlungsweisen, die bereits aus theologischem Kontext bekannt sind: Die avaritia, der Geiz, aber eben auch die Habgier, wird als eine der „sieben Hauptlaster“ zur Charaktereigenschaft, welche die Abkehr von Gott symbolisiert. Dementsprechend ordnete die klassische Theologie diesen Sünden Dämonen zu, woran noch heute die abschätzige Bezeichnung ‚Mammon‘53 für Geld erinnert.54 In diesem Zusammenhang erscheint das literarische Motiv des Teufelsbündners, also des „Verrats an der göttlichen Welt“55, von zentraler Bedeutung: Seit den Anfängen eines dualistischen Weltbildes von Teufel und Gott existiert die Figur des Menschen, der sich mit Hilfe einer teuflischen Gestalt Dinge verschafft und Wünsche erfüllt, die außerhalb der begrenzten menschlichen Möglichkeiten liegen. Dabei kann es sich um Macht, Wissen, ein langes Leben, oder eben um Reichtum und Geld handeln. Im Austausch dazu wird meist die Seele verpfändet und damit vertraglich die Abkehr von Gott besiegelt. Bereits in frühen mittelalterlichen Überlieferungen werden als Gegenstück zu den Heiligenlegenden Figuren entworfen, die sich einem teuflischen Verführer verschreiben und sich schließlich durch Reue oder göttliche Hilfe aus seinen Zwängen befreien können.56

In der Neuzeit wird aus diesem Stoff eine Figur ‚geboren‘, deren literaturhistorische Be- deutung kaum zu übertreffen ist. Aus einer Sammlung von Legenden und Schwänken über die historische Figur des Dr. Faust entsteht im Jahre 1587 das ‚Volksbuch‘, die Historia von D. Johann Fausten, in dem die Hauptfigur und ihr Teufelspakt geradezu als „ein Paradebeispiel für ein - christlich betrachtet - unmoralisches Verhalten“57 dargestellt wird. Sein Streben nach Erkenntnis, sein Wissensdurst, die Unzufriedenheit mit den Wissenschaften, aber auch die unglückliche Liebe und der Geldmangel führen zu einem vertraglichen Handel mit dem Teufel, welcher das Buch zum "schrecklichen Beyspiel / abscheulichen Exempel / und treuwherziger [sic] Warnung“58 für den Leser machen soll - denn Faust landet schließlich zer- stückelt in der Hölle. Die Faustfigur diente somit als Warnung und als pädagogisches Mittel zur Heilsfindung, sich auf den Rahmen des jeweils menschlich Möglichen zu beschränken.59 Das ‚traditionelle‘ Bild von Faust ist das eines frustrierten Wissenschaftlers, der sich dem Teufel verschreibt, um das ersehnte Wissen zu erlangen. Wissensdurst ist jedoch nur eines der bekanntesten Ursachen für den Pakt mit dem Teufel: Geld, Ruhm und Glück sind beispiels- weise die entscheidenden Beweggründe im Faustbuch der Christlich Meynenden von 1725. Durch den Bund mit dem Teufel hofft Faust Ruhm, Ansehen, Geld und damit sein erstrebtes Glück60 innerhalb der Gesellschaft zu finden. Auch diese Faustgestalt erfährt jedoch - wie vertraglich vereinbart - nach 24 Jahren ihr bitteres Ende.61 Nach zahlreichen Abwandlungen des berühmten Stoffes wird 1808 die wohl bekannteste Bearbeitung des Motivs und der Auf- takt einer zweiteiligen Tragödie um die Faustfigur und ihren Teufelspakt veröffentlicht: Goethes Faust. Eine Trag ö die. Hier bilden einerseits der Drang nach Erkenntnis, aber auch die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation die zentralen Beweggründe für den teuflischen Handel. Dennoch steht hier kein konkretes Wissen, auch kein konkreter Genuss im Vordergrund; Faust geht es vielmehr „um das Streben, um die Suche nach dem höchsten Augenblick, in dem alle seine Wünsche wahr werden, in dem er das Absolute genießen kann."62 Dies hofft er zu erreichen, indem er den Pakt mit Mephistopheles eingeht. Was hat dieser Pakt, was hat allgemein die Figur des Faust aber mit den Veränderungen der sozialen und ökonomischen Verhältnisse im 19. Jahrhundert zu tun? Die Deutung der bekanntesten Faustgestalt aus ökonomischer Sichtweise ist in der literarischen Forschung nicht unumstritten; und doch gibt es einige Versuche, Faust als „ersten modernen, global- denkenden Unternehmer“63 oder gar als Inbegriff eines neuen Menschentypus, des „öko- nomische[n] Mensch[en]“ zu deuten. Ausgangspunkt für diese Überlegungen ist hierbei der zweite Teil der Tragödie, der erst 1831 vollendet wurde. Nachdem Faust sein Scheitern in der Liebe zu Gretchen erfahren musste, gelingt schließlich Mephistopheles’ Versuch, mit Hilfe des künstlichen Goldes - namentlich des neu geschaffenen Papiergeldes64 Fausts Wunsch nach wirtschaftlich-technischem Fortschritt Wirklichkeit werden zu lassen. Er bekennt den Genuss des „höchsten Augenblicks“, verliert damit seine Wette und stirbt. Die wirtschaftliche Tat hat Faust das gegeben, was ihm die Liebe nicht zu geben vermocht hat.65 Diese stark zugespitzte Deutung66 des Werkes mündet in einer „ökonomische[n] Metapher“, um „ungebremsten technischen Fortschritt sowie unbegrenzte Reichtumsvermehrung als Faszinosum verständlich und als bedrohliche Gefahr für die Menschheit erkennbar zu machen.“67 Auch Gerhard Kaiser weist auf eine „Kritik an der Ökonomie als falscher Heilsmacht“68 hin, wenn er die Papiergeld- schöpfung in Goethes Werk mit der Finanzmanipulation John Laws69 verbindet und so deren Scheinhaftigkeit und ungedeckte Geldvermehrung entlarvt. Grundlage für all diese An- schauungen bildet die Veränderung des ‚ökonomischen Wissens‘ in der Zeit zwischen 1780 und 1830: Es handelt sich um eine vergleichbare Wende wie die vom Mittelalter zur Neuzeit, jener Zeit also, in der auch der Stoff des Faust seinen Ursprung hat. Nach Joseph Vogl setzt sich um 1800 ein Denken durch, welches einen Typus Mensch hervorbringt, der „in der Fülle das Fehlen verspürt, im Mangel die Bedingung seines Wünschens erfährt und die Kunst des Verfehlens beherrscht: nämlich im unendlichen Streben endliche Güter zu wollen.“70

Knappheit, Mangel und unendliches Streben bilden die Grundlage eines neu errichteten Denkgebäudes einer Zeit, die sich durch immer stärker werdende Tendenzen zur Öko- nomisierung auszeichnet. Mit der Etablierung der theoretischen Wirtschaftswissenschaften Ende des 18. Jahrhunderts beginnt erstmals eine kontinuierliche Reflexion über die Eigenarten des Wirtschaftslebens und es bildet sich ein gesellschaftliches Wissen heraus, das sich von den Kenntnissen der Kaufleute und Bankiers unterscheidet.71 Die zunehmende Abstraktion von Geldgeschäften und das Aufkommen der klassischen Nationalökonomie, die „kohärente Lehre vom begehrenden, arbeitenden, konsumierenden und sich selbst konsumierenden Menschen“72 erzeugt eine Wissenschaft, die Begierden und Leidenschaften im Gegensatz zum traditionellen Verständnis der Aufklärung nicht als moralisch verwerflich, sondern als Teil einer sozialen und ökonomischen ‚Regelhaftigkeit‘ begreift, die „Ordnung und System- kohärenz erzeugt“.73 Im Sinne von Mephistopheles’ Vorstellung, „ein Teil von jener Kraft [zu sein], die stets das Böse will und stets das Gute schafft“74, wird die Auffassung des frühen Wirtschaftsliberalismus aufgenommen, in der das Gemeinwohl auf den Interessen und Be- gierden Einzelner beruht. Goethes Sichtweise auf die Wirtschaftsentwicklung einer herauf- ziehenden neuen Zeit, gespiegelt in einem literarischen Stoff des 16. Jahrhunderts, kann so als Dokument einer Veränderung verstanden werden, welche den Wandel und den Umbruch der damaligen Zeit literarisch verarbeitet.75

Das Motiv des Teufelspaktes offenbart somit nicht nur eine lange literarische Tradition, in der menschliche Wünsche und Begierden und deren Vermessenheit verarbeitet werden; es spiegelt darüber hinaus gesellschaftliche, ökonomische und ideengeschichtliche Ver- änderungen wider, denen spezifische Menschenbilder zugrunde liegen. Denn der berühmte Stoff aus dem 16. Jahrhundert, welcher Goethe als Quelle dient, enthält nicht nur Elemente der Kritik an materiellem Denken, sondern auch zahlreiche Einflüsse einer Zeit, die ähnliche Veränderungen unterworfen sind. Die tiefgreifenden Umbrüche des 19. Jahrhunderts lassen so die literarische Tradition des Teufelspaktes „trotz der zunehmend realistischen Geschmacksrichtung“76 keineswegs abklingen, sondern befördern geradezu eine Auseinandersetzung, in der scheinbar irrationale Motive auf ökonomische ‚Realitäten‘ treffen. Die seelischen Antriebe zum Pakt mögen ähnlich wirken; die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, scheinen jedoch ‚mit der Zeit zu gehen‘.

III. Das Kunstmärchen und die Ökonomie

1. Vorstellung der Werke

Nach dieser Einführung in gesellschaftliche, ökonomische und literaturhistorische Hintergründe sollen nun die zu untersuchenden Werke im Vordergrund stehen. Nach einem inhaltlichen Überblick folgt eine vergleichende Analyse der Struktur, bei der in erster Linie Verhaltensweisen und Antriebe der Protagonisten sowie die Bedeutung des Paktes untersucht werden sollen. Bezüge zu zeitgenössischen Wirtschaftstheorien heben anschließend die diskursive Bedeutung der Texte hervor.

Peter Schlemihls wundersame Geschichte 77 aus dem Jahre 1813 ist das bekannteste Werk des Dichters und Naturforschers Adelbert von Chamisso. Die Märchenerzählung, dessen Gattungsbezeichnung zwischen fantastischer Novelle und Kunstmärchen schwankt78, handelt von Peter Schlemihl, der nach einer Seereise auf die Gesellschaft des reichen Kaufmanns Thomas John trifft. Überwältigt von dessen Reichtum, stößt er auf einen „Mann im grauen Rock“ (CS, 12), der ihm folgenden Handel vorschlägt: Er möge seinen Schatten gegen ein Glückssäckel eintauschen, das ihm unendliche Mengen an Gold liefern könne. Er willigt ein, muss jedoch schnell erkennen, dass er ohne Schatten von anderen Menschen gemieden, ver- spottet oder missachtet wird. Mit Hilfe seines Vermögens versucht er deshalb seine Schatten- losigkeit zu verstecken und zu überspielen, isoliert sich aber abgesehen von seinem treuen Diener Bendel zunehmend von der Gesellschaft. Als Graf Peter gewinnt er schließlich die Liebe der schönen Förstertochter Minna, kurz vor der Hochzeit wird sein Geheimnis jedoch von seinem ehemaligen Diener Rascal verraten. Erneut erscheint der ‚Graue‘ und bietet Schlemihl den Rücktausch seines Schattens gegen seine Seele an, um die Hochzeit nicht zu gefährden. Da Peter dieser Preis zu hoch erscheint, flüchtet er, verzichtet auf das Glückssäckel und verbringt mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln, die er von seinem letzten Geld erstanden hat, den Rest seines Lebens als Naturforscher.

Auch in dem Märchen Das kalte Herz 79 von Wilhelm Hauff, das als Binnenerzählung in das Wirtshaus vom Spessart aus dem Jahre 1827 eingebettet ist, geht es um einen Peter, der nach Reichtümern strebt: Der sogenannte „Kohlenmunk-Peter“, als Sohn eines Köhlers mit seinem Stand unzufrieden, versucht mithilfe eines Waldgeistes, des Glasmännleins, sein erstrebtes Ziel zu erreichen, indem er zunächst zwei von drei Wünschen in Erfüllung gehen lässt: besser tanzen zu können als der ‚Tanzbodenkönig‘ und eine Glasfabrik zu besitzen. Nach seinem plötzlichen Aufstieg steht er jedoch ausgelöst durch riskantes Glücksspiel schnell vor einem Schuldenberg, woraufhin er sich dem zweiten Waldgeist, dem Holländer-Michel, verschreibt, welcher ihm im Tausch mit seinem Herzen hunderttausend Gulden verspricht. Das steinerne Herz, das er im Gegenzug bekommt, bringt ihm jedoch trotz seines Reichtums nicht das er- hoffte Glück: Weder Freude noch Liebe und Schmerz dringen in sein Herz aus Stein, welches seine Gefühle erkalten lässt. Nach dem Totschlag seiner Frau sucht er wiederum Rat beim Glasmännlein, der ihm seinen letzten Wunsch erfüllt, und der ihm verrät, wie er sein früheres Herz zurückbekommen könne. Dank der geglückten List findet er schließlich sein Glück in der Liebe zu seiner zum Leben erweckten Frau Lisbeth und im bescheidenen und fleißigen Leben als Köhler.

Spiegel, das K ä tzchen 80 von Gottfried Keller aus dem Jahre 1856, das ebenfalls Novelle und Märchen miteinander vereint81, handelt von Spiegel, einem sprechenden und vernunft- begabten Kater, der durch den Tod seiner Herrin sein Obdach verloren hat und an quälendem Hunger leidet. Als das abgemagerte Tier auf den Stadthexenmeister Pineiß trifft, schlägt er dem Kater folgenden Handel vor: Er werde Spiegel bis zum nächsten Vollmond durchfüttern, ja sogar geradezu mit den besten Speisen verwöhnen; im Gegenzug dazu müsse er jedoch nach Ablauf der Frist seinen ‚Schmer‘, also sein Fett, an Pineiß abtreten, welches er für seine Tätigkeit als Hexenmeister braucht. Obwohl sich Spiegel der Tragweite dieses Vertrags durch- aus bewusst ist, geht er den Handel ein und erlebt im Anschluss die wohl genussreichsten Tage seines Katzenlebens. Als jedoch sein Ende naht, gelingt es ihm, Pineiß‘ Begierde zu wecken und damit sein eigenes Leben zu retten, indem er ihm eine erfundene Geschichte von seiner Herrin und einem Schatz mit zehntausend Goldmünzen erzählt. Seine Tücke und List verhelfen Spiegel schließlich dazu, den Vertrag endgültig aufzulösen und den Stadthexen- meister für den Rest seiner Tage in ein „erbärmliches Leben“ (KS, 564) zu stürzen.

Wenn man die vorliegenden Texte literaturgeschichtlich einordnen wollte, so hätte man es mit einem Grundriss des literarischen 19. Jahrhunderts zu tun: Von Chamissos spät- romantischen und gleichzeitig (vor)biedermeierlichen Zügen82, über Hauffs Erzählmuster, in dem romantische, realistische und Elemente des Biedermeiers verarbeitet werden83, bis zu Kellers poetischem Realismus, der ironische mit realistischen Merkmale vereinigt84 ; die Werke lassen sich also nicht in einheitliche Stil- und Epochengrenzen einordnen. Was verbindet also die drei Märchen miteinander? Die auffallendste Gemeinsamkeit ist zunächst das zentrale Motiv des Paktes: Der Handel mit einer (mehr oder weniger) teuflischen Gestalt, die der Hauptperson die Erfüllung seiner Wünsche verspricht, steht im Vordergrund des Geschehens. Die aus Eigeninteresse handelnden Protagonisten gehen einen Tausch ein, den sie anfangs genießen, jedoch bald bereuen und die gehandelte ‚Ware‘ deshalb zurückfordern. Aus diesem Konflikt entsteht ein ‚Ringen‘, welches die Spannung der jahrhundertelangen Tradition des Teufelsbünder-Motivs ausmacht. Neben dieser stofflichen Auseinandersetzung verhandeln die Texte darüber hinaus Themen und Ansichten, deren Aktualität und Zeitbezug zu einer Gesell- schaft ‚an der Schwelle zum Industriekapitalismus‘ kaum größer sein könnte.

2. Der (subjektive) Mangel und die Macht des Eigeninteresses

Wie kommt es nun zum Pakt, in welcher Situation wird der ‚teuflische‘ Handel eingegangen? Die Ausgangslage der drei Märchen scheint nahezu identisch: Alle drei Protagonisten leiden unter einem Mangel, der entweder durch eine Notlage, den Neid auf den Reichtum anderer oder einfach durch die unerwartete Gelegenheit, reich zu werden, hervorgerufen wird. Trotz der scheinbaren Ähnlichkeit weisen die Märchen jedoch Unterschiede auf, die im Folgenden dargelegt werden sollen:

[...]


1 Soboczynski, Adam: Was macht der Kapitalismus aus dem Menschen? Geld ist des Teufels, Geschäfte unter graben die Moral. Warum die schöne Literatur so skeptisch auf die Wirtschaft schaut, in: Die Zeit, Nr. 35 vom 20. August 2009, S. 20.

2 Beides zitiert nach ebd.

3 Der Begriff des Diskurses, dessen Bedeutungsvielfalt bis heute Gegenstand zahlreicher Debatten ist, wird in dieser Arbeit bewusst in seiner vollen Breite, d.h. sowohl im Sinne einer Kontroverse eines bestimmten Themas als auch der Intertextualität literarischen Schaffens, verwendet. Die Funktion der Literatur als “Inter- diskurs“ (J. Link), eine Art „Treffpunkt“ verschiedener Diskurse, wird so mit den Ideen des Diskursana- lytikers Michel Foucault verbunden, welcher das „Interesse auf Texte, hinter denen andere Texte und schließ- lich allgemeine Redeordnungen sichtbar werden“, gelenkt hat. Vgl. Deubel, Volker: Diskurs-Diskussion, in: Burdorf, Dieter u.a. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, Stuttgart 2007, S. 160f.

4 Der New Historicism entstand in den 1980er Jahren ursprünglich als Reaktion auf den New Criticism, welcher in erster Linie eine größere textimmanente Auslegung (‚close reading‘) von Literatur einforderte. In Anlehnung an den Diskursbegriff von Michel Foucault stellte Stephen Greenblatt dagegen die Rückbesinnung auf den historischen Kontext in den Vordergrund: Die neue historisch-kritische Einbettung von Texten sollte deren intertextuelles ‚Gewebe‘ aufdecken. Der New Historicism ist keine homogene Schule, sondern vielmehr ein Sammelbegriff für kontextorientierte Deutungsansätze. Der Bezug und die Anspielung auf andere Texte ist die grundlegende Idee dieser Theorierichtung, die sich als Verbindung von Diskursanalyse, Sozialgeschichte und Hermeneutik versteht. Vgl. Becker, Sabina: Literatur- und Kulturwissenschaften. Ihre Methoden und Theorien, Reinbek 2007, S. 175-184.

5 Baßler, Moritz: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur, Tübingen-Basel 2001, S. 14.

6 Ebd., S. 16.

7 Becker, Sabina: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900, Tübingen 2003, S. 11.

8 Vgl. hierzu Hempel, Dirk und Künzel, Christine: Einleitung, in: Diess. (Hrsg.): „Denn wovon lebt der Mensch?“ Literatur und Wirtschaft, Frankfurt/Main 2009, S. 9f.

9 Wunderlich, Werner (Hrsg.): Der literarische Homo oeconomicus. Vom Märchenhelden zum Manager. Bei träge zum Ökonomieverständnis in der Literatur, Bern 1989.

10 Hörisch, Jochen: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes, Frankfurt/Main 1996.

11 Vogl, Joseph: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, Zürich-Berlin 2004.

12 Breithaupt, Fritz: Der Ich-Effekt des Geldes, Frankfurt/Main 2008.

13 Schlitt, Christine: Chamissos Frühwerk. Von den französischsprachigen Rokokodichtungen bis zum Peter Schlemihl (1793-1813), Würzburg 2008.

14 Smith, David Luther: Zeit- und Gesellschaftskritik in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz, in: Kittstein, Ulrich (Hrsg.): Wilhelm Hauff. Aufsätze zu seinem poetischen Werk, St. Ingbert 2002, S. 63-82.

15 Scheck, Ulrich: Wald und Wucher in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz, in: Krause, Burkhardt und Scheck, Ulrich (Hrsg.): Natur, Räume, Landschaften, München 1996, S. 157-168.

16 Richter, Hans: Gottfried Kellers frühe Novellen, Berlin 1966.

17 Bühler, Benjamin: Sprechende Tiere, politische Katzen. Vom Gestiefelten Kater und seinen Nachkommen, in: Eke, Norbert Otto und Geulen, Eva (Hrsg.): Tiere, Texte, Spuren, Berlin 2007 (Zeitschrift für Deutsche Philologie, Sonderheft zum Bd. 126), S. 143-166.

18 Stotz, Christian: Das Motiv des Geldes in der Prosa Gottfried Kellers, EuHo 1684, Frankfurt/Main 1998.

19 Witte, Bernd: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Vormärz: Biedermeier, Junges Deutschland, Demokraten. 1815- 1848, Reinbek 1987 (= Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte, Bd. 6), S. 10.

20„Nach unserem modernen Verständnis vollzieht sich Geschichte als Prozeß, d. h. als ein Ineinandergreifen langfristig wirkender, kollektiver Handlungszusammenhänge, an denen eine große Zahl von Menschen be- teiligt ist“, vgl. Bauer: Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert, S. 9.

21 Bauer, Franz J.: Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert (1789-1917). Profil einer Epoche. Stuttgart 2006 , S. 25.

22 Mommsen, Hans: Neuzeit (19. Jahrhundert), in: Fischer-Lexikon Geschichte, Frankfurt/Main 1961, S. 203- 223, hier S. 203.

23 Bauer: 19. Jahrhundert, S. 22.

24 Langewiesche, Dieter: Neuzeit, Neuere Geschichte, in: Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt/Main 1990, S. 386.

25 Freyer, Hans: Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, Stuttgart 1967, S. 81.

26 Der Begriff des ‚take offs‘, ursprünglich von Walt Witman Rostow eingeführt, bezeichnet die Phase der be- schleunigten industriellen Entwicklung, und wird im Hinblick auf Deutschland ebenso kontrovers diskutiert wie dessen genaue Datierung zwischen 1830 und 1850.

27 Der Begriff bezeichnet die beiden strukturverändernden Prozesse im 19. Jahrhundert: die politische (aus- gehend von Frankreich) und die industrielle (ausgehend von England). Er geht auf den englischen Sozial- historiker Hobsbawm zurück und wurde von Hans-Ulrich Wehler auf die deutsche Geschichte übertragen.

28 Langewiesche: Neuzeit, S. 386.

29 Vgl. Bauer: 19. Jahrhundert, S. 21f.

30 Ebd., S. 36.

31 Ebd., S. 60

32 Bauer: Das 19. Jahrhundert, S. 60.

33 Vgl. Blasius, Dirk: Epoche - sozialgeschichtlicher Abriß, in: Witte, Bernd (Hrsg.): Vormärz: Biedermeier, Junges Deutschland, Demokraten. 1815-1848, Reinbek 1987 (= Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte, Bd. 6), S. 21.

34 Stein, Peter: Sozialgeschichtliche Signatur 1815-1848, in: Sautermeister, Gerd und Schmid, Ulrich (Hrsg.): Zwischen Restauration und Revolution. 1815-1848, München 1998 (=Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 5), S. 18.

35 Sautermeister, Gert und Schmid, Ulrich: Einleitung, in: Diess.(Hrsg.): Zwischen Restauration und Revolution. 1815-1848, München 1998 (=Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 5), S. 11.

36 Vgl. Bauer: Das 19. Jahrhundert, S. 60f.

37 Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen "Deutschen Doppelrevolution" 1815-1845/49, München 1989, S. 590f.

38 Als einer der ersten Berufsschriftsteller der deutschen Literatur ist hier erneut Wilhelm Hauff zu nennen, der sich schon in jungen Jahren auf die Vermarktung seiner Arbeit verstand und sein Schreiben „an den Er- fordernissen des Marktes“ ausrichtete. Vgl. hierzu Kittstein, Ulrich: Das literarische Werk Wilhelm Hauffs im Kontext seiner Epoche, in: Ders. (Hrsg.): Wilhelm Hauff. Aufsätze zu seinem poetischen Werk, St. Ingbert 2002, S. 12f.

39 Vgl. Stein: Sozialgeschichtliche Signatur, S. 19-21.

40 Vgl. Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt/Main 1992, S. 113.

41 Vgl. Sautermeister und Schmid: Einleitung, S. 13

42 Becker: Bürgerlicher Realismus, S. 179.

43 Vgl. hierzu Fülleborn, Ulrich: Besitzen als besäße man nicht. Besitzdenken und seine Alternativen in der Literatur. Frankfurt/Main 1995, S. 224.

44 Vgl. Wührl, Paul-Wolfgang: Das deutsche Kunstmärchen. Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen, Balt- mannsweiler 2003, S. 138f , 156 und 226.

45 Bauer: 19. Jahrhundert, S. 40.

46 Stein: Sozialgeschichtliche Signatur, S. 18.

47 Vgl. Sautermeister und Schmid: Einleitung, S. 9f.

48 Im Allgemeinen basieren Volksmärchen im Gegensatz zum Kunstmärchen auf mündlich überlieferten Stoffen und lassen sich nicht auf einen einzelnen Verfasser zurückführen. Somit handelt es sich bei den in dieser Arbeit untersuchten Werken um „literarische, geschichtlich und individuell geprägte Abwandlungen der außerliterarischen, geschichtlich unbestimmten, anonymen Gattung Volksmärchen durch namhafte Autoren“. Vgl. Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapital seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne, München 2002, S. 2. Zur Vereinfachung wird im Folgenden - sofern keine nähere Bestimmung notwendig ist - der Begriff ‚Märchen‘ für Kunstmärchen verwendet.

49 Die Sammlung der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen stammt passenderweise aus genau jenem Zeit- raum, der für die vorliegende Untersuchung von Bedeutung ist: Sie erschien in siebzehn Auflagen zwischen 1812 und 1858.

50 Vgl. Rölleke, Hans: Der Homo oeconomicus im Märchen, in: Wunderlich, Werner (Hrsg.): Der literarische Homo oeconomicus. Vom Märchenhelden zum Manager. Beiträge zum Ökonomieverständnis in der Literatur, Bern 1989, S. 26-28.

51 Das niederdeutsche Märchen handelt von einem Fischer, der einem Zauberfisch die Freiheit schenkt, und den maßlosen Begierden seiner Frau, die mit Hilfe des Butts Königin, Kaiserin, Papst und schließlich der liebe Gott zu werden verlangt. Ihr letzter Wunsch führt jedoch zur Verärgerung des Fisches, welcher sie in die ärmliche Hütte zurückversetzt (KHM 19: Von dem Fischer un syner Fru).

52 Wunderlich, Werner: Der literarische Homo oeconomicus: Allegorie und Figur, in: Ders. (Hrsg.): Der literarische Homo oeconomicus: vom Märchenhelden zum Manager. Beiträge zum Ökonomieverständnis in der Literatur, Bern/Stuttgart 1989, S. 18.

53 Im Evangelium von Lukas und Matthäus wird Mammon als personifizierter Reichtum Gott gegenüber- gestellt. Der Begriff, der ursprünglich unredlich erworbenen Gewinn oder unmoralisch eingesetzten Besitz bezeichnet, entwickelt sich im 16. Jh. zum personifizierten Dämon, der im Volksglauben und in der Literatur, den Menschen zum Geiz verführt.

54 Vgl. Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart 2008, S. 263f.

55 Ebd., S. 669.

56 Vgl. Ebd., S. 670-672 und Sorvakko-Spratte, Marianneli: Der Teufelspakt in deutschen, finnischen und schwedischen Faust-Werken: ein unmoralisches Angebot?, Würzburg 2008, S. 23f.

57 Sorvakko-Spratte: Der Teufelspakt, S. 270.

58 Diese Wendung ist im vollständigen Titel des Volksbuchs enthalten, welcher aufgrund seiner für heute sehr ungewöhnlichen Länge hier aus Platzmangel leider nicht wiedergegeben werden kann.

59 Vgl. Sorvakko-Spratte: Der Teufelspakt, S. 37-40.

60 Neben einem luxuriösen Leben ohne Mangel und der Befriedung seiner Geldsorgen, sehnt Faust sich erst danach nach Erkenntnis und ‚göttlichem‘ Wissen wie beispielsweise dem Unterschied zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘. Vgl. hierzu Sorvakko-Spratte: Der Teufelspakt, S. 49f.

61 Vgl. Sorvakko-Spratte: Der Teufelspakt, S. 289 und Frenzel; Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart 2005, S. 258

62 Sorvakko-Spratte: Der Teufelspakt, S. 119.

63 Binswanger, Hans Christoph: Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust, Hamburg 2005, S. 10.

64 Im zweiten Akt des Werkes ‚lösen‘ Faust und Mephistopheles die notorischen Geldprobleme des Kaisers, indem sie „das benötigte Geld mit dem Hinweis drucken, dass der Geldnote unzählige im Land vergrabene Schätze entsprechen“. Nach Ansicht von Fritz Breithaupt verweist Goethe hier auf die Finanzspekulationen John Laws im Jahre 1720, welche durch das eingeführte Papiergeld hervorgerufen wurde, sowie auf die Hyperinflation in Frankreich von 1797. Vgl. hierzu Breithaupt: Ich-Effekt, S. 83.

65 Vgl. Binswanger: Geld und Magie, S. 18-20.

66 Die Veröffentlichung im Jahre 1985 wurde von der Forschung, sowohl von der germanistischen als auch von der ökonomischen, sehr kontrovers diskutiert. Vor allem die Tatsache, dass Binswanger einen Bogen vom Anfang zum Ende des Werkes schlägt, erscheint nicht allen Interpreten als angemessen.

67 Wunderlich: Der literarische Homo oeconomicus, S. 16.

68 Kaiser, Gerhard: Ist der Mensch noch zu retten? Vision und Kritik der Moderne im Faust, Freiburg 1994, S. 31.

69 Law, der in Frankreich im Jahre 1716 an der Einführung des Papiergeldes beteiligt war, gründete die Mississippi-Gesellschaft, die spekulative Aktien auf mögliche Goldvorkommen in Louisiana ausgab und diese wiederum durch Papiergeld deckte. Das fehlende Gold führte schließlich zu einer Spekulationsblase und Inflation in unbekanntem Ausmaß.

70 Vogl: Kalkül und Leidenschaft, S. 345.

71 Vgl. Wegmann, Thomas: Tauschverhältnisse. Zur Ökonomie des Literarischen und zum Ökonomischen in der Literatur von Gellert bis Goethe, Würzburg 2002, S. 20.

72 Vogl: Kalkül und Leidenschaft, S. 345.

73 Vgl. Ebd., S. 345f.

74 Faust I, V. 1335f. Nach Goethe, Johann Wolfgang: Faust-Dichtungen. Band 1: Texte, hrsg. von Ulrich Gaier, Stuttgart, 1999.

75 Vgl. Vogl: Kalkül und Leidenschaft, S. 346.

76 Vgl. Frenzel: Motive der Weltliteratur, S. 678.

77 Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, Stuttgart 2003. Im Folgenden werden die Zitate im Fließtext mit dem Sigel ‚CS‘ und den Seitenzahlen angeführt.

78 Willy Berger schlägt in Anbetracht der gattungsübergreifenden Einordnung sogar die nicht ganz ernst ge- meinte Bezeichnung „moralisch-phantastische Märchennovelle“ vor. Siehe hierzu Berger, Willy R.: Drei phantastische Erzählungen. Chamissos Peter Schlemihl, E.T.A. Hoffmanns Die Abenteuer der Silvesternacht und Gogols Die Nase, in: arcadia. Sonderheft 1978, S. 128.

79 Hauff, Wilhelm: Das kalte Herz, in: Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Deutsche Kunstmärchen von Wieland bis Hofmannsthal, Stuttgart 2001, S. 391-436. Bei diesem Werk wird das Sigel ‚HK‘ benutzt.

80 Keller, Gottfried: Spiegel, das Kätzchen, in: Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Deutsche Kunstmärchen von Wieland bis Hofmannsthal, Stuttgart 2001, S. 525-564. Die Zitate erhalten hier das Sigel ‚KS‘.

81 Neben der gattungsspezifischen Einordnung des Gesamttextes könnte man auch von einer Novelle innerhalb des Märchens sprechen, da die Binnenhandlung eindeutig novellistische Züge aufweist. Vgl. hierzu Richter: Kellers frühe Novellen, S. 183f.

82 Vgl. Schlitt: Chamissos Frühwerk, S. 232.

83 Vgl. Scheck: Wald und Wucher, S. 157.

84 Vgl. Richter: Kellers frühe Novellen, S. 188.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Das Kunstmärchen und die Ökonomie
Untertitel
Konstruktive Wirtschaftskritik bei Chamisso, Hauff und Keller
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V165366
ISBN (eBook)
9783640813803
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstmärchen, Ökonomie, Märchen, Diskursanalyse
Arbeit zitieren
Jochen Engelhorn (Autor), 2010, Das Kunstmärchen und die Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165366

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