Was macht der Kapitalismus aus dem Menschen? Diese Frage stellte jüngst der Autor und Journalist Adam Soboczynski, der im Hinblick auf aktuelle Diskussionen um Wirtschaft und Finanzen die Rolle der Literatur beleuchtet. Sein Urteil beruht auf einer gängigen Gegenüberstellung: der Konkurrenz von Geld und Poesie. Der Zeit-Redakteur verweist hierbei unter anderem auf Sophokles’ Antigone: „Denn kein so schmählich Übel, wie des Geldes Wert, / Erwuchs den Menschen“; und schlägt den Bogen bis zu Thomas Mann, der im Zauberberg nicht nur die „Satansherrschaft des Geldes“ thematisiert. In einer Art literaturhistorischen Abriss werden Literaten zu Kritikern von Wirtschaft und Geld, gleichzeitig zu Bewahrern von Moral und Tradition. Doch hält diese Bewertung einer näheren Überprüfung stand? Steht die Literatur der Wirtschaft und ihren Ideen grundsätzlich ablehnend gegenüber? Und macht sie den Menschen dabei wirklich schlechter als er ist?
Der scheinbare Gegensatz dieser beiden Welten, der Welt der Poesie und der Welt des Geldes, wird auch bereits im Titel dieser Untersuchung angedeutet: Das Kunstmärchen, geradezu der Inbegriff des Spiels um Fiktion und Realität, wird mit einem Fachgebiet ver-knüpft, dessen lebensweltliche Bedeutung kaum größer sein könnte: der Wirtschaft. Doch lässt sich diese stereotypische Gegenüberstellung aufrechterhalten? Besteht hier wirklich eine Art Konkurrenzverhältnis von Poesie und Geldwirtschaft? Die strittige Beziehung zwischen literarischen und ökonomischen Konzepten dürfte sich wohl gerade in einer Gattung fokussieren, die sich allgemeinhin durch wunderbare, märchenhafte Elemente wie Zauber-kräfte, übernatürliche Fähigkeiten und fantastische Gegenstände auszeichnet. Was hat also eine Welt, in der Naturgesetze und die Regeln der menschlichen Existenz auf den Kopf ge-stellt werden, in der das Wunderbare alltäglich erscheint und Rationales mit Irrationalem ver-mischt wird, mit der Welt der Finanzen und Bilanzen zu schaffen? Was haben sprechende Katzen, Glückssäckel und Waldgeister mit Kapitalakkumulation, Profitstreben und Waren-werten zu tun? Debatten um das Verhältnis von Mensch und Ökonomie, von Geschäft und Moral sind keineswegs nur ein Phänomen unserer heutigen Zeit; vor allem in Zeiten von Krise und Wandel wirtschaftlicher Systeme wird durch Schreiben gesellschaftliche ‚Wirklichkeit‘ verarbeitet. Warum also nicht auch im Märchen?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Gesellschaft, Literatur und ihr Verhältnis zur Ökonomie
1. Das 19. Jahrhundert aus sozio-ökonomischer Perspektive
2. Der Teufelspakt, Faust und die Entstehung des ökonomischen Menschen
III. Das Kunstmärchen und die Ökonomie
1. Vorstellung der Werke
2. Der (subjektive) Mangel und die Macht des Eigeninteresses
> Synthese: ‚Eigennutz‘ und die ‚unsichtbare Hand‘ bei Adam Smith
3. Der Pakt mit dem ‚Teufel‘
a) Der Graue, Holländer-Michel und der Hexenmeister – Variationen eines teuflischen Verführers
b) Schatten, Herz und das eigene Leben gegen Geld und Gut – die Handelsgüter und ihr ‚Wert‘
> Synthese: Tauschwert und Gebrauchswert
c) Der Tausch als ‚Sündenfall‘ ökonomischen Denkens
4. Die Konsequenzen des Paktes
5. Alternativen zur ökonomischen Abhängigkeit
> Synthese: Strategien zur Zähmung des Geldes
IV. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts zu ökonomischen Diskursen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie literarische Texte jener Zeit – exemplarisch anhand von Chamisso, Hauff und Keller – gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche verarbeiten, indem sie das Motiv des Teufelspaktes als Reflexion über Geld, Eigennutz und die Entstehung der kapitalistischen Moderne nutzen.
- Die literarische Verarbeitung wirtschaftlicher Realitäten im 19. Jahrhundert
- Die Analyse des Teufelspaktes als zentrales Motiv ökonomischer Tauschgeschäfte
- Das Spannungsfeld zwischen Eigennutz, Moral und menschlicher Identität
- Der Einfluss wirtschaftstheoretischer Konzepte wie des Liberalismus auf die Literatur
Auszug aus dem Buch
> Synthese: ‚Eigennutz‘ und die ‚unsichtbare Hand‘ bei Adam Smith
„Jeder, der einem anderen irgendeinen Tausch anbietet, schlägt vor: Gib mir, was ich wünsche, und du bekommst, was du benötigst. Das ist stets der Sinn eines solchen Angebotes, und auf diese Weise erhalten wir nahezu alle guten Dienste, auf die wir angewiesen sind. Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“
Diese Passage stammt aus dem berühmten Werk Der Wohlstand der Nationen von dem Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith. Als Vorreiter der klassischen Nationalökonomie und Wegbereiter des Wirtschaftsliberalismus gilt dieses Hauptwerk bis heute als Grundlagentext moderner Wirtschaftstheorien. Eigennutz und das Streben nach persönlichen Interessen bilden für Smith die zentrale Triebkräfte wirtschaftlichen Handelns. Er geht davon aus, dass bei einer Tauschbeziehung beide Seiten profitieren, indem die Bedürfnisse jedes Einzelnen befriedigt werden. An späterer Stelle heißt es, dass nicht nur der Arbeiter und Handwerker, sondern auch der Kapitalist bei seinen Entscheidungen „von einer unsichtbaren Hand geleitet [wird], um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat. […] Ja, gerade dadurch, dass er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die literarische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und führt die Forschungsfrage nach dem Verhältnis von Kunstmärchen und Ökonomie ein.
II. Gesellschaft, Literatur und ihr Verhältnis zur Ökonomie: Dieses Kapitel verortet das 19. Jahrhundert als Epoche des sozio-ökonomischen Wandels und diskutiert die Rolle des Menschen im ökonomischen Denken.
III. Das Kunstmärchen und die Ökonomie: Hier erfolgt die Analyse der drei Primärtexte im Hinblick auf Tauschmotive, die Rolle des Geldes und das Scheitern der Protagonisten am Eigennutz.
IV. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass die untersuchten Texte den ökonomischen Wandel kritisch reflektieren und Alternativen zur reinen Gewinnmaximierung suchen.
Schlüsselwörter
Kunstmärchen, Ökonomie, Teufelspakt, 19. Jahrhundert, Kapitalismus, Eigennutz, Adam Smith, Industrialisierung, Tauschwert, Gebrauchswert, Literaturwissenschaft, Moderne, Sozialgeschichte, Peter Schlemihl, Das kalte Herz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie das deutsche Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts wirtschaftliche Prozesse und deren Auswirkungen auf den Menschen thematisiert und kritisch hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Bedeutung von Geld und Besitz, das Motiv des Teufelspaktes als ökonomischer Tauschakt sowie das Spannungsverhältnis zwischen moralischem Handeln und individuellem Gewinnstreben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Kunstmärchen als bloße Flucht vor der Realität dienen oder ob sie aktiv an der Auseinandersetzung mit den ökonomischen Realitäten und dem industriellen Wandel ihrer Zeit teilnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen diskursanalytischen Ansatz unter Einbeziehung des New Historicism, um literarische Texte mit sozio-ökonomischen Konzepten und zeitgenössischen Wirtschaftstheorien zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem strukturellen Vergleich dreier Kunstmärchen, der Analyse des Tauschmotivs und der Einordnung dieser Texte in den wirtschaftshistorischen Kontext des 19. Jahrhunderts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Kunstmärchen, Kapitalismus, Teufelspakt, Eigennutz, industrielle Moderne und die kritische Auseinandersetzung mit der ökonomischen Theorie.
Inwiefern spielt der "Sündenfall" eine Rolle in der ökonomischen Interpretation?
Der Pakt mit dem Teufel wird als Sündenfall ökonomischen Denkens begriffen, bei dem der Mensch durch den Tausch seine eigene Identität und Integrität zugunsten materieller Güter opfert.
Welche Rolle spielt die "unsichtbare Hand" von Adam Smith in der Analyse?
Die Arbeit kontrastiert Smiths Theorie der unsichtbaren Hand, nach der Eigennutz dem Gemeinwohl dient, mit den literarischen Darstellungen, in denen Eigennutz oft zu Entmenschlichung und Isolation führt.
- Citation du texte
- Jochen Engelhorn (Auteur), 2010, Das Kunstmärchen und die Ökonomie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165366