Feuerbach war ein begeisterter Schüler Hegels. Von diesem übernahm er die Auffassung der dialektischen Methode als des philosophischen Mittels von Erkenntnis. Gleichzeitig sah er seine Aufgabe in einer Grundlegung einer ersten wirklichen Dialektik und wurde einer der entschiedensten Kritiker Hegels. Seine Abkehr von ergab sich aus theoretischen Einflüssen Jacobis und Lavaters sowie aus der romanischen Epoche. Das philosophische Grundprinzip, welches diese Ein-flüsse vereint ist der Pantheismus. Was hier zugrunde liegt, ist der Ge-danke oder die Einsicht, dass die Existenz eines Menschen unzertrennlich verbunden ist mit der Existenz anderer Menschen, dass das, was Individualität ausmacht, mindestens ebenso auf die anderen wie auf sich selbst zurückzuführen ist. Diese Einsicht ist intuitiv leicht nachvollziehbar, was leicht über die Tragweite ihrer Bedeutung hinwegtäuscht. Was es eigentlich bedeutet, wenn nicht „Ich", sondern „Wir“ Grundlage des Denkens sein muss, mit dieser Frage und dem Verständlichmachen ihrer wesentlichen Bedeutung für die Philosophie, beschäftigte sich Feuerbach sein Leben lang und sah sich dabei der besonderen Aufgabe gegenüber, in Hegel einen mächtigen Vordenker zu haben, dessen Philosophie die eigene Aufgabenstellung gelöst zu haben behauptete, dabei aber gerade in ihrem Kern bewahrte, was sie zu überwinden versuchte. Deshalb muss ein Verständnis von Feuerbachs Dialektik ein Verstehen seiner grundsätzlichen Unterschiede zu Hegel sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie vs. Empirie, eine oberflächliche Analogie
3. Denken und Sein
4. Theologie statt Philosophie
5. Anthropologie statt Theologie
6. Grundlegung der Dialektik
7. Liebe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Feuerbachs kritische Auseinandersetzung mit der Hegelschen Dialektik und verfolgt das Ziel, seine Transformation der "Wissenschaft Gottes" in eine "Wissenschaft des Menschen" (Anthropologie) darzulegen. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, wie Feuerbach das Verhältnis von Denken und Sein neu bestimmt und den Dialog zwischen Mensch und Mensch als Grundlage eines dialektischen Verständnisses etabliert.
- Kritik an Hegels spekulativem Idealismus
- Die Wende von der Theologie zur Anthropologie
- Das Verhältnis von Denken, Sein und Sprache
- Die Bedeutung der Liebe und des zwischenmenschlichen Dialogs
- Die Rolle des Menschen als Gattungswesen
Auszug aus dem Buch
5. Anthropologie statt Theologie
Nun versucht Feuerbach, indem er sich der Philosophie Hegels entledigt, den Weg eine neue Philosophie zu eröffnen. Dies ist seine Wende von der „Wissenschaft Gottes" zur „Wissenschaft des Menschen". „Die Wissenschaft des Menschen" wendet sich gegen den Standpunkt eines Geistes, der ein fleischloses, abstraktes Ich und Sein im Denken auflöst, und stellt sich auf den Standpunkt des ,,Menschen“ als Einheit aus Denken und Gefühl, Geist und Materie.
„Die neue Philosophie hat daher zu ihrem Erkenntnisprinzip, zu ihrem Subjekt nicht das Ich, nicht den absoluten, d.i. abstrakten Geist, kurz nicht die Vernunft in abstracto, sondern das wirkliche und ganze Wesen des Menschen. Die Realität, das Subjekt der Vernunft ist nur der Mensch. Der Mensch denkt, nicht das Ich, nicht die Vernunft.“5
Hegels Philosophie und die ganze Tradition, in der er steht, habe die Theologie, also den Versuch einer letztgültigen Grundlegung, lediglich in der Vernunft aufgelöst, den Glauben an (göttliche) Wahrheit aber im Herzen der Menschen belassen. Feuerbachs Ansatz einer neuen Philosophie hingegen erlöse den Menschen von einer Suche halb seiner selbst, die neue Philosophie sei die vollständige, absolute, widerspruchslose Auflösung der Theologie in die Anthropologie im ganzen, wirklichen Wesen des Menschen. Grundlage und Ausgangspunkt ist daher der Mensch nicht bloß als denkendes ,,Ich", sondern in seinem sinnlichen, natürlichen „Sein“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Feuerbachs Verhältnis zu Hegel und Skizzierung seiner Absicht, eine "erste wirkliche Dialektik" jenseits des reinen Geistes zu begründen.
2. Theorie vs. Empirie, eine oberflächliche Analogie: Erörterung der Differenz zwischen Hegels logikbasiertem System und Feuerbachs Ansatz, der die empirische Welt und den Menschen als Ausgangspunkt nimmt.
3. Denken und Sein: Analyse von Feuerbachs Kritik an der hegelsche Einheit von Denken und Sein, wobei er das "Sein" als konkrete Existenz gegen den bloßen "Seinsbegriff" verteidigt.
4. Theologie statt Philosophie: Darstellung von Feuerbachs Vorwurf, dass Hegels Philosophie letztlich eine verkleidete, spekulative Theologie sei, die den Menschen in seinem leibhaftigen Sein ignoriert.
5. Anthropologie statt Theologie: Beschreibung der Abkehr vom Geist hin zur Anthropologie, in der der Mensch als Einheit aus Denken, Gefühl und Körper das neue Erkenntnissubjekt bildet.
6. Grundlegung der Dialektik: Untersuchung der Auffassung, dass wahre Dialektik nicht im einsamen Geist, sondern in der zwischenmenschlichen Interaktion ("Ich und Du") stattfindet.
7. Liebe: Analyse des Prinzips der Liebe als ontologischen Beweis für das Sein und als notwendiges Fundament der menschlichen Gemeinschaft und Erkenntnis.
Schlüsselwörter
Ludwig Feuerbach, Hegel, Dialektik, Anthropologie, Theologie, Mensch, Denken, Sein, Ich und Du, Liebe, Existenz, Gattungswesen, Erkenntnistheorie, Sinnlichkeit, Spekulation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die philosophische Entwicklung Ludwig Feuerbachs und seine kritische Abgrenzung von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, wobei insbesondere die Transformation vom Idealismus zur Anthropologie im Fokus steht.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die ontologische Kritik an der Dialektik des Geistes, die Überführung der Theologie in eine Wissenschaft vom Menschen sowie die Bedeutung des leiblichen und zwischenmenschlichen Daseins.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Feuerbachs "Grundlegung der Dialektik" zu rekonstruieren und zu zeigen, wie er das menschliche "Wir" an die Stelle des hegelsche "Geistes" setzt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Primärquellen Feuerbachs mit der Sekundärliteratur zur klassischen deutschen Philosophie vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil erörtert die Problematik des Verhältnisses von Denken und Sein, die Kritik am spekulativen Denken Hegels und die Neubestimmung der Philosophie als Anthropologie durch das Prinzip der Liebe.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Anthropologie, Dialektik, Ich-Du-Beziehung, sinnliches Sein und die Kritik am spekulativen Idealismus.
Inwiefern bleibt Feuerbach nach Auffassung des Autors in gewissen Traditionen verhaftet?
Der Autor argumentiert, dass Feuerbach, indem er die Gemeinschaft als "höchstes Prinzip" setzt, unbewusst theologische Strukturen beibehält, die ihn in die Nähe einer "Vergöttlichung" des zwischenmenschlichen Verhältnisses führen.
Wie unterscheidet sich Feuerbachs Dialektik von Hegels Ansatz?
Während Hegels Dialektik als ein "Monolog des Geistes" kritisiert wird, versteht Feuerbach Dialektik als realen, zwischenmenschlichen Dialog, der auf der sinnlichen Erfahrung und dem leiblichen Dasein der Menschen basiert.
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- Patrick Siegfried (Author), 2007, Feuerbach: Grundlegung der Dialektik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165524